{"id":223966,"date":"2026-10-05T16:00:13","date_gmt":"2026-10-05T14:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=223966"},"modified":"2026-10-05T16:00:35","modified_gmt":"2026-10-05T14:00:35","slug":"arbeit-ist-der-schluessel-zur-armutsbekaempfung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2026\/10\/arbeit-ist-der-schluessel-zur-armutsbekaempfung\/","title":{"rendered":"Arbeit ist der Schl\u00fcssel zur Armutsbek\u00e4mpfung"},"content":{"rendered":"<p>Von 2014 bis 2024 waren in der Schweiz zwischen 6,7 und 8,7 Prozent der Bev\u00f6lkerung von Einkommensarmut betroffen. Im Jahr 2020 beauftragte das Parlament den Bundesrat, ein regelm\u00e4ssiges Monitoring der Armut in der Schweiz einzurichten.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Im vergangenen Jahr ist der erste nationale Armutsmonitoringbericht erschienen, der fortan alle f\u00fcnf Jahre erscheinen soll. Das Monitoring richtet sich an Bund, Kantone, Gemeinden sowie weitere Akteure in der Armutspr\u00e4vention und -bek\u00e4mpfung. Es soll ihnen relevantes Wissen bereitstellen, wie man die Armut effektiv bek\u00e4mpfen kann. Das Monitoring verdeutlicht: Ein zentraler Hebel in der Armutsbek\u00e4mpfung ist die Arbeitsmarktintegration.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a><\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Nur rund ein Viertel so hohes Armutsrisiko<\/h2>\n<p>Der Bericht kommt zu diesem Schluss, indem er eine Haushaltsperspektive einnimmt. Diese geht davon aus, dass die Mitglieder eines Haushalts ihre finanziellen Ressourcen gemeinsam nutzen und den Haushaltsbedarf gemeinsam tragen. Diese Annahme entspricht in den meisten F\u00e4llen der Lebensrealit\u00e4t. Nichterwerbst\u00e4tige oder Personen mit tiefen L\u00f6hnen sind bei dieser Betrachtung nicht automatisch arm, wenn im Haushalt weitere Einkommen vorhanden sind. Entscheidend ist das Verh\u00e4ltnis zwischen dem verf\u00fcgbaren Haushaltseinkommen und dem Haushaltsbedarf. Der Haushaltsbedarf entspricht dabei dem sozialen Existenzminimum gem\u00e4ss Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS). Dieses umfasst den Grundbedarf f\u00fcr den Lebensunterhalt, die Wohnkosten, die medizinische Grundversorgung sowie eine Pauschale f\u00fcr situationsbedingte Leistungen. F\u00fcr einen Einpersonenhaushalt lag das soziale Existenzminimum 2024 durchschnittlich bei 2880 Franken pro Monat.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren lag die Armutsquote, welche die Verm\u00f6gen nicht ber\u00fccksichtigt, 2024 bei 6,9 Prozent (siehe Abbildung). Unter den Nichterwerbst\u00e4tigen in demselben Alter war die Armutsquote mit 17,8 Prozent markant h\u00f6her. Demgegen\u00fcber betr\u00e4gt die Armutsquote bei der erwerbst\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung nur 4,2 Prozent. Das bedeutet: Erwerbst\u00e4tigkeit reduziert das Armutsrisiko betr\u00e4chtlich, sch\u00fctzt aber nicht immer vor Armut. 167\u2019000 Personen gelten trotz Erwerbst\u00e4tigkeit als arm.