{"id":98271,"date":"2021-10-04T13:51:38","date_gmt":"2021-10-04T13:51:38","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/10\/les-critiques-du-pib-un-vieux-refrain\/"},"modified":"2023-08-23T22:48:42","modified_gmt":"2023-08-23T20:48:42","slug":"die-alte-leier-vom-unbrauchbaren-bip","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/10\/die-alte-leier-vom-unbrauchbaren-bip\/","title":{"rendered":"Die alte Leier vom unbrauchbaren BIP"},"content":{"rendered":"<p>Es hat sich in 50 Jahren wenig ge\u00e4ndert: Die Kritik am Bruttoinlandprodukt (BIP) als Massstab des Wohlstands und erst recht der Wohlfahrt war schon 1969, im ersten Semester meines volkswirtschaftlichen Studiums in St. Gallen, Teil des Standardprogramms. Das Lehrbuchbeispiel lautete, dass das BIP sinkt, wenn ein alleinstehender Mann seine Haush\u00e4lterin heiratet, weil Hausarbeit innerhalb der Familie weitestgehend unber\u00fccksichtigt bleibt. Im BIP werden nur mit einem Lohn abgegoltene T\u00e4tigkeiten erfasst. Was nicht \u00fcber monet\u00e4re M\u00e4rkte abgewickelt wird, somit auch ein grosser Teil des in der Schweiz wichtigen Milizwesens, bleibt dagegen aussen vor. \u00abKann eine solche Messgr\u00f6sse sinnvoll sein?\u00bb, lautete die Frage. Und auch an der Antwort hat sich wenig ge\u00e4ndert. Sie lautet Ja, wenn man sich bewusst macht, dass es keine valablen Alternativen gibt, wenn man das BIP in der Wirtschaftspolitik richtig einsetzt und, vor allem, wenn man von dem Konstrukt nicht mehr erwartet, als es leisten kann und will.<\/p>\n<p>Das BIP soll lediglich die wirtschaftliche Wertsch\u00f6pfung eines Landes abbilden. Das tut es, wenn auch (in der Schweiz) nur zu gut 60 Prozent. Es erfasst n\u00e4mlich nur jene Wertsch\u00f6pfung, bei der Geld fliesst. Selbstverst\u00e4ndlich tr\u00e4gt unbezahlte Arbeit aber ebenfalls zum Wohlstand bei. Insofern sind wir reicher, als es das BIP pro Kopf zum Ausdruck bringt (wobei der emotionale Gewinn etwa einer Pflege durch den Partner in den eigenen vier W\u00e4nden statt durch entl\u00f6hntes Personal in einem Heim noch dazukommt). Noch mehr gilt dies f\u00fcr L\u00e4nder mit einem h\u00f6heren Anteil an nicht marktlicher Wirtschaft und an Schattenwirtschaft.<\/p>\n<h2><strong>Eine Wachstumsillusion<\/strong><\/h2>\n<p>Umgekehrt haben der R\u00fcckgang der unbezahlten Arbeit und die Partizipation der Frauen am Arbeitsmarkt in der letzten Zeit eine Wachstumsillusion bewirkt. Zum Teil f\u00fchrt das Outsourcing von Aufgaben, die fr\u00fcher \u00abinhouse\u00bb erledigt wurden, n\u00e4mlich zu einem Wachstum statistischer Natur. Bringt man ein Kind in die Krippe, statt es daheim zu betreuen, geht man ins Restaurant, statt zu Hause zu kochen, oder l\u00e4sst man waschen, statt es selbst zu tun, w\u00e4chst das BIP in entsprechendem Umfang. Die Integration der Frauen mit ihren beruflichen Fachkenntnissen in die monet\u00e4re Wirtschaft brachte somit zwar durchaus einen realen Wachstumseffekt, aber wegen der Verlagerung von unbezahlter zu bezahlter Arbeit zus\u00e4tzlich auch einen bloss statistischen Wachstumsschub.