{"id":98341,"date":"2021-09-28T14:03:31","date_gmt":"2021-09-28T14:03:31","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/09\/la-prosperite-rend-elle-heureux\/"},"modified":"2025-05-14T15:36:53","modified_gmt":"2025-05-14T13:36:53","slug":"macht-wohlstand-gluecklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/09\/macht-wohlstand-gluecklich\/","title":{"rendered":"Macht Wohlstand gl\u00fccklich?"},"content":{"rendered":"<p>Das Bruttoinlandprodukt (BIP) ist heute mit Abstand die wichtigste Wirtschaftsmetrik, um die Wirtschaftsaktivit\u00e4t eines Landes zu messen. Weil es \u00fcberall nach den gleichen Regeln erhoben wird, ist es ein n\u00fctzlicher Indikator f\u00fcr politische Entscheidungstr\u00e4ger. Die Reduzierung der Komplexit\u00e4t einer Volkswirtschaft auf eine einzige Zahl birgt aber auch Nachteile. So enth\u00e4lt das BIP im Prinzip nur Aktivit\u00e4ten, die mit einem Marktpreis versehen sind. Hausarbeit, Schwarzarbeit oder gar Lebenszufriedenheit des Einzelnen sind hingegen beispielsweise nicht erfasst.<\/p>\n<p>Die US-Nobelpreistr\u00e4ger William D. Nordhaus und James Tobin schlugen schon in den 1970er-Jahren vor, das BIP um unentgeltliche Aktivit\u00e4ten wie die Hausarbeit zu erweitern.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Eine weitere Erg\u00e4nzung des BIP ist der Human Development Index der UNO. Er enth\u00e4lt unter anderem auch Zahlen zu Gesundheit und Bildung, um den Entwicklungsstand eines Landes abzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>In j\u00fcngster Zeit nahm die Kritik am BIP immer st\u00e4rker zu, da zum Beispiel auch weitreichend genutzte digitale Angebote wie Google, Wikipedia oder Social Media nicht erfasst sind, weil f\u00fcr diese nicht mit Geld bezahlt wird. Das Weltwirtschaftsforum (WEF) schl\u00e4gt vor, die Wirtschaftsleistung eines Landes anhand eines \u00abDashboards\u00bb zu messen. Nebst einem umfassenderen BIP inklusive digitaler Wertsch\u00f6pfung soll das Dashboard auch Ungleichheiten in der Bev\u00f6lkerung, soziale Mobilit\u00e4t und Finanzkapital erfassen.<\/p>\n<h2><strong>Zufriedenheit als Indikator<\/strong><\/h2>\n<p>Einen wichtigen Beitrag zur Wohlstandmessung vermag die Gl\u00fccksforschung zu leisten. Ein Grossteil der \u00f6konomischen Gl\u00fccksforschung verwendet repr\u00e4sentative Umfragen zur subjektiven Lebenszufriedenheit, welche das \u00abmittelfristige\u00bb Gl\u00fcck messen. Im Gegensatz zum \u00abkurzfristigen\u00bb Gl\u00fcck erfasst das mittelfristige Gl\u00fcck nicht momentane emotionale Stimmungen, sondern eine grunds\u00e4tzliche subjektive Einsch\u00e4tzung der eigenen Lebenssituation. In repr\u00e4sentativen Umfragen wird jeweils die Frage gestellt: \u00abAlles in allem, wie zufrieden sind Sie mit dem Leben, das Sie f\u00fchren?\u00bb Die Antwortm\u00f6glichkeiten reichen von einer Skala von \u00abtotal unzufrieden\u00bb (gleich 0) bis zu \u00abtotal zufrieden\u00bb (gleich 10). Wichtige Umfragen sind beispielsweise der Gallup-Poll, der Eurobarometer oder das Deutsche Sozio-\u00d6konomische Panel (SOEP). Sie k\u00f6nnen als Wohlfahrtsindizes angesehen werden und bilden eine Grundlage zur Erg\u00e4nzung des BIP.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Eine gute \u00dcbersicht \u00fcber die subjektive Lebenszufriedenheit in verschiedenen L\u00e4ndern bietet der World Happiness Report, wo die Schweiz den dritten Platz belegt (siehe <em>Tabelle<\/em>). Noch gl\u00fccklicher sind im Durchschnitt nur die Bewohner Finnlands und D\u00e4nemarks. Deutschland liegt auf Platz 13, die USA auf Platz 19 und Frankreich auf Platz 21. Die Menschen sind in Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern mit einem tiefen Pro-Kopf-Einkommen deutlich weniger gl\u00fccklich, etwa in Argentinien, Nigeria oder Indien. Instabile politische Verh\u00e4ltnisse und B\u00fcrgerkriege senken die Lebenszufriedenheit drastisch, wie die Daten f\u00fcr Afghanistan bereits f\u00fcr den Zeitraum 2018 bis 2020 zeigen.