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Die Armutsquote ist bei den Erwerbst\u00e4tigen deutlich tiefer<\/h2>\n<h6 class=\"copy-small-bold\">INTERAKTIVE GRAFIK<\/h6>\n<div class=\"legacy_chart_custom\"><div class='chart chart--normal' id='HAURI_10-2026_DE'><\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n\n    Highcharts.setOptions({\n        lang: {\n            decimalPoint: ',',\n            thousandsSep: ' '\n        }\n    });\n\n    $('#HAURI_10-2026_DE').highcharts({\n\n        chart: {\n            type: 'line'\n        },\n\n        title: {\n            text: ''\n        },\n\n        subtitle: {\n            text: ''\n        },\n\n        plotOptions: {\n            line: {\n                marker: {\n                    enabled: false\n                }\n            }\n        },\n\n        xAxis: {\n            title: {\n                text: ''\n            },\n            categories: [\n2014,2015,2016,2017,2018,2019,2020,2021,2022,2023,2024\n            ]\n        },\n\n        tooltip: {\n    shared: true,\n    formatter: function () {\n        var text = '<b>' + this.x + '<\/b>';\n\n        (this.points || []).forEach(function (point) {\n            if (point.series.type !== 'arearange') {\n                text += '<br\/>' + point.series.name + ': <b>' +\n                    Highcharts.numberFormat(point.y, 2) + '%<\/b>';\n            }\n        });\n\n        return text;\n    }\n},\n        yAxis: {\n            min: 0,\n            title: {\n                text: 'Armutsquote'\n            },\n            labels: {\n                formatter: function () {\n                    return Highcharts.numberFormat(this.value, 0) + '%';\n                }\n            }\n        },\n\n        series: [\n             {\n    name: 'Total 18\u201364 Jahre',\n    data: [\n        \n5.34,5.78,5.66,6.62,5.83,6.74,6.34,6.87,6.56,6.54,6.89\n    ],\n    color: '#66b6bc',\n    showInLegend: true,\n    zIndex: 1\n},\n{\n    name: 'Konfidenzintervall (Total)',\n    type: 'arearange',\n    data: [\n       [\t5.87\t,\t4.8\t],\n[\t6.33\t,\t5.24\t],\n[\t6.21\t,\t5.1\t],\n[\t7.21\t,\t6.03\t],\n[\t6.43\t,\t5.23\t],\n[\t7.38\t,\t6.1\t],\n[\t6.96\t,\t5.72\t],\n[\t7.48\t,\t6.25\t],\n[\t7.16\t,\t5.95\t],\n[\t7.11\t,\t5.97\t],\n[\t7.44\t,\t6.34\t]\n\n    ],\n    color: '#eff7f7',\n    fillOpacity: 1,\n    lineWidth: 0,\n    showInLegend: false,\n    enableMouseTracking: false,\n    marker: {\n        enabled: false\n    },\n    zIndex: 0\n},\n{\n    name: 'Erwerbst\u00e4tige 18\u201364 Jahre',\n    data: [\n        3.37,3.87,3.76,4.37,3.69,4.17,4.14,4.22,3.78,4.26,4.19\n    ],\n    color: '#5a7298',\n    showInLegend: true,\n    zIndex: 1\n},\n{\n    name: 'Konfidenzintervall (Erwerbst\u00e4tige)',\n    type: 'arearange',\n    data: [\n        [3.82,2.92],\n[4.44,3.3],\n[4.36,3.16],\n[4.89,3.84],\n[4.26,3.12],\n[4.81,3.53],\n[4.79,3.5],\n[4.76,3.68],\n[4.29,3.28],\n[4.78,3.74],\n[4.67,3.7]\n    ],\n    color: '#eff7f7',\n    fillOpacity: 1,\n    lineWidth: 0,\n    showInLegend: false,\n    enableMouseTracking: false,\n    marker: {\n        enabled: false\n    },\n    zIndex: 0\n},\n{\n    name: 'Nichterwerbst\u00e4tige 18\u201364 Jahre',\n    data: [\n        10.8,12.03,12.77,14.58,13.71,17.25,15.91,16.8,17.22,15.25,17.82\n    ],\n    color: '#f07c2c',\n    showInLegend: true,\n    zIndex: 1\n},\n{\n    name: '95-Prozent-Konfidenzintervall',\n    type: 'arearange',\n    data: [\n        \n[12.2,9.4],\n[13.39,10.68],\n[14.19,11.35],\n[16.24,12.91],\n[15.5,11.92],\n[19.33,15.17],\n[17.75,14.08],\n[18.63,14.96],\n[19.14,15.29],\n[16.84,13.66],\n[19.73,15.91]\n    ],\n    color: '#eff7f7',\n    fillOpacity: 1,\n    lineWidth: 0,\n    showInLegend: true,\n    enableMouseTracking: false,\n    