{"id":98033,"date":"2021-11-01T10:57:53","date_gmt":"2021-11-01T10:57:53","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/11\/lusine-lieu-social\/"},"modified":"2023-08-23T22:48:17","modified_gmt":"2023-08-23T20:48:17","slug":"die-fabrik-als-gesellschaftlicher-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/11\/die-fabrik-als-gesellschaftlicher-ort\/","title":{"rendered":"Die Fabrik als gesellschaftlicher Ort"},"content":{"rendered":"<p>Die Erfindung des Begriffs Industrie 4.0 war ein genialer Coup. Im Jahr 2011 wurde er erstmals auf der Industriemesse in Hannover der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert. Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft haben ihn in rasendem Tempo aufgenommen, und seither ist er in aller Munde. Tats\u00e4chlich war die Wortkreation geschickt gew\u00e4hlt, denn sie vereint das revolution\u00e4r Neue mit Kontinuit\u00e4t und Fortschritt (siehe <em>Kasten<\/em>). Indem sie mit 4.0 die im digitalen Zeitalter \u00fcbliche Z\u00e4hlweise nutzt, wird die n\u00e4chste Stufe industrieller Produktion angek\u00fcndigt, und zugleich sind drei vorherige \u00abRevolutionen\u00bb aufgerufen: Dampfmaschine, Fliessband und Computer.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nAus meiner Sicht als Historikerin erweist sich dieses 4-Stufen-Modell jedoch als zu schematisch und zu einfach. Zwar ging es bei der Begriffspr\u00e4gung nicht um historische Genauigkeit, sondern darum, eine neue, vernetzte, digitale Produktionsweise zu forcieren. Die Begriffspr\u00e4gung war vor allem eine politische Aufforderung, die Zukunft zu gestalten. Aber gerade dies erfordert es auch, einen differenzierten Blick in die Vergangenheit zu werfen.&#013;<\/p>\n<h2>Gesellschaftliche Entwicklungen verstehen<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nEine zukunftsweisende Geschichtsschreibung der Industrie 4.0 folgt keinem Technikdeterminismus, der allein neue Technologien als den Treiber zuk\u00fcnftiger Entwicklungen sieht. Ebenso wenig verfolgt sie eine enge objekt- und technikzentrierte Perspektive. Um zu ergr\u00fcnden, wie sich die Industrie der Zukunft entwickeln wird, ist es vielmehr unabdingbar, gesellschaftliche, kulturelle und \u00f6konomische Entwicklungen zu analysieren und ihre Wechselwirkung mit den technischen Entwicklungen zu verstehen. Denn es zeichnet die Geschichte und die Zukunft der Fabrik aus, dass die industriellen Produktionsweisen immer wieder an ver\u00e4nderte Rahmenbedingungen angepasst worden sind.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nEin Beispiel f\u00fcr eine solche Geschichtsschreibung bietet die Industrialisierung. Sie hat den Mythos Dampfmaschine bereits vielfach entzaubert und stattdessen auf ver\u00e4nderte Konsumgewohnheiten und eine st\u00e4rkere Nachfrage nach Kleidung hingewiesen. Denn sie waren unter anderem die gesellschaftlich-\u00f6konomischen Voraussetzungen f\u00fcr die Maschinisierung der Produktion.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nFragt man nach gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, welche die Geschichte der Industrie 4.0 pr\u00e4gen, wird schnell klar, dass die Siebziger- und Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts eine fundamentale Z\u00e4sur darstellen. Allerdings l\u00e4sst sich diese Z\u00e4sur keinesfalls auf den Einsatz von Elektronik und IT reduzieren. Vielmehr sind damals eng verflochtene gesellschaftlich-technologische Megatrends entstanden, welche die Fabrik zu einem anderen Ort machten. Diese Trends ver\u00e4nderten s\u00e4mtliche Lebensbereiche. Sie pr\u00e4gten die Fabrik und machten deutlich, dass sie ein gesellschaftlicher Ort ist. Will man die Geschichte der Fabrik verstehen, muss man grundlegende Denkmuster und Konzepte sozialer Wirklichkeit reflektieren. Im Folgenden werden deshalb vier solche Megatrends skizziert.