{"id":98151,"date":"2021-10-22T11:47:27","date_gmt":"2021-10-22T11:47:27","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/10\/reduire-le-gaspillage-alimentaire-la-mesure-la-plus-simple-pour-le-climat\/"},"modified":"2023-08-23T22:48:36","modified_gmt":"2023-08-23T20:48:36","slug":"food-waste-reduzieren-die-einfachste-klimaschutzmassnahme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/10\/food-waste-reduzieren-die-einfachste-klimaschutzmassnahme\/","title":{"rendered":"Food-Waste reduzieren \u2013 die einfachste Klimaschutzmassnahme?"},"content":{"rendered":"<p>Jedes Jahr werden in der Schweiz 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen \u2013 verursacht durch den Konsum. Damit k\u00f6nnte man 150\u2019000 Lastwagen f\u00fcllen, die aneinandergereiht eine Kolonne von Z\u00fcrich bis nach Madrid erg\u00e4ben. Diese vermeidbaren Lebensmittelabf\u00e4lle oder -verluste (\u00abFood-Waste\u00bb) entstehen entlang der gesamten Wertsch\u00f6pfungskette \u2013 beispielsweise beim Bauern, in der Fabrik, im Laden, zu Hause oder im Restaurant. Nicht zum Food-Waste z\u00e4hlen die unvermeidbaren Lebensmittelabf\u00e4lle, die beispielsweise beim R\u00fcsten entstehen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nAm Anfang der Lebensmittelkette \u2013 in der Landwirtschaft \u2013 fallen 20 Prozent der Lebensmittelverluste an. Die Ursachen sind dabei teilweise auf nachgelagerte Stufen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Strenge Handelsnormen f\u00fchren zum Aussortieren von Produkten, oder die Nachfrage deckt sich nicht mit dem zu grossen Angebot, welches gerade bei Frischprodukten auch stark vom Wetter abh\u00e4ngig ist. Verluste k\u00f6nnen ebenfalls entstehen, wenn die Ernte aus technischen Gr\u00fcnden nicht voll eingefahren oder verarbeitet werden kann oder Produkte bei der Ernte oder der Lagerung besch\u00e4digt werden.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie lebensmittelverarbeitende Industrie hat einen Anteil von 35 Prozent an den vermeidbaren Lebensmittelverlusten der Schweiz. Der Hauptgrund daf\u00fcr ist ein fehlender oder zu kleiner Absatzmarkt f\u00fcr Nebenprodukte, die bei der Verarbeitung entstehen. Ein Beispiel f\u00fcr solch ein Nebenprodukt ist Kleie, die beim Mahlen von Getreide entsteht: Beim Weissmehl wird nur der innere Teil des Getreidekorns verwendet, die Schale hingegen, welche das Getreidekorn umgibt und wertvolle Ballaststoffe, Vitamine und Mineralien beinhaltet, bleibt als Kleie \u00fcbrig. Beim Vollkornmehl wird hingegen auch die Schale gemahlen. Vollkornbrot ist also nicht nur ges\u00fcnder, sondern verantwortet auch weniger Food-Waste.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Marktmacht nutzen<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nIm Gross- und Detailhandel f\u00e4llt mit einem Anteil von 10 Prozent vergleichsweise wenig Food-Waste an. Gr\u00fcnde f\u00fcr die Abf\u00e4lle sind unter anderem ungenaue Kenntnisse \u00fcber die schwankende Nachfrage, \u00e4sthetische Pr\u00e4ferenzen bei Frischwaren sowie eine immer gr\u00f6ssere Sortimentsauswahl, die bis Ladenschluss gew\u00e4hrleistet sein will. Dies ist insbesondere bei frischem Brot problematisch, da so viel \u00dcberschuss anf\u00e4llt, dass auch Spendenorganisationen nicht alles gebrauchen k\u00f6nnen. Dank ihrer Marktmacht k\u00f6nnen die grossen Detailh\u00e4ndler den Food-Waste entlang der ganzen Wertsch\u00f6pfungskette beeinflussen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDer Gastronomiesektor hat einen Anteil von 7 Prozent am Food-Waste. Hier geh\u00f6ren unter anderem ungenaue G\u00e4steprognosen und Warenbestellungen, zu grosse Portionsgr\u00f6ssen und das Kundenverhalten zu den Ursachen: Bei einem Buffet \u00e0 discr\u00e9tion ist die Gefahr beispielsweise gross, dass zu viel gesch\u00f6pft wird und es am Ende Tellerreste gibt. Oder ein grosses Men\u00fcangebot f\u00fchrt zu mehr K\u00fcchenabf\u00e4llen als eine kleine Auswahl.