{"id":97586,"date":"2021-12-23T12:14:51","date_gmt":"2021-12-23T12:14:51","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/12\/operations-bancaires-sur-chaines-de-blocs\/"},"modified":"2023-08-23T22:47:56","modified_gmt":"2023-08-23T20:47:56","slug":"banking-mit-blockchain","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/12\/banking-mit-blockchain\/","title":{"rendered":"Banking mit Blockchain"},"content":{"rendered":"<p>Seit geraumer Zeit diskutiert die Finanzbranche \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der Blockchain-Technologie. Oft wird dann gesagt, die Technologie erm\u00f6gliche eine digitale Zahlungsinfrastruktur, mit der man virtuelle W\u00e4hrungen erstellen und Vertr\u00e4ge \u00abautomatisiert\u00bb abwickeln k\u00f6nne. Klar: All dies l\u00e4sst sich auf einer Blockchain abbilden \u2013 es handelt sich hierbei aber weder um eine exklusive Errungenschaft noch um den wirklich spannenden Teil der neuen Technologie.<\/p>\n<p>Geldeinheiten werden seit Jahrzehnten in digitaler Form ausgestellt, jede Ressourcenplanungssoftware verf\u00fcgt \u00fcber Automatisierungsmodule, und viele Verm\u00f6genswerte werden schon l\u00e4ngst \u00fcber einfache Datenbankeintr\u00e4ge \u2013 also virtuell \u2013 transferiert. Wenn es also nur darum geht, ein digitales Zahlungsmittel zu schaffen und Prozesse zu automatisieren, dann wird daf\u00fcr keine Blockchain ben\u00f6tigt. Was ist also das Neue an der Blockchain-Technologie, und worin steckt das grosse Potenzial?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst muss man verstehen, was eine \u00f6ffentliche Blockchain von einer herk\u00f6mmlichen Datenbank unterscheidet.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Vereinfacht gesagt, erm\u00f6glicht die Blockchain-Technologie erstmals, eine Datenbank in einer offenen Gemeinschaft zu f\u00fchren: Jeder kann sich eigenst\u00e4ndig dem System anschliessen, Transaktionen ausstellen und deren Ausf\u00fchrung verifizieren, ohne dass er dabei einer anderen Person vertrauen oder um Erlaubnis bitten muss. Falschmeldungen k\u00f6nnen sofort als solche entlarvt und verworfen werden. Niemand verf\u00fcgt \u00fcber Sonderrechte und kann unilateral die Regeln \u00e4ndern oder Manipulationen vornehmen. Kurz: \u00d6ffentliche Blockchains schaffen eine unabh\u00e4ngige, faire und robuste Basisinfrastruktur, die nicht von einzelnen Institutionen und Intermedi\u00e4ren abh\u00e4ngig ist.<\/p>\n<h2><strong>Skepsis sp\u00fcrbar<\/strong><\/h2>\n<p>F\u00fcr traditionelle Schweizer Finanzinstitute lesen sich diese Neuerungen etwas schizophren. Auf der einen Seite ist Innovation zu begr\u00fcssen, und auch Transparenz, Fairness sowie eine robuste und offene Infrastruktur gelten als erstrebenswert. Gleichzeitig l\u00f6st die Blockchain-Technologie gewisse \u00c4ngste aus: Was bedeutet \u00abUnabh\u00e4ngigkeit von Intermedi\u00e4ren\u00bb konkret? Was passiert in einem solchen System mit den Banken, und wie kann der Schweizer Finanzplatz mit diesen Entwicklungen umgehen?<\/p>\n<p>Lassen Sie mich etwas ausholen: Derzeit entsteht auf \u00f6ffentlichen Blockchains unter dem Begriff \u00abDecentralized Finance\u00bb (DeFi) ein komplett neues Finanzsystem. Verm\u00f6genswerte werden \u00fcber sogenannte Token abgebildet. Diese k\u00f6nnen eigenst\u00e4ndig verwahrt und transferiert werden. Dienstleistungen wie Tauschb\u00f6rsen oder Kreditm\u00e4rkte werden durch sogenannte Smart-Contract-Protokolle repliziert. Das sind kleine, codebasierte Anweisungen, die auf der Blockchain hinterlegt und ausgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Das Besondere daran: Der Code ist transparent einsehbar und das Protokoll durch alle nutzbar. Jeder Teilnehmende weiss exakt, wie sich das Protokoll verhalten wird, wenn es ausgef\u00fchrt wird. W\u00e4hrend zentralisierte Tauschb\u00f6rsen oft eine grosse Zahl an Mitarbeitenden ben\u00f6tigen, die einen reibungslosen Ablauf sicherstellen, k\u00f6nnen dezentrale Tauschb\u00f6rsen autonom und ohne Intermedi\u00e4re betrieben werden.