{"id":98117,"date":"2021-10-26T11:16:36","date_gmt":"2021-10-26T11:16:36","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/10\/quand-des-cables-dacier-apprennent-a-communiquer\/"},"modified":"2023-08-23T22:48:30","modified_gmt":"2023-08-23T20:48:30","slug":"wenn-stahlnetze-sprechen-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/10\/wenn-stahlnetze-sprechen-lernen\/","title":{"rendered":"Wenn Stahlnetze sprechen lernen"},"content":{"rendered":"<p>Wenn Sie schon im Berggebiet unterwegs waren, kennen Sie die grobmaschigen Stahldrahtnetze gegen Steinschlag bestimmt. Hergestellt werden diese in den meisten F\u00e4llen vom Thurgauer Unternehmen Geobrugg aus Romanshorn. Seit gut 70 Jahren produziert und vertreibt das Unternehmen diese Netze als Bestandteil von Barrieren gegen Naturgefahren wie Steinschlag und Hangrutsche als Bauzulieferer in \u00fcber 50 L\u00e4ndern. Geobrugg geh\u00f6rt zum Schweizer Konzern Brugg Group.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie Kernkompetenzen von Geobrugg liegen dabei im Maschinenbau zur Herstellung von eigenen Hochsicherheitsnetzen und in der Anwendungstechnik mit eigenen Testanlagen wie etwa im sankt-gallischen Walenstadt. Zudem besch\u00e4ftigt es lokale Vertriebsingenieure in \u00fcber 30 L\u00e4ndern.&#013;<\/p>\n<h2>Schlanke Produktion dank Daten<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nDas Unternehmen hat in den letzten zehn Jahren konsequent den Lean-Manufacturing-Ansatz umgesetzt. Dabei steht eine schlanke Produktion im Vordergrund, bei der die Verschwendung minimiert, die Kosten reduziert, die Prozessabl\u00e4ufe in der Wertsch\u00f6pfungskette verk\u00fcrzt und Fehler m\u00f6glichst vermieden werden. Als Folge davon hat die Firma die Chancen der digitalen Transformation erkannt. Denn aus den r\u00fcckgemeldeten Daten kann man auch ersehen, wo die Produktion noch schlanker werden kann. Doch wie lassen sich diese Chancen nutzen und umsetzen in einem Unternehmen mit einer langen Tradition von leistungsf\u00e4higen, aber nicht digitalen Produkten?&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nUm diese Fragestellung systematisch anzugehen, hat Geobrugg im Rahmen der Initiative \u00abIndustrie 2025\u00bb<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>, die von den Branchenverb\u00e4nden Swissmem, Asut und SwissT.net gegr\u00fcndet wurde, eine Digitalstrategie erarbeitet, welche in die Unternehmensstrategie eingebettet wurde. Dabei hat das Ostschweizer Unternehmen sowohl die internen Prozesse als auch die externen Kundeninteraktionen, die Produkte und daraus resultierende Gesch\u00e4ftsmodelle mit Mitarbeitenden aller Stufen unter die Lupe genommen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nAus den Ergebnissen wurden f\u00fcnf digitale Stossrichtungen definiert. Dazu z\u00e4hlen das Naturgefahren-Monitoring mit Spezialkameras und Radar, die Lancierung einer Plattform zur Interaktion mit den verschiedenen Anspruchsgruppen, durchg\u00e4ngige Prozesse in der Auftragsabwicklung (\u00aboperational excellence\u00bb mit papierloser Fertigung), die Bef\u00e4higung und kontinuierliche Schulung der Mitarbeitenden sowie die Initiative \u00abFern\u00fcberwachung von Schutzsystemen\u00bb.&#013;<\/p>\n<h2>Mechanische Produkte lernen sprechen<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nEin besonders gutes Beispiel, wie sich ein mechanisches Produkt sinnvoll mit digitalen Komponenten erg\u00e4nzen l\u00e4sst, ist die Fern\u00fcberwachung: Da sich Schutznetze mehrheitlich in Gefahrenbereichen und an nur schwer zug\u00e4nglichen Orten befinden, sind wir davon ausgegangen, dass die Kunden ein Interesse daran haben, m\u00f6glichst einfach den Zustand der Netze zu \u00fcberwachen und diese gezielt zu \u00fcberpr\u00fcfen. Doch eine Umfrage bei Schl\u00fcsselkunden im Jahr 2016 war ern\u00fcchternd: Sie ergab, dass es zwar ein Bed\u00fcrfnis, aber praktisch keine Zahlungsbereitschaft f\u00fcr eine solche sensorbasierte L\u00f6sung gibt.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie Herausforderung bestand f\u00fcr die Entwickler somit darin, einen einfachen und kosteng\u00fcnstigen Sensor zu entwickeln, welcher in grossen St\u00fcckzahlen und m\u00f6glichst einfach weltweit verteilt werden kann und mit den bereits bestehenden Systemen der Kunden kompatibel ist. Aus diesen \u00dcberlegungen ist der Sensor \u00abGeobrugg Guard\u00bb hervorgegangen: ein smartes, handliches Ger\u00e4t, das mit wenigen Handgriffen auf schon bestehende oder neue Schutznetze angebracht wird. Es sammelt und sendet ohne Sendestation Daten \u00fcber den Zustand der Anlage. Die Daten werden dem Kunden sofort und \u00fcbersichtlich im Web dargestellt.&#013;<\/p>\n<h2>Feedbacks verbessern das Produkt<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nMittels Design-Thinking-Workshops im Jahr 2017 haben die Thurgauer Sicherheitsspezialisten die Anforderungen an den Sensor ermittelt: Dieser sollte neben Klimadaten und Einschl\u00e4gen von Steinen auch die Lebensdauer der Netze und Barrieren erfassen k\u00f6nnen. Dazu haben wir in einem Kooperationsprojekt<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> mit dem Institut f\u00fcr Werkstoffsystemtechnik Thurgau der Hochschule Konstanz das Kernst\u00fcck eines Sensors zur Messung des Korrosionsstroms in Stahldr\u00e4hten entwickelt und patentieren lassen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nBei der Umsetzung stellte man in den Entwicklungsabteilungen beider Partnerorganisationen schnell fest, dass f\u00fcr eine solche Entwicklung wenig bis gar kein Know-how vorhanden war. Deshalb wurde ein Netzwerk gekn\u00fcpft aus externen Engineeringfirmen, Datenbankspezialisten, Monitoringexperten und Elektronikproduzenten.