{"id":98890,"date":"2021-06-24T16:21:17","date_gmt":"2021-06-24T16:21:17","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/06\/lecologie-et-leconomie\/"},"modified":"2024-11-28T09:34:13","modified_gmt":"2024-11-28T08:34:13","slug":"oekologie-und-oekonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/06\/oekologie-und-oekonomie\/","title":{"rendered":"\u00d6kologie und \u00d6konomie"},"content":{"rendered":"<p>Viele werden das Begriffspaar im Titel instinktiv als gegens\u00e4tzlich und konfliktbeladen interpretieren. Denn die vorherrschende Ansicht ist, dass wirtschaftliche Entwicklung fast zwangsl\u00e4ufig auf Kosten der Umwelt geht \u2013 und umgekehrt. Die hochaktuelle Klimadebatte liefert ausgiebiges Anschauungsmaterial daf\u00fcr. Wenn es auch unbestritten ist, dass Wirtschaftswachstum oft mit zus\u00e4tzlichem Ressourcenbedarf verbunden ist \u2013 die Sache ist bei Weitem nicht so eindeutig. Jedenfalls nicht, wenn man \u00d6konomie \u2013 wie wir das in dieser Artikelserie tun \u2013 als wissenschaftliche Disziplin und nicht als \u00abdie Wirtschaft\u00bb interpretiert. Es ist n\u00e4mlich kein Zufall, dass die beiden Begriffe im Titel sehr \u00e4hnlich klingen. Sie leiten sich beide aus dem altgriechischen Wort f\u00fcr \u00abHaushalt\u00bb ab, da es in beiden Wissenschaften um den haush\u00e4lterischen Umgang mit Ressourcen geht. Wir wollen in diesem Beitrag erl\u00e4utern, wie die Erkenntnisse der \u00d6konomie helfen, m\u00f6glichst schonend mit der Umwelt umzugehen.<\/p>\n<h2>Marktversagen bei Externalit\u00e4ten<\/h2>\n<p>Wie wir im <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch2020\/09\/brunetti-serie-10-2020\/\">Artikel<\/a> zur unsichtbaren Hand des Marktes ausgef\u00fchrt haben, f\u00fchrt der Preismechanismus in der Regel zu einem effizienten Einsatz knapper Ressourcen. Das gilt aber nur, falls der Marktpreis die tats\u00e4chliche Knappheit korrekt widerspiegelt. In den klar definierten F\u00e4llen, in denen das nicht der Fall ist, kann ein staatlicher Eingriff die Effizienz verbessern. Das klassische Beispiel f\u00fcr ein solches Marktversagen sind externe Effekte. Sie existieren dann, wenn jemand nicht alle Kosten tr\u00e4gt, die bei seinen Aktionen f\u00fcr Dritte entstehen. \u00dcberm\u00e4ssige Umweltverschmutzung ist die prominenteste Auspr\u00e4gung dieser Ineffizienz.<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr einen externen Effekt: Ein Stahlwerk leitet seine Abw\u00e4sser ungereinigt in einen Fluss und verringert so die Ertr\u00e4ge der Fischer, die flussabw\u00e4rts ihr Gesch\u00e4ft betreiben. Ohne staatliche Eingriffe ist die Verwendung der Umwelt fu\u0308r das Stahlwerk gratis, und deshalb untersch\u00e4tzt es die wahren Kosten seiner T\u00e4tigkeit. Dies l\u00e4sst sich anhand einer einfachen Angebots-Nachfrage-Grafik analysieren (siehe <em>Abbildung<\/em>).<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Negative Externalit\u00e4ten<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/05\/Bildschirmfoto-2021-06-24-um-14.59.37.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-105111\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/05\/Bildschirmfoto-2021-06-24-um-14.59.37.png\" alt=\"\" width=\"1676\" height=\"1338\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Nachfragekurve in der Abbildung hat die \u00fcbliche negative Steigung: Je h\u00f6her der Stahlpreis, desto weniger wird gekauft. F\u00fcr unsere Analyse ist jedoch die Angebotskurve von Bedeutung. Sie hat typischerweise eine positive Steigung, weil es sich lohnt, mehr Stahl zu verkaufen, wenn der Preis steigt. Die Produktionskosten sind die wichtigste Bestimmungsgr\u00f6sse der Angebotskurve. Im Fall externer Effekte mu\u0308ssen wir diese privaten Kosten der Produzenten jedoch von den sozialen Kosten fu\u0308r die gesamte Gesellschaft unterscheiden. Das Stahlwerk selbst erf\u00e4hrt durch die von ihm verursachte Umweltverschmutzung keine Kosten, fu\u0308r die gesamte Gesellschaft sind diese aber durchaus relevant \u2013 im Beispiel, weil weniger Fische gefangen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die von den sozialen Kosten bestimmte Angebotskurve A<sub>s<\/sub> liegt daher in der Grafik links der Angebotskurve A<sub>p<\/sub>, die lediglich von den privaten Kosten der Stahlproduktion bestimmt wird. Mu\u0308sste das Stahlwerk n\u00e4mlich neben den privaten Kosten zus\u00e4tzlich auch die Kosten bezahlen, die durch die Umweltverschmutzung entstehen, w\u00fcrde es die angebotene Menge an Stahl zu jedem Preis reduzieren. Der vertikale Abstand der beiden Kurven entspricht dabei den Kosten der Umweltverschmutzung. Der Marktpreis p<sub>m<\/sub> liegt deshalb tiefer als der eigentlich effiziente Preis p*, der die relativen Knappheiten korrekt widerspiegelt, und das Stahlwerk produziert mehr Stahl (q<sub>m<\/sub>) als die gesamtwirtschaftlich optimale Menge q*.