{"id":222614,"date":"2026-09-01T07:00:57","date_gmt":"2026-09-01T05:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=222614"},"modified":"2026-09-01T15:46:44","modified_gmt":"2026-09-01T13:46:44","slug":"die-lange-geschichte-der-nachhaltigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/09\/die-lange-geschichte-der-nachhaltigkeit\/","title":{"rendered":"Die lange Geschichte der Nachhaltigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Googelt man den Begriff \u00abNachhaltigkeit\u00bb, st\u00f6sst man binnen Sekunden auf Fluggesellschaften, die \u00abnachhaltig fliegen\u00bb, auf Rohstoffh\u00e4ndler mit j\u00e4hrlichen Nachhaltigkeitsberichten und auf die SVP-Nachhaltigkeitsinitiative, die f\u00fcr eine Migrationspolitik mit einer starren Obergrenze der Zuwanderung warb.<\/p>\n<p>Der Nachhaltigkeitsbegriff ist zum Gef\u00e4ss f\u00fcr oftmals beliebige Anliegen geworden, die Debatte dar\u00fcber entsprechend un\u00fcbersichtlich. Wer verstehen will, was Nachhaltigkeit f\u00fcr die Schweiz und andere Volkswirtschaften bedeutet, kommt an ihrer Geschichte nicht vorbei. Nicht aus Nostalgiegr\u00fcnden, sondern weil sich in ihr ein bis heute ungel\u00f6stes Grundproblem zeigt: Wie wirtschaften wir, ohne unsere eigenen Grundlagen zu untergraben?<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Vom Wald zur Weltagenda<\/h2>\n<p>1713 beschrieb der Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der als leitender Beamter f\u00fcr den s\u00e4chsischen Bergbau verantwortlich war, ein Dilemma: Der Bergbau brauchte das Holz f\u00fcr die Erzverh\u00fcttung schneller, als der Wald nachwachsen konnte. Carlowitz forderte deshalb eine \u00abbest\u00e4ndige und nachhaltende Nutzung\u00bb. Doch die Ironie der Geschichte: Nicht die nachhaltige Waldnutzung, sondern die Kohle l\u00f6ste das Holzproblem. Damit begann das Zeitalter der fossilen Energie, mit dessen Folgen wir noch heute ringen.<\/p>\n<p>Erst mit der Industrialisierung wurde aus der forstwirtschaftlichen Nachhaltigkeit ein gesellschaftliches Prinzip. So mahnte etwa der amerikanische Geograf Carl Sauer nach dem Zweiten Weltkrieg angesichts der Konsumgesellschaft eine \u00abEthik der Besonnenheit und M\u00e4ssigung\u00bb an. Sie sollte der Nachwelt \u00abeine lebenswerte Erde\u00bb hinterlassen und begr\u00fcndete damit die Idee der Generationengerechtigkeit.<\/p>\n<p>In den 1970er-Jahren verdichteten sich die Einzeldiagnosen zum \u00abUmweltproblem\u00bb: 1972 warnte der Club of Rome \u2013 ein Zusammenschluss aus Experten verschiedener Disziplinen und L\u00e4nder \u2013 vor den \u00abGrenzen des Wachstums\u00bb. Davon inspiriert, erkl\u00e4rte auch die Schweizer Arbeitsgruppe Nawu (\u00abNeue Analysen f\u00fcr Wachstum und Umwelt\u00bb) den kapitalistischen \u00abWachstumszwang\u00bb f\u00fcr unvereinbar mit nachhaltiger Entwicklung. Nawu formierte sich rund um den HSG-Professor Hans Christoph Binswanger, ein FDP-Mitglied. Ebenfalls 1972 legten die UNO-Mitglieder an der Weltumweltkonferenz in Stockholm den Grundstein f\u00fcr das Konzept der nachhaltigen Entwicklung und f\u00fcr die internationale Umweltpolitik.<\/p>\n<p>1987 lieferte der Brundtland-Bericht der UNO die bis heute zitierte Definition nachhaltiger Entwicklung: Sie soll den Bed\u00fcrfnissen der heutigen Generationen entsprechen, ohne die M\u00f6glichkeiten k\u00fcnftiger Generationen zu gef\u00e4hrden, ihre eigenen Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu w\u00e4hlen. Diese Formel wirkte weniger durch ihre Pr\u00e4zision als durch ihre Anschlussf\u00e4higkeit: Sie vereinte die unterschiedlichen Perspektiven der Nord- und S\u00fcdl\u00e4nder sowie von \u00d6kologie und Entwicklungspolitik (siehe Abbildung).