{"id":97687,"date":"2021-11-29T12:27:56","date_gmt":"2021-11-29T12:27:56","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/11\/un-manque-dencadrement-psychosocial-se-fait-sentir-chez-les-personnes-agees\/"},"modified":"2023-08-23T22:48:07","modified_gmt":"2023-08-23T20:48:07","slug":"im-alter-fehlt-es-an-psychosozialer-betreuung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/11\/im-alter-fehlt-es-an-psychosozialer-betreuung\/","title":{"rendered":"Im Alter fehlt es an psychosozialer Betreuung"},"content":{"rendered":"<p>Die 80-j\u00e4hrige Witwe B. lebt allein zu Hause. Aufgrund diverser Erkrankungen wie multifaktorieller Gangst\u00f6rung, Pr\u00e4diabetes und Lungenembolien ist sie motorisch und auch bei der Atmung eingeschr\u00e4nkt. Die Spitex wendet pro Tag 50 Minuten f\u00fcr Pflege auf, deren Kosten die Krankenkasse \u00fcbernimmt, sowie 3 Stunden Haushaltshilfe pro Woche. Sohn und Tochter nehmen ihr vor allem administrative Aufgaben ab. F\u00fcr die psychosoziale Betreuung \u2013 etwa Gespr\u00e4che, die Begleitung auf kurzen Spazierg\u00e4ngen oder mehr Koordination mit dem Hausarzt \u2013 kommt niemand auf.<\/p>\n<p>Frau Y. wiederum hat keine Angeh\u00f6rigen und lebt seit zwei Monaten in einem Pflegeheim. Sie ist mobil, aber leicht desorientiert. Aktuell ben\u00f6tigt sie t\u00e4glich rund 120 Pflegeminuten. Frau Y kann sich nur unter Anleitung selber waschen, Mahlzeiten m\u00fcssen stets vorbesprochen werden, zudem m\u00f6chte sie regelm\u00e4ssig f\u00fcr Besorgungen in die Stadt gehen \u2013 alles Aktivit\u00e4ten, die nebst den pflegerischen Leistungen von rund 1 bis 2 Stunden pro Tag nochmals das Doppelte f\u00fcr eine optimale Betreuung bedingen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die beiden Beispiele stammen aus einer Studie des Beratungs- und Forschungsunternehmens BSS Volkswirtschaftliche Beratung, welche im September 2021 anhand von Daten des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS) sowie anhand von Expertenbefragungen ver\u00f6ffentlicht wurde.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Auftraggeber der Studie war die Paul-Schiller-Stiftung, die sich seit mehreren Jahren mit der Betreuung im Alter befasst.<\/p>\n<h2><strong>20 Millionen Stunden<\/strong><\/h2>\n<p>W\u00e4hrend f\u00fcr die medizinisch orientierte Pflege die Krankenkassen aufkommen, besteht eine grosse L\u00fccke bei der Betreuung \u00e4lterer Menschen, bei der es um psychosoziale Aspekte geht: Gem\u00e4ss der Studie erhalten in der Schweiz potenziell mehr als 620\u2019000 Menschen \u00fcber 65 Jahren \u2013 zu Hause und in Heimen \u2013 nicht die erforderliche Unterst\u00fctzung. Insgesamt fehlen bis zu 20 Millionen Betreuungsstunden pro Jahr. Dies entspricht einem Gegenwert von 0,8 bis 1,6 Milliarden Franken. Die Betreuung von \u00e4lteren Menschen ist heute weitgehend Privatsache. Wer auf Unterst\u00fctzung angewiesen ist, finanziert sie entweder aus dem eigenen Portemonnaie \u2013 oder er muss ohne sie klarkommen.<\/p>\n<p>Weshalb gibt es einen derart grossen Betreuungsbedarf? Als einen der Gr\u00fcnde machen fr\u00fchere Studien den sozialen Wandel aus: Angeh\u00f6rige sind immer weniger in der Lage, Betreuungsaufgaben zu \u00fcbernehmen. Einerseits, weil Familien weniger, sp\u00e4t oder keine Kinder mehr haben. Andererseits spielen auch die Individualisierung und die zunehmende geografische Distanz zwischen Angeh\u00f6rigen eine wichtige Rolle. Hinzu kommen wirtschaftliche Faktoren: Bislang wird ein Grossteil der Betreuung durch weibliche Angeh\u00f6rige geleistet. Doch weil die Erwerbsquote der Frauen steigt, bleibt diesen immer weniger Zeit f\u00fcr Betreuungsaufgaben.<\/p>\n<p>Aus den Experteninterviews geht hervor, dass im station\u00e4ren Bereich der Mangel an sozialer Betreuungszeit sch\u00e4tzungsweise 50 bis 70 Minuten pro Person und Tag betr\u00e4gt, im ambulanten Bereich sind es zwischen 8 und 30 Minuten. Aufgrund der demografischen Entwicklung wird der Betreuungsbedarf weiter anwachsen: 2050 werden gem\u00e4ss Bundesamt f\u00fcr Statistik 1,1 Millionen \u00fcber 80-J\u00e4hrige in der Schweiz leben \u2013 das sind doppelt so viele wie heute.<\/p>\n<h2><strong>Wie finanzieren?