{"id":98278,"date":"2021-10-04T13:51:38","date_gmt":"2021-10-04T13:51:38","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/10\/le-pib-est-il-le-bon-indicateur\/"},"modified":"2023-08-23T22:48:48","modified_gmt":"2023-08-23T20:48:48","slug":"ist-das-bip-die-falsche-kennzahl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/10\/ist-das-bip-die-falsche-kennzahl\/","title":{"rendered":"Ist das BIP die falsche Kennzahl?"},"content":{"rendered":"<p>Das Bruttoinlandprodukt (BIP) sei die falsche Kennzahl, um das zu messen, worauf es wirklich ankomme. Dies schrieb der Nobelpreistr\u00e4ger Joseph Stiglitz k\u00fcrzlich in einem Artikel f\u00fcr die Zeitschrift \u00abScientific American\u00bb. Diese Erkenntnis ist alt \u2013 und entsprechend steht das BIP schon lange in der Kritik. Allerdings konnten diese Einw\u00e4nde der Bedeutung des BIP bisher nichts anhaben. Verschiedene Wirtschaftsinstitute sind das ganze Jahr mit nichts anderem besch\u00e4ftigt, als laufend neue BIP-Prognosen zu erstellen. Und diese Vorhersagen werden dann in der \u00d6ffentlichkeit mit grossem Ernst diskutiert, egal ob sie sp\u00e4ter zutreffen oder nicht.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das BIP die wichtigste Kennzahl, um den Gang einer Wirtschaft zu beschreiben. Das BIP misst die in einem Wirtschaftsraum \u00fcber ein Jahr hinweg erzielte Wertsch\u00f6pfung, die gleichzeitig den in Geld gemessenen Einkommen entspricht. Dabei gilt: Je h\u00f6her das BIP, umso h\u00f6her fallen L\u00f6hne, Unternehmensgewinne und Steuereinnahmen des Staates aus.<\/p>\n<h2><strong>Wachsen oder schrumpfen<\/strong><\/h2>\n<p>Wenn Unternehmen \u00fcberleben wollen, m\u00fcssen sie l\u00e4ngerfristig Gewinne erzielen. Sonst gehen sie in Konkurs. Der gesamte Unternehmenssektor kann auf Dauer jedoch nur Gewinne erzielen, wenn gleichzeitig die Wirtschaft real w\u00e4chst. Oder anders ausgedr\u00fcckt: Nur solange das BIP w\u00e4chst, ist eine Mehrheit der Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich. Findet kein Wirtschaftswachstum mehr statt, dann werden aus Gewinnen zunehmend Verluste, und die Wirtschaft ger\u00e4t in eine Abw\u00e4rtsspirale. Kurz: Es gibt nur die Alternative wachsen oder schrumpfen.<\/p>\n<p>Aus wirtschaftlicher Sicht hat das BIP seinen Stellenwert also zu Recht, da sein Wachstum f\u00fcr eine moderne Wirtschaft \u00fcberlebenswichtig ist. Problematisch wird das BIP jedoch, wenn es als Mass f\u00fcr das Wohlbefinden der Menschen verwendet wird. Denn dazu kann das BIP (pro Kopf) nichts aussagen. So sp\u00fcren die meisten Menschen nicht, ob das BIP dieses Jahr um 1 Prozent oder um 2 Prozent w\u00e4chst. Was Menschen hingegen merken, ist der Verlust ihres Arbeitsplatzes oder die Unsicherheit aufgrund einer hohen Kriminalit\u00e4tsrate in einem Land.<\/p>\n<p>Das BIP teilt uns weder mit, wie gleich oder ungleich Einkommen verteilt sind, noch gibt es Auskunft \u00fcber die Lebenszufriedenheit der Menschen, \u00fcber die Arbeitssituation, \u00fcber die Sicherheit oder \u00fcber das Ausmass der wirtschaftlichen Umweltsch\u00e4digungen. Und auch produktive T\u00e4tigkeiten, die ohne Geldzahlungen erbracht werden, sind nicht Bestandteil des BIP.<\/p>\n<p>Erst wenn man weitere Indikatoren dazunimmt, kann man Aussagen dazu machen, wie sich die Lebenssituation der Menschen in einem Land entwickelt. Das wird bis heute aber selten gemacht. Meist kriegen wir nur die Wachstumsraten des BIP serviert, und weitere Indikatoren m\u00fcssen m\u00fchsam zusammengesucht werden.