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nEine wichtige Rolle im Kampf gegen Food-Waste nehmen die Haushalte ein: Ihr Anteil an den vermeidbaren Lebensmittelabf\u00e4llen liegt bei 28 Prozent. Pro Personen werden in den Haushalten j\u00e4hrlich 90 Kilogramm Esswaren weggeworfen. Un\u00fcberlegte Eink\u00e4ufe, falsche Lagerung oder nicht verwertete Resten kosten jede Person j\u00e4hrlich im Durchschnitt \u00fcber 600 Franken.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Beitrag zum Klima<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\n\u00dcber die gesamte Wertsch\u00f6pfungskette hinweg betrachtet, hat Frischgem\u00fcse den gr\u00f6ssten Anteil an den Lebensmittelabf\u00e4llen: Pro Kopf werfen wir in der Schweiz jedes Jahr 104 Kilogramm an Gem\u00fcse und Kartoffeln weg, oder sie bleiben bereits auf dem Feld liegen (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). An zweiter Stelle folgt K\u00e4se, wobei insbesondere das Nebenprodukt Molke ins Gewicht f\u00e4llt, das in der K\u00e4serei entsteht. Dahinter finden sich Brote und Backwaren (insbesondere M\u00fcllereiverluste) sowie exotische Fr\u00fcchte.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nJedes weggeworfene Lebensmittel ist jedoch nicht nur eine Verschwendung von N\u00e4hrstoffen, sondern f\u00fchrt auch zu unn\u00f6tiger Umweltbelastung. Zum Anbau von Lebensmitteln und zur Haltung von Nutztieren werden beispielsweise Land und Wasser ben\u00f6tigt. Dabei belasten Pflanzenschutzmittel B\u00f6den, Gew\u00e4sser und Lebewesen. Und bei der Rinderzucht entstehen klimawirksame Verdauungsgase wie Methan. Zudem werden zur Produktion von Futtermitteln tropische Regenw\u00e4lder abgeholzt, was mit vielen gravierenden Konsequenzen wie beispielsweise Biodiversit\u00e4tsverlust und Freisetzung von Kohlenstoff, welcher in B\u00e4umen und Biomasse gespeichert ist, einhergeht. Des Weiteren werden von der Bewirtschaftung der Felder \u00fcber den Transport, die Lagerung und die Verarbeitung von Lebensmitteln bis zur Zubereitung von Mahlzeiten entlang der gesamten Wertsch\u00f6pfungskette fossile Brennstoffe eingesetzt, die ebenfalls Emissionen verursachen. W\u00fcrde nur so viel produziert, wie auch konsumiert wird, k\u00f6nnten diese Umwelteinwirkungen vermieden werden.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nUm die zahlreichen Umwelteinwirkungen in Relation zueinander zu setzen, werden sie in der Einheit Umweltbelastungspunkte (UBP) festgehalten: Genauso wie sich die Herstellungskosten eines Produkts in Franken berechnen lassen und sich aus verschiedenen Aspekten wie Rohstoffpreisen und Lohnkosten zusammensetzen, lassen sich Umwelteinwirkungen wie beispielsweise der Verbrauch von Wasser sowie die Emissionen von Pflanzenschutzmitteln in UBP ausdr\u00fccken.