{"id":97754,"date":"2021-11-29T12:17:41","date_gmt":"2021-11-29T12:17:41","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/11\/recherche-pharmaceutique-la-suisse-en-retard-dans-la-numerisation\/"},"modified":"2023-08-23T22:48:06","modified_gmt":"2023-08-23T20:48:06","slug":"pharmaforschung-nachholbedarf-bei-der-digitalisierung-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/11\/pharmaforschung-nachholbedarf-bei-der-digitalisierung-in-der-schweiz\/","title":{"rendered":"Pharmaforschung: Nachholbedarf bei der Digitalisierung in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>Der Pharma-Forschungsstandort Schweiz z\u00e4hlt international zur Spitze und verzeichnete in den vergangenen 20 Jahren ein kr\u00e4ftiges Wachstum. Ein Indiz f\u00fcr die Innovationskraft ist die Zahl der Patente: Im Jahr 2018 gab es in der Schweiz gem\u00e4ss einer Studie des Forschungs- und Beratungsinstituts BAK Economics im Auftrag des Branchenverbands Interpharma \u00fcber 6600 aktive Patente der Sparte Biotech und Pharma.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>\u00a0 Das sind mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2000.<\/p>\n<p>Jedes siebte Schweizer Biotech-\/Pharmapatent geh\u00f6rt im jeweiligen Technologiefeld weltweit zu den besten 10 Prozent der relevantesten Entwicklungen. In keinem anderen Land ist die Quote an solchen \u00abWeltklassepatenten\u00bb so hoch. Bei rund 5 Prozent aller \u00abWeltklassepatente sind Forschende aus der Schweiz beteiligt.<\/p>\n<h2><strong>KI h\u00e4lt Einzug<\/strong><\/h2>\n<p>In den n\u00e4chsten Jahren wird die Digitalisierung die Forschung der Lifesciences stark ver\u00e4ndern. Digitale Technologien er\u00f6ffnen neue Chancen bei der Diagnose von Krankheiten, bei der Erforschung von Wirkstoffen, bei der Entwicklung von Medikamenten oder bei personalisierten Therapien. So werden beispielsweise aufwendige Computersimulationen eingesetzt, um die Entdeckung von geeigneten Molek\u00fclen zu beschleunigen, und auch Anwendungen der k\u00fcnstlichen Intelligenz kommen verst\u00e4rkt zum Einsatz, um potenzielle neue Wirkstoffe zu identifizieren und die Erfolgsrate in der Arzneimittelforschung zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig liegt der Anteil der Patente mit digitalen Elementen in der gesamten Lifesciences-Forschung international zwar noch im niedrigen einstelligen Prozentbereich, sie werden in den kommenden Jahren jedoch deutlich an Bedeutung gewinnen. Entsprechend wird die k\u00fcnftige Stellung im Innovationswettbewerb zunehmend davon abh\u00e4ngen, wie erfolgreich man die Chancen der Digitalisierung nutzen kann.<\/p>\n<p>Der Forschungsplatz Schweiz hat bei der Digitalisierung Aufholpotenzial. Beim Einsatz von digitalen Technologien sind Standorte wie die Regionen San Francisco, Boston und Tokio sowie Singapur besser positioniert als die Schweiz: W\u00e4hrend die Biotech-\/Pharmapatente mit digitalen Elementen in der Schweiz im Jahr 2018 auf einen Anteil von 2,4 Prozent kamen, waren es in der San Francisco Bay Area 6,5 Prozent (siehe <em>Abbildung<\/em>). Mit einer Wachstumsrate von 41 Prozent im Zeitraum 2010 bis 2018 bei den Patenten mit digitalen Elementen stellt die Schweiz sogar das Schlusslicht unter den analysierten Top-Lifesciences-Standorten dar. Zum Vergleich: Beim Spitzenreiter Seoul legten die Patente mit einem digitalen Bezug um 254 Prozent zu.