{"id":97642,"date":"2021-12-21T08:22:28","date_gmt":"2021-12-21T08:22:28","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/12\/un-compte-en-banque-doit-etre-gratuit\/"},"modified":"2023-10-31T10:39:17","modified_gmt":"2023-10-31T09:39:17","slug":"ein-bankkonto-muss-gratis-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/12\/ein-bankkonto-muss-gratis-sein\/","title":{"rendered":"\u00abEin Bankkonto muss gratis sein\u00bb"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Herr Sandrock, Sie lebten vor der Neon-Gr\u00fcndung in Deutschland. Warum haben Sie Ihr Start-up vor drei Jahren in der Schweiz gegr\u00fcndet?<\/strong><\/div>\n<p>Zwei meiner Mitgr\u00fcnder und ich arbeiteten zuvor in Deutschland als Berater auch f\u00fcr Schweizer Banken. Da ist uns aufgefallen, dass in der Schweiz im Kleinkundengesch\u00e4ft im europ\u00e4ischen Vergleich ein geringer Digitalisierungsgrad vorherrscht. Zudem ist der Bankenmarkt eher abgeschottet, das Preisniveau sehr hoch, und bei der Kundschaft ist eine latente Unzufriedenheit wegen der Kontogeb\u00fchren sp\u00fcrbar.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Weshalb herrscht im Schweizer Kleinkundengesch\u00e4ft wenig Wettbewerb?<\/strong><\/div>\n<p>Der heimische Markt ist relativ klein. Von den etablierten Banken m\u00f6chte niemand \u00fcber dem Marktdurchschnitt wachsen. Vielmehr kooperieren die Banken bei innovativen Projekten wie Twint oder bei der Zahlungsinfrastruktur von SIX. Der Fokus der Gross- und Privatbanken liegt zudem stark auf dem Privatkundengesch\u00e4ft.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Von den etablierten Banken m\u00f6chte niemand \u00fcber dem Marktdurchschnitt wachsen<\/span><\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Immer mehr Bankgesch\u00e4fte erledigen wir \u00fcber das Smartphone. Inzwischen gibt es mehr Log-ins auf dem Handy als im klassischen E-Banking auf dem Desktop. Dazu haben Neobanken wie N26, Revolut oder Neon beigetragen. Was ist neu an diesen Playern?<\/strong><\/div>\n<p>Aus der Kundenperspektive ist es die st\u00e4ndige Verf\u00fcgbarkeit der Dienste auf dem Handy \u2013 demgegen\u00fcber sind Bankschalter typischerweise nur zu B\u00fcrozeiten ge\u00f6ffnet, wenn die Kunden aber selbst arbeiten. Die Apps der neuen Anbieter waren \u2013 zumindest anf\u00e4nglich \u2013 deutlich benutzerfreundlicher als die E-Banking-Portale der traditionellen Banken. Wir haben Tests mit Schweizer E-Banking-Applikationen gemacht: Zum Teil dauerte es zwei Minuten, bis eine Zahlung ausgel\u00f6st wurde. Das ist im digitalen Zeitalter eine Ewigkeit.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Was ist aus Firmensicht neu?<\/strong><\/div>\n<p>Gegen\u00fcber herk\u00f6mmlichen Banken k\u00f6nnen Neobanken gr\u00f6ssere Skaleneffekte erzielen: Wir bieten ein Standardprodukt \u2013 wie ein Konto und eine Bankkarte \u2013 mit relativ geringem Aufwand an. Das Konto ist f\u00fcr den Kunden in der App in acht Minuten er\u00f6ffnet. Derzeit betreuen wir mit 35 Mitarbeitenden 100\u2019000 Kunden \u2013 mit viel Raum nach oben.<\/p>\n<h3><strong>Die traditionellen Banken punkten mit dem pers\u00f6nlichen Kundenkontakt.<\/strong><\/h3>\n<p>Das mag sein. Unser Angebot ist daf\u00fcr viel niederschwelliger. Sie m\u00fcssen nicht durch die K\u00e4lte stapfen, um bei irgendeinem Typen zu landen, der sich einen Anzug anzieht und so tut, als w\u00e4re er ein Berater \u2013 obwohl er eigentlich ein Verk\u00e4ufer ist.