{"id":223561,"date":"2026-10-01T07:00:42","date_gmt":"2026-10-01T05:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=223561"},"modified":"2026-10-01T09:39:15","modified_gmt":"2026-10-01T07:39:15","slug":"atypische-arbeitsformen-flexibilitaet-mit-risiken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/10\/atypische-arbeitsformen-flexibilitaet-mit-risiken\/","title":{"rendered":"Atypische Arbeitsformen: Flexibilit\u00e4t mit Risiken"},"content":{"rendered":"<p>Ein Student, der auf Abruf in einem Restaurant arbeitet, oder eine Bodenlegerin, die als Tempor\u00e4rarbeitskraft \u00fcber einen Personalverleih vermittelt wurde: Flexible Besch\u00e4ftigungsformen sind aus dem heutigen Arbeitsmarkt kaum wegzudenken. Unternehmen k\u00f6nnen damit beispielsweise auf Auftragsschwankungen reagieren und vor\u00fcbergehenden Personalbedarf decken. Auch Besch\u00e4ftigte sind manchmal froh um diese Flexibilit\u00e4t, etwa wenn sich dadurch der Beruf besser mit der Ausbildung, der Kinderbetreuung oder sonstiger Carearbeit vereinbaren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Diese Flexibilit\u00e4t hat aber oft auch einen Preis. F\u00fcr atypisch Besch\u00e4ftigte kann sie mit finanziellen Unsicherheiten verbunden sein. Denn befristete Vertr\u00e4ge oder schwankende Arbeitszeiten erschweren die finanzielle Planung und k\u00f6nnen zudem ein niedriges oder unsicheres Einkommen bedeuten. Zu den atypisch Besch\u00e4ftigten werden aus diesen Gr\u00fcnden auch alle unterbesch\u00e4ftigten Teilzeitarbeitenden mit einem unfreiwillig kleinen Pensum gez\u00e4hlt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Sind atypisch Besch\u00e4ftigte \u00f6fter prek\u00e4r besch\u00e4ftigt?<\/h2>\n<p>Aus armutspolitischer Sicht stellt sich daher die Frage: Gehen atypische Besch\u00e4ftigungsformen nachweislich \u00f6fter mit finanziellen Risiken einher als unbefristete Normalarbeitsverh\u00e4ltnisse?<\/p>\n<p>In einer <a href=\"https:\/\/arbor.bfh.ch\/entities\/publication\/1b2979b8-e7d6-4cc3-a052-8207d0711c9e\">Studie<\/a> f\u00fcr das <a href=\"https:\/\/www.armutsmonitoring.ch\/de\">Nationale Armutsmonitoring<\/a> des Bundes gehen wir dieser Frage nach. Unsere empirische Analyse basiert auf der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake). Damit untersuchen wir die Erwerbssituation und das individuelle Einkommen der Besch\u00e4ftigten. Erg\u00e4nzend verwenden wir auch die Erhebung \u00fcber die Einkommen und Lebensbedingungen (Silc).<\/p>\n<p>Als atypisch gelten dabei alle Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, die vom sogenannten Normalarbeitsverh\u00e4ltnis abweichen, das sich durch eine unbefristete, regul\u00e4re und sozial abgesicherte Vollzeitbesch\u00e4ftigung auszeichnet. Wie in anderen Schweizer Studien unterscheiden wir dabei vier Dimensionen atypischer Arbeit: befristete und tempor\u00e4re Besch\u00e4ftigung; Arbeit auf Abruf sowie Unterbesch\u00e4ftigung und regelm\u00e4ssige unentsch\u00e4digte Mehrarbeit (siehe Abbildung). Bei letzterer Kategorie handelt es sich beispielsweise um junge Angestellte in einer Kommunikationsagentur, die aufgrund enger Projektfristen regelm\u00e4ssig abends l\u00e4nger arbeiten, ohne daf\u00fcr zus\u00e4tzlich entl\u00f6hnt zu werden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die vier Dimensionen der atypischen Besch\u00e4ftigung<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/10\/ChatGPT-Image-22.-Sept.-2026-15_43_14.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-224052\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/10\/ChatGPT-Image-22.-Sept.-2026-15_43_14-1024x569.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"445\" srcset=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/10\/ChatGPT-Image-22.-Sept.-2026-15_43_14-1024x569.png 1024w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/10\/ChatGPT-Image-22.-Sept.-2026-15_43_14-300x167.png 300w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/10\/ChatGPT-Image-22.-Sept.