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nUm m\u00f6glichst weltweit senden zu k\u00f6nnen, vertrauen wir heute auf die bew\u00e4hrte 3G\/4G-Technologie. Auch ein effizientes Batteriemanagement ist entscheidend, um eine unterhaltsfreie Lebensdauer von \u00fcber f\u00fcnf Jahren auch bei tiefen Temperaturen zu gew\u00e4hrleisten. Letztlich war erst die dritte Guard-Generation wirklich brauchbar. Dank fr\u00fcher Kundenfeedbacks wurde zum Beispiel festgestellt, dass alle aussenliegenden Kabel von Tieren angebissen wurden. Oder dass die Kunden auch das langsame Ansammeln von Felsen und Schutt in den Barrieren sowie den sich in den Netzen aufbauenden Druck von Schneemassen im Winter messen m\u00f6chten. Inzwischen wird schon die 6. Generation des Guard ausgeliefert.&#013;<\/p>\n<h2>Neues Gesch\u00e4ftsfeld gefunden<\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nParallel zur Sensorentwicklung wurde das zugeh\u00f6rige Gesch\u00e4ftsmodell aufgebaut und mit den ersten Prototypen in Pilotm\u00e4rkten erprobt. Interessanterweise waren einige dieser Erstkunden \u00f6ffentliche \u00c4mter aus aufstrebenden L\u00e4ndern, die ihre Schutzverbauungen noch nicht erfasst haben und ihren Inspektions- und Unterhaltsprozess erst noch aufbauen m\u00fcssen. Diese Auftr\u00e4ge vermittelten Geobrugg den direkten Kontakt zu den \u00f6ffentlichen \u00c4mtern. Allerdings verkauft Geobrugg ihnen nicht die smarten Endger\u00e4te. Stattdessen bieten wir die erhobenen Daten (auch auf Konkurrenzsystemen) und die zugeh\u00f6rigen Informationen (mit Schnittstellen zu Kundenl\u00f6sungen) als Dienstleistung an. Damit wird es f\u00fcr die Betreiber von Schutzsystemen m\u00f6glich, diese gezielt zu inspizieren und zu warten. Die zunehmende Anzahl solcher \u00f6ffentlich ausgeschriebener Auftr\u00e4ge zeigt, dass der Bereich \u00dcberwachung und Unterhaltsplanung von Infrastruktur stetig an Bedeutung gewinnt.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nBei der digitalen Transformation \u2013 der sogenannten Industrie 4.0 \u2013 geht es, wie der Name schon sagt, allerdings nicht darum, nur noch Dienstleistungen anzubieten und keine Industrieprodukte mehr herzustellen. Vielmehr ist es eine grosse Chance f\u00fcr den Werk- und Denkplatz Schweiz, weiterhin in vielen Nischenm\u00e4rkten weltweit f\u00fchrend zu bleiben.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDeshalb sollte man die Digitalisierung nicht als Hype verteufeln und keine irrationale Angst vor Cyberrisiken haben. Stattdessen soll man solche teilweise berechtigten Gefahren ernst nehmen, eine sauber definierte digitale Strategie formulieren und diese dann Schritt f\u00fcr Schritt konsequent umsetzen. Die Bedeutung der Unternehmensf\u00fchrung ist dabei nicht zu untersch\u00e4tzen. Sie muss vorangehen und die Mitarbeitenden auf die Reise mitnehmen. Wie bei allen Lean-Management-Anstrengungen gilt auch hier: Man soll nicht versuchen gleich viel zu machen mit weniger Personal, sondern mehr zu erreichen mit dem bestehenden Team!<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Mehr Informationen zur Initiative \u00abIndustrie 2025\u00bb im <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch?p=97973\">Artikel<\/a> von Philip Hauri in diesem Schwerpunkt.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Das Projekt mit WITG wurde von Innosuisse, der Agentur f\u00fcr Innovationsf\u00f6rderung des Bundes, unterst\u00fctzt.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Sie schon im Berggebiet unterwegs waren, kennen Sie die grobmaschigen Stahldrahtnetze gegen Steinschlag bestimmt. 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Um Ineffizienzen in der Produktion zu entdecken, hat sich das einst rein mechanische Unternehmen einer digitalen Transformation verschrieben. Heute sind die Stahlnetze mit einem selbst entwickelten Sensor ausgestattet, der technische Daten erhebt und es so erm\u00f6glicht, den Zustand der Netze aus der Ferne zu \u00fcberwachen. So k\u00f6nnen diese gezielt \u00fcberpr\u00fcft werden. Durch den Verkauf der erhobenen Daten hat das Unternehmen zudem ein zweites Standbein als Dienstleister aufgebaut.","magazine_issue":"20211101","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[3988,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20211102","original_files":null,"external_release_for_author":"20211011","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/98117"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5306"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=98117"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/98117\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":167792,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/98117\/revisions\/167792"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3988"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5306"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156692"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/155841"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98134"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=98117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=98117"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=98117"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=98117"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=98117"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=98117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}