<\/p>\n<p>\u00abReicher\u00bb, als es das BIP zeigt, sind wir erst recht, wenn man Reichtum nicht nur wirtschaftlich versteht. Das BIP misst weder die politischen Rechte noch die Freiheit der Bev\u00f6lkerung eines Landes. Es misst auch nicht die Rechtssicherheit, die individuelle Sicherheit, das Gl\u00fcck, den sozialen Zusammenhalt, die Umweltqualit\u00e4t oder den Gesundheitszustand. Das alles \u2013 und vieles mehr \u2013 tr\u00e4gt jedoch zur Lebensqualit\u00e4t bei. Wer moniert, dass es im BIP nicht erfasst werde, sollte bedenken, dass materieller und immaterieller Reichtum in hohem Masse, wenn auch schwer fassbar, miteinander korrelieren. Zwar bringen Mehrausgaben nicht per se h\u00f6here Qualit\u00e4t, aber irgendwie schlagen sich die Ausgaben f\u00fcr Gesundheit, Bildung oder \u00f6ffentliche Sicherheit, um nur einige Beispiele zu nennen, eben doch in der Qualit\u00e4t dieser Bereiche nieder.<\/p>\n<h2><strong>Umweltg\u00fcter bepreisen<\/strong><\/h2>\n<p>Seit dem Aufkommen der Umwelt\u00f6konomie, also seit 50 Jahren, wird mit Recht kritisiert, dass das BIP negative Externalit\u00e4ten wie Klimawandel und Umweltverschmutzung h\u00f6chstens indirekt erfasst, also nur, wenn man etwa Umweltsch\u00e4den beseitigt. Das liesse sich jedoch mit einer richtigen Bepreisung der Umweltg\u00fcter und einer Internalisierung der externen Effekte beheben und ruft nicht nach einer Neuberechnung oder einem Ersatz des BIP.<\/p>\n<p>Hingegen ist es ein Kategorienfehler, zu fordern, das BIP m\u00fcsse auch die Einkommens- und Verm\u00f6gensverteilung einbeziehen. Richtig ist nur, dass Aussagen \u00fcber die Verteilung, die auf dem BIP basieren, eine zu starke Ungleichheit zeigen. Bez\u00f6ge man den nicht marktlichen Bereich mit ein, pr\u00e4sentierte sich die in der Schweiz relativ gleichm\u00e4ssige Verteilung der Prim\u00e4reinkommen wohl noch gleichm\u00e4ssiger, weil vermutlich im oberen Einkommensbereich mehr \u00fcber Bezahlung, im unteren Bereich mehr \u00fcber Freiwilligenarbeit abgewickelt wird.<\/p>\n<h2><strong>Keine Alternative<\/strong><\/h2>\n<p>Viel Unbehagen mit dem BIP hat damit zu tun, dass diverse Wachstumskritiker es gewissermassen f\u00fcr ein \u00abunbegrenztes Wachstumsstreben\u00bb der Wirtschaftspolitik verantwortlich machen. Das trifft jedoch auf die reicheren Staaten praktisch nicht mehr zu. Kluge liberale Politik hat schon lange die gesamte Lebensqualit\u00e4t im Auge, wenn sie nach einer Besserstellung der Menschen strebt. Das BIP dient dabei niemals als alleiniger Massstab, sondern nur als zentrale Referenzgr\u00f6sse, f\u00fcr die es keine praktikable und sinnvolle Alternative gibt. Wenn man zu viele Ziele in einen Gesamtindikator zu packen versucht, tut man so, als ob man damit das Problem der wirtschaftspolitischen Zielkonflikte l\u00f6se. Dabei versteckt man es nur.<\/p>\n<p>Wie viel Gleichheit will man dem Wohlstand opfern? Wie viel Innovation der Stabilit\u00e4t? Wie viel Freiheit der Sicherheit? All das sind politische Entscheide, die nicht von einem Gesamtindex zugedeckt werden sollten. Solch komplexere Indizes, ob sie nun das Human Development, die Happiness oder das Better Life messen wollen, weisen noch mehr T\u00fccken auf als das BIP, sind weniger operationabel und f\u00fcr internationale Vergleiche ungeeigneter. Das BIP bleibt bei allen Schw\u00e4chen eine wertvolle Orientierungsgr\u00f6sse.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es hat sich in 50 Jahren wenig ge\u00e4ndert: Die Kritik am Bruttoinlandprodukt (BIP) als Massstab des Wohlstands und erst recht der Wohlfahrt war schon 1969, im ersten Semester meines volkswirtschaftlichen Studiums in St. Gallen, Teil des Standardprogramms. 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