{"id":97867,"date":"2021-11-25T07:49:52","date_gmt":"2021-11-25T07:49:52","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/11\/vaccins-contre-le-coronavirus-qui-paie-quoi\/"},"modified":"2023-08-23T22:48:09","modified_gmt":"2023-08-23T20:48:09","slug":"covid-impfstoffe-wer-zahlt-was","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/11\/covid-impfstoffe-wer-zahlt-was\/","title":{"rendered":"Covid-Impfstoffe: Wer zahlt was?"},"content":{"rendered":"<p>Biotechfirmen wie Biontech oder Moderna verdienen mit ihren mRNA-Impstoffen derzeit viel Geld. Kritiker fordern deshalb, es gelte den Patentschutz auszusetzen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Sie argumentieren unter anderem, die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler w\u00fcrden doppelt f\u00fcr Medikamente und Impfstoffe zahlen (\u00abpaying twice\u00bb). N\u00e4mlich zuerst bei der Steuerfinanzierung von relevanter Grundlagenforschung und dann als Patienten f\u00fcr das anwendungsreife Produkt. Das Gesch\u00e4ftsmodell der Pharmaunternehmen erscheint aus dieser Perspektive als ein relativ risikoloses Absch\u00f6pfen von Gewinnen.<\/p>\n<p>Doch stimmt diese Argumentation? Zun\u00e4chst stellt sich die Frage, welche Rolle die staatlich finanzierte Grundlagenforschung in Universit\u00e4ten und anderen \u00f6ffentlichen Forschungsinstituten eigentlich aus wirtschaftspolitischer Sicht spielt.<\/p>\n<h2><strong>Wissen bereitstellen <\/strong><\/h2>\n<p>Einerseits zahlen die Staaten daf\u00fcr, dass die Forschung Grundlagenwissen bereitstellt, dessen \u00f6konomische Anwendungspotenziale noch unsicher sind. Diese Art der Grundlagenforschung ist noch sehr anwendungsfern: Welche konkreten Verwertungsm\u00f6glichkeiten aus der Forschung folgen k\u00f6nnen, ist meist noch unklar. Das produzierte Wissen hat letztlich den Charakter eines \u00f6ffentlichen Gutes. Es ist daher eine genuine Aufgabe des Staates, dieses zu finanzieren.<\/p>\n<p>Andererseits geht es bei der \u00f6ffentlichen Finanzierung der Grundlagenforschung oft auch um positive externe Effekte. Diese existieren zum Beispiel dann, wenn Unternehmen nicht damit rechnen, vom gesamten wirtschaftlichen Nutzen ihrer Forschung allein zu profitieren, etwa, weil ihr Wissen zu Wettbewerbern \u00fcberschwappt. Dann investieren sie unterhalb des gesellschaftlichen Optimums. Es kann daher \u00f6konomisch effizient sein, zus\u00e4tzliche Forschung durch \u00f6ffentliche Finanzierung anzustossen.<\/p>\n<p>Im Fall der mRNA-Impstoffe spielten ganz sicher beide Motive \u2013 das Bereitstellen von Wissen sowie positive externe Effekte \u2013 eine Rolle. Das volle Anwendungsspektrum der mRNA-Technologie, die urspr\u00fcnglich f\u00fcr Krebstherapien entwickelt wurde, war in den 1990er-Jahren noch nicht absehbar. Aber f\u00fcr den Fall eines Durchbruchs erschien ein erheblicher gesellschaftlicher Nutzen in Form von Abermillionen geretteter Leben denkbar. Mit der F\u00f6rderung solch fr\u00fcher Grundlagenforschung tut der Staat einfach das, was er im Zusammenspiel mit dem Privatsektor sinnvollerweise tun sollte.<\/p>\n<h2><strong>Curevac scheitert<\/strong><\/h2>\n<p>Spannender ist der n\u00e4chste Schritt, also der eigentliche Innovationsprozess, der einen anwendungsreifen Wirkstoff hervorbringen soll. Diese Phase ist keinesfalls risikolos. In den vergangenen zwei Jahren sahen wir bei der Entwicklung von mRNA-Impfstoffen zwei deutsche Unternehmen mit ganz unterschiedlichen Resultaten: Biontech, das gemeinsam mit Pfizer erfolgreich Comirnaty auf den Markt brachte, und seinen Konkurrenten Curevac, dessen Impfstoffentwicklung scheiterte. Dabei galt der mRNA-Pionier Curevac noch unl\u00e4ngst als der aussichtsreichere Kandidat und hatte auch den deutschen Staat als Gesellschafter gewinnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Biontech wurde 2008, acht Jahre sp\u00e4ter als Curevac, gegr\u00fcndet und erwirtschaftete 2020 erstmals einen Gewinn. \u00dcber die lange wirtschaftliche Durststrecke hinweg half mit dem \u00abFamily-Office\u00bb der deutschen Milliard\u00e4rszwillinge Andreas und Thomas Str\u00fcngmann ein risikofreudiger privater Ankerinvestor. Dieser war von Beginn an dabei und sicherte die Existenz des Unternehmens auch in Phasen, in denen die wirtschaftliche Verwertbarkeit des eigenen mRNA-Ansatzes h\u00f6chst unsicher war. Gleichzeitig ging Biontech in den 2010er-Jahren Forschungskooperationen mit etablierten Pharmakonzernen wie Bayer und Sanofi ein.<\/p>\n<h2><strong>Str\u00fcngmann an Bo<\/strong><strong>rd<\/strong><\/h2>\n<p>Betrachtet man die Gr\u00f6ssenordnungen der Mittelzufl\u00fcsse, so fiel der staatliche Beitrag an Biontech lange relativ gering aus. Die staatlichen F\u00f6rdergelder summieren sich auf einen Betrag im unteren zweistelligen Millionenbereich.