{"id":98061,"date":"2021-10-29T11:05:16","date_gmt":"2021-10-29T11:05:16","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/10\/lindustrie-4-0-na-pas-besoin-dune-politique-industrielle-selective\/"},"modified":"2023-08-23T22:48:28","modified_gmt":"2023-08-23T20:48:28","slug":"industrie-4-0-kommt-ohne-selektive-industriepolitik-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/10\/industrie-4-0-kommt-ohne-selektive-industriepolitik-aus\/","title":{"rendered":"Industrie 4.0 kommt ohne selektive Industriepolitik aus"},"content":{"rendered":"<p>Die zunehmende Durchdringung der Wirtschaft mit Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) weckt hohe Erwartungen. Unter dem Stichwort \u00abIndustrie 4.0\u00bb erhoffen sich einige Protagonisten eine vierte industrielle Revolution. Andere Experten sind da pragmatischer. Sie erwarten dank internetbasierter Vernetzung der Produktions- und Distributionsprozesse h\u00f6here Flexibilit\u00e4t in der industriellen Fertigung sowie Potenzial f\u00fcr neue Gesch\u00e4ftsmodelle. Unbestritten ist indes f\u00fcr beide Seiten: Die M\u00f6glichkeiten der Industrie 4.0 sind f\u00fcr die Unternehmen des Hochkosten-Standortes Schweiz von hoher Relevanz.&#013;<\/p>\n<h2>Revival der Industriepolitik?<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nIn Europa gehen die Erwartungen an die Digitalisierung der Wirtschaft indessen so weit, dass sich die EU-Kommission von einer Vision leiten l\u00e4sst: Mit der \u00abNeuen Industriestrategie f\u00fcr Europa\u00bb strebt die Kommission eine Zukunft an, in der die EU im digitalen Bereich weltweit f\u00fchrend ist.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Dabei erwartet die Br\u00fcsseler Beh\u00f6rde, dass die Wirtschaft mehr in Bereiche wie k\u00fcnstliche Intelligenz, 5G sowie Datenanalysen investiert. Die deutsche Regierung hat ihrerseits eine \u00abIndustriestrategie 2030\u00bb ver\u00f6ffentlicht. Darin werden die vielversprechenden Automatisierungspotenziale der Industrie 4.0 im selben Atemzug genannt mit anderen sogenannten Gamechanger-Technologien: Gentechnologie, Bionik, Nanotechnologie oder Quantentechnologie.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nAufgrund solcher Offensiven ist mancherorts von einem Revival der Industriepolitik die Rede. Was bedeutet dies f\u00fcr die Schweiz? Brauchen wir eine Industriepolitik 4.0, damit die Unternehmen die Opportunit\u00e4ten nicht verschlafen? Es lohnt sich, bei der Kl\u00e4rung dieser Frage zwischen einer \u00abvertikalen\u00bb und einer \u00abhorizontalen\u00bb Industriepolitik zu unterscheiden.&#013;<\/p>\n<h2>Verp\u00f6nte vertikale Massnahmen<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nIn Anlehnung an die Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kann unter der (\u00f6konomisch verp\u00f6nten) vertikalen Industriepolitik jede selektive staatliche Intervention verstanden werden, die versucht, die wirtschaftliche Aktivit\u00e4t hin zu einzelnen Unternehmen, Sektoren oder Technologien umzulenken, welche (angeblich) ein h\u00f6heres Wachstum versprechen.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Das Arsenal an m\u00f6glichen Massnahmen, um dies zu erreichen, gleicht sich rund um den Globus. Im Vordergrund stehen staatliche Beihilfen, Einfuhrbeschr\u00e4nkungen, um die einheimischen Unternehmen vor dem Weltmarkt zu sch\u00fctzen, sowie staatliche Beteiligungen an Unternehmen. Letztlich hat eine vertikale Industriepolitik das Ziel, die Innovationskraft zu st\u00e4rken und h\u00f6heren wirtschaftlichen Wohlstand zu schaffen. Was kann an solchen guten Absichten falsch sein?&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nGem\u00e4ss \u00f6konomischen Prinzipien k\u00f6nnen staatliche Interventionen dann in Betracht gezogen werden, wenn nachgewiesenes Marktversagen korrigiert wird. Bei einer Industriepolitik ist jedoch immer auch zu beachten, dass dadurch ein Staatsversagen im Sinne unerw\u00fcnschter \u00f6konomischer Nebenwirkungen entstehen kann.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Denn erstens wirken einzelbetriebliche F\u00f6rderungen diskriminierend: Sie bevorzugen die nutzniessenden Empf\u00e4nger der staatlichen Unterst\u00fctzung und bestrafen alle anderen Unternehmen, die den zugrunde liegenden (wie auch immer definierten) Kriterien nicht entsprechen. In der Regel verzerrt und schw\u00e4cht dies den Wettbewerb zulasten der Innovationskraft.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nFalls die Unterst\u00fctzung auf die zuvor erw\u00e4hnten Gamechanger-Technologien abzielt, gehen die Beh\u00f6rden \u2013 zweitens \u2013 davon aus, die langfristigen Marktpotenziale neuester Technologien besser beurteilen zu k\u00f6nnen als private Investoren und Unternehmen. Sie massen sich an, die Gewinner des Fortschrittes \u00fcber Jahrzehnte voraussagen zu k\u00f6nnen. Da die Trends \u00abbahnbrechender\u00bb Technologien jedoch h\u00f6chst ungewiss sind, ist die Wahrscheinlichkeit der Fehleinsch\u00e4tzung erheblich, und dies auf Kosten der Steuerzahler. Konkrete Beispiele sind die Fehlinvestitionen in die deutsche Magnetschwebebahn Transrapid oder die Solarindustrie. Nachdem die deutsche Regierung die Produktion von Solarzellen in Deutschland gef\u00f6rdert hatte, scheiterten etliche Produzenten an der g\u00fcnstigeren chinesischen Konkurrenz und mussten letztlich Insolvenz anmelden. Ebenso gescheitert sind die staatlichen Investitionen in das franz\u00f6sische \u00dcberschallflugzeug Concorde oder in den Schweizer Panzer 68.