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Und wenn ich als Kunde eine Frage an Neon habe?<\/strong><\/div>\n<p>Kundenanfragen beantworten wir normalerweise \u00fcber E-Mail innerhalb von 24 Stunden. Sie k\u00f6nnen aber auch anrufen oder uns \u00fcber Social Media kontaktieren.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Neobanken locken mit Gratiskontos und Gratiskarten. Ist Ihr Angebot Neon Free nicht ein Etikettenschwindel?<\/strong><\/div>\n<p>Nein, \u00fcberhaupt nicht. Wir locken nicht damit. Sondern es ist unsere \u00dcberzeugung: Ein Bankkonto muss gratis sein. In fast allen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern ausserhalb der Schweiz gibt es weder Konto- noch Kartengeb\u00fchren. Nur die Schweizer Banken haben es geschafft, den Kunden eine Geb\u00fchr abzukn\u00f6pfen. Wir sind angetreten, das zu \u00e4ndern. Wir haben auch keine versteckten Geb\u00fchren.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Was sind versteckte Geb\u00fchren?<\/strong><\/div>\n<p>Ein Durchschnittsschweizer gibt mit seiner Karte pro Jahr 9000 Franken im Inland und 3000 Franken im Ausland aus. Bei Letzteren verdienen die Banken an Wechselkursaufschl\u00e4gen kr\u00e4ftig mit. Von 100 Franken, die Sie im Ausland oder bei einem ausl\u00e4ndischen E-Commerce-Anbieter ausgeben, gehen in der Regel 4 Franken an die Bank. Das kennen wir nicht.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Und wie verdient Neon Geld?<\/strong><\/div>\n<p>Bei uns haben \u00fcber 90 Prozent der Kunden das Kernangebot Neon Free. Wir verdienen an den Kartentransaktionen, wie die traditionellen Banken auch: F\u00fcr jede Transaktion muss ein H\u00e4ndler Mastercard und uns eine Abgabe zahlen. Pro 100 Franken, die jemand mit einer Neon-Karte ausgibt, verdienen wir aktuell 57 Rappen. Die zweite Einkommensquelle sind Produkte von Partnern, die wir auf unserer Plattform bewerben. Das sind zum Beispiel Investitions-, Versicherungs- und Vorsorgeangebote.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>K\u00f6nnen Sie ein Beispiel machen?<\/strong><\/div>\n<p>Beim S\u00e4ule-3a-Konto verweisen wir auf Angebote von Frankly, Inyova und Selma. Das sind alles Produkte, die wir als gut befunden haben. Unsere Kriterien gehen aber \u00fcber den Preis hinaus und umfassen auch Nachhaltigkeit oder Innovation.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Haben Sie Negativzinsen?<\/strong><\/div>\n<p>Ja, ab 100\u2019000 Franken.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Im Internet hinterlassen wir Spuren: Techfirmen wie Google wissen heute mehr \u00fcber ihre Kunden als der klassische Bankberater. Wie stark setzen Sie bei der Kundengewinnung auf Algorithmen?<\/strong><\/div>\n<p>Wir setzen aus Datenschutzgr\u00fcnden weder auf Algorithmen noch auf k\u00fcnstliche Intelligenz. Wir wollen k\u00fcnftig das Kundenverhalten aber vermehrt auswerten, um die User-Experience zu verbessern. Dabei geht es um Fragen wie: Warum hat jemand nicht gefunden, was er suchte? Was hat nicht funktioniert?<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Im Detailhandel bringen deutsche Discounter die Schweizer Grossverteiler unter Druck. Sehen Sie sich als Aldi der Bankenwelt?