{"id":99037,"date":"2021-05-31T11:36:30","date_gmt":"2021-05-31T11:36:30","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/05\/matieres-premieres-le-financement-du-negoce-en-constante-evolution\/"},"modified":"2023-08-23T22:49:55","modified_gmt":"2023-08-23T20:49:55","slug":"rohstofffinanzierung-haendler-unter-druck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/05\/rohstofffinanzierung-haendler-unter-druck\/","title":{"rendered":"Rohstofffinanzierung: H\u00e4ndler unter Druck"},"content":{"rendered":"<p>Handelsfirmen verf\u00fcgen oft \u00fcber zu wenig Eigenkapital, um einzig gest\u00fctzt auf ihre Bilanzen Kredite f\u00fcr ihre Gesch\u00e4fte zu erhalten. Dabei geht es um betr\u00e4chtliche Summen. So ist die Fracht eines grossen \u00d6ltankers \u00fcber 100 Millionen Franken wert. Um das Finanzierungsproblem zu l\u00f6sen, haben Rohstoffh\u00e4ndler in den 1970er-Jahren damit begonnen, die Fracht bei den Banken zu verpf\u00e4nden: Die Rohstoffe wurden damit zur R\u00fcckzahlungsgarantie. Das Modell der sich selbst liquidierenden Transaktionsfinanzierung war geboren.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nWichtige Akteure bei der Finanzierung des Rohstoffhandels sind franz\u00f6sische, niederl\u00e4ndische und schweizerische Banken. Darunter finden sich etwa die franz\u00f6sischen BNP Paribas, Cr\u00e9dit Agricole, Soci\u00e9t\u00e9 G\u00e9n\u00e9rale, Natixis und j\u00fcngst auch Bic Bred, die niederl\u00e4ndischen ING, ABN Amro, Rabobank und die Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse sowie die Genfer, die Waadtl\u00e4nder und die Z\u00fcrcher Kantonalbank. Weitere wichtige in der Rohstofffinanzierung t\u00e4tige Banken sind Unicredit, RBI, HSCB, BCP, Credit Europe, Arab Bank, Erste, DBS, UOB, OCBC, SMBC und MUFG. Eine Mehrheit dieser Finanzinstitute betreibt ihre Gesch\u00e4fte aus der Schweiz heraus. Weitere Handelszentren sind London, Paris, New York und Singapur.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nIm Laufe der Jahre haben die Banken und ihre Kunden das urspr\u00fcngliche Finanzierungsmodell an die spezifischen Bed\u00fcrfnisse \u2013 etwa in Bezug auf die Vorauszahlung, die Lagerung, die Verarbeitung, den Vertrieb und die Forderungsk\u00e4ufe \u2013 angepasst. Inzwischen finanzieren Banken einen grossen Teil der Wertsch\u00f6pfungskette. Besonders robusten Handelsunternehmen bieten sie sogenannte Konsortialkredite an, die von mehreren Kreditinstituten im Verbund vergeben werden und die erneuerbar, unbesichert, \u00e4usserst flexibel und meist g\u00fcnstig sind. Damit k\u00f6nnen H\u00e4ndler ihren Betriebskapitalbedarf insbesondere bei Nachschusszahlungen (\u00abMargin Calls\u00bb) rasch decken, um sich gegen Preisrisiken abzusichern.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Strengere Vorschriften<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nWeil die Regulierung in der Rohstofffinanzierung zugenommen hat, m\u00fcssen Banken ihre Kunden und deren Aktion\u00e4re heute genau kennen. Zudem sind sie verpflichtet, Sorgfaltspflichten zur Bek\u00e4mpfung von Geldw\u00e4scherei einzuhalten. Um in zahlreichen L\u00e4ndern allf\u00e4lligen Sanktionen zu entgehen, haben die Banken kostspielige systematische \u00dcberpr\u00fcfungsmechanismen eingef\u00fchrt. Erschwerend wirken auch die Vorschriften des Basler Ausschusses f\u00fcr Bankenaufsicht, der die Eigenmittelanforderungen gegen\u00fcber fr\u00fcher deutlich angehoben hat \u2013 was zu betr\u00e4chtlichen Finanzierungsl\u00fccken f\u00fchrte.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nAngesichts dieser Entwicklungen schr\u00e4nkten die meisten Banken die Kreditvergabe ein. In der Rohstofffinanzierung fokussieren sie heute vermehrt auf etablierte Grossunternehmen, weil hier die Kredit- und Reputationsrisiken \u00fcberschaubarer sind als bei kleineren Firmen. Die Grossunternehmen sind auch eher in der Lage, die neuen Bedingungen der Finanzinstitute zu akzeptieren, da sie meist \u00fcber viel Liquidit\u00e4t verf\u00fcgen und mit grossen Mengen handeln, tiefe Zinsen erhalten und einen Teil der zus\u00e4tzlichen Kosten auf ihre Gesch\u00e4ftspartner abw\u00e4lzen k\u00f6nnen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDemgegen\u00fcber k\u00fcndigten viele Banken kleinen und mittleren Unternehmen ihre oft langj\u00e4hrigen Beziehungen, definierten fixe Jahreszinsen oder verlangten Eigenmittel von mindestens 20 bis 100 Millionen Dollar. Diese durchaus nachvollziehbaren Massnahmen der Banken schm\u00e4lerten die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der kleinen und mittleren Handelsfirmen, welche gezwungen waren, andere und teurere Finanzierungsquellen zu erschliessen. Gleichzeitig nahm die Marktkonzentration zu.