{"id":98300,"date":"2021-10-01T11:35:37","date_gmt":"2021-10-01T11:35:37","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/10\/les-inegalites-salariales-entre-hommes-et-femmes-sont-souvent-surestimees\/"},"modified":"2023-08-23T22:48:44","modified_gmt":"2023-08-23T20:48:44","slug":"oft-ueberschaetzt-lohnunterschiede-zwischen-frauen-und-maennern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/10\/oft-ueberschaetzt-lohnunterschiede-zwischen-frauen-und-maennern\/","title":{"rendered":"Oft \u00fcbersch\u00e4tzt: Lohnunterschiede zwischen Frauen und M\u00e4nnern"},"content":{"rendered":"<p>Lohnungleichheit zwischen Frauen und M\u00e4nnern wird in der Schweiz alle zwei Jahre anhand der Lohnstrukturerhebung (LSE) untersucht. Die LSE enth\u00e4lt Daten zu fast einem Drittel aller Besch\u00e4ftigten in der Schweiz und umfasst standardisierte Informationen zu den L\u00f6hnen sowie eine Vielzahl personen-, t\u00e4tigkeits- und unternehmensspezifischer Merkmale, die relevant f\u00fcr die Entl\u00f6hnung sind. Dazu geh\u00f6ren etwa Bildung, Beruf und Branche.<\/p>\n<p>Die zur Auswahl stehenden statistischen Analyseverfahren verwenden diese lohnbestim&shy;menden Merkmale in unterschiedlicher Weise. Doch wie wirken sich unterschiedliche Methoden auf die Ergebnisse aus? Dieser Frage sind wir in einer aktuellen Studie der Universit\u00e4t Basel und des Pariser Instituts Polytechnique nachgegangen. Unsere Untersuchung basiert auf der Lohnstrukturerhebung 2016.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<h2>Diskriminierung schwierig messbar<\/h2>\n<p>Eine grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegung bei der Wahl des Analyseverfahrens ist zun\u00e4chst, ob man Geschlechterdiskriminierung aufdecken oder existierende Lohnunterschiede beschreiben m\u00f6chte. Geschlechterdiskriminierung aufzudecken, ist schwierig, da mehrere methodische Probleme \u00fcberwunden werden m\u00fcssen. So l\u00e4sst sich beispielsweise nur der Lohn von <em>besch\u00e4ftigten<\/em> Frauen und M\u00e4nnern beobachten. Die Entscheidung, am Arbeitsmarkt teilzunehmen, k\u00f6nnte aber bereits durch gef\u00fchlte, tats\u00e4chliche oder antizipierte Diskriminierung beeinflusst sein.<\/p>\n<p>Gleiches gilt f\u00fcr die Bildungs- und Berufswahl. Gef\u00fchlte, tats\u00e4chliche oder antizipierte Diskriminierung k\u00f6nnte diese Entscheidungen bereits in fr\u00fcher Jugend beeinflussen und somit die sp\u00e4tere Aufdeckung von Geschlechterdiskriminierung erheblich erschweren. Es l\u00e4sst sich h\u00e4ufig nicht unterscheiden, ob Arbeitsmarktentscheidungen selbstbestimmt getroffen oder durch Diskriminierung beeinflusst wurden. Im Ergebnis untersch\u00e4tzen die meisten Studien also diese Art von Diskriminierung.<\/p>\n<p>Eine andere M\u00f6glichkeit ist die Beschreibung existierender Lohnunterschiede. Sie fokussiert auf den \u00abIst-Zustand\u00bb. Ziel ist es, zu bestimmen, ob gleichwertige Arbeit von Frauen und M\u00e4nnern mit gleichen Qualifikationen auch gleich entl\u00f6hnt wird. Einmal getroffene Arbeitsmarktentscheidungen werden dabei als gegeben betrachtet. Amtliche Statistiken des Bundesamtes f\u00fcr Statistik und die regelm\u00e4ssig f\u00fcr die Schweiz in Auftrag gegebenen Studien konzentrieren sich zumeist auf solche existierenden Lohnunterschiede anstatt auf Geschlechter&shy;diskriminierung.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Auch das Gleichstellungsgesetz, das seit Juli 2020 in Kraft ist, verlangt von Arbeitgebern eine Analyse der existierenden Lohnunterschiede und keine Analyse von Geschlechterdiskriminierung (siehe <em>Kasten<\/em>).<\/p>\n<h2>Wie Lohnunterschiede messen?