{"id":97361,"date":"2022-03-29T07:16:14","date_gmt":"2022-03-29T05:16:14","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch?p=97361&#038;preview=true&#038;preview_id=97361"},"modified":"2023-08-23T22:47:46","modified_gmt":"2023-08-23T20:47:46","slug":"baur-bruchez-03-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2022\/03\/baur-bruchez-03-2022\/","title":{"rendered":"Finanzreformen: Welche Generation zahlt?"},"content":{"rendered":"<p>Belastet die Staatsverschuldung k\u00fcnftige Generationen? Die expliziten Staatsschulden sind in der Schweiz im internationalen Vergleich tief. Wie sieht es aber mit den sogenannten impliziten Schulden aus \u2013 den Verpflichtungen, die der Staat etwa im Rahmen der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) eingegangen ist? Kann er sie einhalten, ohne die j\u00fcngeren und k\u00fcnftigen Generationen \u00fcberm\u00e4ssig zu belasten?<\/p>\n<p>Um diese Generationenverteilung zu erfassen, haben die Forschungs- und Beratungsunternehmen Ecoplan und DIA Consulting im Auftrag der Eidgen\u00f6ssischen Finanzverwaltung (EFV) eine \u00abGenerationenbilanzierung\u00bb vorgenommen (siehe <em>Kasten<\/em>).<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Die Studie diente dem Bundesrat als Antwort auf ein Postulat<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> der gr\u00fcnliberalen Nationalr\u00e4tin Kathrin Bertschy, die eine Aktualisierung der letztmals 2004 durchgef\u00fchrten Generationenbilanzierung<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) forderte.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Entwicklung der Fiskall\u00fccke<\/strong><\/h2>\n<p>Verschiedene L\u00e4nder publizieren regelm\u00e4ssig Berichte zur Tragf\u00e4higkeit der \u00f6ffentlichen Finanzen. Diese Berichte basieren auf einer Methodik, die sich als internationaler Standard gegen\u00fcber der Generationenbilanzierung insbesondere aufgrund einer einfacheren Kommunikation der Resultate f\u00fcr die finanzpolitische Diskussion durchgesetzt hat. Sie wird beispielsweise vom Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF), der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Europ\u00e4ischen Kommission verwendet. Die Langfristperspektiven f\u00fcr die \u00f6ffentlichen Finanzen der Schweiz, welche das EFD alle vier Jahre erstellt, basieren ebenfalls auf dieser Methodik.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Im Vergleich zu den Langfristperspektiven aus dem Jahr 2021, die bis 2050 reichen, weist die Analyse von Ecoplan\/DIA einen l\u00e4ngeren Zeithorizont auf. Bis 2050 tragen die Sozialversicherungen zunehmend dazu bei, dass sich die sogenannte Fiskall\u00fccke<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> vergr\u00f6ssert. Ab dem Jahr 2100 bleibt der Anteil der Sozialversicherungen an der Fiskall\u00fccke stabil. Wenn sich die AHV-Renten weiter gem\u00e4ss dem Mischindex entwickeln, sinkt der Anteil (die Studie geht jedoch von der Annahme aus, dass die Renten ab 2100 der Produktivit\u00e4tsentwicklung folgen).<\/p>\n<p>Im Jahr 2018 erwirtschafteten die obligatorische Krankenpflegeversicherung und insbesondere die \u00f6ffentlichen Haushalte von Bund, Kantonen und Gemeinden allesamt \u00dcbersch\u00fcsse. Im Zeitraum bis zum Jahr 2050 werden diese Ausgaben gem\u00e4ss der Analyse von Ecoplan\/DIA ungef\u00e4hr budgetneutral ausfallen. Anschliessend resultieren stetig wachsende Defizite. Nach 2100 vergr\u00f6ssert sich die Fiskall\u00fccke insbesondere aufgrund wachsender Staatsausgaben und Mehrausgaben bei der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Der Anteil der AHV\/IV\/EO an den Staatsausgaben bleibt hingegen konstant.<\/p>\n<p>Ohne Finanzreformen steigt die Schuldenquote mittel- und langfristig auf ein nicht mehr nachhaltiges Niveau an. Welche Generationen schlussendlich f\u00fcr diese Last aufkommen m\u00fcssen, h\u00e4ngt dabei von der Ausgestaltung dieser Reformen und dem Zeitpunkt ihrer Umsetzung ab.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Welche Generation profitiert?