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie gr\u00f6sste Umweltbelastung entsteht durch weggeworfenes Fleisch (siehe <em>Abbildung 2<\/em>), obwohl Fleisch mengenm\u00e4ssig \u2013 im Vergleich zu Gem\u00fcse \u2013 viel weniger ins Gewicht f\u00e4llt. Dies ist vor allem auf den hohen Fl\u00e4chenbedarf und die Methanemissionen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Auch die Produktion von Kaffee und Kakao in tropischen Gebieten ist fl\u00e4chenintensiv.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nAm Ende der Wertsch\u00f6pfungskette \u2013 also in den Haushalten und in der Gastronomie \u2013 f\u00e4llt die Umweltbelastung grunds\u00e4tzlich am gr\u00f6ssten aus. Denn die Lebensmittel wurden bereits transportiert, gek\u00fchlt, verarbeitet und zubereitet.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie Reduktion von Food-Waste ist also eine effektive Massnahme, um unseren Fussabdruck zu verringern und das Klima zu sch\u00fctzen. Bereits mit einer Halbierung der vermeidbaren Lebensmittelverluste k\u00f6nnen die Umweltbelastung und die Treibhausgasemissionen, die im Zusammenhang mit unserer Ern\u00e4hrung verursacht werden, um 10 bis 15 Prozent reduziert werden.&#013;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Food-Waste pro Kopf verursacht durch Schweizer Konsum <\/strong><strong>(2017) <\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Sanders-Tschuemperlin-Abbildung1_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Sanders-Tschuemperlin-Abbildung1_de').highcharts({\n\n  chart: {\n        type: 'bar'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n        categories: ['\tKaffee und Kakao\t'\t,\n'\tEier\t'\t,\n'\tFisch und Meeresfr\u00fcchte\t'\t,\n'\tPflanzliche \u00d6le, Fette,<br> N\u00fcsse und Samen\t'\t,\n'\tFleisch\t'\t,\n'\tSt\u00e4rkebeilagen (Reis, Pasta, Polenta)\t'\t,\n'\tZucker\t'\t,\n'\tFrischobst und Beeren\t'\t,\n'\tMilchprodukte (ausser K\u00e4se)\t'\t,\n'\tExotische Fr\u00fcchte\t'\t,\n'\tBrote und Backwaren\t'\t,\n'\tK\u00e4se (inkl. 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Bei der Verarbeitung von Zucker und pflanzlichen \u00d6len fallen die Nebenprodukte Zuckermelasse und Presskuchen an, die als besonders effiziente Futtermittel genutzt werden k\u00f6nnen und dadurch die Umweltbelastung der Produktion einer herk\u00f6mmlichen Futtermischung vollst\u00e4ndig zu kompensieren verm\u00f6gen.<\/span>&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Beretta und Hellweg (2019) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#013;<\/p>\n<h2><strong>Vielf\u00e4ltige L\u00f6sungsans\u00e4tze<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nFood-Waste ist ein Problem mit vielen Ursachen und Akteuren und erfordert vielf\u00e4ltige L\u00f6sungsans\u00e4tze. Entlang der ganzen Lebensmittelkette wurden bereits Massnahmen ergriffen: In der Landwirtschaft werden unverkaufte Produkte wo m\u00f6glich direkt an Endkonsumenten verkauft. Im Detailhandel werden Gem\u00fcse und Fr\u00fcchte, welche nicht dem g\u00e4ngigen Sch\u00f6nheitsideal entsprechen, unter neuen Labels angeboten, wodurch Kunden sensibilisiert werden. Molke wird zu Molkenproteinpulver als Nahrungserg\u00e4nzung f\u00fcr Sportler weiterverarbeitet. F\u00fcr die Gastronomie wurden verschiedene digitale Hilfsmittel, wie beispielsweise Prognosetools, entwickelt, und die Brancheninitiative United Against Waste unterst\u00fctzt Gastronomen mit einem Coachingangebot dabei,\u00a0 Lebensmittelabf\u00e4lle zu reduzieren.