<\/h2>\n<p>Die am weitesten verbreitete Methode zur Messung von Lohnunterschieden ist die Blinder-Oaxaca-Zerlegung<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>. Diese misst nicht erkl\u00e4rbare Lohnunterschiede als die Differenz aus dem tats\u00e4chlichen Lohn von Frauen und dem Vergleichslohn, den Frauen erhalten w\u00fcrden, wenn ihre beobachteten Lohndeterminanten den gleichen Einfluss auf den Lohn h\u00e4tten wie die der M\u00e4nner. Der Einfluss der Lohndeterminanten auf den Lohn wird dabei unter Annahme eines bestimmten mathematischen Zusammenhangs mittels statistischer Verfahren aus den Daten gesch\u00e4tzt. Beispielsweise wird in der Regel angenommen, dass sich die Lohnpr\u00e4mien f\u00fcr h\u00f6here Bildungsabschl\u00fcsse zwischen unterschiedlichen Berufen nicht unterscheiden. Konkret: H\u00e4ufig wird implizit angenommen, dass die Lohnpr\u00e4mien f\u00fcr einen Universit\u00e4tsabschluss eines Informatikers und einer Sozialwissenschaftlerin identisch sind. Entsprechen diese Annahmen jedoch nicht der Realit\u00e4t, f\u00fchrt dies im genannten Beispiel zu einer \u00dcbersch\u00e4tzung der Lohnunterschiede.<\/p>\n<p>Solche \u00dcbersch\u00e4tzungen sind umso wahrscheinlicher, je weniger vergleichbar Frauen und M\u00e4nner sind. Im Idealfall existiert f\u00fcr jede Frau mindestens ein Mann mit identischen lohnrelevanten Merkmalen zur Bestimmung des Vergleichslohns. Ist dies jedoch nicht gegeben, berechnet das Verfahren den Vergleichslohn auf Basis der angenommenen mathematischen Zusammenh\u00e4nge. Stimmen diese nicht, f\u00e4llt der Vergleichslohn gem\u00e4ss unserer Studie tendenziell zu gross aus.<\/p>\n<p>Um dies zu verhindern, machen modernere Analyseverfahren zum einen weniger restriktive Annahmen bez\u00fcglich der mathematischen Zusammenh\u00e4nge zwischen den Lohndeterminanten und dem Lohn, oder sie kommen ganz ohne solche Annahmen aus. Zum anderen pr\u00fcfen und ber\u00fccksichtigen sie direkt, ob hinsichtlich der Lohndeterminanten vergleichbare Frauen und M\u00e4nner vorhanden sind. Ist dies nicht der Fall, dann wird zulasten der Repr\u00e4sentativit\u00e4t entschieden und nicht vergleichbare Daten von Frauen ausgeschlossen.<\/p>\n<h2>Standardmethoden erkl\u00e4ren wenig<\/h2>\n<p>Im Jahr 2016 betrug der durchschnittliche Monatslohn von Frauen im privaten Sektor 6266 Franken. M\u00e4nner verdienten im Durchschnitt 7793 Franken pro Monat. Dies entspricht einer Lohndifferenz von 18,6 Prozent. Im \u00f6ffentlichen Sektor war diese Differenz mit 13,9 Prozent etwas geringer. Dort betrug der durchschnittliche Lohn der Frauen 7731 Franken und derjenige der M\u00e4nner 8985 Franken.<\/p>\n<p>Allerdings sind diese Gesamtdifferenzen wenig aussagekr\u00e4ftig, da Frauen und M\u00e4nner h\u00e4ufig unterschiedliche Berufe aus\u00fcben und sich auch in anderen lohnbestimmenden Merkmalen unterscheiden. Verwendet man die Blinder-Oaxaca-Zerlegung, um Unterschiede in den lohnbestimmenden Merkmalen herauszurechnen, verringert sich das Lohngef\u00e4lle zwischen Frauen und M\u00e4nnern im privaten Sektor auf 7,7 Prozent. Mit anderen Worten: 59 Prozent der Gesamtlohndifferenz k\u00f6nnen durch lohnbestimmende Merkmale erkl\u00e4rt werden, rund 40 Prozent bleiben unerkl\u00e4rt.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Im \u00f6ffentlichen Sektor verbleibt ein nicht erkl\u00e4rter Lohnunterschied von 6,4 Prozent. Hier k\u00f6nnen 54 Prozent der Gesamtdifferenz erkl\u00e4rt werden, 46 Prozent bleiben unerkl\u00e4rt.<\/p>\n<h2>Standardmethoden \u00fcbersch\u00e4tzen Differenz<\/h2>\n<p>Bereits die Verwendung weniger restriktiver Annahmen bez\u00fcglich der mathematischen Zusammenh\u00e4nge zwischen den Lohndeterminanten und dem Lohn innerhalb der Blinder-Oaxaca-Zerlegung reduziert die nicht erkl\u00e4rte Lohndifferenz zumindest im \u00f6ffentlichen Sektor deutlich um 20 Prozent. In der Privatwirtschaft resultiert durch diese Anpassung nur ein kleiner Unterschied (siehe <em>Tabelle<\/em>). Doch alternative statistische Verfahren, die auf Annahmen \u00fcber den Zusammenhang von Lohndeterminanten und Lohn ganz verzichten, reduzieren die nicht erkl\u00e4rte Lohndifferenz in der Privatwirtschaft um 10 Prozent.\u00a0 Im \u00f6ffentlichen Sektor reduziert sich diese dagegen nicht weiter.<\/p>\n<p>Insgesamt f\u00fchren weniger restriktive Annahmen bez\u00fcglich der mathematischen Zusammenh\u00e4nge zu einem um 10 Prozent kleineren Lohndifferenzial im privaten Sektor und einer Verringerung um 20 Prozent im \u00f6ffentlichen Sektor. Entfernt man Personen, die sich nicht mit dem anderen Geschlecht vergleichen lassen, reduziert dies den Lohnunterschied ebenfalls erheblich: um bis zu 19 Prozent im privaten Sektor und sogar bis zu 30 Prozent im \u00f6ffentlichen Sektor.