<\/p>\n<h2>Was ist die L\u00f6sung?<\/h2>\n<p>Nirgends tritt das Problem externer Effekte deutlicher zutage als im Umweltbereich. Die Verschmutzung der Gew\u00e4sser, das Ozonloch oder die globale Erw\u00e4rmung k\u00f6nnen direkt auf dieses Marktversagen zuru\u0308ckgefu\u0308hrt werden. Die \u00dcbernutzung der Umwelt ist ein Ausdruck der verzerrten Preissignale, welche die Kosten dieser Nutzung nicht ber\u00fccksichtigen. Aus diesem Grunde reicht freiwilliger Umweltschutz allein nicht aus, um das Problem zu l\u00f6sen. Nat\u00fcrlich hilft es, wenn sich Menschen freiwillig umweltschonender verhalten, aber der Anreiz zum Trittbrettfahren \u2013 sein eigenes Verhalten nicht anpassen und auf andere hoffen \u2013 ist deutlich zu gross. Das gilt insbesondere bei globalen Umweltproblemen wie der Klimaerw\u00e4rmung. Deshalb braucht es f\u00fcr einen effizienten Einsatz der Ressource staatliche Eingriffe.<\/p>\n<p>Die offensichtlichsten Staatseingriffe bestehen in Regulierungen der Wirtschaftst\u00e4tigkeit: Die umweltsch\u00e4digende T\u00e4tigkeit wird mit Verboten und Vorschriften einged\u00e4mmt. Fr\u00fche umweltpolitische Massnahmen liessen sich vor allem dieser Methode zuordnen. Allerdings zeigte sich mit der Zeit, dass dieser Ansatz zu ineffizienten, weil starren Vorschriften f\u00fchrt, die den individuellen Kosten der Vermeidung von Umweltsch\u00e4den nicht Rechnung tragen und umweltschonende Innovationen zu wenig begu\u0308nstigen. Diese Methode krankt letztlich daran, dass keine direkten Anreize u\u0308ber Preisver\u00e4nderungen vermittelt werden. Deshalb wurden in den letzten Jahrzehnten immer mehr Bem\u00fchungen unternommen, den Preismechanismus und damit die Marktkr\u00e4fte st\u00e4rker zu nutzen.<\/p>\n<p>Die Grundidee dieses marktwirtschaftlichen Umweltschutzes ist es, mithilfe einer sogenannten Lenkungsabgabe, einer Steuer also, dem Umweltverbrauch einen Preis zu geben. Dadurch soll die Knappheit der Ressource in den Entscheiden ber\u00fccksichtigt werden. Werden die Ertr\u00e4ge dieser Steuer gleichm\u00e4ssig an die Bev\u00f6lkerung zuru\u0308ckverteilt, spricht man von einer reinen Lenkungsabgabe: Sie erreicht die gew\u00fcnschte Lenkungswirkung ohne eine Erh\u00f6hung des staatlichen Einkommens. In der Abbildung w\u00fcrde also eine Steuer erhoben, die im Idealfall gerade so hoch w\u00e4re, dass sie die private Angebotskurve A<sub>p<\/sub> so weit nach links verschiebt, dass sie genau auf der sozialen Angebotskurve A<sub>s<\/sub> zu liegen kommt. Damit w\u00fcrde der externe Effekt vollst\u00e4ndig internalisiert: Der Verursacher wird mit den tats\u00e4chlichen Kosten f\u00fcr die gesamte Volkswirtschaft konfrontiert.<\/p>\n<h2>Wirtschaftswachstum beg\u00fcnstigt Umweltpolitik<\/h2>\n<p>Aus wissenschaftlicher Sicht besteht also kein relevanter Gegensatz zwischen \u00d6konomie und \u00d6kologie \u2013 beide pl\u00e4dieren f\u00fcr einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt. Doch zur\u00fcck zu unserer Frage zu Beginn des Artikels: Sch\u00e4digt in der Realit\u00e4t die Entwicklung \u00abder Wirtschaft\u00bb die Umwelt nicht \u00fcber die Massen, weil es nicht gelingt, effiziente Massnahmen politisch zu implementieren? Zu einem gewissen Grad stimmt das. Allerdings zeigt sich im internationalen Vergleich, dass ab einem bestimmten Wohlstandsniveau die Umweltverschmutzung im Verh\u00e4ltnis zum BIP sinkt. Das hat einerseits mit dem \u00dcbergang von Industrie- zu Dienstleistungsgesellschaften zu tun und andererseits vor allem mit der Tatsache, dass mit wachsendem Wohlstand die Zahlungsbereitschaft einer Gesellschaft f\u00fcr Umweltqualit\u00e4t steigt.<\/p>\n<p>Diese gegenl\u00e4ufige Tendenz sieht man auch daran, dass nur in wachsenden Wirtschaften die politische Bereitschaft besteht, eine wirklich griffige Umweltpolitik zu verfolgen. Ist ein Land arm oder schrumpft seine Wirtschaft, so sind die Themen Umweltqualit\u00e4t und Klima meist relativ weit hinten auf der politischen Priorit\u00e4tenliste.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele werden das Begriffspaar im Titel instinktiv als gegens\u00e4tzlich und konfliktbeladen interpretieren. Denn die vorherrschende Ansicht ist, dass wirtschaftliche Entwicklung fast zwangsl\u00e4ufig auf Kosten der Umwelt geht \u2013 und umgekehrt. Die hochaktuelle Klimadebatte liefert ausgiebiges Anschauungsmaterial daf\u00fcr. 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