{"id":98003,"date":"2021-11-01T10:57:53","date_gmt":"2021-11-01T10:57:53","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/11\/un-changement-dynamique-exige-une-formation-professionnelle-flexible\/"},"modified":"2023-08-23T22:48:23","modified_gmt":"2023-08-23T20:48:23","slug":"digitalisierung-erfordert-flexible-berufsbildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/11\/digitalisierung-erfordert-flexible-berufsbildung\/","title":{"rendered":"Digitalisierung erfordert flexible Berufsbildung"},"content":{"rendered":"<p>Technologische Entwicklungen werden oft durch die Industrie angetrieben. Entsprechend ist sie auch der Ort, wo diese neuen Technologien die st\u00e4rksten Auswirkungen haben. So spielen sie etwa eine zentrale Rolle bei Effizienzsteigerungen in der Produktion, bei der Herstellung neuartiger Produkte, und sie k\u00f6nnen bereits bestehende Erzeugnisse mit neuen Funktionen versehen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDa die verf\u00fcgbaren Technologien immer vielf\u00e4ltiger und komplexer werden, wird es f\u00fcr Unternehmen zunehmend anspruchsvoller, das erforderliche Know-how sowie die ben\u00f6tigten Kompetenzen zu identifizieren. Folglich wird es f\u00fcr sie immer schwieriger, das neue technologische Potenzial gewinnbringend zu nutzen. Gleichzeitig bleiben in den Bereichen Fertigung und Materialien verschiedenste Technologien wie das Fr\u00e4sen, das Giessen oder das Beschichten nach wie vor die Grundlage f\u00fcr die industrielle Wertsch\u00f6pfung.&#013;<\/p>\n<h2>Start-up-Mentalit\u00e4t entwickeln<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nSeit 2016 f\u00fchrt der Branchenverband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem) regelm\u00e4ssig Umfragen in der Branche durch. Das Ziel dahinter ist es, zu beobachten, wie die Unternehmen die Konzepte der Industrie 4.0 umsetzen. Zu Beginn der Erhebungen setzten die Unternehmen bei ihren Digitalisierungsvorhaben meist auf Effizienzsteigerungen. Mit Blick auf die Herausforderungen nach dem Frankenschock von 2015 ist das durchaus nachvollziehbar.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nInzwischen haben die Firmen aber erkannt, dass Anwendungsbereiche, die sich am Kundennutzen orientieren, ein noch gr\u00f6sseres Potenzial haben. So standen in der Umfrage aus dem Jahr 2020 Digitalisierungsprojekte zur Kundenzusammenarbeit und Dienstleistungen an vorderster Stelle. Dazu z\u00e4hlen etwa vorausschauende Wartung oder automatisierte Online-Offertkalkulationen. Dieselbe Umfrage zeigt aber auch, dass sich die Unternehmen teilweise nicht in dem Umfang entwickeln, wie dies ihr Anspruch ist. So werden beispielsweise die Mitarbeitenden im notwendigen kulturellen Wandel als zentral betrachtet \u2013 die Stellgr\u00f6ssen dazu, wie etwa die Entwicklung der digitalen Kompetenzen der Mitarbeitenden oder die organisatorischen Anpassungen, werden aber noch zu oft vernachl\u00e4ssigt. Es zeigt sich, dass die Firmen sich noch schwertun mit der Entwicklung einer eigenen Digitalstrategie oder eines internen Verst\u00e4ndnisses f\u00fcr Digitalisierung. Diese Aspekte sind enorm wichtig, um den Mitarbeitenden aufzeigen zu k\u00f6nnen, wo die Reise des Unternehmens hingeht.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDer technologische Wandel f\u00fchrt dazu, dass Firmen gewissermassen den Spagat zwischen der traditionellen, industriellen und der neuen, digitalen Welt machen m\u00fcssen. Das stellt die Unternehmensf\u00fchrung wie auch die gesamte Organisation vor Herausforderungen. Denn einerseits gilt es, das laufende Gesch\u00e4ft erfolgreich zu pflegen, andererseits wollen gleichzeitig neuartige M\u00f6glichkeiten erschlossen werden.