-2026-15_43_14-768x427.png 768w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/10\/ChatGPT-Image-22.-Sept.-2026-15_43_14-1536x853.png 1536w, https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2026\/10\/ChatGPT-Image-22.-Sept.-2026-15_43_14.png 1683w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Befristete und tempor\u00e4re Besch\u00e4ftigung:<\/strong> Dazu geh\u00f6ren Arbeitsvertr\u00e4ge mit festgelegtem Enddatum sowie Stellen, die \u00fcber ein Tempor\u00e4rb\u00fcro vermittelt werden.<\/p>\n<p><strong>Arbeit auf Abruf:<\/strong> Die Besch\u00e4ftigten haben keine festgelegte Arbeitsdauer. Ihre Eins\u00e4tze und Arbeitszeiten richten sich nach dem Bedarf des Arbeitgebers.<\/p>\n<p><strong>Unterbesch\u00e4ftigung:<\/strong> Die Betroffenen arbeiten Teilzeit mit einem Pensum von weniger als 90 Prozent, m\u00f6chten aber mehr arbeiten und w\u00e4ren innerhalb von drei Monaten f\u00fcr ein h\u00f6heres Pensum verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p><strong>Unentsch\u00e4digte Mehrarbeit:<\/strong> Die Besch\u00e4ftigten leisten regelm\u00e4ssig Mehrarbeit, ohne daf\u00fcr finanziell entsch\u00e4digt zu werden oder die zus\u00e4tzliche Arbeitszeit durch Gleitzeit oder Ferientage kompensieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<div class=\"diagram-legend\">Anmerkung: Die Grafik zeigt die Kategorisierung nach Erwerbsstatus f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren. Die Subkategorien atypischer Besch\u00e4ftigung schliessen sich gegenseitig nicht aus. Das heisst, eine Anstellung kann mehrere Formen atypischer Besch\u00e4ftigung aufweisen. Personen in einer dualen Ausbildung wurden ausgeschlossen.<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: Sake 2023 | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Atypisch bedeutet nicht automatisch prek\u00e4r<\/h2>\n<p>Gem\u00e4ss dieser Definition waren 2023 in der Schweiz rund 940\u2019000 der 4,8 Millionen Erwerbspersonen zwischen 15 und 64 Jahren atypisch besch\u00e4ftigt. Das sind knapp 20 Prozent. Der Grossteil von ihnen lebt nicht in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<p>Als prek\u00e4r gelten Besch\u00e4ftigungen, bei denen das auf ein Vollzeitpensum standardisierte Nettoerwerbseinkommen unter der Armutsgef\u00e4hrdungsgrenze<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> f\u00fcr einen Einpersonenhaushalt liegt. Anders als bei der Armutsmessung wird hier jedoch nicht die finanzielle Situation des gesamten Haushalts, sondern das Erwerbseinkommen der einzelnen Person betrachtet. Ein tiefes individuelles Erwerbseinkommen muss zwar nicht unmittelbar zu Armut f\u00fchren, weil zus\u00e4tzlich auch andere Haushaltsmitglieder ein Einkommen erwirtschaften k\u00f6nnen. Es kann jedoch zu finanziellen Abh\u00e4ngigkeiten von anderen Haushaltsmitgliedern f\u00fchren. Zudem kann es Anspr\u00fcche in der sozialen Sicherung und der Altersvorsorge reduzieren.<\/p>\n<p>Allerdings zeigt unsere Analyse: Atypisch Besch\u00e4ftigte sind h\u00e4ufiger prek\u00e4r besch\u00e4ftigt als Personen in einem Normalarbeitsverh\u00e4ltnis. Bei den atypisch Besch\u00e4ftigten betr\u00e4gt der Anteil prek\u00e4r Besch\u00e4ftigter 12,4 Prozent, bei Personen in einem Normalarbeitsverh\u00e4ltnis sind es 7,2 Prozent. Bei befristeten und tempor\u00e4rer Besch\u00e4ftigten liegt derselbe Anteil bei rund 15 Prozent, bei Personen, die auf Abruf arbeiten, rund 13 Prozent. Deutlich tiefer ist er bei Unterbesch\u00e4ftigten und Personen, die regelm\u00e4ssig unentsch\u00e4digte Mehrarbeit leisten: Dort sind jeweils knapp 8 Prozent prek\u00e4r besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Atypisch-prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung trifft nicht alle gleich<\/h2>\n<p>Doch nicht alle Bev\u00f6lkerungsgruppen sind gleichermassen davon betroffen. In atypisch-prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen sind vor allem Personengruppen \u00fcbervertreten, die auf dem Arbeitsmarkt h\u00e4ufig schlechtere Chancen haben. Dazu z\u00e4hlen Frauen und Personen mit geringer formaler Bildung ebenso wie junge Menschen und Drittstaatsangeh\u00f6rige, die nicht aus einem EU- oder einem Efta-Staat kommen.