&#013;<\/p>\n<h2>Gute Rahmenbedingungen gefordert<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nSo gesehen ist es begr\u00fcssenswert, dass aus Schweizer Industriekreisen keine Rufe nach staatlicher Hilfe laut werden. Stattdessen setzt die Privatwirtschaft mit dem Programm \u00abIndustrie 2025\u00bb auf Eigeninitiative. Dabei loten Technologieunternehmen in etablierten Netzwerken das Potenzial der Industrie 4.0 aus. Das ist nicht zuletzt auch deshalb sinnvoll, weil die M\u00f6glichkeiten und Grenzen je nach Anwendungsbereich und Unternehmen sehr unterschiedlich sind und die Firmen am besten wissen, welche Optionen f\u00fcr ihr Gesch\u00e4ftsmodell von Nutzen sind.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nWas die Initianten von \u00abIndustrie 2025\u00bb hingegen auch in der Schweiz fordern, ist eine konsequent weitergef\u00fchrte Politik der guten Rahmenbedingungen. Darunter versteht man einen Ansatz, der mit dem Begriff der \u00abhorizontalen Industriepolitik\u00bb Einzug in die gegenw\u00e4rtige Literatur gefunden hat.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> Im Vordergrund stehen dabei keine selektiven Massnahmen, sondern beispielsweise eine hohe Qualit\u00e4t der Infrastruktur, der Schutz des geistigen Eigentums, ein leistungsf\u00e4higes Bildungs-, Forschungs- und Innovationsystem oder flexible Arbeitsm\u00e4rkte.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nMit Bezug auf das Internet der Dinge, Robotik, k\u00fcnstliche Intelligenz oder Cloud-Computing werden bei der Pflege der Rahmenbedingungen neue Themenbereiche wichtig. Konkret geh\u00f6ren dazu der Zugang zum europ\u00e4ischen digitalen Binnenmarkt, Normen zur Systemkommunikation im Datenaustausch, Datenschutz, Datenrecht und Cybersicherheit. Alles in allem gibt es bei der Weiterentwicklung der Industrie 4.0 also gen\u00fcgend Handlungsbedarf, bei dem auch der Staat wichtige Aufgaben hat \u2013 ohne dass er einer selektiven Industriepolitik verfallen muss.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Europ\u00e4ische Kommission (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Bundesministerium f\u00fcr Wirtschaft und Energie (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Warwick (2013).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Bundesrat (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Siehe Sachverst\u00e4ndigenrat (2019) sowie Pop und Connon (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die zunehmende Durchdringung der Wirtschaft mit Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) weckt hohe Erwartungen. 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Bericht des Bundesrates vom 16.4.2014 in Erf\u00fcllung des Postulates Bischof (11.3461).<\/li>&#13;\n \t<li>Europ\u00e4ische Kommission (2020). <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/info\/sites\/default\/files\/communication-eu-industrial-strategy-march-2020_de.pdf\">Eine neue Industriestrategie f\u00fcr Europa<\/a>. Mitteilung der Kommission an das Europ\u00e4ische Parlament, den Europ\u00e4ischen Rat, den Rat, den Europ\u00e4ischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen. Br\u00fcssel, 10.3.2020.<\/li>&#13;\n \t<li>Pop, Georgiana; Connon, Davida (2020). <a href=\"https:\/\/openknowledge.worldbank.org\/handle\/10986\/34536\">Industrial Policy Effects and the Case for Competition<\/a>. Equitable Growth, Finance and Institutions Insight. World Bank, Washington, DC.<\/li>&#13;\n \t<li>Sachverst\u00e4ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2019). <a href=\"https:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/jahresgutachten-2019.html\">Den Strukturwandel meistern<\/a>. Jahresgutachten 2019\/20. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden.<\/li>&#13;\n \t<li>Warwick, Ken (2013). <a href=\"https:\/\/www.oecd-ilibrary.org\/science-and-technology\/beyond-industrial-policy_5k4869clw0xp-en\">Beyond Industrial Policy: Emerging Issues and New Trends<\/a>, OECD Science, Technology and Industry Policy Papers, No. 2, OECD Publishing, Paris.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":98064,"main_focus":[155841,156692],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":98068,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"106572","post_abstract":"Die zunehmende Digitalisierung von Wirtschaftsprozessen hat mit dem Begriff \u00abIndustrie 4.0\u00bb Interesse geweckt. Angesichts solcher Schlagworte und der hohen Erwartungen einer neuen industriellen Revolution haben sich viele Staaten eine Industriestrategie verordnet. Kommt nun das Revival der staatlichen Industriepolitik? F\u00fcr die Initiative \u00abIndustrie 2025\u00bb der Schweizer Wirtschaft trifft dies nicht zu. Die wirtschaftspolitischen Erwartungen der Initianten beschr\u00e4nken sich auf Massnahmen der \u00abhorizontalen\u00bb Industriepolitik. 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