{"id":97852,"date":"2021-11-26T08:15:01","date_gmt":"2021-11-26T08:15:01","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/11\/modeles-de-prix-un-frein-a-la-hausse-des-couts-des-medicaments\/"},"modified":"2023-08-23T22:48:44","modified_gmt":"2023-08-23T20:48:44","slug":"koennen-preismodelle-den-anstieg-der-medikamentenkosten-daempfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/11\/koennen-preismodelle-den-anstieg-der-medikamentenkosten-daempfen\/","title":{"rendered":"K\u00f6nnen Preismodelle den Anstieg der Medikamentenkosten d\u00e4mpfen?"},"content":{"rendered":"<p>Was darf ein von der Krankenversicherung verg\u00fctetes Medikament in der Schweiz kosten? Die meisten w\u00fcrden wahrscheinlich antworten: gleich viel wie im Ausland oder nur so viel wie vergleichbare Medikamente.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nUnd genau so ist es auch geregelt: Der Medikamentenpreis (ohne Generika) setzt sich in der Schweiz je zur H\u00e4lfte aus Auslandvergleich und dem therapeutischen Quervergleich mit zur Behandlung derselben Krankheit eingesetzten Medikamenten zusammen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> F\u00fcr den Auslandvergleich wird der Durchschnittspreis eines Medikaments in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern Belgien, D\u00e4nemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Grossbritannien, Niederlande, \u00d6sterreich und Schweden herangezogen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nJahrelang hat diese Formel gut funktioniert. Entsprechend sind Preisunterschiede zum Ausland, ausser bei Generika, vergleichsweise klein. Die j\u00e4hrliche Erhebung 2021 von Sant\u00e9suisse und Interpharma zeigt: Das Preisniveau der patentgesch\u00fctzten Medikamente ist in den neun Referenzl\u00e4ndern im Durchschnitt lediglich 6,9 Prozent tiefer als in der Schweiz.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Preismodelle auf Vormarsch<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nAber stimmt dieser Auslandpreisvergleich auch wirklich? Die Antwort ist ern\u00fcchternd. Wir und auch alle anderen L\u00e4nder wissen es leider nicht so genau. Denn international hat sich insbesondere bei hochpreisigen und umsatzstarken Medikamenten eine Praxis der Preisfestsetzung mit zus\u00e4tzlichen Vereinbarungen (\u00abManaged Entry Agreements\u00bb) durchgesetzt. Sprich: Die Pharmaunternehmen verhandeln mit den zust\u00e4ndigen Institutionen der L\u00e4nder Preismodelle mit vertraulichen Rabatten.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDer von den Referenzl\u00e4ndern der Schweiz \u00f6ffentlich publizierte, f\u00fcr den Auslandpreisvergleich ber\u00fccksichtigte Preis entspricht somit oft nicht dem effektiv in diesen L\u00e4ndern verg\u00fcteten Preis. In 24 von 28 europ\u00e4ischen L\u00e4ndern wird f\u00fcr die Preisfestsetzung auch der Auslandpreisvergleich f\u00fcr die Preisfestsetzung ber\u00fccksichtigt. Da aber jedes Land die effektiven Preise mit der Pharmaindustrie vertraulich verhandelt, kennen nur die Pharmaunternehmen selber die tats\u00e4chlich verg\u00fcteten Preise in den verschiedenen L\u00e4ndern.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDank ihres Wissensvorsprungs kann die Pharmaindustrie ihre Preise im internationalen Markt stark selber beeinflussen. Die Branche verteidigt diese Praxis damit, dass nur auf diese Weise die unterschiedliche Kaufkraft der L\u00e4nder ber\u00fccksichtigt werden k\u00f6nne. International ist dieses Vorgehen inzwischen sehr umstritten.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Im Jahr 2019 m\u00fcndete die internationale Kritik in einer Resolution der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die unter anderem Transparenz zu effektiv verg\u00fcteten Nettopreisen fordert.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Auch die Schweiz hat die Resolution unterzeichnet.