<\/p>\n<h2><strong>\u00abSchlechte\u00bb Schweizer Bildung? <\/strong><\/h2>\n<p>Joseph Stiglitz fordert deshalb, dass weitere Indikatoren das BIP erg\u00e4nzen sollen. Doch welche? An Vorschl\u00e4gen mangelt es nicht. Die Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stellt im Rahmen der Better-Life-Initiative beispielsweise 11 Indikatoren zur Verf\u00fcgung, welche derzeit 40 L\u00e4nder zumindest teilweise verwenden. Darunter finden sich die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen wie Einkommen, Einkommensverteilung, Besch\u00e4ftigung, Ausbildung, Gesundheit, Zustand der Umwelt oder auch Lebenszufriedenheit. Die Schweiz, die diese Indikatoren ebenfalls nutzt, schneidet dabei bei Einkommen, Besch\u00e4ftigung, Gesundheit und Lebenszufriedenheit ziemlich gut ab \u2013 erstaunlicherweise aber nicht bei der Ausbildung, wo sie nur an 17. Stelle liegt. Warum ist das so?<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr ist einfach: Wegen unseres dualen Bildungssystems mit der Berufslehre studieren weniger junge Menschen an Hochschulen als in anderen L\u00e4ndern \u2013 was den Bildungsindikator nach unten dr\u00fcckt. Das heisst aber nicht, dass junge Menschen in der Schweiz schlechter ausgebildet sind. Der von der OECD verwendete Indikator vermittelt in diesem Fall ein falsches Bild.<\/p>\n<h2><strong>Vorsicht geboten<\/strong><\/h2>\n<p>Der Teufel steckt somit wie immer im Detail \u2013 und deshalb sind auch die Social-Well-Being-Indikatoren der OECD mit Vorsicht zu geniessen. Ohne genaue Kenntnis, wie und mit welchen Daten Indikatoren tats\u00e4chlich berechnet werden, sagen sie oft nicht viel aus. Und das gilt nicht nur f\u00fcr die Indikatoren aus der K\u00fcche der OECD, sondern auch f\u00fcr jene anderer Organisationen \u2013 wie zum Beispiel f\u00fcr die Indikatoren des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) und der Europ\u00e4ischen Kommission.<\/p>\n<p>Das Dilemma besteht bei all diesen Indikatoren darin, dass sich die f\u00fcr das Wohlbefinden der Menschen wirklich wichtigen Dinge, wie die Lebenszufriedenheit, nicht gut messen lassen. Und die gut messbaren Dinge, wie etwa der Anteil der Menschen mit terti\u00e4rem Bildungsabschluss, sind im Allgemeinen nicht besonders aussagekr\u00e4ftig.<\/p>\n<p>Als Fazit k\u00f6nnen wir somit festhalten: Das BIP bleibt die wichtigste Kennzahl f\u00fcr die Wirtschaft. Aber es macht Sinn, das BIP mit einer \u00fcberschaubaren Anzahl von Indikatoren zu erg\u00e4nzen, die Auskunft \u00fcber die Lebensqualit\u00e4t der Menschen und den Zustand der Umwelt vermitteln. Bei der Auswahl von Indikatoren ist jedoch Vorsicht geboten.<\/p>\n<p>Wenn wir dann sehen, dass das BIP-Wachstum Lebensqualit\u00e4t und Umwelt beeintr\u00e4chtigt, sollte die Politik darauf reagieren. Manchmal ist es besser, langsamer, daf\u00fcr aber \u00f6kologischer und sozialvertr\u00e4glicher zu wachsen. Dieses Denken kennen wir bereits aus der Geldpolitik, wo die Zentralbank das Wachstum abw\u00fcrgen darf, ja sogar muss, wenn das Inflationsrisiko zu hoch zu werden droht. Genau so sollten wir auch argumentieren, wenn gravierende Umweltrisiken oder Gesundheitsrisiken drohen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bruttoinlandprodukt (BIP) sei die falsche Kennzahl, um das zu messen, worauf es wirklich ankomme. Dies schrieb der Nobelpreistr\u00e4ger Joseph Stiglitz k\u00fcrzlich in einem Artikel f\u00fcr die Zeitschrift \u00abScientific American\u00bb. Diese Erkenntnis ist alt \u2013 und entsprechend steht das BIP schon lange in der Kritik. 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