<\/strong><\/h2>\n<p>Die Studie von Ecoplan\/\u00a0DIA untersucht verschiedene stilisierte Reformen wie etwa die Erh\u00f6hung der AHV-Beitr\u00e4ge oder die Erh\u00f6hung des Rentenalters. Diese entsprechen zwar nicht zwingend dem Detaillierungsgrad aktuell geplanter Reformen, erlauben es aber, die Auswirkungen pro Alterskohorte zu erfassen. So sind Personen, die zum Zeitpunkt der Reformumsetzung bereits pensioniert sind, weder von einer Erh\u00f6hung der AHV-Beitr\u00e4ge noch von einer Erh\u00f6hung des Rentenalters betroffen. Hingegen wirkt sich die Erh\u00f6hung des Rentenalters vor allem auf Personen aus, die kurz vor der Pensionierung stehen.<\/p>\n<p>Die Erh\u00f6hung des Rentenalters schl\u00e4gt zwar auch vollumf\u00e4nglich auf die J\u00fcngeren durch, macht aber einen kleineren Teil ihrer zuk\u00fcnftigen Einkommen aus (und kann somit durch Einkommenssteigerungen leichter kompensiert werden). Eine Sanierung der AHV mittels Erh\u00f6hung der AHV-Beitr\u00e4ge w\u00fcrde die j\u00fcngeren Generationen hingegen st\u00e4rker belasten, da sie l\u00e4nger Beitr\u00e4ge entrichten als \u00e4ltere Erwerbst\u00e4tige.<\/p>\n<p>Anders bei einer Mehrwertsteuerreform: Im Gegensatz zu den erw\u00e4hnten Reformen w\u00e4ren auch Pensionierte betroffen. Eine Steuererh\u00f6hung w\u00fcrde die zuk\u00fcnftigen Einkommen der j\u00fcngeren Alterskohorten jedoch st\u00e4rker belasten als diejenigen der \u00e4lteren Kohorten.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Teure Pandemie<\/strong><\/h2>\n<p>Welche intergenerationellen Auswirkungen gibt es bei den staatlichen Ausgaben zur Bek\u00e4mpfung der Corona-Pandemie? Bei vielen Massnahmen \u2013 wie etwa der Unterst\u00fctzung f\u00fcr Kultur, Verkehr oder der Kosten\u00fcbernahme bei Covid-Tests \u2013 sind keine Unterschiede zwischen den Alterskohorten festzustellen. Einige Transfers wie beispielsweise Kurzarbeitsentsch\u00e4digungen fallen allerdings zum Zeitpunkt des Renteneintritts weg. Die Auswirkungen auf die verschiedenen Generationen h\u00e4ngen bei den Corona-Ausgaben letztlich von einem eventuellen Abbau der Corona-Schulden und gegebenenfalls von dessen Modalit\u00e4ten ab.<\/p>\n<p>Aus der Studie lassen sich auch Empfehlungen ableiten, welche Herangehensweise am besten geeignet ist, um die Nachhaltigkeit der Finanzen zu messen. Methodisch l\u00e4sst sich zwischen der \u00abimpliziten Verschuldung\u00bb und der \u00abFiskall\u00fccke\u00bb unterscheiden. Wie sich zeigt, eignet sich der Indikator der Fiskall\u00fccke gem\u00e4ss der Studie besser als der Indikator der impliziten Verschuldung, um die Tragf\u00e4higkeit der \u00f6ffentlichen Verschuldung zu beurteilen. Denn die Fiskall\u00fccke h\u00e4ngt viel weniger vom betrachteten Zeithorizont und den Annahmen ab, die \u00fcber das Produktivit\u00e4tswachstum oder die Diskontrate getroffen werden.<\/p>\n<h2 class=\"text__graphic-title\"><strong>Vorsicht geboten<\/strong><\/h2>\n<p>Im Vergleich zu den Langfristperspektiven der EFV betrachtet die Generationenbilanzierung einen gr\u00f6sseren Zeithorizont. Weil die Annahmen mit grossen Unsicherheiten behaftet sind, ist es wichtig, diese Szenarien nicht als Prognosen zu verstehen. Ausserdem werden Faktoren wie der Klimawandel nicht ber\u00fccksichtigt, was aufgrund des grossen Zeithorizonts umso problematischer ist.<\/p>\n<p>Der Nutzen der Generationenbilanzierung besteht somit vor allem darin, die Auswirkungen der \u00f6ffentlichen Finanzen auf die verschiedenen Alterskohorten der aktuellen oder zuk\u00fcnftigen Bev\u00f6lkerung zu quantifizieren. Da die von den derzeitigen Generationen bisher geleisteten Beitr\u00e4ge nicht ber\u00fccksichtigt werden, vermag das Instrument die Auswirkungen der aktuellen \u00f6ffentlichen Finanzen auf verschiedene Generationen jedoch nicht abzubilden. Die Quantifizierung der Auswirkungen einer finanzpolitischen Reform auf die verschiedenen Generationen ist hingegen m\u00f6glich, weil eine solche Reform nicht in die Vergangenheit zur\u00fcckreicht. Bei der Ausgestaltung von k\u00fcnftigen Reformen kann es daher sinnvoll sein, m\u00f6gliche intergenerationelle Auswirkungen zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Ecoplan \/ DIA (2021).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Postulat 17.3884:\u00a0\u00abGenerationenbilanzierung aktualisieren\u00bb vom 29.\u00a0September 2017; Bundesrat (2021).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Borgmann und Raffelh\u00fcschen (2004).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">EFV (2021), Br\u00e4ndle et al. (2022).