{"id":97819,"date":"2021-11-29T12:17:40","date_gmt":"2021-11-29T12:17:40","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/11\/la-pharma-nous-danse-sur-le-ventre\/"},"modified":"2023-08-23T22:48:29","modified_gmt":"2023-08-23T20:48:29","slug":"big-pharma-in-partystimmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/11\/big-pharma-in-partystimmung\/","title":{"rendered":"Big Pharma in Partystimmung"},"content":{"rendered":"<p>In den Teppichetagen der Pharmakonzerne herrscht Feststimmung. Die Firmenbosse schwingen das Tanzbein, weil die Regierungen es verpasst haben, ihre \u00fcber 100 Milliarden Franken an \u00f6ffentlichen Investitionen f\u00fcr die Entwicklung von Covid-19-Technologien an konkrete Bedingungen zu kn\u00fcpfen. Das Resultat: Die Unternehmen bestimmen, wer wann und zu welchem Preis Zugang zu Tests, Impfungen und Behandlungen erh\u00e4lt, und privatisieren die so generierten Riesengewinne. Die Konsequenz: ein weltweit ungleicher Zugang zu Pr\u00e4vention und Behandlung und die Verl\u00e4ngerung der Pandemie mit all ihren gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen.<\/p>\n<p>Die Basler Pharmariesen mischen dabei kr\u00e4ftig mit. Zwar hat Novartis seine Impfstoffsparte vor einigen Jahren verkauft. Aber durch Produktionsauftr\u00e4ge kann sich der Konzern dennoch ein sch\u00f6nes St\u00fcck vom Corona-Kuchen abschneiden und hofft, dass sich die angek\u00fcndigten eigenen Produkte bew\u00e4hren. Roche ist derweil dick im Gesch\u00e4ft mit Tests, und die n\u00e4chste Goldgrube wartet schon um die Ecke: Zwei ihrer Covid-19-Medikamente hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon zur Behandlung empfohlen.<\/p>\n<p>Alle Versuche, die Pandemie mit einer tempor\u00e4ren Aufhebung der Rechte an geistigem Eigentum (\u00abTrips-Waiver\u00bb) und einem Technologietransferpool (\u00abC-TAP\u00bb) schnell und \u00fcberall auf der Welt einzud\u00e4mmen, werden von der Pharmalobby bek\u00e4mpft und in der Folge von der Schweiz und anderen L\u00e4ndern blockiert.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Dabei sollten Covid-19-Technologien schon aufgrund ihrer massiven Subventionierung ein Gemeingut sein. Doch selbst dringendste Appelle f\u00fcr mehr Verantwortung und Solidarit\u00e4t in dieser globalen Gesundheitskrise verhallten wirkungslos. Die Pharmamultis perfektionierten vielmehr ihr Gesch\u00e4ftsmodell, und reiche L\u00e4nder sind dabei sowohl Komplizen, die dieses Modell sch\u00fctzen, als auch Geiseln, weil die Konzerne die Konditionen diktieren.<\/p>\n<h2><strong>Riesige Margen<\/strong><\/h2>\n<p>Als wichtigste Exportindustrie haben die Pharmafirmen einen enormen Einfluss auf die Schweizer Politik. Die Selbstinszenierung als Hort der Innovation und Retterin in der Not lief auch hierzulande \u00e4usserst erfolgreich. Dabei steht dieses Image in krassem Widerspruch zur profit- und nicht bedarfsorientierten Produktpolitik, den massiven staatlichen Subventionen (von der Grundlagenforschung bis zu garantierten Absatzm\u00e4rkten) sowie riesigen Gewinnmargen, Boni und Dividenden der Branche. Diese Missst\u00e4nde sind das Resultat eines kranken Systems und Ausdruck einer pervertierten marktwirtschaftlichen Logik.<\/p>\n<p>Ein bedeutender Sieg f\u00fcr die Pharmaindustrie und besonders verheerend f\u00fcr die \u00f6ffentliche Gesundheit ist das 1995 in Kraft getretene Abkommen \u00fcber handelsbezogene Aspekte der Rechte an geistigem Eigentum (Trips). Dieses globalisiert ein profitorientiertes und fehlerhaftes Anreizsystem. Hier die drei wichtigsten Probleme: Erstens, Pharmakonzerne entwickeln Medikamente f\u00fcr zahlungskr\u00e4ftige Kranke sowie \u2013 wegen der langen Behandlungsdauer \u2013 f\u00fcr chronische Erkrankungen. Medikamente gegen Krankheiten, die vor allem in einkommensschwachen L\u00e4ndern auftreten, sogenannte vernachl\u00e4ssigte Tropenkrankheiten, sind hingegen nicht lukrativ. Genauso wenig wie Antibiotika (die so wenig wie m\u00f6glich verschrieben werden sollten) oder Impfstoffe \u2013 ausser zu Pandemiezeiten.