<\/strong><\/div>\n<p>Auf den Preis bezogen stimmt dieser Vergleich vermutlich: Wir bieten ein gutes Produkt zu einem g\u00fcnstigen Preis an. Anders als bei Aldi f\u00fchrt die Digitalisierung im Banking aber zu einer Disruption: Es braucht keine Filialen und kein Papier mehr. Wenn eine Bank f\u00fcr eine Ausland\u00fcberweisung in die USA eine Grundgeb\u00fchr von 25 Dollar verlangt, dann ist das aus heutiger Sicht nicht mehr haltbar. Diese Geb\u00fchren stammen aus den Zeiten, als f\u00fcr \u00dcberweisungen in Fremdw\u00e4hrungen noch ein Brief geschrieben werden musste. Heute geschieht dies automatisch.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Das britische Start-up Revolut hat auch in der Schweiz viele Nutzer. War das Fintech-Unternehmen ein Wegbereiter f\u00fcr Sie?<\/strong><\/div>\n<p>Nein. Unsere Angebote \u00fcberschneiden sich lediglich bei Kartenzahlungen im Ausland: Wie bei Neon fallen bei Revolut f\u00fcr Schweizer Kunden ebenfalls keine Wechselkursgeb\u00fchren an. Unser Kerngesch\u00e4ft ist aber das Kleinkundengesch\u00e4ft im Inland \u2013 und hier ist Revolut nicht t\u00e4tig, da sie \u00fcber keine Banklizenz verf\u00fcgen. Wir haben zwar auch keine Banklizenz, arbeiten aber mit der Hypothekarbank Lenzburg zusammen: Regulatorisch gesehen ist jeder Neon-Kunde ein Kunde der Hypothekarbank Lenzburg.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Regulatorisch gesehen ist jeder Neon-Kunde ein Kunde der Hypothekarbank Lenzburg<\/span><\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?<\/strong><\/div>\n<p>Zuerst war geplant, eine Fintech-Lizenz zu beantragen. Da es aber zu Verz\u00f6gerungen kam, entschieden wir uns f\u00fcr die engere Zusammenarbeit mit der Hypi Lenzburg, die bereits das Kernbankensystem f\u00fcr uns betreiben sollte.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Wer bei Neon ein Konto er\u00f6ffnet, macht das komplett \u00fcber das Handy. War die Regulierung in der Schweiz f\u00fcr einen solchen digitalen Vertragsabschluss eine H\u00fcrde?<\/strong><\/div>\n<p>In der Schweiz ist der digitale Vertragsabschluss schon seit 2016 m\u00f6glich. Diesbez\u00fcglich geh\u00f6rt sie zu den innovativsten L\u00e4ndern Europas. Wir waren einfach die Ersten, die diesen Spielraum voll ausgesch\u00f6pft haben. F\u00fcr die Kontoer\u00f6ffnung braucht es lediglich eine ID.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Ihre Kunden sind jung und m\u00e4nnlich. Wollen Sie mit dem \u00d6ko-Konto Neon Green vermehrt Frauen ansprechen?<\/strong><\/div>\n<p>Der Durchschnittskunde bei uns ist 38 Jahre alt, und drei Viertel sind m\u00e4nnlich. Klar m\u00f6chten wir mehr Frauen gewinnen. Neon Green haben wir aber aus innerem Antrieb lanciert: Wir wollen einen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>F\u00fcr jedes Neon-Green-Konto pflanzen Sie mindestens 5 B\u00e4ume pro Monat. Wo machen Sie das?<\/strong><\/div>\n<p>Wir arbeiten mit der Non-Profit-Organisation Eden Reforestation Project zusammen. Bei den B\u00e4umen handelt es sich meist um Mangrovenb\u00e4ume in \u00e4quatornahen L\u00e4ndern wie Madagaskar, Haiti oder Nicaragua, da sich damit besonders viel CO<sub>2 <\/sub>binden l\u00e4sst. Wir planen aber einen eigenen Wald, der sich dann mit Drohnen \u00fcberwachen l\u00e4sst.<\/p>\n<h3><strong>Das t\u00f6nt nach Marketing.<\/strong><\/h3>\n<p>Das ist kein Marketing oder Greenwashing. Unsere Motivation ist: Ein durchschnittlicher Bankkunde soll seine pers\u00f6nlichen CO<sub>2<\/sub>-Emissionen komplett kompensieren k\u00f6nnen \u2013 einzig, indem er alle seine Zahlungen mit der Green-Karte ausf\u00fchrt. Die Logik dahinter: Pro 100 Franken, die jemand ausgibt, pflanzen wir einen Baum. Das reicht, um den CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss eines typischen Schweizer Bankkunden zu kompensieren \u2013 Vielflieger nat\u00fcrlich ausgenommen. Klimaneutralit\u00e4t ist eigentlich ganz einfach machbar.