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Autonomer Nachvollzug<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nDiese Bem\u00fchungen zeigen bisher wenig Wirkung. Vertrauliche Preismodelle werden in vielen Staaten weiterhin fl\u00e4chendeckend umgesetzt. Daher bleibt der Schweiz nichts anderes \u00fcbrig, als dieses ungleiche Spiel \u2013 jedes Land glaubt, es habe den besten Preis erzielt \u2013 mitzumachen. Ansonsten m\u00fcssten in der Schweiz viel zu hohe Preise, entsprechend den Schaufensterpreisen im Ausland, bezahlt werden. Denn wenn die publizierten Preise in der Schweiz deutlich tiefer w\u00e4ren als im Ausland, w\u00fcrden die Pharmaunternehmen ihre Medikamente wohl oft vom kleinen Schweizer Markt, auf dessen Preise auch die anderen L\u00e4nder schauen, zur\u00fcckziehen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nInzwischen hat deshalb auch das Bundesamt f\u00fcr Gesundheit (BAG), das die Verhandlungen f\u00fcr die Schweiz f\u00fchrt, knapp 20 vertrauliche Preismodelle umgesetzt. Die Position scheint nur auf den ersten Blick widerspr\u00fcchlich: Ein international angewendetes System kann auch nur international ge\u00e4ndert werden \u2013 ansonsten bleibt national nur der autonome Nachvollzug.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Starker Kostenanstieg<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nTrotz intensiver Kostend\u00e4mpfungsmassnahmen mit periodischer \u00dcberpr\u00fcfung aller Medikamentenpreise sind die Medikamentenkosten zuletzt besorgniserregend angestiegen. Im Jahr 2020 beliefen sie sich pro Kopf auf 882 Franken \u2013 das ist fast ein Viertel mehr als im Jahr 2014 (siehe <em>Abbildung<\/em>).&#013;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Medikamentenkosten pro Kopf in der Schweiz (2011 bis 2020)<\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Christen-Indermitte-2021-12-Abbildung_DE'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Christen-Indermitte-2021-12-Abbildung_DE').highcharts({\n\nchart: {\n        type: 'spline'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n     plotOptions: {\n        spline: {\n            marker: {\n                enabled: false\n            }\n        }\n    },\n    xAxis: {\n    \n    title: {\n                text: ''\n            },\n        categories: [\n\n\n'\t2011\t'\t,\n'\t2012\t'\t,\n'\t2013\t'\t,\n'\t2014\t'\t,\n'\t2015\t'\t,\n'\t2016\t'\t,\n'\t2017\t'\t,\n'\t2018\t'\t,\n'\t2019\t'\t,\n'\t2020\t'\t\n\n\n],\n\n\n    },\n tooltip: {\n        headerFormat: '{point.key}: ' ,\n        pointFormat: '{point.y} Fr.',\n    },\n    yAxis: {\nmin: 0,\n        title: {\n            text: 'Franken'\n        },\n        labels: {\n                format: '{value}'\n            },\n            \n                   \n    },\n    \n    \n    series: [\n     {\n        name: 'Kosten pro versicherte Person und Jahr f\u00fcr Medikamente verg\u00fctet durch die Grundversicherung',\n        data: [\n  694\t,\n710\t,\n724\t,\n718\t,\n750\t,\n788\t,\n814\t,\n831\t,\n852\t,\n882\t\n\n\n\n\n\n]\n       \n           },  \n           \n          \n           \n           \n           \n           ]\n});\n});\n\n<\/script>\n&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: BAG \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nVerantwortlich f\u00fcr dieses starke Kostenwachstum sind prim\u00e4r die hochpreisigen Medikamente in den Bereichen der Onkologie, der Rheumatologie oder der seltenen Erkrankungen. Vor allem in der Krebstherapie werden teure Medikamente vermehrt kombiniert eingesetzt oder \u00fcber eine sehr lange Zeitdauer verabreicht. Verbunden mit hohen Preisforderungen, f\u00fchrt dies zu einer Vervielfachung der Kosten. Medikamentenkosten von mehreren Hunderttausend Franken pro Patient und Behandlung sind daher inzwischen keine Seltenheit mehr.