&#013;<\/p>\n<h3>Flexibilisierung<\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nIn den Siebzigern und Achtzigern wurde die Flexibilisierung zu einem Zauberwort. In einer Gesellschaft, in der die Pluralisierung der Lebensstile, Individualisierungsprozesse und die Flexibilisierung der Lebenswelten die Marktbedingungen radikal ver\u00e4ndert hatten, wurde die Flexibilisierung der industriellen Produktion unabdingbar. Das Ende der Nachfrage nach standardisierten, immer gleichen Masseng\u00fctern sowie schnell wechselnde Moden waren Ausdruck ver\u00e4nderter Konsumgewohnheiten.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nMit einer starren Automatisierung waren die geforderte Produktvielfalt, die h\u00f6here Qualit\u00e4t und die kurzen Innovationszyklen nicht zu erreichen. Die Frage war, wie man das automatisierte Produktionssystem, das bislang Masseng\u00fcter hergestellt hatte, anpassen konnte. Wie der US-Soziologe Richard Sennett konstatierte, vertrugen sich Flexibilisierung, Individualisierung und Hochtechnologie gut. Denn die langsam einsetzende Computerisierung der Fabrik erm\u00f6glichte eine flexiblere Produktion, eine Verkettung und Integration verschiedener Prozesse und damit k\u00fcrzere Innovationszyklen. Dennoch war dies kein technologisch leicht zu bewerkstelligender und geradliniger Prozess.&#013;<\/p>\n<h3>Mensch-Maschine-Kollaboration<\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nEbenfalls in den Achtzigerjahren begann sich gesellschaftlich ein neues Verh\u00e4ltnis zwischen Mensch und Maschine abzuzeichnen. Wenn heute betont wird, dass Roboter zu sogenannten Cobots w\u00fcrden \u2013 dass sie also aus ihren K\u00e4figen kommen und Hand in Hand mit den Menschen kooperieren \u2013, so sind diese \u00dcberlegungen nicht neu. Bereits in den Achtzigerjahren sollten \u00abExpertensysteme\u00bb in der Fabrik die Planungsprozesse unterst\u00fctzen, Fehler reduzieren und dem Menschen assistieren.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie Komplexit\u00e4t, die aus den Flexibilisierungsbem\u00fchungen und der ver\u00e4nderten Marktlage resultierte, ver\u00e4nderte das Mensch-Maschinen-Verh\u00e4ltnis. Das vorrangige Ziel war nicht mehr, den fehlerhaften Menschen zu ersetzen, sondern ein kollaboratives Verh\u00e4ltnis von Mensch und Maschine zu etablieren. Bereits in den sp\u00e4ten Sechzigerjahren hatte der Computerwissenschaftler John Licklider von der Mensch-Computer-Symbiose gesprochen. In den Achtzigerjahren zog diese Denkweise in die Fabriken ein. Es war eine Antwort auf die zunehmende Komplexit\u00e4t \u2013 nicht nur in der Fabrik.&#013;<\/p>\n<h3>Netzwerke<\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nDas Konzept einer kollaborativen Mensch-Maschine-Einheit kann nicht verstanden werden, ohne die Idee eines systemischen, vernetzten Denkens. Dieses Denken pr\u00e4gte die gesellschaftlichen Diskurse und Praktiken schon seit den Achtzigern, insbesondere aber seit den Neunzigerjahren. Die Menschen erlebten mit dem Internet eine immer st\u00e4rkere Vernetzung im Alltag. Gleichzeitig wurden Netzwerktheorien auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften einflussreich, um gesellschaftliche Prozesse zu erkl\u00e4ren.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nWird heute im Kontext der Industrie 4.0. davon gesprochen, dass Produkte und Maschinen als \u00abAkteure\u00bb Produktionsprozesse steuern, so schliesst dies an solche Netzwerktheorien an, die Menschen und Maschinen als steuernde und Anweisung erteilende Entit\u00e4ten denken. Ein Beispiel f\u00fcr einen solch autonomen Akteur ist eine Maschine, die w\u00e4hrend des Arbeitsprozesses eigenst\u00e4ndig Nachschub an Material fordert oder Fehler meldet und den Reparaturservice verst\u00e4ndigt. Nur dieses Denken in symmetrischen Mensch-Technik-Netzen erm\u00f6glicht das Zusammenspiel von autonomer Technik mit der Rolle des Menschen, die in den Diskursen der Industrie 4.0 bei jeder Gelegenheit betont wird. Mensch und Maschine sind also keine Gegens\u00e4tze mehr. Diese Einheit wurde bereits in der Kybernetik seit den F\u00fcnfziger- und Sechzigerjahren gesellschaftlich und theoretisch vorgedacht und ist heute Realit\u00e4t.