<\/p>\n<h2><strong>Wie Lego-Steine<\/strong><\/h2>\n<p>Marktteilnehmer sind menschliche H\u00e4ndler und Drittprotokolle, also andere Smart Contracts. Wenn beispielsweise ein Kreditprotokoll Verm\u00f6genswerte tauschen muss, kann dieser Tausch direkt \u00fcber das Tauschb\u00f6rsenprotokoll erfolgen. Dieser letzte Punkt nennt sich \u00abComposability\u00bb und beschreibt das Konzept, dass Smart-Contract-basierte Finanzprotokolle wie Lego-Steine aufeinander aufbauen k\u00f6nnen. Es ist genau jener Punkt, den man sich bei Open Banking eigentlich w\u00fcnscht, bei dem man aber immer wieder an k\u00fcnstliche Grenzen st\u00f6sst. Atomare Transaktionen, also die Idee, dass verschiedene Teiltransaktionen inseparabel aneinandergekn\u00fcpft und entweder als Einheit oder gar nicht ausgef\u00fchrt werden, beseitigen dabei weite Teile des Gegenparteirisikos und stellen sicher, dass selbst bei komplexen Interaktionsketten mit verschiedenen Protokollen kein Vertrauen ben\u00f6tigt wird.<\/p>\n<h2><strong>Enorme Weitsicht<\/strong><\/h2>\n<p>DeFi ist bereits Realit\u00e4t: Die Handelsvolumina sind teilweise gr\u00f6sser als auf zentralisierten Tauschb\u00f6rsen, die ausgestellten Kredite im hohen zweistelligen Milliardenbereich und die Innovationskraft enorm. Dementsprechend gross ist auch das Interesse bei den Gesch\u00e4ftsbanken. Verschiedene Finanzinstitute haben eigene Abteilungen, die sich mit dem Thema DeFi besch\u00e4ftigen, veranstalten Kundenworkshops oder ver\u00f6ffentlichen Konzepte, wie das eigene Institut mit dezentralen Protokollen interagieren kann.<\/p>\n<p>Das Interesse mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen, zeugt aber von einer enormen Weitsicht. Denn selbst wenn wir von einem Extrem ausgehen, also einer Welt, in der sich DeFi komplett durchsetzt, g\u00e4be es nach wie vor eine Nachfrage nach gut positionierten Intermedi\u00e4ren: DeFi schafft zwar die Option, dass Anleger direkt mit den Finanzprotokollen interagieren und die Verm\u00f6genswerte eigenst\u00e4ndig verwahren k\u00f6nnen; viele von uns werden dies aber weiterhin lieber an einen Intermedi\u00e4r delegieren wollen \u2013 unter anderem, weil es technisch anspruchsvoll und zeitintensiv ist. Hier bietet sich f\u00fcr Verm\u00f6gensverwalterinnen, Broker und Kundenberater also eine Chance.<\/p>\n<h2><strong>Was ist die Alternative?<\/strong><\/h2>\n<p>Das Sch\u00f6ne an DeFi ist aber, dass wir nicht alternativlos in das Gesch\u00e4ftsbankensystem hineingezw\u00e4ngt werden, sondern aus freien St\u00fccken entscheiden k\u00f6nnen, ob die Dienstleistungen ihren Preis wert sind. Die offene Infrastruktur sorgt dabei f\u00fcr einen gesunden Wettbewerb und verhindert Monopolrentenextraktion und eine innovationshemmende Zementierung des Status quo. Beides wird unseren Finanzplatz st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Letztlich muss man sich auch fragen, was denn die Alternativen zu Decentralized Finance w\u00e4ren. Denkbar w\u00e4ren allumfassende Plattformen, die durch eine staatliche Institution oder einen Grosskonzen betrieben werden. Beides wird aktiv diskutiert, und beides ist meines Erachtens h\u00f6chst problematisch.<\/p>\n<p>Die geb\u00fcndelte Macht bei den jeweiligen Betreibern w\u00e4re derart gross, dass ein potenzieller Missbrauch weitreichende \u00f6konomische und gesellschaftliche Folgen h\u00e4tte. Auch ein Konsortium aus mehreren Organisationen scheint wenig sinnvoll. Denn Konsortien bergen die Gefahr von Kollusion und k\u00f6nnen innovationshemmend wirken. Zudem sind sie oftmals gepr\u00e4gt von politischen Machtk\u00e4mpfen und Ineffizienzen.<\/p>\n<p>Bei einem staatlichen Mandat w\u00e4re man sp\u00e4testens bei der Frage \u00abWelcher Staat?