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Menge und Finanzierbarkeit<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nEs ist aber nicht der Preis allein, welcher zu enormen Kosten f\u00fchrt. Entscheidend ist auch die Menge, also die Anzahl Behandlungen mit einem bestimmten Arzneimittel. Um die Kosten f\u00fcr breit angewendete oder komplexe Behandlungen auf einem finanzierbaren Niveau zu halten, wird in Zukunft die erw\u00e4hnte Preisfestsetzungsformel aus Auslandpreisvergleich und therapeutischem Quervergleich allein nicht mehr ausreichen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nEinen Schritt in diese Richtung haben Bundesrat und Parlament mit der Annahme einer Motion von FDP-St\u00e4nderat Josef Dittli aus dem Jahr 2019 gemacht, welche Anpassungen beim Zulassungs- und Preisbildungssystem in der Grundversicherung fordert. Auf dieser Basis werden nun Anpassungen ausgearbeitet, damit in Zukunft neben dem Preis auch die H\u00e4ufigkeit der Anwendung, der therapeutische Nutzen und die Finanzierbarkeit mitber\u00fccksichtigt werden k\u00f6nnen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nBereits heute werden in ersten Preismodellen Umsatzvolumengrenzen, R\u00fcckerstattungen aufgrund fehlender Wirkung oder Preisanpassungen integriert. In Zukunft k\u00f6nnten solche Preismodelle noch viel mehr dazu beitragen, die Kosten im Medikamentenbereich zu d\u00e4mpfen. Im Rahmen des \u00abKostend\u00e4mpfungspakets 2\u00bb, das in der ersten H\u00e4lfte 2022 ins Parlament kommt, sollen deshalb die gesetzlichen Grundlagen f\u00fcr die Umsetzung von Preismodellen gest\u00e4rkt werden. Die M\u00f6glichkeiten zur Umsetzung von Preismodellen sollen im Gesetz verankert werden, und auch die praktische Umsetzung der R\u00fcckerstattungen an die Krankenversicherer soll verbessert werden.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie konkrete Ausgestaltung eines Preismodells wird aber auch mit der neuen gesetzlichen Grundlage im Einzelfall eine Herausforderung bleiben. Daher hat das BAG bereits verschiedene neue L\u00f6sungen in Form von kostend\u00e4mpfenden Preismodellen eingebracht und ist an weiteren interessiert. Damit Medikamente rasch und zu einem finanzierbaren Preis verg\u00fctet werden k\u00f6nnen, braucht es aber auch eine Pharmaindustrie, die \u00fcber die Interessen im konkreten Einzelfall hinaus den Blick auf die Kostenentwicklung des gesamten Systems bewahrt.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Die Gretchenfrage<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nPreismodelle werden in Zukunft also noch zentraler. Aber sie sind letztlich nur die Instrumente, die dabei helfen, die Preisfestsetzung auf eine neue Basis zu stellen. Keine Antwort liefern sie auf die Frage, wie hoch der Preis bei welcher Anwendungsh\u00e4ufigkeit sein soll oder um wie viel ein Preis bei einer Mengenausweitung gesenkt werden soll oder f\u00fcr welchen Nutzen welcher Preis oder welche Kosten wirtschaftlich sind.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nVor zehn Jahren stellte der damalige Nationalrat Ignazio Cassis dem Bundesrat die unbequeme Frage: \u00abWie viel soll die Gesellschaft f\u00fcr ein Lebensjahr bezahlen?\u00bb Die Antwort ist bis heute ausgeblieben. Die Nationale Ethikkommission (NEK) hat inzwischen Ende 2020 auf Anfrage des BAG ausgef\u00fchrt, dass es durchaus ethisch und n\u00f6tig sei, sich mit Fragen der Kostengrenzen und der Finanzierbarkeit zu besch\u00e4ftigen. Im Rahmen der Arbeiten zum Kostend\u00e4mpfungspaket 2 erarbeitet das BAG deshalb derzeit unter Einbezug von Experten Vorschl\u00e4ge.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDiskutiert werden muss die Frage im Parlament. Denn die NEK verweist zu Recht auch auf die Wichtigkeit der politischen Debatte zu diesen Fragen, die zu Entscheiden von grosser Tragweite f\u00fchren. Der Zeitpunkt, sich mit der Gretchenfrage zu besch\u00e4ftigen, ist indes gekommen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Art. 65b Absatz 5 KVV.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch?p=97739\">Beitrag<\/a> von Jayashree Watal in diesem Schwerpunkt.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">72th World Health Assembly (2019). <a href=\"https:\/\/apps.who.int\/gb\/ebwha\/pdf_files\/WHA72\/A72_ACONF2Rev1-en.pdf\">Improving the Transparency of Markets for <\/a><a href=\"https:\/\/apps.who.int\/gb\/ebwha\/pdf_files\/WHA72\/A72_ACONF2Rev1-en.pdf\">Medicines, Vaccines, and Other Health Products<\/a>. Agenda Item 11.7. Resolution vom 28. Mai.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was darf ein von der Krankenversicherung verg\u00fctetes Medikament in der Schweiz kosten? 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