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Mehr Betrugsf\u00e4lle<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nAuch die Corona-Pandemie bewirkte indirekt ein Umdenken bei den Banken: Wegen der ungew\u00f6hnlich volatilen Preise haben sich die Betrugsf\u00e4lle im Rohstoffhandel geh\u00e4uft. In Asien waren 2020 unter anderem Agritrade, Hin Leong, Zenrock, Hontop, Sughi, Energy und Phoenix in Skandale verwickelt. Im laufenden Jahr sind weitere mutmassliche Betrugsf\u00e4lle publik geworden, allen voran die Insolvenz der britischen Investmentgesellschaft Greensill, deren Sch\u00e4den noch nicht abzusehen sind. Schon in den Jahren zuvor hatten Missbrauchsf\u00e4lle f\u00fcr Aufsehen gesorgt, etwa die F\u00e4lschung von Lagerzertifikaten im Hafen von Qingdao im Jahr 2014, mit denen sich chinesische Unternehmen Bankkredite verschafft hatten.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie j\u00fcngsten Skandale trafen praktisch alle Banken und hinterliessen ein gigantisches Loch in ihren Kassen. Allein der Konkurs des singapurischen \u00d6lh\u00e4ndlers Hin Leong kostete 3,5 Milliarden Dollar. Viele Finanzinstitute wie ABN Amro oder BNP Paribas haben sich inzwischen ganz aus dem Markt zur\u00fcckgezogen. Andere Banken wie die Soci\u00e9t\u00e9 G\u00e9n\u00e9rale Singapur machten ihre Filialen dicht oder \u00fcberdachten \u2013 wie etwa ING \u2013 ihr Gesch\u00e4ftsmodell.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Anpassungsf\u00e4higkeit gefragt<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nBeide Trends haben dazu gef\u00fchrt, dass Banken f\u00fcr die Finanzierung reiner Handelsaktivit\u00e4ten weniger Kapital zur Verf\u00fcgung stellen. Nebst den kleinen und mittleren Handelsfirmen bekunden auch Grossh\u00e4ndler bei als riskant eingestuften Transaktionen zusehends M\u00fche, an Kredite zu kommen. In der Folge wenden sich viele Handelsunternehmen vermehrt an spezialisierte Fonds wie Inoks, EFA, Barak oder SCCF, die vor zehn Jahren noch als letzter Ausweg galten. Inzwischen geniessen sie in der Branche aber einen deutlich besseren Ruf \u2013 auch deshalb, weil sie ein echtes Bed\u00fcrfnis erf\u00fcllen. Verglichen mit der Bankenfinanzierung handelt es sich hier aber nach wie vor um ein relativ unbedeutendes Angebot, was haupts\u00e4chlich daran liegt, dass institutionelle und private Anleger diesen Markt zu wenig kennen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nEine weitere Herausforderung f\u00fcr die Rohstoffh\u00e4ndler ist die Digitalisierung. Viele Beteiligte, namentlich Banken, investieren derzeit massiv in Blockchain-Projekte wie Komgo, Contour oder Marco Polo. Damit sollen die Gesch\u00e4fte gesichert und digitalisiert, die Kommunikation zwischen den Marktteilnehmern vereinfacht, das Fehlerrisiko und die Kosten gesenkt und die Gesch\u00e4ftsabwicklung beschleunigt werden.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nUnd schliesslich unternimmt die Branche Anstrengungen, die Nachhaltigkeit zu erh\u00f6hen. Ob diese Bestrebungen vom aufrichtigen Willen der Firmen zeugen, der Klimawende zum Durchbruch zu verhelfen, oder ob sie dem zunehmenden Druck der Investoren, Staaten und Banken oder dem eigenen Image geschuldet sind, spielt letztlich keine Rolle. Fakt ist: Die Nachhaltigkeit ist zu einem Schl\u00fcsselthema f\u00fcr Rohstoffh\u00e4ndler geworden.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDer Rohstoffhandel ver\u00e4ndert sich somit grundlegend, wobei die pandemiebedingten Marktturbulenzen die Branche zus\u00e4tzlich fordern. Dennoch sind die Zukunftsaussichten gut. Denn Handelsunternehmen und Banken haben bewiesen, dass sie durchaus in der Lage sind, sich anzupassen und den sich wandelnden Marktbed\u00fcrfnissen wirksam zu begegnen. Die H\u00e4ndler nehmen dabei zunehmend eine Vermittlerrolle wahr: Sie agieren als Bindeglied zwischen den Rohstoffproduzenten und den Kunden, an die sie die Rohstoffe weiterverkaufen. Indem sie sich um die Logistik, die Steuerung des Preisrisikos, flexible Zahlungsfristen und das Kreditrisiko k\u00fcmmern, bleiben sie weiterhin unverzichtbar.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Vgl. den <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch?p=99116\">Beitrag<\/a> von Lea Haller in dieser Ausgabe.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Handelsfirmen verf\u00fcgen oft \u00fcber zu wenig Eigenkapital, um einzig gest\u00fctzt auf ihre Bilanzen Kredite f\u00fcr ihre Gesch\u00e4fte zu erhalten. Dabei geht es um betr\u00e4chtliche Summen. So ist die Fracht eines grossen \u00d6ltankers \u00fcber 100 Millionen Franken wert. 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J\u00fcngst ist aber ein Gegentrend sichtbar geworden: Die Banken sind zur\u00fcckhaltender, weil die Finanzierungsvorschriften versch\u00e4rft wurden \u2013 gleichzeitig ist die Zahl der Betrugsf\u00e4lle in den letzten zwei Jahren im Zuge der Corona-Pandemie und der hohen Preisvolatilit\u00e4t angestiegen. In der Folge versch\u00e4rften die Banken ihre Konditionen und zwangen dadurch kleinere Firmen, alternative L\u00f6sungen zu suchen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Blockchain und die Nachhaltigkeitsbestrebungen die Branche vor neue Herausforderungen stellen. 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