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Sie arbeiten noch nicht gewinnbringend. Wie finanzieren Sie sich?<\/strong><\/div>\n<p>Durch Dritte. Weil wir ausschliesslich auf den inl\u00e4ndischen Markt fokussieren, stammen die meisten Geldgeber aus dem Inland. Derzeit haben wir in mehreren Finanzierungsrunden insgesamt 25 Millionen Franken gesammelt. Der gr\u00f6sste Investor ist der Medienkonzern TX Group. Aber auch manche unserer Kunden sind Investoren. Dabei waren wir selbst etwas \u00fcberrascht vom Interesse: Innerhalb von 40 Minuten kamen in einem Fundraising 5 Millionen Franken an Kundeninvestitionen zusammen. Die Kunden bekamen tokenisierte stimmrechtslose Aktien.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Wann erreichen Sie die Gewinnschwelle?<\/strong><\/div>\n<p>Wir planen, die Gewinnschwelle im Jahr 2024 zu erreichen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Was sind Ihre Ziele f\u00fcr 2022? Wie viele Kunden m\u00f6chten Sie erreichen?<\/strong><\/div>\n<p>Wir m\u00f6chten unser Wachstum weiter fortsetzen \u2013 das gilt f\u00fcr die Anzahl der Kunden und eine Verbesserung des Produkts. Langfristig sind 300\u2019000 Kunden unser Ziel. Damit w\u00fcrden wir im Mobile Banking zu den gr\u00f6ssten drei Schweizer Anbietern z\u00e4hlen. Wir wollen beweisen, dass im Markt eine Nachfrage nach unserem Angebot besteht.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Wie nehmen Sie die Regulierung in der Schweiz wahr?<\/strong><\/div>\n<p>Die Schweiz ist im internationalen Vergleich sehr bankenfreundlich. Banken haben in der Schweizer Politik ein grosses Gewicht. Das ist in der EU anders, wie sich zum Beispiel beim Datenschutz zeigt: W\u00e4hrend in Deutschland die Bankdaten in erster Linie den Kunden geh\u00f6ren, herrscht in der Schweiz das Denken vor, dass die Daten in erster Linie den Banken geh\u00f6ren. Das liegt wohl am Bankgeheimnis.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Wir h\u00e4tten gerne eine Kooperation mit Twint<\/span><\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Ein Trend ist Open Banking \u2013 also das \u00d6ffnen der Schnittstellen f\u00fcr andere Finanzdienstleister. Wo steht hier Neon?<\/strong><\/div>\n<p>Wir betreiben kein Open Banking \u2013 zumindest nicht im technischen Sinn. Unsere Partner haben keinen Zugriff auf die Bankkonten unserer Kunden.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>W\u00e4re eine solche \u00d6ffnung \u2013 wie sie bereits in der EU existiert \u2013 w\u00fcnschenswert?<\/strong><\/div>\n<p>Ich f\u00e4nde das grunds\u00e4tzlich nicht schlecht. Das \u00d6ffnen der Schnittstellen ist f\u00fcr uns derzeit aber nicht priorit\u00e4r.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Neon-Kunden steht die Bezahll\u00f6sung Twint nicht zur Verf\u00fcgung. Warum?<\/strong><\/div>\n<p>Wir h\u00e4tten gerne eine Kooperation mit Twint. Das ist aber mit unserem Gesch\u00e4fts- und Geb\u00fchrenmodell derzeit nicht vereinbar.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Sandrock, Sie lebten vor der Neon-Gr\u00fcndung in Deutschland. Warum haben Sie Ihr Start-up vor drei Jahren in der Schweiz gegr\u00fcndet? Zwei meiner Mitgr\u00fcnder und ich arbeiteten zuvor in Deutschland als Berater auch f\u00fcr Schweizer Banken. 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