{"id":222682,"date":"2026-09-29T07:00:58","date_gmt":"2026-09-29T05:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=222682"},"modified":"2026-09-29T14:06:42","modified_gmt":"2026-09-29T12:06:42","slug":"innovationsfoerderung-in-der-schweiz-ein-paradigmenwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/09\/innovationsfoerderung-in-der-schweiz-ein-paradigmenwechsel\/","title":{"rendered":"Innovationsf\u00f6rderung in der Schweiz: Ein Paradigmenwechsel?"},"content":{"rendered":"<p>In einer Welt, die wie zu Zeiten des Kalten Kriegs von einem technologischen Wettr\u00fcsten gepr\u00e4gt ist, wird die staatliche F\u00f6rderung von Innovation immer wichtiger. Die USA und China versuchen die Vorherrschaft in Bereichen wie k\u00fcnstliche Intelligenz, Quantenwissenschaften oder Weltraumtechnologien zu sichern respektive zu erlangen. Die Europ\u00e4ische Union propagierte noch vor wenigen Jahren ihren Innovationsansatz \u00abOpen to the World\u00bb, der f\u00fcr internationale Offenheit und Zusammenarbeit stand. K\u00fcrzlich erg\u00e4nzte sie ihn mit Konzepten wie strategischer Autonomie und Wissenssicherheit (Knowledge Security). In seinem Bericht zur zuk\u00fcnftigen Wettbewerbsf\u00e4higkeit der EU fordert der ehemalige Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Zentralbank Mario Draghi eine Verdoppelung des Budgets des n\u00e4chsten Forschungsrahmenprogramms der EU in den Jahren 2028\u20132034.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund kommt der Frage nach der \u00f6ffentlichen Innovationsf\u00f6rderung in der Schweiz eine wichtige Rolle zu.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Bildung, Forschung und Innovation hat der Schweizerische Wissenschaftsrat (SWR) das Portfolio der Innovationsagentur Innosuisse begutachtet (siehe Kasten). Im Zentrum standen die Fragen, wie die einzelnen F\u00f6rderinstrumente von Innosuisse sich in die schweizerische Innovationslandschaft einf\u00fcgen, wo sie sich sinnvoll erg\u00e4nzen, wo sie sich \u00fcberschneiden und wo L\u00fccken bestehen. Der SWR hat dabei sowohl die Grundprinzipien der Schweizer Innovationspolitik ber\u00fccksichtigt als auch aktuelle Herausforderungen in den Blick genommen. Dazu geh\u00f6ren der Zugang zu den europ\u00e4ischen Forschungsrahmenprogrammen, Sparmassnahmen im Bundeshaushalt, die Unterst\u00fctzung milit\u00e4rischer Technologien sowie der R\u00fcckgang des Anteils innovativer Unternehmen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Subsidiarit\u00e4t und Autonomie<\/h2>\n<p>Innovationsf\u00f6rderung in der Schweiz basiert traditionell auf den Prinzipien Subsidiarit\u00e4t und Autonomie. Subsidiarit\u00e4t bedeutet, dass der Staat Innovation nur dort unterst\u00fctzt, wo private Akteure sie nicht ausreichend selbst finanzieren k\u00f6nnen. Autonomie heisst, dass Unternehmen und Hochschulen weitgehend selbst entscheiden, woran sie forschen. Zwar gab es in der Vergangenheit Beispiele einer staatlich gelenkten Technologiepolitik: Man denke an die (erfolglose) Entwicklung eines Atomreaktors in Lucens VD Ende der 1960er-Jahre oder die (erfolgreiche) Etablierung des Zentrums f\u00fcr Elektronik und Mikrotechnik (CSEM) w\u00e4hrend der Uhrenkrise der 1980er-Jahre. Die schweizerische Innovationsf\u00f6rderung ist jedoch stark vom Paradigma der Bottom-up-Finanzierung gepr\u00e4gt.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Das zeigt sich auch daran, dass die Schweiz im Gegensatz zu Deutschland, den Niederlanden oder \u00d6sterreich bisher keine umfassende Innovationsstrategie vorgelegt hat. Ein Grund daf\u00fcr ist das hiesige Konkordanzsystem, das auf Kompromisse ausgerichtet ist. Im Gegensatz zu ausl\u00e4ndischen Regierungen muss sich der Bundesrat deshalb nach Neuwahlen nicht mit weitreichenden politischen Programmen profilieren.