&#013;<\/p>\n<h3>Dezentralisierung<\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nF\u00fcr die Industrie 4.0 charakteristisch ist des Weiteren eine dezentrale Denkweise. Die Steuerung erfolgt nicht mehr zentral. Vielmehr organisieren sich die Systeme selbst: Verantwortung, Zust\u00e4ndigkeiten und Aufgaben sind auf verschiedene Entit\u00e4ten in einem Netz verteilt. Die Abkehr von hierarchisch-zentralistischen Denkweisen stellt gleichfalls seit den Siebziger- und Achtzigerjahren eine bedeutende gesellschaftliche Str\u00f6mung dar. Sie verband sich mit einer neuen Dominanz des \u00abSelbst\u00bb. Das Konzept der Selbstorganisation floss damals in unterschiedliche Kontexte ein: in die Neurowissenschaften, in soziologische Theorien, in alternative Milieus als Gegenkonzept zu zentralisierter Macht oder als Selbstverwirklichung gegen standardisierte und autorit\u00e4r vorgegebene Lebensentw\u00fcrfe. In gewerkschaftlichen Konzepten schlug sich die Idee etwa in der selbstorganisierten und selbstbestimmten Gruppenarbeit nieder.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDiese vier Megatrends zeigen, dass die Unternehmen einerseits auf sie reagieren mussten, etwa wenn sie mit der Flexibilisierung der industriellen Produktion auf den Wandel der Lebens- und Konsumwirklichkeiten antworteten. Andererseits pr\u00e4gten gesellschaftliche Denkkonzepte wie Dezentralisierung, Vernetzung oder Selbstorganisation die technischen Entwicklungen \u2013 und forcierten so wiederum soziale Trends.&#013;<\/p>\n<h2>Produkte der Zukunft?<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nKommen wir wieder zur Industrie 4.0. Was sind ihre neuartigen gesellschaftlichen Herausforderungen? Was ist das n\u00e4chste gesellschaftliche \u00abBig Thing\u00bb? Dies zu beantworten, bedeutet nicht, kurzfristige Trends zu prognostizieren, wie es die Marktforschung tut. Es geht um Grunds\u00e4tzlicheres: Welche gesellschaftlichen Denkweisen, Konzepte und Werte werden die Lebenswirklichkeiten, den Konsum und damit die Produktion pr\u00e4gen? F\u00fcr welche gesellschaftlichen Konzepte stehen beispielsweise die derzeit anvisierten intelligenten, individualisierten Produkte? F\u00fcr eine weitere Individualisierung? F\u00fcr schnelleren Konsum? Oder vielleicht f\u00fcr eine Gesellschaft der Singularit\u00e4ten, wie sie der Soziologe Andreas Reckwitz diagnostizierte?&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nKaum Zweifel d\u00fcrften dar\u00fcber bestehen, dass die Herstellung \u00f6kologisch vertr\u00e4glicher Produkte eine der zentralen Herausforderungen der Zukunft sein wird: M\u00fcssen sie so gestaltet sein, dass Teile der Produkte modular austauschbar sind, sodass sie reparier- und ver\u00e4nderbar sind, anstatt schnell weggeworfen zu werden? Welche Lebensdauer sollen sie haben? Und wie kann man eine nachhaltige, ressourcenschonende Produktion mit \u00f6kologisch vertr\u00e4glichen Materialien garantieren?&#013;<br \/>\nDie Frage an die Zukunft der Industrie 4.0 wird es also sein, inwieweit das Konzept in der Lage sein wird, Produkte herzustellen, welche den zuk\u00fcnftigen gesellschaftlichen Entwicklungen entsprechen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Erfindung des Begriffs Industrie 4.0 war ein genialer Coup. Im Jahr 2011 wurde er erstmals auf der Industriemesse in Hannover der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert. Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft haben ihn in rasendem Tempo aufgenommen, und seither ist er in aller Munde. 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Ein Hauptmerkmal der Industrie 4.0 ist zum Beispiel, dass Maschinen, Fahrzeuge und Fertigungsanlagen eine zweite Identit\u00e4t im Internet erhalten \u2013 einen sogenannten digitalen Zwilling. Dadurch entsteht ein Internet der Dinge, das Menschen, Maschinen und Produkte miteinander vernetzt und eine Kommunikation mittels Daten erm\u00f6glicht. Mittels der Analyse dieser Daten k\u00f6nnen beispielsweise Unternehmen effizienter produzieren, Kunden individuellere Produkte bestellen und Produkte aus der Ferne laufend gewartet und verbessert werden.&#13;\n&#13;\nIm Zusammenhang mit der Industrie 4.0 ist immer wieder von der 4. industriellen Revolution die Rede. 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