<\/strong><\/h2>\n<p>Um die Betreuungsangebote zu finanzieren, sind gem\u00e4ss der Studie f\u00fcnf Varianten denkbar. Eine M\u00f6glichkeit w\u00e4re es, diese Angebote \u00fcber Erg\u00e4nzungsleistungen abzugelten: Damit werden zwar zielgenau finanziell schlechtergestellte Menschen erreicht. Doch dies bedingt eine Vorfinanzierung der Leistungen durch die betreuten Personen und vermag die untere Mittelschicht nicht zu entlasten.<\/p>\n<p>Zweitens ist eine Anlehnung an die Hilflosenentsch\u00e4digung denkbar. Dies erm\u00f6glicht eine hohe Selbstbestimmung im Alter und verursacht wenig Bu\u0308rokratie, aber es fehlen Steuerungsm\u00f6glichkeiten fu\u0308r den zielgenauen Einsatz der Mittel.<\/p>\n<p>Eine dritte Variante sind Betreuungsgutsprachen: Diese gew\u00e4hrleisten eine gewisse Selbstbestimmung und Qualit\u00e4tssicherung, verursachen aber hohe Eintrittsh\u00fcrden und Administrativkosten.<\/p>\n<p>Viertens kommt eine Anstossfinanzierung durch den Bund \u2013 und eine weiterf\u00fchrende Finanzierung durch die Kantone \u2013 infrage. Diese Variante h\u00e4tte den Vorteil, dass das Angebot qualitativ gut ausgebaut w\u00fcrde, allerdings w\u00e4re die Finanzierung langfristig nicht gesichert.<\/p>\n<h2><strong>Option Betreuungsgeld<\/strong><\/h2>\n<p>All diese Varianten weisen \u2013 neben verschiedenen St\u00e4rken \u2013 auch substanzielle Schwachpunkte auf. Deshalb wurde im Rahmen der Studie eine f\u00fcnfte Variante erarbeitet. Sie setzt auf ein sogenanntes Betreuungsgeld. Dieses Betreuungsgeldmodell ist unabh\u00e4ngig von der Wohnform anwendbar, und finanziert werden die Leistungen durch Bund, Kantone und Gemeinden.<\/p>\n<p>Das Betreuungsgeldmodell enth\u00e4lt einerseits ein \u00absubjektorientiertes\u00bb Element. Sprich: Personen mit einem Betreuungsbedarf bezahlen f\u00fcr das ihnen zugesprochene Stundenkontingent einen reduzierten Preis. Die Subventionierung erfolgt durch die Kantone und Gemeinden. Die Empf\u00e4nger leisten einen Eigenbeitrag, wobei der Kanton die H\u00f6he des Eigenbeitrags festlegt. Ziel ist eine finanzielle Entlastung der Mittelschicht, um den Zugang im Vergleich zu heute zu verbessern. Wenn eine Person die reduzierten Preise nicht bezahlen kann, werden diese von den Erg\u00e4nzungsleistungen zur AHV \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Andererseits enth\u00e4lt das Modell ein \u00abobjektorientiertes Element\u00bb: Es werden Projekte zur Qualit\u00e4tsentwicklung und -sicherung gef\u00f6rdert sowie spezifische Angebote unterst\u00fctzt, die aufsuchend erfolgen und niederschwellig ausgestaltet sind. Auch die Kosten zur Bedarfsabkl\u00e4rung werden vom Bund \u00fcbernommen, um einheitliche Qualit\u00e4tsstandards und Abl\u00e4ufe sicherzustellen.<\/p>\n<h2><strong>Angeh\u00f6rige entlasten<\/strong><\/h2>\n<p>Unabh\u00e4ngig vom gew\u00e4hlten Finanzierungsmodell l\u00e4sst sich abschliessend sagen: Sowohl im ambulanten wie auch im station\u00e4ren Bereich gibt es eine Finanzierungsl\u00fccke und damit verbunden einen ungedeckten Betreuungsbedarf. Wenn es gelingt, diese L\u00fccke zu schliessen und \u00e4ltere Menschen mit psychosozialer Betreuung zu unterst\u00fctzen, kann man davon ausgehen, dass dies einen hohen pr\u00e4ventiven Wert hat: Kompetenzen werden gest\u00e4rkt, notfallm\u00e4ssige Spitaleintritte verhindert und Heimeintritte verz\u00f6gert.<\/p>\n<p>Aus volkswirtschaftlicher Sicht wichtig ist auch der Aspekt der Entlastung der betreuenden Angeh\u00f6rigen durch gute, zug\u00e4ngliche Betreuungsangebote. Nachdem in den vergangenen Jahren die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf von der Politik adressiert worden ist, wird in den kommenden Jahren die Frage in den Fokus r\u00fccken, wie sich der Beruf und die Betreuung von Eltern und Schwiegereltern vereinbaren lassen und wie der Staat hierzu einen Beitrag leisten kann.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">BSS Volkswirtschaftliche Beratung (2021); BFS-Daten: Schweizerische Gesundheitsbefragung, Spitex- und SOMED-Statistik.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 80-j\u00e4hrige Witwe B. lebt allein zu Hause. Aufgrund diverser Erkrankungen wie multifaktorieller Gangst\u00f6rung, Pr\u00e4diabetes und Lungenembolien ist sie motorisch und auch bei der Atmung eingeschr\u00e4nkt. 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