<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">\u00d6kologische, \u00f6konomische und soziale Nachhaltigkeit kommen im Brundtland-Bericht zusammen<\/h2>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-223384 \" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/09\/DV_09-26_Bader-Breu_de.png\" alt=\"\" width=\"793\" height=\"459\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/09\/DV_09-26_Bader-Breu_de.png 1735w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/09\/DV_09-26_Bader-Breu_de-300x174.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/09\/DV_09-26_Bader-Breu_de-1024x593.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/09\/DV_09-26_Bader-Breu_de-768x444.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/09\/DV_09-26_Bader-Breu_de-1536x889.png 1536w\" sizes=\"(max-width: 793px) 100vw, 793px\" \/><\/p>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Eigene Darstellung CDE (2025) | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die UNO-Nachhaltigkeitsziele<\/h2>\n<p>Erst die UNO-Konferenz \u00fcber Umwelt und Entwicklung von 1992 in Rio de Janeiro verankerte das Nachhaltigkeitsthema endg\u00fcltig in der globalen Politik. Die Millennium Development Goals (MDGs), die zwischen 2000 und 2015 erreicht werden sollten, \u00fcbersetzten Nachhaltigkeit erstmals in messbare Ziele. Die acht Vorgaben richteten sich allerdings fast ausschliesslich an die Entwicklungsl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Die Sustainable Development Goals (SDGs) der Agenda 2030, die 2015 verabschiedet wurden, korrigierten das: Ihre 17 Ziele mit 169 Unterzielen gelten f\u00fcr alle Staaten \u2013 auch f\u00fcr die Schweiz und alle anderen Industriel\u00e4nder. Ihre Bilanz f\u00e4llt jedoch ern\u00fcchternd aus: Im Juli 2026 waren nur 15 Prozent der bewertbaren Nachhaltigkeitsziele auf Kurs, und 21 Prozent verzeichneten moderate Fortschritte.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele L\u00e4nder des Globalen S\u00fcdens sind solche internationalen Ziele auch nach 2030 zentral. Die Schweiz hat ihre Haltung im <a href=\"https:\/\/www.agenda-2030.eda.admin.ch\/dam\/de\/sd-web\/tujrA7CfhwEe\/laenderbericht-schweiz-2026_DE.pdf\">L\u00e4nderbericht 2026<\/a> bereits skizziert: Der Bundesrat zieht eine \u00abgemischte Zwischenbilanz\u00bb und verabschiedet sich vom Anspruch auf eine umfassende Zielerreichung. Stattdessen verlegt er sich aufs \u00abMachbare\u00bb \u2013 statt Aufbruch w\u00e4hlt er also die Verwaltung des Unzureichenden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Was heisst das f\u00fcr die Schweizer Volkswirtschaft?<\/h2>\n<p>Die Schweiz ist gefordert. Als kleine, exportstarke und importabh\u00e4ngige Volkswirtschaft reicht ihr \u00f6kologischer und sozialer Fussabdruck weit \u00fcber die Landesgrenzen hinaus. Gem\u00e4ss dem Spillover Index Ranking, das diesen Fussabdruck bewertet, liegt die Schweiz von den 169 rangierten L\u00e4ndern auf dem viertletzten Platz. Verantwortlich daf\u00fcr sind vor allem der Handels- und der Finanzplatz sowie der Konsum (siehe dazu auch den Artikel \u00ab<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/?p=222206&amp;v\">Nachhaltige Entwicklung: Schweiz weltweit auf Rang 22<\/a>\u00bb in diesem Schwerpunkt).<\/p>\n<p>Zugleich ist die Schweiz auf die Stabilit\u00e4t des Erdklimas und des globalen Wirtschaftssystems angewiesen. Klimaziele, Biodiversit\u00e4t, nachhaltiges Wirtschaften sind deshalb keine blossen Fragen der Entwicklungszusammenarbeit oder der Aussenpolitik. Sie sind Kernfragen unserer eigenen Wettbewerbs- und Regulierungsordnung.