marker: {\n        enabled: false\n    },\n    zIndex: 0\n}\n\n        ]\n    });\n});\n<\/script>\n<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Anmerkung: Erwerbst\u00e4tige (Nichterwerbst\u00e4tige) sind hier definiert als 18- bis 64-j\u00e4hrige Personen, die im Vorjahr der Erhebung in mehr (weniger) als der H\u00e4lfte der Monate einer selbstst\u00e4ndigen oder unselbstst\u00e4ndigen Erwerbst\u00e4tigkeit nachgingen. Personen mit Angaben f\u00fcr weniger als sieben Monate sind aus der Analyse ausgeschlossen.<\/div>\n<div class=\"diagram-legend\">Quelle: BFS, Silc 2014-2024\u00a0 | Grafik: Die Volkswirtschaft<\/div>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Hohe Erwerbsintensit\u00e4t als Schutzfaktor<\/h2>\n<p>Die Analyse zeigt weiter, dass auch die Erwerbsintensit\u00e4t bei der Armutsvermeidung zentral ist. Sie ist definiert als der Anteil der erwerbst\u00e4tigen Monate an den maximal m\u00f6glichen Erwerbsmonaten aller Personen im Erwerbsalter (18\u201364 Jahre) im Haushalt. In Haushalten, die ihr Erwerbspotenzial zu 55 bis 85 Prozent aussch\u00f6pften, lag die Armutsquote im Jahr 2024 bei 5,1 Prozent. Deutlich zuverl\u00e4ssiger ist der Schutz vor Armut in Haushalten, die eine sehr hohe Erwerbsintensit\u00e4t (85\u2013100%) aufweisen; in diesen F\u00e4llen betrug die Armutsquote nur 1,9 Prozent. Eine sehr tiefe Erwerbsintensit\u00e4t geht demgegen\u00fcber mit einer deutlich h\u00f6heren Armutsbetroffenheit einher. In Haushalten mit einer Erwerbsintensit\u00e4t unter 20 Prozent lag die Armutsquote bei 36,8 Prozent.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Tieflohn ist nicht gleich Armut<\/h2>\n<p>Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Tieflohnbeziehenden und Erwerbsarmut. Der Begriff Tieflohn bezieht sich auf den indivi&shy;duellen Stundenlohn<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>, das Konzept der Erwerbsarmut hingegen auf das gesamte Haushaltseinkommen im Ver&shy;h\u00e4ltnis zum Bedarf. Der Anteil der Tieflohnstellen in der Schweiz liegt stabil bei rund einem Zehntel der Vollzeitstellen. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass knapp neun von zehn Personen mit einem Tieflohn in einem Haushalt leben, der nicht von Armut betroffen ist. Ein typisches Beispiel sind junge Erwachsene in Ausbildung, die noch bei ihren Eltern wohnen. Dies verdeutlicht, dass Faktoren wie die Erwerbsintensit\u00e4t des Haushalts und der Haushaltsbedarf eine ent&shy;scheidende Rolle f\u00fcr das Entstehen einer Armutssituation spielen. Dennoch ist das Armutsrisiko f\u00fcr Erwerbst\u00e4tige in Berufen mit h\u00f6herem Tieflohnanteil erh\u00f6ht, was darauf hinweist, dass auch die Lohnh\u00f6he eine nicht zu vernachl\u00e4ssigende Rolle spielt.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">H\u00fcrden der Arbeitsmarktintegration bek\u00e4mpfen<\/h2>\n<p>Die Ursachen geringer Erwerbsintensit\u00e4t in armutsbetroffenen Haushalten sind vielf\u00e4ltig. H\u00e4ufig wirken mehrere Faktoren zusammen. Ein m\u00f6glicher Grund ist, dass Erwerbs- und Betreuungsarbeit \u2013 je nach Haushaltszusammensetzung \u2013 nicht auf mehrere Erwachsene verteilt werden k\u00f6nnen. Auch gesundheitliche Einschr\u00e4nkungen k\u00f6nnen einer Erh\u00f6hung des Pensums im Weg stehen. Personen in einkommensarmen Haushalten nennen Krankheit oder Behinderung \u00fcberdurchschnittlich oft als Grund f\u00fcr Teilzeitarbeit. Weiter sind in Haushalten mit sehr niedriger Erwerbsintensit\u00e4t Personen ohne nachobligatorischen Abschluss \u00fcbervertreten. Ein tiefes Bildungsniveau erschwert den Zugang zu stabiler Besch\u00e4ftigung und reduziert die Chancen auf ausreichend hohe Pensen und L\u00f6hne. Und schliesslich gelingt es auch nicht immer, eine T\u00e4tigkeit im angestrebten Pensum zu finden (Unterbesch\u00e4ftigung).