<\/p>\n<p>Zweitens, obschon \u00f6ffentliche Investitionen die Entwicklungsrisiken massiv vermindern, werden die ebenso massiven Profite von den Konzernen privatisiert. Patente sollten Unternehmen eigentlich f\u00fcr die Entwicklungskosten von Produkten entsch\u00e4digen, indem sie die Konkurrenz hindern, diese Erfindung einfach zu kopieren und selbst zu verkaufen. Bez\u00fcglich der eigenen Investitionen verweigert die Pharmaindustrie aber hartn\u00e4ckig jegliche Transparenz. Unabh\u00e4ngige Sch\u00e4tzungen zeigen jedoch, dass die Kosten wohl 15- bis 40-mal tiefer sind als die von der Branche publizierten Fantasiezahlen \u2013 damit sind die Margen um ein Vielfaches h\u00f6her.<\/p>\n<p>Drittens, der Missbrauch der durch Patente abgesicherten Monopolmacht f\u00fchrt zu immer h\u00f6heren Preisen. Das hat besonders in einkommensschwachen L\u00e4ndern verheerende Folgen: Laut der UNO haben \u00fcber 2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu essenziellen Medikamenten. Aber auch in der Schweiz machen Medikamente aktuell etwa ein Viertel aller Kosten der obligatorischen Krankenkasse aus.<\/p>\n<h2><strong>Gesundheit als Menschenrecht<\/strong><\/h2>\n<p>Ein grundlegender Punkt geht in der Schweizer Pharmapolitik vors\u00e4tzlich vergessen: Es ist Aufgabe des Staates, das Menschenrecht auf Gesundheit und damit den Zugang zu Medikamenten zu gew\u00e4hrleisten. Wenn er die Medikamentenversorgung an den Privatsektor delegiert, befreit dies den Staat nicht von seiner prim\u00e4ren Verantwortung, die Menschenrechte zu sch\u00fctzen und zu respektieren. Somit m\u00fcssen das Parlament und die Regierung diese \u00dcbertragung der Verantwortung rechtlich regeln, eine wirksame Aufsicht und Sanktionsm\u00f6glichkeiten sicherstellen.<\/p>\n<p>Ein fundamentaler Schritt in diese Richtung im aktuellen System und bei konkreten politischen Gesch\u00e4ften ist mehr Transparenz. Einerseits bei der Offenlegung der eigenen und \u00f6ffentlichen Investitionen, so wie dies bereits Italien und Frankreich umsetzen, andererseits bei der Festsetzung der Preise.<\/p>\n<p>Die vom Bundesrat vorgeschlagenen Kostend\u00e4mpfungsmassnahmen bewegen sich aber in die entgegengesetzte Richtung. Damit sollen Preismodelle (\u00abmanaged entry agreements\u00bb) gesetzlich verankert werden und die vom zust\u00e4ndigen Bundesamt f\u00fcr Gesundheit ausgehandelten Geheimrabatte nicht \u00fcber das \u00d6ffentlichkeitsgesetz einsehbar sein. Eine solche gesetzlich verankerte Intransparenz w\u00fcrde die sowieso schon grosse Informations- und Machtasymmetrie zugunsten der Konzerne verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Es ist Zeit zu handeln, denn ohne konkrete Regulierungsmassnahmen wird die Pharmaparty noch die ganze Nacht dauern. Und es sind selten diejenigen, die feiern, die am Morgen danach aufr\u00e4umen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Bei der WTO laufen derzeit Verhandlungen zur Suspendierung gewisser Aspekte des Trips-Abkommens, beschr\u00e4nkt auf Covid-19 Technologien und f\u00fcr die Dauer der Covid-19 Pandemie. Entwicklungen sind nur bis Redaktionsschluss ber\u00fccksichtigt.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Teppichetagen der Pharmakonzerne herrscht Feststimmung. 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