{"id":99116,"date":"2021-05-28T10:35:30","date_gmt":"2021-05-28T10:35:30","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/05\/comment-la-suisse-est-devenue-une-plaque-tournante-du-negoce-international\/"},"modified":"2024-03-12T15:57:51","modified_gmt":"2024-03-12T14:57:51","slug":"rohstoffhandel-wie-die-schweiz-zur-drehscheibe-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/05\/rohstoffhandel-wie-die-schweiz-zur-drehscheibe-wurde\/","title":{"rendered":"Rohstoffhandel: Wie die Schweiz zur Drehscheibe wurde"},"content":{"rendered":"<p>In den fr\u00fchen 1970er-Jahren t\u00fcftelte der franz\u00f6sische Bankier Christian Weyer am Problem der Rohstofffinanzierung herum. Weyer leitete die Genfer Niederlassung der Handelsbank Paribas. Als ehemaliger Trader beim Rohstoffh\u00e4ndler Tradax wusste er, was auf dem Spiel stand: Ohne Bankkredite funktionierte der globale Handel nicht.<\/p>\n<p>Aber Banken waren in der Regel konservativ: Bevor sie Kredite vergaben, pr\u00fcften sie die Bonit\u00e4t des Kreditnehmers \u2013 eine b\u00fcrokratische Angelegenheit. Kurzfristige, kapitalintensive Gesch\u00e4fte konnte man so nicht abwickeln. Genau solche Gesch\u00e4ftsm\u00f6glichkeiten ergaben sich jedoch, als die \u00d6l exportierenden L\u00e4nder die \u00d6lf\u00f6rderung verstaatlichten, die Preise anhoben und die F\u00f6rdermenge drosselten. Der \u00ab\u00d6lpreisschock\u00bb von 1973 l\u00f6ste in den Industriel\u00e4ndern nicht nur eine Rezession aus, sondern f\u00fchrte auch zu neuen Gesch\u00e4ftsmodellen bei der Rohstoffhandelsfinanzierung.<\/p>\n<h2><strong>Herren \u00fcber Kapitalstr\u00f6me<\/strong><\/h2>\n<p>Erst wenn man Handelsfirmen nicht nur als Warenh\u00e4ndler, sondern auch als Finanzierungsprofis ansieht, als Herren \u00fcber Kapitalstr\u00f6me, versteht man, wieso gerade ein kleines Binnenland wie die Schweiz zu einem grossen Player werden konnte. W\u00e4hrend der Warenhandel ein relativ konservatives Gewerbe ist \u2013\u00a0es werden immer die gleichen Rohstoffe gekauft und an einer anderen Ecke der Welt wieder verkauft \u2013, sind die Geldstr\u00f6me eine h\u00f6chst dynamische Angelegenheit. Hoher Eigenkapitalbedarf, Devisenprobleme, W\u00e4hrungsabwertungen, Preisschwankungen und staatliche Kapitalverkehrskontrollen sorgten bei den H\u00e4ndlern immer wieder f\u00fcr Kopfzerbrechen und boten gleichzeitig Spielraum f\u00fcr Innovation und das gezielte Ausnutzen von Standortvorteilen.<\/p>\n<p>Bis Anfang der 1970er-Jahre war es Usus, Erd\u00f6l mit langfristigen Liefervertr\u00e4gen zu verkaufen. Nach Ausschaltung des westlichen Erd\u00f6loligopols kamen gewiefte H\u00e4ndler auf die Idee, \u00d6l zu handeln wie andere Rohstoffe auch: \u00abon the spot\u00bb, mit einer Erf\u00fcllungsfrist von wenigen Tagen. Ein Meister dieses Gesch\u00e4fts sollte Marc Rich werden, der damals in Spanien f\u00fcr den amerikanischen Rohstoffgiganten Philipp Brothers arbeitete. Er tat sich mit dem auf Logistik spezialisierten Arbeitskollegen Pincus Green von der Philipp-Brothers-Niederlassung in Zug zusammen. Und der Paribas-Banker Christian Weyer hatte die L\u00f6sung f\u00fcr das Finanzierungsproblem.