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDas verlangt von etablierten Unternehmen Eigenschaften, die \u00fcblicherweise einem Start-up zugeschrieben werden: Mut, Neugierde, Offenheit f\u00fcr den Einstieg in neue Themen, Akzeptanz f\u00fcr Fehler und Bereitschaft, externes Know-how einzubinden. Nebst der Erweiterung des fachlichen Wissens erfordert dies zus\u00e4tzliche methodische Kompetenzen der Mitarbeitenden und der Organisation sowie neue Modelle der internen und externen Zusammenarbeit. Mit anderen Worten: Der technologische Wandel allein gen\u00fcgt nicht \u2013 es braucht einen Kulturwandel im Unternehmen.&#013;<\/p>\n<h2>Unternehmerisches Handeln auf allen Stufen<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nF\u00fcr die Mitarbeitenden bedeuten diese Entwicklungen, dass ihr fachliches Gebiet komplexer, vernetzter und dynamischer wird. Die mechanische Fertigung verschmilzt mit der digitalen Welt: Fachkompetenz muss erg\u00e4nzt werden mit der F\u00e4higkeit, Komplexit\u00e4t zu beherrschen und mit Unsicherheiten sowie neuen M\u00f6glichkeiten umzugehen. Kreativit\u00e4t ist gefragt, um in diesem anspruchsvollen Umfeld geeignete L\u00f6sungen und passende Werkzeuge zu identifizieren.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nNeue Modelle der Zusammenarbeit in den Unternehmen ver\u00e4ndern auch F\u00fchrungskonzepte und die Rolle der Mitarbeitenden. Die Kommunikation in interdisziplin\u00e4ren Teams, ein konsequent auf den Kundennutzen ausgerichtetes Denken sowie unternehmerisches Handeln bis hin zum Umgang mit Risiken und Nachhaltigkeit werden zunehmend zu Kompetenzen und Aktivit\u00e4ten, die alle Stufen im Industrieunternehmen pr\u00e4gen.&#013;<\/p>\n<h2>Berufsbilder im Wandel<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nWas bedeutet dies f\u00fcr die Berufsbildung? Dass der Berufsalltag sich wandelt, ist an sich weder neu noch \u00fcberraschend. Seit Beginn der Industrialisierung haben Fertigungsmethoden, Kundenerwartungen und Gesch\u00e4ftsmodelle sich fortlaufend entwickelt und damit auch die Anforderungen an die Kompetenzen der Mitarbeitenden. Die Schweizer Berufsbildung ist auf diesen Wandel eingerichtet: Die Berufsprofile werden von ihren Tr\u00e4gerschaften regelm\u00e4ssig \u00fcberpr\u00fcft und angepasst. So entstehen immer wieder neue Berufe, w\u00e4hrend andere verschwinden oder miteinander verschmelzen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDennoch ist die gegenw\u00e4rtige Dynamik des Wandels f\u00fcr die Berufsbildung eine Herausforderung. Um mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten, m\u00fcssen die Berufsprofile rasch und flexibel aktualisiert werden k\u00f6nnen. Allerdings ist das Schweizer Berufsbildungssystem im Kern auf Ausgleich und Kontinuit\u00e4t ausgelegt. Die gemeinsame Steuerung durch Bund, Kantone und Privatwirtschaft in der sogenannten Verbundpartnerschaft sorgt f\u00fcr Stabilit\u00e4t und breite Akzeptanz. Doch die geteilte Verantwortung und die zahlreichen involvierten Akteure machen die Entscheidungsprozesse gleichzeitig schwerf\u00e4llig und langsam.&#013;<\/p>\n<h2>Umfassende Berufsreform<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nAls Organisation der Arbeitswelt (OdA) ist Swissmem eng in diese Prozesse eingebunden. Gemeinsam mit dem Branchenverband Swissmechanic ist Swissmem verantwortlich f\u00fcr acht technische Grundbildungen in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie). Als Berufstr\u00e4ger ergreifen die beiden Verb\u00e4nde gemeinsam die Initiative, um bestehende Berufe zu reformieren oder neue zu entwickeln. Sie definieren die Bildungsinhalte, erstellen Pr\u00fcfungsordnungen und erarbeiten neue Lehr- und Lernmedien. Gegenw\u00e4rtig werden die acht technischen MEM-Berufe<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> im Rahmen der Berufsreform \u00abFuturemem\u00bb \u00fcberpr\u00fcft und grundlegend \u00fcberarbeitet. Ab 2024 werden die ersten Lernenden mit den neuen Ausbildungen starten.