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Es braucht ein Umdenken<\/h2>\n<p>Der Bogen von Carlowitz zur Agenda 2030 ist deshalb keine reine Geschichte des Fortschritts. Vielmehr ist es die Geschichte derselben immer wiederkehrenden Frage: Wie verhindert eine Gesellschaft, dass ihr gegenw\u00e4rtiges Wirtschaften die Grundlagen der Zukunft auffrisst? F\u00fcr eine offene Volkswirtschaft wie die Schweiz lautet die Antwort heute nicht mehr nur \u00abAufforsten\u00bb, sondern \u00abInstitutionen gestalten\u00bb.<\/p>\n<p>Statt sich an von aussen gesetzten Zielen abzuarbeiten \u2013 Berichtspflicht, Reporting, Compliance \u2013, w\u00e4re es f\u00fcr die Post-SDG-\u00c4ra an der Zeit, die Logik umzukehren: weg von der Erf\u00fcllung externer Vorgaben, hin zur gezielten Ausrichtung der eigenen wirtschaftlichen Institutionen auf Nachhaltigkeit.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Unternehmensf\u00fchrung und Schuldenbremse anpassen<\/h2>\n<p>Unternehmen sollten zu transformativen Akteuren werden. Dies nicht nur als Gestalter nachhaltiger Wertsch\u00f6pfungsketten, sondern indem sie einen gesellschaftlichen Zweck jenseits der Renditelogik statutarisch absichern. Genau hier setzen Steward-Ownership-Modelle an: Sie verankern diesen Zweck in der Eigentumsstruktur und entkoppeln so die unternehmerische Kontrolle von der Renditelogik. Stimmrechte bleiben bei den operativ verantwortlichen Managern, und Gewinne werden vorrangig zweckgebunden reinvestiert statt ausgesch\u00fcttet. Das garantiert keine \u00f6kologische Ausrichtung per se, verhindert aber, dass Wachstum zum Selbstzweck wird und Wertentzug statt Wertsch\u00f6pfung betrieben wird. Unternehmen sind damit gesellschaftliche Institutionen, nicht nur Renditevehikel.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Fragen stellen sich auf fiskalpolitischer Ebene. Energie- und Mobilit\u00e4tswende, Klimaschutz und Klimaanpassung \u2013 etwa an die Hitzewellen \u2013 erfordern langfristige \u00f6ffentliche Investitionen. Die Schweizer Schuldenbremse wird oft als neutrales Buchhaltungsinstrument dargestellt. Tats\u00e4chlich begrenzt sie jedoch den Spielraum f\u00fcr jene antizyklischen und transformativen Investitionen, die eine Post-2030-Agenda mit sch\u00e4rferen Klima- und Anpassungszielen ben\u00f6tigen w\u00fcrde. <a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Auch hier braucht es deshalb einen Perspektivenwechsel: Ohne Schulden kein Verm\u00f6gen \u2013 gesamtwirtschaftlich ist das Defizit des einen Sektors stets der \u00dcberschuss eines anderen. Staatsschulden, die in Klima, Bildung und Gesundheit fliessen, sind keine Last f\u00fcr kommende Generationen, sondern der Aufbau jener Verm\u00f6genswerte, von denen ihr k\u00fcnftiger Wohlstand abh\u00e4ngt. Generationengerechtigkeit heisst dann nicht Schuldenvermeidung um jeden Preis, sondern die richtige Verwendung der Mittel.<\/p>\n<p>Ob Unternehmensf\u00fchrung oder Fiskalpolitik: Beide Beispiele zeigen, dass es bei der n\u00e4chsten Etappe der Nachhaltigkeitsagenda weniger um neue Zielkataloge als vielmehr um die gezielte Gestaltung der wirtschaftlichen Institutionen geht. Darin liegt einer der wirksamsten Hebel f\u00fcr nachhaltige Entwicklung \u2013 in der Schweiz und weltweit.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Tille C. (2019). The \u00abBurden\u00bb of Swiss Public Debt, Graduate Institute Geneva, Working Paper No. 14\/2019.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Googelt man den Begriff \u00abNachhaltigkeit\u00bb, st\u00f6sst man binnen Sekunden auf Fluggesellschaften, die \u00abnachhaltig fliegen\u00bb, auf Rohstoffh\u00e4ndler mit j\u00e4hrlichen Nachhaltigkeitsberichten und auf die SVP-Nachhaltigkeitsinitiative, die f\u00fcr eine Migrationspolitik mit einer starren Obergrenze der Zuwanderung warb. Der Nachhaltigkeitsbegriff ist zum Gef\u00e4ss f\u00fcr oftmals beliebige Anliegen geworden, die Debatte dar\u00fcber entsprechend un\u00fcbersichtlich. 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