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Durchschnittliche Lebenszufriedenheit in ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndern (2018\u20132020) <\/strong><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"224\"><strong>Land (Platz)<\/strong><\/td>\n<td width=\"247\"><strong>Lebenszufriedenheit <\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"224\">1. Finnland<\/td>\n<td width=\"247\">7,8<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"224\">2. D\u00e4nemark<\/td>\n<td width=\"247\">7,6<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"224\">3. Schweiz<\/td>\n<td width=\"247\">7,6<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"224\">4. Island<\/td>\n<td width=\"247\">7,6<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"224\">5. Niederlande<\/td>\n<td width=\"247\">7,5<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"224\">13. Deutschland<\/td>\n<td width=\"247\">7,2<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"224\">19. USA<\/td>\n<td width=\"247\">7,0<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"224\">21. Frankreich<\/td>\n<td width=\"247\">6,7<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"224\">57. Argentinien<\/td>\n<td width=\"247\">5,9<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"224\">116. Nigeria<\/td>\n<td width=\"247\">4,8<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"224\">139. Indien<\/td>\n<td width=\"247\">3,8<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"224\">149. Afghanistan<\/td>\n<td width=\"247\">2,5<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"text__legend\">Anmerkung: Die Zufriedenheitsskala reicht von \u00abtotal unzufrieden\u00bb (0) bis \u00abtotal zufrieden\u00bb (10). Insgesamt sind 149 L\u00e4nder erfasst.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: <a href=\"https:\/\/worldhappiness.report\/ed\/2021\/\">World Happiness Report (2021)<\/a> \/ Die Volkswirtschaft<\/span><\/p>\n<p>Neben der subjektiven Lebenszufriedenheit gibt es verschiedene andere Ans\u00e4tze, \u00abGl\u00fcck\u00bb zu messen. Der sogenannte U-Index erfasst zum Beispiel, w\u00e4hrend welcher Zeitspanne eines Tages die Befragten sich \u00abunwohl\u00bb f\u00fchlen. Damit umfasst dieser Index ein weiteres Spektrum des Gl\u00fccks und ist besser vergleichbar. \u00dcberdies st\u00f6sst diese Messung weniger schnell an die obere Grenze, als dies bei einer Skala von 0 bis 10 wie bei der subjektiven Lebenszufriedenheit der Fall ist.<\/p>\n<h2><strong>Das \u00abEasterlin-Paradox\u00bb<\/strong><\/h2>\n<p>Einig ist man sich in der Gl\u00fccksforschung, dass zwischen dem Individualeinkommen und dem Gl\u00fcck zu einem fixen Zeitpunkt ein klarer Zusammenhang besteht. Ein Anstieg des Einkommens steigert die Lebenszufriedenheit, allerdings mit abnehmender Rate. Wenn beispielsweise das pers\u00f6nliche Jahreseinkommen von 100\u2019000 Franken auf 150\u2019000 Franken pro Jahr steigt, nimmt die Lebenszufriedenheit st\u00e4rker zu, als wenn sich das Einkommen von 500\u2019000 Franken auf 750\u2019000 erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber ist der Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen Lebenszufriedenheit und dem BIP pro Kopf umstritten. Das \u00abEasterlin-Paradox\u00bb \u2013 benannt nach dem US-\u00d6konomen Richard Easterlin \u2013 besagt, es gebe keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem BIP pro Kopf und dem Gl\u00fccksempfinden.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Gem\u00e4ss Easterlins Analysen aus den fr\u00fchen 1970er-Jahren h\u00e4ngt die Lebenszufriedenheit eines Menschen vielmehr davon ab, mit welcher Referenzgruppe er oder sie sich vergleicht. Weil bei einem Anstieg des BIP h\u00e4ufig auch die Referenzgruppe profitiert, steigt das Gl\u00fcck des Einzelnen nicht unbedingt an. Im Vordergrund steht somit m\u00f6glicherweise ein Anerkennungsbed\u00fcrfnis der Befragten.<\/p>\n<p>Das Easterlin-Paradox wird jedoch zunehmend infrage gestellt. Die US-\u00d6konomen Betsey Stevenson und Justin Wolfers haben anhand von umfassenderen Daten einen eindeutig positiven Zusammenhang zwischen dem BIP pro Kopf und der durchschnittlichen Lebenszufriedenheit festgestellt.