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Grosse F\u00f6rdersummen, vor allem 375 Millionen Euro des Bundesforschungsministeriums f\u00fcr den schnellen Abschluss klinischer Studien und den beschleunigten Aufbau von Produktionskapazit\u00e4ten, flossen erst 2020, als die Unsicherheit des Innovationsprozesses bereits verflogen war.<\/p>\n<p>Eine Aussage dar\u00fcber, ob die fr\u00fche staatliche Gr\u00fcndungsf\u00f6rderung f\u00fcr Biontech kausal verantwortlich f\u00fcr die sp\u00e4tere Erfolgsgeschichte war, ist kaum m\u00f6glich. Fest steht aber, dass, nur wenige Monate nachdem die erste Tranche der Gr\u00fcndungsf\u00f6rderung im insgesamt unteren einstelligen Millionenbereich geflossen war, das Family-Office Str\u00fcngmann mit 150 Millionen Euro einstieg.<\/p>\n<p>Werfen wir also einen Blick auf den langen Zeitraum zwischen urspr\u00fcnglicher Grundlagenforschung und marktreifem Wirkstoff: Nur wenn in dieser Phase keine besonderen unternehmerischen oder forschenden Leistungen mehr erbracht worden w\u00e4ren, k\u00f6nnte man problemlos behaupten, dass hohe Gewinne aus der Entwicklung und Vermarktung eines Wirkstoffs ungerechtfertigt seien und dass der Schutz der Rechte an geistigem Eigentum unfair sei. Das ist aber offensichtlich nicht der Fall.<\/p>\n<h2><strong>Steiniger Weg<\/strong><\/h2>\n<p>R\u00fcckblickend zeigt sich vielmehr: Der Weg von der Grundlagenforschung zum mRNA-Impfstoff war lang und risikoreich. Der franz\u00f6sische Pharmakonzern Sanofi scheiterte daran ebenso wie das deutsche Start-up Curevac. Wenn die Anekdote stimmt, dass Biontech seinen Impfstoff in relativ kurzer Zeit im Januar 2020 entwickelte, so ist klar: Dies war nur m\u00f6glich durch das \u00fcber mehr als ein Jahrzehnt im Unternehmen gesammelte Fachwissen. Es ist aber bestimmt nicht der Tatsache geschuldet, dass der Weg von der staatlich finanzierten Grundlagenforschung zum fertigen Wirkstoff direkt und unproblematisch w\u00e4re.<\/p>\n<p>Kommt hinzu: Die Zahlbereitschaft privater Investoren \u2013 wie der Str\u00fcngmann-Br\u00fcder im Falle von Biontech oder des Milliard\u00e4rs Dietmar Hopp bei Curevac \u2013 w\u00e4re wohl deutlich geringer ausgefallen, wenn keine hohen Gewinne in Aussicht gestellt worden w\u00e4ren. Denn die Finanzierung langer, wirtschaftlich unsicherer Forschungs- und Entwicklungsphasen beinhaltet ein grosses finanzielles Risiko. Dass mit einer Aufhebung der Rechte an geistigem Eigentum weniger private Investitionen in die Entwicklung von Wirkstoffen fliessen w\u00fcrden, scheint aus \u00f6konomischer Sicht klar.<\/p>\n<h2><strong>Privat oder staatlich?<\/strong><\/h2>\n<p>W\u00e4hrend die Trennung von staatlicher Grundlagenforschung und privat finanziertem Innovationsprozess bei mRNA-Impfstoffen relativ einfach ist, wird es bei anderen Pharmaprodukten deutlich schwieriger. H\u00e4ufig finanzieren n\u00e4mlich auch Pharmaunternehmen Grundlagenforschung in \u00f6ffentlichen Universit\u00e4ten \u2013 und umgekehrt dringen Spin-offs von Universit\u00e4ten mit fast fertig entwickelten Produkten in den Markt.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Verflechtungen hilft es aus wirtschaftspolitischer Sicht vielleicht, sich nicht an Verteilungsargumenten festzubeissen, sondern die Anreize in den Vordergrund zu stellen: Das erkl\u00e4rte Ziel staatlicher Forschungspolitik soll es sein, die Entwicklung von Innovationen zu beschleunigen und \u00f6ffentliche wie private Ressourcen in die Forschung an Leben und Lebensqualit\u00e4t erhaltenden Wirkstoffen zu lenken.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Bei der WTO laufen derzeit Verhandlungen zur teilweisen Suspendierung des Trips-Abkommens im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie. Entwicklungen sind nur bis Redaktionsschluss ber\u00fccksichtigt.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">F\u00f6rdergelder u.a. des Bundesforschungsministeriums (BMBF), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie des European Research Council (ERC).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Biotechfirmen wie Biontech oder Moderna verdienen mit ihren mRNA-Impstoffen derzeit viel Geld. Kritiker fordern deshalb, es gelte den Patentschutz auszusetzen. Sie argumentieren unter anderem, die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler w\u00fcrden doppelt f\u00fcr Medikamente und Impfstoffe zahlen (\u00abpaying twice\u00bb). 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Da die \u00f6ffentliche Hand den Hauptteil der Forschung finanziert habe, gelte es deshalb den Patentschutz auszusetzen. Dieses Argument \u00fcberzeugt allerdings weder bei den mRNA-Impfstoffen noch bei anderen Pharmaprodukten. Denn das Hauptrisiko des Innovationsprozesses tragen die Unternehmen. 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