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Biotech-\/Pharmapatente mit digitalen Elementen an f\u00fchrenden Standorten (2010 und 2018)<\/strong><\/h3>\n<div class='chart chart--normal' id='GRASS_JANK_DILSIZ_Abbildung_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#GRASS_JANK_DILSIZ_Abbildung_de').highcharts({\n\n     chart: {\n        type: 'bar'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n        categories: [\n        '\tShanghai\t'\t,\n'\tSeoul\t'\t,\n'\t<b>Schweiz<\/b>'\t,\n'\tTokio\t'\t,\n'\tSingapur\t'\t,\n'\tGreater Boston Area\t'\t,\n'\tSan Francisco Bay Area\t'\t\n\n        ],\n        crosshair: true\n    },\n    yAxis: {\n        min: 0,\n        title: {\n            text: ''\n        },\n        labels: {\n            format: '{value}%',\n           \n        },\n        \n    },\n    tooltip: {\n        headerFormat: '<span style=\"font-size:10px\">{point.key}<\/span><table>',\n        pointFormat: '<tr><td style=\"color:{series.color};padding:0\">{series.name}: <\/td>' +\n            '<td style=\"padding:0\"><b>{point.y:.1f}%<\/b><\/td><\/tr>',\n        footerFormat: '<\/table>',\n        shared: true,\n        useHTML: true\n    },\n    plotOptions: {\n        column: {\n            pointPadding: 0.2,\n            borderWidth: 0\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: '2010',\n        data: [1.3\t,\n1.3\t,\n1.8\t,\n2.3\t,\n2.9\t,\n3.5\t,\n4.7\t\n]\n\n    }, {\n        name: '2018',\n        data: [1\t,\n2.2\t,\n2.4\t,\n3\t,\n3.5\t,\n4.2\t,\n6.5\t\n\n]\n\n    }]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n<p><span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: BAK Economics, IGE, PatentSight \/ Die Volkswirtschaft <\/span><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Betrachtet man nur die Biotech-\/Pharmapatente, die auf KI-Methoden wie Machine-Learning setzen, ergibt sich ein \u00e4hnliches Bild. In der Schweiz kamen diese Patente im Jahr 2018 auf einen Anteil von insgesamt 0,9 Prozent. Anders in Kalifornien: In der Region San Francisco ist der Anteil an KI-Patenten mit 2,7 Prozent dreimal so hoch wie in der Schweiz. Auch in absoluten Zahlen liegt die Schweiz mit 58 aktiven KI-Patenten deutlich hinter San Francisco (417), Boston (247) und Tokio (92).<\/p>\n<h2><strong>Zugang zu Patientendaten<\/strong><\/h2>\n<p>Grunds\u00e4tzlich sind die Voraussetzungen f\u00fcr die digitale Transformation in der Schweiz gut. Im diesj\u00e4hrigen <a href=\"https:\/\/www.imd.org\/centers\/world-competitiveness-center\/rankings\/world-digital-competitiveness\/\">World Digital Competitiveness Ranking (WDCR)<\/a> der Lausanner Wirtschaftshochschule IMD, welches die F\u00e4higkeit von L\u00e4ndern zur Adaption von digitalen Technologien misst, liegt die Schweiz auf dem sechsten Rang. Zu den St\u00e4rken der Schweiz geh\u00f6ren der gute allgemeine Bildungsstand, die Attraktivit\u00e4t der Schweiz f\u00fcr ausl\u00e4ndische Fachkr\u00e4fte sowie der Wissenstransfer zwischen Hochschulen und Unternehmen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Digitalisierung der Pharmaforschung sind jedoch zus\u00e4tzliche Kriterien entscheidend. Wichtig ist insbesondere ein \u00d6kosystem, in dem Gesundheitsdaten von Patienten, \u00c4rzten und Krankenh\u00e4usern einheitlich erhoben, geteilt und in der Forschung genutzt werden k\u00f6nnen. Dies birgt ein grosses Potenzial f\u00fcr die Verbesserung der Gesundheitsversorgung, insbesondere auch, weil dank Smartphones und Wearables wie Smartwatches heute umfangreiche medizinische Daten zur Verf\u00fcgung stehen. Die Nutzung dieser Daten kann zu pr\u00e4ziseren Diagnosen und einer zielgerichteteren Forschung und Produktion in der Pharmaindustrie beitragen. Im Idealfall k\u00f6nnen zuk\u00fcnftig Patientendaten mit klinischen Studien verkn\u00fcpft werden, um etwa die Auswirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten besser zu \u00fcberwachen.