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Im Gegensatz zu Easterlins Untersuchungen umfasst die Studie von Stevenson und Wolfers auch Schwellenl\u00e4nder wie Mexiko, Argentinien, Brasilien oder Indien.<\/p>\n<p>Aber auch wenn man wie Easterlin nur Industriel\u00e4nder betrachtet, \u00e4ndert sich aus heutiger Sicht das Bild. Im Falle Japans argumentierte Easterlin beispielsweise, dass sich das BIP pro Kopf zwischen 1958 und 1987 verf\u00fcnffachte, die Lebenszufriedenheit aber stagnierte. W\u00e4hrend dieser Zeit wurden jedoch die Antwortkategorien der Umfragen stark ge\u00e4ndert. Werden diese Ver\u00e4nderungen ber\u00fccksichtigt, kann auch f\u00fcr Japan ein positiver Zusammenhang zwischen Sozialprodukt pro Kopf und Lebenszufriedenheit festgestellt werden. Auch bei den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern postulierte Easterlin einen sehr kleinen oder gar keinen Zusammenhang zwischen BIP pro Kopf und Lebenszufriedenheit. Mit der erweiterten Datengrundlage wird jedoch ein positiver Effekt f\u00fcr sechs von neun L\u00e4ndern nachgewiesen.<\/p>\n<p>Eine Ausnahme bilden hingegen die Vereinigten Staaten, wo ein steigendes Pro- Kopf-Einkommen das Gl\u00fccksempfinden in der Bev\u00f6lkerung nicht erh\u00f6ht. Das Paradox l\u00e4sst sich in diesem Land durch Dynamiken in der Einkommensverteilung erkl\u00e4ren. W\u00e4hrend der Periode 1972 bis 2006 stiegen die Einkommen der 60 Prozent am wenigsten Verdienenden zwischen 15 Prozent und 20 Prozent, w\u00e4hrend die Einkommen der 20 Prozent H\u00f6chstverdienenden sogar um 60 Prozent zunahmen. Die Fr\u00fcchte des Wachstums in den USA wurden demnach stark ungleich verteilt.<\/p>\n<h2><strong>BIP hat Grenzen<\/strong><\/h2>\n<p>Der Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und BIP pro Kopf bleibt in der Forschung weiterhin umstritten. Infolge einer besseren Datengrundlage und der Ber\u00fccksichtigung bisher vernachl\u00e4ssigter \u00e4rmerer L\u00e4nder nimmt die Evidenz f\u00fcr einen positiven Zusammenhang aber tendenziell zu. In Entwicklungsl\u00e4ndern ist der Anteil der Armen gr\u00f6sser als in materiell gut gestellten L\u00e4ndern. Die Armen profitieren hinsichtlich der Lebenszufriedenheit am meisten, wenn sich ihr Einkommen erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Abschliessend l\u00e4sst sich somit sagen: Indizes der Lebenszufriedenheit liefern eine wertvolle Erg\u00e4nzung zum BIP. Denn: Eine Kombination mehrerer Indizes kann ein besseres Bild einer Wirtschaft und einer Gesellschaft zeichnen, als dies ein einzelner Index in der Lage w\u00e4re.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Nordhaus und Tobin (1973).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Frey (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Easterlin (1974).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Stevenson und Wolfers (2008).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bruttoinlandprodukt (BIP) ist heute mit Abstand die wichtigste Wirtschaftsmetrik, um die Wirtschaftsaktivit\u00e4t eines Landes zu messen. 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(2017).\u00a0Wirtschaftswissenschaftliche Gl\u00fccksforschung: Kompakt\u2013verst\u00e4ndlich\u2013anwendungsorientiert.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<ul>\r\n \t<li style=\"list-style-type: none;\">\r\n<ul>\r\n \t<li>Nordhaus, W. D. und Tobin, J. (1973). Is Growth Obsolete? In:\u00a0The Measurement of Economic and Social Performance: 509\u2013564.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<ul>\r\n \t<li style=\"list-style-type: none;\">\r\n<ul>\r\n \t<li>Stevenson, B. und Wolfers, J. (2008).\u00a0Economic Growth and Aubjective Well-being: Reassessing the Easterlin Paradox, NBER Working paper N\u00b014282.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":98344,"main_focus":[155848,156697],"serie_email":"","frontpage_slider_bild":98348,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"105799","post_abstract":"Die \u00f6konomische Gl\u00fccksforschung hat Lebenszufriedenheitsindizes entwickelt, welche sich als Wohlfahrtsmass eignen. Diese k\u00f6nnen das Bruttoinlandprodukt (BIP) jedoch nicht ersetzen. 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