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Lohndifferenzen zwischen M\u00e4nnern und Frauen im privaten und \u00f6ffentlichen Sektor, nach verschiedenen statistischen Methoden (2016)<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table class=\" aligncenter\" width=\"951\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<th><\/th>\n<th><strong>Privater Sektor<\/strong><\/th>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<th><strong>\u00d6ffentlicher Sektor<\/strong><\/th>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Gesamtlohndifferenz<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\" colspan=\"3\">18,6%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\" colspan=\"3\">13,9%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td>nicht erkl\u00e4rter Lohnunterschied<\/td>\n<td>erkl\u00e4rter Anteil der Gesamtlohn-differenz<\/td>\n<td>relative Differenz zu Standard-methoden<\/td>\n<td>nicht erkl\u00e4rter Lohnunterschied<\/td>\n<td>erkl\u00e4rter Anteil der Gesamtlohn-differenz<\/td>\n<td>relative Differenz zu Standard-methoden<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Standardmethoden (Blinder-Oaxaca)<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">7,7%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">59%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\"><\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">6,4%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">54%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Annahmen bzgl. mathematischer Zusammenh\u00e4nge<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><em>weniger restriktiv<\/em><\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">7,6%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">59%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">-1%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">5,1%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">63%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">-20%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td scope=\"colgroup\"><em>keine<\/em><\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">6,9%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">63%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">-10%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">5,2%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">63%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">-19%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Vergleichbarkeit zwischen Frauen und M\u00e4nnern<\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><em>maximale Vergleichbarkeit<\/em><\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">6,2%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">67%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">-19%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">4,5%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">68%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">-30%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><em>rudiment\u00e4re Vergleichbarkeit<\/em><\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">7,3%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">61%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">-5%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">6,4%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">54%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">0%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><em>sinnvoller Kompromiss<\/em><\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">7,3%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">61%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">-5%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">6,1%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">56%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">-5%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Gesamtergebnis modernere Methoden (unter Verwendung des Kompromisses bzgl. Vergleichbarkeit)<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">6%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">68%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">-22%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">3,2%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">77%<\/td>\n<td