<\/p>\n<p>Eine weitere Besonderheit der schweizerischen Innovationsf\u00f6rderung ist das Paradigma, keine Direktzahlungen an Firmen zu leisten. Die Projektf\u00f6rderung von Innosuisse basiert denn auch auf der Finanzierung von Hochschulen, die gemeinsam mit Unternehmen innovative L\u00f6sungen entwickeln. Die Unternehmen m\u00fcssen in solchen Kooperationsprojekten neben der Eigenleistung wie der Bereitstellung von Personal auch einen Cashbeitrag im Umfang von 5 Prozent leisten. Eine Untersuchung der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Z\u00fcrich zeigt, dass solche Projekte grunds\u00e4tzlich erfolgreich sind.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Aufgrund der abnehmenden Innovationskraft der Unternehmen und des schwierigen \u00f6konomischen Umfelds empfiehlt der SWR in seiner Analyse jedoch, dass der Zugang von Firmen zu Innosuisse-Projekten vereinfacht werden sollte.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Paradigmen haben sich relativiert<\/h2>\n<p>In den vergangenen Jahren wurden die Paradigmen der Bottom-up-F\u00f6rderung wie auch des Verzichts auf Direktf\u00f6rderungen von Firmen aufgeweicht \u2013 in der Realit\u00e4t haben beide ohnehin nie absolut gegolten. So kann Innosuisse seit 2023 Innovationsvorhaben von Start-ups finanziell unterst\u00fctzen, sofern diese sich noch nicht im Markt etabliert haben.<\/p>\n<p>Der Ausschluss der Schweiz von wichtigen Teilen des europ\u00e4ischen <a href=\"https:\/\/research-and-innovation.ec.europa.eu\/funding\/funding-opportunities\/funding-programmes-and-open-calls\/horizon-europe_en\">Forschungsrahmenprogramms Horizon Europe<\/a> in den Jahren 2021\u20132024 f\u00fchrte zudem dazu, dass der Bundesrat Innosuisse mit der Implementierung eines neuen F\u00f6rderprogramms, des sogenannten <a href=\"https:\/\/www.innosuisse.admin.ch\/de\/swiss-accelerator-innovationsprojekte\">Swiss Accelerator<\/a>, beauftragte \u2013 als Ersatz f\u00fcr den EIC Accelerator des Europ\u00e4ischen Innovationsrats, zu dem Schweizer Firmen keinen Zugang mehr hatten. Mit dem Swiss Accelerator konnte Innosuisse erstmals \u2013 wenn auch befristet \u2013 Projekte hochinnovativer Firmen in der Schweiz direkt f\u00f6rdern. Als Reaktion auf den Ausschluss von Horizon Europe schuf der Bund zudem ein F\u00f6rderprogramm f\u00fcr Quantentechnologien. Dadurch wurde die thematisch orientierte Innovationsf\u00f6rderung gest\u00e4rkt. Seit 2025 ist die Schweiz wieder an Horizon Europe assoziiert, aber ob dies auch in der n\u00e4chsten Programmperiode 2028\u20132034 wieder der Fall ist, bleibt ungewiss.<\/p>\n<p>Aufgrund der unsicheren geopolitischen Lage hat die F\u00f6rderung neuer milit\u00e4rischer Entwicklungen international an Bedeutung gewonnen. In der Vergangenheit spielte diese Thematik f\u00fcr Innosuisse kaum eine Rolle. Vor Kurzem lancierte die Innovationsagentur nun aber gemeinsam mit dem Bundesamt f\u00fcr R\u00fcstung (Armasuisse) eine Projektausschreibung im Bereich Dual-Use-Technologien. Die Vor- und Nachteile einer solchen strategischen Neuorientierung sollten aus Sicht des SWR sorgf\u00e4ltig abgew\u00e4gt werden. Zu den Chancen einer st\u00e4rkeren Ausrichtung von Innosuisse auf Dual-Use und milit\u00e4rische Technologien k\u00f6nnten eine engere Zusammenarbeit mit der Ressortforschung und Spillover-Effekte f\u00fcr zivile Anwendungen geh\u00f6ren. Zu den m\u00f6glichen Risiken z\u00e4hlen ethische Bedenken sowie eine geringere Unterst\u00fctzung f\u00fcr zivile Innovationen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Bew\u00e4hrtes erhalten \u2013 Mut zu Neuem<\/h2>\n<p>Schliesslich stellt sich f\u00fcr die Zukunft der schweizerischen Innovationsf\u00f6rderung die Finanzierungsfrage. Die F\u00f6rdergesuche an Innosuisse haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Da das verf\u00fcgbare Budget nicht gleich stark gewachsen ist, sind die Erfolgsquoten der Antr\u00e4ge f\u00fcr Innovationsprojekte zur\u00fcckgegangen.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Erschwerend hinzu kam das vom Bundesrat initiierte Entlastungspaket 27, das die Innovationsagentur zu K\u00fcrzung im Umfang von rund 50 Millionen Franken bis 2029 verpflichtet. Auch andere f\u00fcr die Innovationsf\u00f6rderung relevante Akteure wie der Schweizerische Nationalfonds oder die Ressortforschung des Bundes sind von finanziellen Einsparungen betroffen.