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nUm zu ermitteln, welche Kompetenzen die Berufsleute von morgen mitbringen m\u00fcssen, st\u00fctzt die Tr\u00e4gerschaft sich auf Marktbefragungen, Zukunftswerkst\u00e4tten, Metaanalysen und zahlreiche Arbeits- und Expertengruppen. Dabei werden von allen Seiten die unterschiedlichsten Erwartungen an die neuen Ausbildungen herangetragen. So zeigte etwa die Arbeitsmarkt- und Berufsfeldanalyse, dass gr\u00f6ssere Betriebe tendenziell mehr Gewicht auf neue Technologien wie beispielsweise Virtual-Reality-Simulationen, Additive Fertigung oder Mikrotechnologie legen. Kleinere Betriebe priorisieren hingegen \u00f6fter den Umgang mit konventionellen Fertigungsmethoden. Auch machen zahlreiche Subbranchen eigene technologische und regulatorische Anforderungen geltend.&#013;<\/p>\n<h2>Steigende Anforderungen<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nVielf\u00e4ltig sind auch die Erwartungen bez\u00fcglich der Form der Ausbildungen. Denn neben den Qualifikationsbed\u00fcrfnissen der Unternehmen ver\u00e4ndern sich ebenfalls die Bed\u00fcrfnisse und Wertehaltungen der Gesellschaft. Flexible Arbeitsmodelle, der Wunsch nach orts- und zeitunabh\u00e4ngigem Lernen sowie neue methodisch-didaktische Konzepte ver\u00e4ndern die Bildung ebenso wie der Einsatz neuer Technologien und Fertigungsmethoden.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nInsgesamt steigen also die Anforderungen an die Ausbildung. Gleichzeitig d\u00fcrfen die Basiskompetenzen (z.B. Schaltungen fertigen und in Betrieb nehmen, Teile messen und pr\u00fcfen) nicht vernachl\u00e4ssigt werden. Ganz im Gegenteil: In einem dynamischen Umfeld ist eine solide technische Grundausbildung unerl\u00e4sslich, damit die zuk\u00fcnftigen Berufsleute f\u00e4hig sind, sich selbstst\u00e4ndig und rasch in neue Themengebiete und Methoden einzuarbeiten. Zudem wird die Industrie auch in Zukunft nicht nur Fachleute f\u00fcr den 3-D-Druck, sondern ebenso f\u00fcr die konventionellen Fertigungsmethoden wie Drehen, Bohren und Fr\u00e4sen ben\u00f6tigen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDer Rucksack, der beim Start ins Berufsleben gef\u00fcllt werden muss, wird somit immer gr\u00f6sser und schwerer. Und er muss \u00fcber die gesamte berufliche Laufbahn hinweg immer wieder nachgef\u00fcllt werden. Mit andern Worten: Nicht nur die Berufseinsteiger, sondern die Berufsleute aller Altersklassen m\u00fcssen ihre F\u00e4higkeiten, Kenntnisse und Kompetenzen im Sinne des lebenslangen Lernens fortlaufend aktualisieren und weiterentwickeln.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nEine flexiblere Bildung kann dies erleichtern. So k\u00f6nnen die Ausbildungen rasch an den technologischen Wandel angepasst werden. Sie k\u00f6nnen sich an den vorhandenen Kompetenzen sowie individuellen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen der Lernenden orientieren und gleichzeitig die unterschiedlichen Bed\u00fcrfnisse der Ausbildungsbetriebe ber\u00fccksichtigen. Gelingt dies, ist die Berufsbildung auch den kommenden Herausforderungen gut gewachsen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Polymechaniker\/in EFZ, Konstrukteur\/in EFZ, Automatiker\/in EFZ, Elektroniker\/in EFZ, Anlagen- und Apparatebauer\/in EFZ, Automatikmonteur\/in EFZ, Produktionsmechaniker\/in EFZ und Mechanikpraktiker\/in EBA.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Technologische Entwicklungen werden oft durch die Industrie angetrieben. Entsprechend ist sie auch der Ort, wo diese neuen Technologien die st\u00e4rksten Auswirkungen haben. 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