style=\"text-align: center;\">-50%<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Strittmatter und Wunsch (2021)<\/span><\/p>\n<h2>Frauen und M\u00e4nner oft nicht vergleichbar<\/h2>\n<p>Das Ausmass fehlender Vergleichbarkeit zwischen Frauen und M\u00e4nnern ist dabei erheblich. Im privaten Sektor existiert f\u00fcr 89 Prozent der Frauen kein vergleichbarer Mann in mindestens einem der lohnbestimmenden Merkmale, die \u00fcblicherweise f\u00fcr die Lohnanalysen in der Schweiz verwendet werden. Im \u00f6ffentlichen Sektor sind es 70 Prozent. Dies, obwohl die Beobachtungszahlen in der Lohnstrukturerhebung mit \u00fcber einer Million Besch\u00e4ftigten im privaten und mehr als 400\u2019000 Besch\u00e4ftigten im \u00f6ffentlichen Sektor riesig sind.<\/p>\n<p>Wie viele Frauen und M\u00e4nner aus der Analyse aufgrund fehlender Vergleichbarkeit ausgeschlossen werden sollen, ist jedoch eine Abw\u00e4gung zwischen Vergleichbarkeit und Repr\u00e4sentativit\u00e4t. Denn einerseits reduziert der Ausschluss von Personen die Stichprobengr\u00f6sse, andererseits ver\u00e4ndert er ihre Zusammensetzung.<\/p>\n<p>Empfehlenswert ist daher ein Kompromiss, der sicherstellt, dass besonders wichtige, aber nicht alle Lohndeterminanten vergleichbar bleiben. Dazu z\u00e4hlen etwa Alter, Ausbildung, berufliche Stellung, Wirtschaftszweig, Beruf, Betriebsgr\u00f6sse, Besch\u00e4ftigungsart und Wohnkanton. Werden nur die Merkmale mit dem gr\u00f6ssten Einfluss auf den Lohn ber\u00fccksichtigt, sind es noch 39 Prozent der Frauen im privaten Sektor und 20 Prozent im \u00f6ffentlichen Sektor, die kein vergleichbares m\u00e4nnliches Pendant haben. Der gesch\u00e4tzte verbleibende Lohnunterschied zwischen Frauen und M\u00e4nnern reduziert sich damit selbst mit der Standardmethode um etwa 5 Prozent im privaten und \u00f6ffentlichen Sektor.<\/p>\n<p>Reduziert man die Anzahl zentraler Variablen weiter und gew\u00e4hrleistet nur noch die Vergleichbarkeit bei Alter, Ausbildung, beruflicher Stellung, Wirtschaftszweig, Beruf und Betriebsgr\u00f6sse, sind es noch mindestens 15 Prozent Frauen ohne Vergleichsperson im privaten Sektor und knapp 10 Prozent im \u00f6ffentlichen Sektor. Im Vergleich zur Standardmethode reduziert sich im privaten Sektor der gesch\u00e4tzte verbleibende Lohnunterschied weiterhin um 5 Prozent, wohingegen die Herstellung dieser rudiment\u00e4ren Vergleichbarkeit kaum Auswirkungen auf den unerkl\u00e4rten Lohnunterschied im \u00f6ffentlichen Sektor hat.<\/p>\n<h2>Moderne Verfahren erkl\u00e4ren mehr<\/h2>\n<p>Kombiniert man die Vorteile solcher moderneren Methoden mit moderaten Anforderungen an die Vergleichbarkeit von Frauen und M\u00e4nnern, resultiert f\u00fcr die Privatwirtschaft ein nicht erkl\u00e4rter Lohnunterschied von 6 Prozent. Dies sind mehr als 20 Prozent weniger als mit der Standardmethode. Fast 70 Prozent des gesamten Lohnunterschieds zwischen Frauen und M\u00e4nnern k\u00f6nnen somit durch ad\u00e4quate Ber\u00fccksichtigung der Unterschiede in den lohnbestimmenden Merkmalen erkl\u00e4rt werden. Im \u00f6ffentlichen Sektor halbiert sich die nicht erkl\u00e4rte Lohndifferenz auf nur noch 3,2 Prozent, sodass sogar fast 80 Prozent der Gesamtlohndifferenz erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. Damit liegt das Lohndifferenzial im privaten Sektor nur noch knapp \u00fcber den in verpflichtenden Lohnanalysen als kritisch betrachteten 5 Prozent, im \u00f6ffentlichen Sektor liegt es sogar deutlich darunter.<\/p>\n<p>Dies zeigt eindr\u00fccklich, welch entscheidende Rolle die Wahl der Methode spielt. Und zwar selbst wenn exakt dieselben Informationen aus der LSE verwendet werden. Zuk\u00fcnftige Studien sollten dies st\u00e4rker ber\u00fccksichtigen angesichts der Tatsache, dass diese die zentrale Basis f\u00fcr politische Entscheidungen darstellen. Beispielsweise verwendet das vom Bund f\u00fcr verpflichtende Lohnanalysen innerhalb von Unternehmungen zur Verf\u00fcgung gestellte Tool \u00abLogib Modul 1\u00bb noch restriktivere Methoden als die Blinder-Oaxaca-Zerlegung (siehe <em>Kasten<\/em>). Diese Methoden f\u00fchren in unserer Analyse zu einer noch deutlicheren \u00dcbersch\u00e4tzung der unerkl\u00e4rten Lohnunterschiede als die Standardmethode Blinder-Oaxaca. Ausserdem versch\u00e4rft die Anwendung innerhalb eines Unternehmens die Problematik fehlender Vergleichbarkeit von Frauen und M\u00e4nnern erheblich, insbesondere in kleineren Betrieben.