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Die Fiskall\u00fccke zeigt an, um wie viel der Budgetsaldo \u00fcber einen gewissen Zeitraum verbessert werden muss, damit der Schuldenstand (in Franken) auf dem Niveau des Basisjahres stabilisiert werden kann.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Belastet die Staatsverschuldung k\u00fcnftige Generationen? Die expliziten Staatsschulden sind in der Schweiz im internationalen Vergleich tief. Wie sieht es aber mit den sogenannten impliziten Schulden aus \u2013 den Verpflichtungen, die der Staat etwa im Rahmen der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) eingegangen ist? 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(2004). <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/dam\/seco\/de\/dokumente\/Publikationen_Dienstleistungen\/Publikationen_Formulare\/Wirtschaftslage\/Strukturberichterstattung\/Strukturberichterstattung%20Nr.%2025%20-%20Zur%20Entwicklung%20der%20Nachhaltigkeit%20der%20schweizerischen%20Fiskal-%20und%20Sozialpolitik%20-%20Generationenbilanzen%201995-2001.pdf.download.pdf\/Strukturberichterstattung%20Nr.%2025%20-%20Zur%20Entwicklung%20der%20Nachhaltigkeit%20der%20schweizerischen%20Fiskal-%20und%20Sozialpolitik%20-%20Generationenbilanzen%201995-2001.pdf\">Zur Entwicklung der Nachhaltigkeit der schweizerischen Sozialpolitik:<\/a><a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/dam\/seco\/de\/dokumente\/Publikationen_Dienstleistungen\/Publikationen_Formulare\/Wirtschaftslage\/Strukturberichterstattung\/Strukturberichterstattung%20Nr.%2025%20-%20Zur%20Entwicklung%20der%20Nachhaltigkeit%20der%20schweizerischen%20Fiskal-%20und%20Sozialpolitik%20-%20Generationenbilanzen%201995-2001.pdf.download.pdf\/Strukturberichterstattung%20Nr.%2025%20-%20Zur%20Entwicklung%20der%20Nachhaltigkeit%20der%20schweizerischen%20Fiskal-%20und%20Sozialpolitik%20-%20Generationenbilanzen%201995-2001.pdf\"> Generationenbilanzen 1995\u20132001<\/a>.<\/li>\r\n \t<li>Br\u00e4ndle T., Colombier C. und Baur M. (2022). <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/12\/alterung-und-klimawandel-belasten-oeffentliche-finanzen\/\">Alterung und Klimawandel belasten \u00f6ffentliche Finanzen<\/a>, Die Volkswirtschaft\u00a01\u20132\/2022.<\/li>\r\n \t<li>Bundesrat (2021). <a href=\"https:\/\/www.newsd.admin.ch\/newsd\/message\/attachments\/69531.pdf\">Generationenbilanz \u2013 Bericht des Bundesrates in Erf\u00fcllung des Postulates 17.3884, Bertschy<\/a>.<\/li>\r\n \t<li>Ecoplan \/ DIA Consulting AG (2021). <a href=\"https:\/\/www.newsd.admin.ch\/newsd\/message\/attachments\/69533.pdf\">Generationenbilanz Schweiz \u2013 Aktualisierung der intergenerationellen Auswirkungen der Entwicklung der \u00f6ffentlichen Finanzen der Schweiz<\/a>.<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Grenzen der Generationenbilanzierung","kasten_box":"Eine \u00abGenerationenbilanzierung\u00bb analysiert, wie sich staatliche Ausgaben auf die verschiedenen Generationen \u00fcber einen sehr langen bis unendlichen Zeithorizont auswirken. Die hierf\u00fcr zu treffenden Annahmen sind mit grossen Unsicherheiten behaftet, und namentlich folgende Punkte werden nicht ber\u00fccksichtigt:\r\n<ul>\r\n \t<li>bisherige Beitr\u00e4ge der derzeit lebenden Alterskohorten (insbesondere deren bisherige AHV-Beitr\u00e4ge);<\/li>\r\n \t<li>indirekte intergenerationelle Auswirkungen von Erbschaften oder anderen privaten Transaktionen;<\/li>\r\n \t<li>zweite S\u00e4ule der Alterssicherung;<\/li>\r\n \t<li>Klimawandel;<\/li>\r\n \t<li>intragenerationeller Umverteilungseffekt von Reformen, die auf die Korrektur eines intergenerationellen Effekts abzielen.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n&nbsp;\r\n\r\nJe l\u00e4nger der Zeithorizont ist, desto schwieriger ist es, bei allf\u00e4lligen Reformen ein realistisches Referenzszenario (\u00abunver\u00e4nderte Politik\u00bb) zu definieren. Ein Beispiel: Es darf bezweifelt werden, ob man bei einer fortgesetzten Anpassung der AHV-Renten an den Mischindex (der zwar die Entwicklung der Inflation vollst\u00e4ndig, die der Reall\u00f6hne aber nur zur H\u00e4lfte ber\u00fccksichtigt) in der Tat von einer \u00abunver\u00e4nderten Politik\u00bb sprechen kann. Denn bei einem unendlichen Zeithorizont tendiert die AHV-Rente im Verh\u00e4ltnis zum zu ersetzenden Lohn gegen null."}],"post_notes_for_print":"Beitrag enth\u00e4lt Kasten. 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