<\/p>\n<p>Bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems und bei der Nutzung von Gesundheitsdaten schneidet die Schweiz in internationalen Vergleichen allerdings schlecht ab. So landete die Schweiz in der Studie \u00ab#SmartHealthSystems\u00bb der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2018 auf dem drittletzten Rang von insgesamt 17 L\u00e4ndern. Auf dem Podest finden sich Estland, Kanada und D\u00e4nemark, wo die Digitalisierung deutlich weiter fortgeschritten ist als in der Schweiz.<\/p>\n<p>In D\u00e4nemark werden Gesundheitsdaten von Patienten beispielsweise in einem <a href=\"https:\/\/www.sundhed.dk\/\">E-Health-Portal<\/a> erfasst. Diese Daten k\u00f6nnen grunds\u00e4tzlich auch von Universit\u00e4ten und Pharmaunternehmen f\u00fcr Forschungszwecke genutzt werden, sofern sie nicht gegen die d\u00e4nischen Datenschutzbestimmungen verstossen. Aus Transparenzgr\u00fcnden k\u00f6nnen die B\u00fcrger einsehen, wer auf ihre Daten zugegriffen hat.<\/p>\n<p>Anders in der Schweiz<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>: Das elektronische Patientendossier wurde hier deutlich sp\u00e4ter aufgegleist als in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Zudem besteht noch grosser Verbesserungsbedarf, was die Nutzung des Patientendossiers betrifft. Erstens muss es klare Spielregeln geben, unter welchen Bedingungen Patientendaten in der Forschung genutzt werden d\u00fcrfen. Eine solche explizite gesetzliche Grundlage gibt es nicht, wenngleich das Humanforschungsgesetz eine Nutzung anonymisierter Daten grunds\u00e4tzlich erlaubt.<\/p>\n<p>Zweitens muss eine Dateninfrastruktur aufgebaut werden, die einen breiten Zugang zu diesen Daten erm\u00f6glicht. Das Hauptproblem liegt derzeit n\u00e4mlich darin, dass die Daten gegenw\u00e4rtig nicht in der geeigneten Struktur vorliegen, um in der Forschung zum Einsatz kommen zu k\u00f6nnen. N\u00f6tig w\u00e4re deshalb eine zentrale Dateninfrastruktur, eine Art Daten\u00f6kosystem, wo Daten einheitlich erhoben und von allen Forschungsakteuren genutzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2><strong>In Digitalisierung investieren<\/strong><\/h2>\n<p>Angesichts der steigenden Bedeutung von digitalen Technologien und des Zugangs zu Gesundheitsdaten in der pharmazeutischen Forschung scheint klar: Die Schweizer Pharmaunternehmen werden in die Digitalisierung investieren \u2013 die Frage ist nur, an welchen Standorten sie das tun werden.<\/p>\n<p>Damit der Standort Schweiz f\u00fcr diese Unternehmen auch in Zukunft ein wichtiges Standbein des globalen Forschungsnetzwerks bleibt, ist es aus unserer Sicht zentral, dass sich die Rahmenbedingungen f\u00fcr die Digitalisierung in der Pharmabranche verbessern. Gefragt sind ein wettbewerbsf\u00e4higes Innovationsumfeld sowie die Schaffung einer geeigneten Dateninfrastruktur, welche auf eine optimale Nutzung digitaler Technologien und Gesundheitsdaten innerhalb der Forschung und Entwicklung ausgerichtet ist.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">BAK Economics (2021).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Bertelsmann-Stiftung (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Pharma-Forschungsstandort Schweiz z\u00e4hlt international zur Spitze und verzeichnete in den vergangenen 20 Jahren ein kr\u00e4ftiges Wachstum. 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