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Die \u00f6ffentliche Innovationsf\u00f6rderung der Schweiz befindet sich somit in einem hochdynamischen Prozess. Der SWR kommt in seiner Analyse zum Schluss, dass Innosuisse mit seinem Portfolio grunds\u00e4tzlich gut aufgestellt ist. Dies trifft auch f\u00fcr das schweizerische Innovationssystem insgesamt zu, wie verschiedene Rankings zeigen, etwa das European Innovation Scoreboard.<a href=\"#footnote_8\" id=\"footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor\">[8]<\/a> Damit dies so bleibt, braucht es neben einer ausreichenden Finanzierung der relevanten Akteure ein gutes Gleichgewicht zwischen dem R\u00fcckgriff auf etablierte Prinzipien und dem Mut, Paradigmen bei Bedarf infrage zu stellen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe European Commission (2025).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Wobei nicht zu vergessen ist, dass rund zwei Drittel der Mittel f\u00fcr Forschung und Entwicklung aus dem Privatsektor stammen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Selbst in der Ressortforschung des Bundes erfolgen Ausschreibungen innerhalb einer breiten Thematik oft bottom-up. Eine Ausnahme ist hier das Energieprogramm Sweet. Siehe SWR (2026).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Siehe Hulfeld et al. (2024).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Siehe SWR (2026), Barjak et al. (2026) und Rieder et al. (2026).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Siehe SWR (2026) und Innosuisse (2026).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Siehe EFD (2026).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_8\" class=\"footnote--item\">Siehe European Commission (2026) und WIPO (2025).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Welt, die wie zu Zeiten des Kalten Kriegs von einem technologischen Wettr\u00fcsten gepr\u00e4gt ist, wird die staatliche F\u00f6rderung von Innovation immer wichtiger. 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Part A, A Competitiveness Strategy for Europe<\/a>.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">European Commission. (2026). <a href=\"https:\/\/op.europa.eu\/en\/publication-detail\/-\/publication\/273fbdb3-7c07-11f1-bf5e-01aa75ed71a1\/language-en\">European Innovation Scoreboard 2026<\/a>.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Hulfeld, F., Spescha, A., und W\u00f6rter, M. (2024). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.3929\/ETHZ-B-000708831\">Funding R&amp;D Cooperation Between Firms and Universities<\/a> \u2013 The Effectiveness of the Innosuisse Model.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Innosuisse (2026). Gesch\u00e4ftsbericht 2025.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Rieder, S. et al. (2026). Qualitative Studie zur Wahrnehmung der Innovationsprojekte von Innosuisse durch KMU. Bericht zuhanden von Innosuisse, Interface Politikstudien Forschung Beratung.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">Schweizerischer Wissenschaftsrat \u2013 SWR (2026). Evaluation of the Innosuisse Portfolio.<\/li>\r\n \t<li class=\"content-copy\">World Intellectual Property Organization \u2013 WIPO (2024). <a href=\"https:\/\/www.wipo.int\/web-publications\/global-innovation-index-2025\/assets\/89507\/global-innovation-index-2025-en.pdf\">Global Innovation Index 2025: Innovation at a Crossroads<\/a>.<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Innovationsagentur Innosuisse","kasten_box":"<a href=\"https:\/\/www.innosuisse.admin.ch\/de\">Innosuisse<\/a> ist die Innovationsagentur des Bundes. Sie f\u00f6rdert wissenschaftsbasierte Innovationen, die neue Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren hervorbringen sollen. Damit will sie die Wettbewerbsf\u00e4higkeit von Schweizer Unternehmen st\u00e4rken und zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen, sozialen und \u00f6kologischen Entwicklung beitragen.\r\n\r\nDie F\u00f6rderangebote richten sich an Unternehmen, Start-ups, Forschungsinstitutionen und weitere Organisationen. 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