\u00bb an einem \u00e4hnlichen Punkt wie bei einem privaten Konsortium \u2013 wir sprechen hier schliesslich von einem globalen System, in welchem die Interessen der verschiedenen Staaten heterogen ausgepr\u00e4gt sind. Zudem best\u00fcnde die Gefahr, dass man Instrumente f\u00fcr die totale \u00dcberwachung und den gezielten Ausschluss einzelner Wirtschaftssubjekte schaffen w\u00fcrde. Auch wenn man davon ausgehen darf, dass dies zum aktuellen Zeitpunkt und in unserer politischen Lage kein Problem darstellt, w\u00e4re es naiv, zu glauben, dass diese Machtkonzentration deswegen unproblematisch ist. Denn ist die Infrastruktur erst mal da, kann sie auch von zuk\u00fcnftigen Machthabern genutzt werden \u2013 unabh\u00e4ngig von deren Werten und deren Demokratieverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Mit \u00f6ffentlichen Blockchains und DeFi entsteht eine offene, transparente und faire Basisinfrastruktur, die der Allgemeinheit geh\u00f6rt, den Wettbewerb f\u00f6rdert und Innovation erlaubt, gleichzeitig aber auch sicherstellt, dass es nicht zu gef\u00e4hrlichen Machtakkumulationen kommt. Dies ist eine enorme Chance, die es zu be- und ergreifen gilt.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">F\u00fcr technische Details siehe zum Beispiel Online-Vorlesungsreihe <a href=\"http:\/\/www.cryptolectures.io\/\">Cryptolectures.io<\/a> der Universit\u00e4t Basel.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit geraumer Zeit diskutiert die Finanzbranche \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der Blockchain-Technologie. Oft wird dann gesagt, die Technologie erm\u00f6gliche eine digitale Zahlungsinfrastruktur, mit der man virtuelle W\u00e4hrungen erstellen und Vertr\u00e4ge \u00abautomatisiert\u00bb abwickeln k\u00f6nne. 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Es basiert auf der Blockchain-Technologie und erm\u00f6glicht eine unabh\u00e4ngige, faire und robuste Basisinfrastruktur, die nicht von einzelnen Institutionen und Intermedi\u00e4ren abh\u00e4ngig ist. Verm\u00f6genswerte werden \u00fcber sogenannte Token abgebildet; Dienstleistungen wie Tauschb\u00f6rsen oder Kreditm\u00e4rkte werden durch sogenannte Smart-Contract-Protokolle repliziert. Der Vorteil: Interaktionen sind f\u00e4lschungssicher und lassen sich technisch beliebig kombinieren. Aus Sicht der Banken ist die Entwicklung auf den ersten Blick beunruhigend, denn theoretisch werden sie \u00fcberfl\u00fcssig. In der Realit\u00e4t werden aber wohl zahlreiche Kundinnen und Kunden weiterhin ihre Gelder einem Verm\u00f6gensverwalter anvertrauen. Entscheidend ist, dass die Basisinfrastruktur dezentral aufgebaut ist und dadurch Optionen und faire Wettbewerbsbedingungen schafft.","magazine_issue":"20220102","seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[4127],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20220111","original_files":null,"external_release_for_author":"20211219","external_release_for_author_time":"23:00:00","link_for_external_authors":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97586"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5332"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=97586"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/97586\/revisions"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4127"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5332"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156682"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/155827"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97595"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=97586"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=97586"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=97586"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=97586"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=97586"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=97586"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}