<\/p>\n<p>Besonders deutlich zeigt sich zudem: Viele atypisch-prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte sind jung. 25,3 Prozent sind im Alter von 15 bis 24 Jahren. In Normalarbeitsverh\u00e4ltnissen sind nur 6,8 Prozent in dieser Altersgruppe. Drittstaatsangeh\u00f6rige machen 15,7 Prozent der atypisch-prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten aus, in Normalarbeitsverh\u00e4ltnissen machen sie nur 7,1 Prozent der Besch\u00e4ftigten aus.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Nicht immer ein Sprungbrett<\/h2>\n<p>Atypisch-prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung kann ein Sprungbrett in ein Normalarbeitsverh\u00e4ltnis sein. Unsere Ergebnisse st\u00fctzen diese Annahme aber nur teilweise. Konkret war das f\u00fcr rund zwei Drittel der atypisch-prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten der Fall: 39 Prozent wechselten innerhalb eines Jahres in ein Normalarbeitsverh\u00e4ltnis, und weitere 28 Prozent waren im Folgejahr weiterhin atypisch, aber nicht mehr prek\u00e4r besch\u00e4ftigt. F\u00fcr rund ein Drittel hat sich die Situation nicht ver\u00e4ndert oder sogar verschlechtert: 17 Prozent blieben atypisch-prek\u00e4r besch\u00e4ftigt, 10 Prozent schieden aus dem Arbeitsmarkt aus, und knapp 4 Prozent wurden erwerbslos.<\/p>\n<p>Atypisch-prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung ist somit h\u00e4ufig eine \u00dcbergangsphase, f\u00fchrt aber keineswegs immer in ein Normalarbeitsverh\u00e4ltnis. F\u00fcr die Armutsbeobachtung ist diese zeitliche Dimension entscheidend: F\u00fcr manche kann eine atypische Besch\u00e4ftigung tats\u00e4chlich den \u00dcbergang in finanziell sicherere Verh\u00e4ltnisse darstellen, w\u00e4hrend andere l\u00e4nger in prek\u00e4ren Bedingungen verharren oder m\u00f6glicherweise in die Armut abrutschen.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">M\u00f6gliche Handlungsmassnahmen<\/h2>\n<p>Unsere Studie zeigt: Atypische Besch\u00e4ftigung ist nicht grunds\u00e4tzlich problematisch. Sie kann gew\u00fcnschte Flexibilit\u00e4t bieten oder eine \u00dcbergangsphase auf dem Weg in ein Normalarbeitsverh\u00e4ltnis sein. Allerdings gehen bestimmte Abweichungen vom Normalarbeitsverh\u00e4ltnis mit einem deutlich erh\u00f6hten Armutsrisiko einher. So etwa bei den befristet Besch\u00e4ftigten: Sie sind deutlich h\u00e4ufiger von Armut betroffen als unbefristet Besch\u00e4ftigte (8,6 gegen\u00fcber 2,8 Prozent). H\u00e4lt eine atypisch-prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung l\u00e4nger an, kann sie zudem den Verm\u00f6gensaufbau in der Altersvorsorge erschweren.<\/p>\n<p>Im Rahmen der UNO-Nachhaltigkeitsziele hat sich die Schweiz zum Ziel gesetzt, den Anteil der Bev\u00f6lkerung unter der nationalen Armutsgrenze bis 2030 zu reduzieren. Will sie dies erreichen, muss sie gezielte Massnahmen treffen \u2013 auch bei den atypischen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen, wo die finanziellen Risiken deutlich erh\u00f6ht sind. Dazu k\u00f6nnte sie beispielsweise die \u00dcberg\u00e4nge in stabilere Arbeitsverh\u00e4ltnisse erleichtern.<\/p>\n<p>Weitere m\u00f6gliche Massnahmen w\u00e4ren existenzsichernde Mindestl\u00f6hne, ein guter Zugang zu Weiterbildung, eine bezahlbare und gut zug\u00e4ngliche Kinderbetreuung sowie bessere M\u00f6glichkeiten, das gew\u00fcnschte Arbeitspensum auszusch\u00f6pfen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Diese liegt bei 60 Prozent des Nettomedianlohns in der Schweiz.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Student, der auf Abruf in einem Restaurant arbeitet, oder eine Bodenlegerin, die als Tempor\u00e4rarbeitskraft \u00fcber einen Personalverleih vermittelt wurde: Flexible Besch\u00e4ftigungsformen sind aus dem heutigen Arbeitsmarkt kaum wegzudenken. 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