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nZur Sensibilisierung der Haushalte hat die Umweltorganisation Pusch die Informationskampagne <a href=\"https:\/\/savefood.ch\/de\/\">\u00abSave Food. Fight Waste\u00bb<\/a> ins Leben gerufen. Diese vermittelt die wichtigsten Massnahmen zur Vermeidung von Food-Waste im Haushalt: Eink\u00e4ufe planen, gute Lagerung, richtige Interpretation von Haltbarkeitsdaten und verschiedene Verwertungsm\u00f6glichkeiten von Lebensmitteln. Die Kampagne wird durch eine breite Allianz von \u00fcber 70 Organisationen getragen, unter ihnen wichtige Verb\u00e4nde und Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft sowie Beh\u00f6rden, Stiftungen, Konsumenten- und Umweltorganisationen. Auch das Bundesamt f\u00fcr Umwelt (Bafu), das Bundesamt f\u00fcr Landwirtschaft (BLW) sowie das Bundesamt f\u00fcr Lebensmittelsicherheit und Veterin\u00e4rwesen (BLV) sind Partner. Auf diesen Projekten gilt es nun aufzubauen.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Aktionsplan des Bundesrats<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nDie Bedeutung der Reduktion von Food-Waste ist auch der internationalen Politik bewusst. Die UNO-Agenda 2030 f\u00fcr nachhaltige Entwicklung enth\u00e4lt deshalb ein konkretes Ziel dazu: die Halbierung der Lebensmittelabf\u00e4lle bis 2030. Mit der Annahme eines <a href=\"https:\/\/www.parlament.ch\/de\/ratsbetrieb\/suche-curia-vista\/geschaeft?AffairId=20183829\">Postulats<\/a> der GLP-Nationalr\u00e4tin Isabelle Chevalley im M\u00e4rz 2020 hat der Bundesrat den Auftrag erhalten, einen Aktionsplan zu erarbeiten, damit dieses Ziel auch in der Schweiz erreicht wird. Die Federf\u00fchrung f\u00fcr die Erarbeitung liegt beim Bafu. Es wurde eine Auslegeordnung der bestehenden Massnahmen gemacht und verschiedene L\u00f6sungsans\u00e4tze mit Akteuren der Lebensmittelwirtschaft diskutiert. Die Verabschiedung des Aktionsplans durch den Bundesrat ist f\u00fcr Anfang 2022 vorgesehen. Auch die EU will bis Ende 2023 verbindliche Food-Waste-Reduktionsziele f\u00fcr die Mitgliedsstaaten festlegen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nNeben den Massnahmen ist auch das Monitoring ein wichtiger Bestandteil des Aktionsplans des Bundesrats. Die Fortschritte sollen regelm\u00e4ssig aufgezeigt werden, und anhand der Daten k\u00f6nnen weitere wichtige Massnahmen identifiziert sowie deren Wirkung evaluiert werden. Messungen in Unternehmen helfen auch, Mitarbeitende und F\u00fchrungspersonen zu sensibilisieren und zu motivieren, sich eigene Reduktionsziele zu setzen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nMit einem Food-Waste-Tagebuch l\u00e4sst sich das auch leicht im eigenen Haushalt testen. H\u00e4ngen Sie einfach ein Blatt Papier an den K\u00fchlschrank und notieren Sie alles, was Sie wegwerfen. Motivieren Sie auch Freunde und Familie, dasselbe zu tun, und sprechen Sie dar\u00fcber. Niemand m\u00f6chte Lebensmittel wegwerfen, aber allen passiert es. Gemeinsam k\u00f6nnen wir das \u00e4ndern.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes Jahr werden in der Schweiz 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen \u2013 verursacht durch den Konsum. Damit k\u00f6nnte man 150\u2019000 Lastwagen f\u00fcllen, die aneinandergereiht eine Kolonne von Z\u00fcrich bis nach Madrid erg\u00e4ben. 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Deshalb enth\u00e4lt die UNO-Agenda 2030 f\u00fcr nachhaltige Entwicklung ein konkretes Ziel dazu: die Halbierung der Lebensmittelabf\u00e4lle bis 2030. 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