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Strittmatter und Wunsch (2021). Die Studie wurde vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF-Spark Project 190422) und der Franz\u00f6sischen Nationalen Forschungsagentur (LabEx Ecodec\/ANR-11-LABX-0047) gef\u00f6rdert.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Bundesamt f\u00fcr Statistik (2021) und Kaiser und M\u00f6hr (2021).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Blinder (1973); Oaxaca (1973).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Siehe Blinder (1973) und Oaxaca (1973) f\u00fcr eine Beschreibung dieser Standardmethode.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Siehe Felder und Wunsch (2021).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lohnungleichheit zwischen Frauen und M\u00e4nnern wird in der Schweiz alle zwei Jahre anhand der Lohnstrukturerhebung (LSE) untersucht. 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Evaluation des Analyse-Tools Logib Modul 1 f\u00fcr den Lohnvergleich zwischen Frauen und M\u00e4nnern, WWZ Insights No. 3.<\/li>\r\n \t<li>Kaiser, B. und T. M\u00f6hr (2021). Analyse der Lohnunterschiede zwischen Frauen und M\u00e4nnern anhand der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) 2018. BSS Volkswirtschaftliche Beratung. Studie im Auftrag des Bundesamts f\u00fcr Statistik.<\/li>\r\n \t<li>Oaxaca, R. (1973). Male-Female Wage Differentials in Urban Labour Markets, International Economic Review, 14(3), 693\u2013709.<\/li>\r\n \t<li>Strittmatter, A. und C. Wunsch (2021). The Gender Pay Gap Revisited with Big Data: Do Methodological Choices Matter?<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Lohnanalysen im Gleichstellungsgesetz","kasten_box":"Mit dem revidierten Gleichstellungsgesetz (GlG) sind seit Juli 2020 alle Arbeitgebenden mit 100 oder mehr Mitarbeitenden dazu verpflichtet, alle vier Jahre eine Lohngleichheitsanalyse durchzuf\u00fchren. Die Unternehmen m\u00fcssen die L\u00f6hne mittels einer wissenschaftlichen und rechtskonformen Methode analysieren und von einer unabh\u00e4ngigen Stelle \u00fcberpr\u00fcfen lassen. Weiter m\u00fcssen Arbeitnehmende sowie Aktion\u00e4re \u00fcber das Ergebnis der Lohngleichheitsanalyse informiert werden.\r\n\r\nUm die Wissenschaftlichkeit und die Rechtskonformit\u00e4t der Lohnungleichheitsanalysen zu gew\u00e4hrleisten, hat der Bund das Standard-Analysetool \u00abLogib Modul 1\u00bb entwickelt und es kostenlos zur Verf\u00fcgung gestellt. Das statistische Analyseverfahren ist eine klassische lineare Regression, in welcher der Einfluss der objektiven Lohndeterminanten Alter, Bildung, potenzielle Erwerbserfahrung, Dienstalter, berufliche Stellung und Kompetenzniveau sowie die zus\u00e4tzliche Auswirkung des Geschlechts auf den Lohn ermittelt werden. Ist der Geschlechtskoeffizient statistisch signifikant kleiner als \u20135 Prozent bzw. gr\u00f6sser als 5 Prozent, dann besteht gem\u00e4ss dem Analysetool die begr\u00fcndete Vermutung, dass im Betrieb Frauen bzw. M\u00e4nner systematisch geringer entl\u00f6hnt werden."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":98303,"main_focus":"","serie_email":null,"frontpage_slider_bild":98307,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"105552","post_abstract":"Wie gross ist der Lohnunterschied zwischen besch\u00e4ftigten Frauen und M\u00e4nnern, wenn sie der gleichen Arbeit nachgehen und die gleichen Qualifikationen haben? Seit das revidierte Gleichstellungsgesetz 2020 in Kraft getreten ist, m\u00fcssen Arbeitgeber dieser Frage regelm\u00e4ssig mit wissenschaftlichen Methoden nachgehen. Jedoch zeigt eine neue Studie der Universit\u00e4t Basel und des Institut Polytechnique in Paris, dass noch nicht abschliessend gekl\u00e4rt ist, welche wissenschaftlichen Methoden am besten geeignet sind, um Lohnunterschiede zu berechnen. 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