{"id":97358,"date":"2022-03-09T09:09:42","date_gmt":"2022-03-09T08:09:42","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch?p=97358&#038;preview=true&#038;preview_id=97358"},"modified":"2023-08-23T22:47:44","modified_gmt":"2023-08-23T20:47:44","slug":"koopman-03-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/03\/koopman-03-2022\/","title":{"rendered":"WTO als St\u00fctze in der Krise"},"content":{"rendered":"<p>Schon seit meinen beruflichen Anf\u00e4ngen in den 1980er-Jahren interessiere ich mich daf\u00fcr, wie der internationale Handel auf verschiedene Wirtschaftssysteme wirkt. Damals arbeitete ich als Experte f\u00fcr zentralwirtschaftlich geplante Systeme, wie die damalige Sowjetunion, und analysierte Handelsfragen f\u00fcr die US-Regierung.<\/p>\n<p>Seit 1999 bin ich Chef\u00f6konom der Welthandelsorganisation (WTO). Das heisst, ich leite die Abteilung f\u00fcr Wirtschaftsforschung und Statistik. Diese versorgt die Mitgliedsstaaten und das WTO-Management mit \u00f6konomischen Daten und Analysen. So erstellen wir beispielsweise einen halbj\u00e4hrlichen Handelsausblick (\u00abtrade forcast\u00bb) sowie kurzfristige Prognosen zur Entwicklung der Weltwirtschaft.<\/p>\n<p>Aktuell stehen die Covid-19-Pandemie sowie die zunehmenden Handelskonflikte \u2013 etwa derjenige zwischen den USA und China \u2013 im Zentrum unserer Analysen. In Bezug auf die Handelskonflikte lauten unsere Fragestellungen unter anderem: Wie wirken sich diese Konflikte auf den Handel aus? Was w\u00fcrde passieren, wenn das multilaterale Handelssystem zusammenbricht? Wie sollten k\u00fcnftige Handelsabkommen ausgestaltet sein, damit es zu mehr Handel kommt?<\/p>\n<blockquote><p><span class=\"content-quotes\">Was w\u00fcrde passieren, wenn das multilaterale Handelssystem zusammenbricht?<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Grossteil dieser Analysen und Empfehlungen wird zwar intern erstellt, aber ich arbeite h\u00e4ufig mit Wirtschaftsverb\u00e4nden, wissenschaftlichen Foren und politischen Koordinierungsgremien (wie der G-20 und der G-7) zusammen, um ihre Einsichten und Bedenken zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Protektionistische Tendenzen haben das globale Handelssystem und die WTO in den vergangenen Jahren auf die Probe gestellt. Gl\u00fccklicherweise haben sich die WTO-\u00dcbereinkommen als widerstandsf\u00e4hig erwiesen. Die Kernabkommen haben sicher dazu beigetragen, dass der Handel mit Waren und Dienstleistungen w\u00e4hrend der Covid-19-Pandemie erstaunlich offen blieb. So standen den Menschen Lebensmittel und pers\u00f6nliche Schutzausr\u00fcstung durchgehend zur Verf\u00fcgung, und auch die Impfstoffe sind f\u00fcr alle erh\u00e4ltlich. Klar ist aber: Die WTO-\u00dcbereinkommen m\u00fcssen aktualisiert werden.<\/p>\n<p>Auf multilateraler Ebene wird derzeit eine Grundsatzdebatte \u00fcber die Globalisierung gef\u00fchrt: Was ist ihre Rolle? Nimmt die globale Verflechtung zu oder ab? Unsere \u00f6konometrischen Simulationen und Big-Data-Analysen zeigen, dass es kaum Anzeichen f\u00fcr ein globales \u00abReshoring\u00bb gibt. Vielmehr findet eine \u00abReorganisation\u00bb der Globalisierung statt. So ist die auszumachende Verlagerung von Produktion und G\u00fcterbeschaffung vieler Unternehmen eine Reaktion auf ver\u00e4nderte wirtschaftliche Bedingungen.<\/p>\n<p>Meine Empfehlung ist: Wir sollten der politischen Rhetorik weniger Aufmerksamkeit schenken und stattdessen die zugrunde liegenden Kr\u00e4fte, die den globalen Handel antreiben, genauer betrachten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon seit meinen beruflichen Anf\u00e4ngen in den 1980er-Jahren interessiere ich mich daf\u00fcr, wie der internationale Handel auf verschiedene Wirtschaftssysteme wirkt. Damals arbeitete ich als Experte f\u00fcr zentralwirtschaftlich geplante Systeme, wie die damalige Sowjetunion, und analysierte Handelsfragen f\u00fcr die US-Regierung. Seit 1999 bin ich Chef\u00f6konom der Welthandelsorganisation (WTO). 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