<\/p>\n<p>Wirksame Armutsbek\u00e4mpfung erfordert, dass Personen mit schwacher oder fehlender Arbeitsmarktanbindung sich nachhaltig in den Arbeitsmarkt integrieren k\u00f6nnen. Hierzu greifen in der Schweiz unterschiedliche Systeme mit je eigenen Zust\u00e4ndigkeiten und Zielgruppen ineinander. Zentrale Akteure sind die Arbeitslosenversicherung, die Invalidenversicherung, die Sozialhilfe, kantonale Arbeitsintegrationsprogramme, das Bildungssystem, die Sozialpartnerschaft sowie familien- und gleichstellungspolitische Angebote wie zum Beispiel externe Kinderbetreuung.<\/p>\n<p>Die verf\u00fcgbaren Daten zeigen, dass Armutsbetroffenheit in der Schweiz h\u00e4ufig von begrenzter Dauer ist. So lebt beispielsweise nur rund 1 Prozent der Personen in vier aufeinanderfolgenden Jahren in Haushalten mit sehr niedriger Erwerbsin&shy;tensit\u00e4t. Das ist ein Hinweis, dass die bestehenden Massnahmen gr\u00f6sstenteils wirken.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\">Arbeitsmarktpolitik als St\u00e4rke<\/h2>\n<p>Regul\u00e4re Besch\u00e4ftigung in Form von (unbefristeten) Normalarbeitsverh\u00e4ltnissen ist in der Schweiz am st\u00e4rksten verbreitet und bietet den besten Schutz vor Armut. Rund jede sechste Person arbeitet aber in einer atypischen Besch\u00e4ftigungsform (befristete Vertr\u00e4ge, Arbeit auf Abruf u. \u00c4.). Diese bieten weniger Sicherheit als Normalarbeitsverh\u00e4ltnisse, sind aber mit geringeren Einstiegsh\u00fcrden verbunden und k\u00f6nnen f\u00fcr Personen mit loser Arbeitsmarktanbindung als Br\u00fccke in Normalarbeitsverh\u00e4ltnisse wirken.<\/p>\n<p>Charakteristisch f\u00fcr den Schweizer Arbeitsmarkt sind auch die im internationalen Vergleich eher geringen rechtlichen H\u00fcrden f\u00fcr Einstellungen und Entlas&shy;sungen. Die damit verbundene Flexibilit\u00e4t beg\u00fcnstigt die Schaffung von neuen Stellen und tr\u00e4gt damit zur vergleichsweise tiefen strukturellen Arbeitslosigkeit in der Schweiz bei. Auch deshalb bietet der Schweizer Arbeitsmarkt gute Voraussetzungen f\u00fcr eine wirksame Armutsbek\u00e4mpfung.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Motion WBK-S \u00ab<a href=\"https:\/\/www.parlament.ch\/de\/ratsbetrieb\/suche-curia-vista\/geschaeft?AffairId=20193953\">Regelm\u00e4ssiges Monitoring der Armutssituation in der Schweiz<\/a>\u00bb (19.3953).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe auch Schwerpunktheft <a href=\"https:\/\/www.armutsmonitoring.ch\/de\/erwerbsarbeit\">\u00abErwerbsarbeit und Armut in der Schweiz\u00bb<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Ein Tieflohn liegt vor, wenn der standardisierte Bruttolohn weniger als zwei Drittel des medianen Bruttolohns betr\u00e4gt.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von 2014 bis 2024 waren in der Schweiz zwischen 6,7 und 8,7 Prozent der Bev\u00f6lkerung von Einkommensarmut betroffen. 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