<\/p>\n<p>Fu\u0308r einen Deal mit iranischem \u00d6l brauchte Rich hundert Millionen Dollar. Das war mit einem g\u00e4ngigen Kredit nicht zu finanzieren, wohl aber mit einem Akkreditiv, einem alten Vertragsinstrument, das Weyer fu\u0308r den Rohstoffhandel neu interpretierte. Das Akkreditiv regelt die Erfu\u0308llungsrisiken zwischen der Handelsfirma und dem K\u00e4ufer. Mit Warendokumenten, die die Ware repr\u00e4sentieren, f\u00fchrt man einen Risikoausgleich herbei: Die Akkreditivbank verpflichtet sich, dem Importeur die Dokumente nur dann weiterzugeben, wenn dieser die Zahlung an die Bank geleistet hat; gleichzeitig verpflichtet sich die Bank, die Zahlung an die Handelsfirma nur gegen \u00dcbergabe dieser Papiere auszul\u00f6sen. Die Akkreditivbank leiht der Handelsfirma das Geld also nicht mehr aufgrund ihrer Bilanz und Kreditwu\u0308rdigkeit, sondern gegen den Wert der Fracht, in deren Besitz die Bank ist, solange sie u\u0308ber das Warendokument verfu\u0308gt.<\/p>\n<p>Es waren solche Finanzierungsl\u00f6sungen, die exklusive Deals erm\u00f6glichten. Dabei galt damals schon: Beziehungen sind im Welthandel alles \u2013 zu den Rohstoffproduzenten, den K\u00e4ufern und den Financiers, aber auch zu Vermittlern, Zwischenh\u00e4ndlern und lokalen Beamten, zu Wirtschaftsjuristen, Steuerbeh\u00f6rden und Diplomaten.<\/p>\n<h2><strong>Unsichtbare Dienstleistungen<\/strong><\/h2>\n<p>Der Aufstieg der Schweiz zur Rohstoffhandelsdrehscheibe begann im 19. Jahrhundert. Kaufleute, die \u00fcber das n\u00f6tige Kapital verf\u00fcgten, reisten nach Indien, Afrika und S\u00fcdostasien und sondierten Exportm\u00f6glichkeiten. Die Schweiz unterst\u00fctzte sie dabei: nicht mit einer Kolonialarmee, sondern mit Vertr\u00e4gen. Im Februar 1864 schloss sie zum Beispiel \u2013\u00a0als siebtes Land nach einer Reihe von Grossm\u00e4chten \u2013\u00a0einen Freundschafts- und Handelsvertrag mit dem japanischen Kaiserreich, das von den Amerikanern mit Kanonenbooten zur \u00d6ffnung seiner Wirtschaft gezwungen worden war. F\u00fcr die diplomatische Mission unter der Leitung von Aim\u00e9 Humbert waren Kosten in der H\u00f6he von 100\u2019000 Franken veranschlagt worden, davon 40\u2019000 Franken allein f\u00fcr Geschenke. Als Sekret\u00e4r war der junge Z\u00fcrcher Kaufmann Caspar Brennwald mit dabei, der ein Jahr sp\u00e4ter in Yokohama mit seinem Compagnon Hermann Siber die Handelsfirma Siber &amp; Brennwald gr\u00fcnden sollte.<\/p>\n<p>Ende des 19. Jahrhunderts hatten bereits mehrere Schwergewichte des globalen Rohstoffhandels in der Schweiz entweder ihren Hauptsitz oder \u2013\u00a0wie Siber &amp; Brennwald \u2013\u00a0eine Agentur, darunter die auf Baumwolle spezialisierten Firmen Volkart und Reinhardt in Winterthur, die Seidenhandelsfirma Desco von Schulthess in Z\u00fcrich, die Basler Handelsgesellschaft und der Getreideh\u00e4ndler Andr\u00e9 &amp; Cie. in Nyon. Die Waren, die sie handelten, kamen nicht in die Schweiz; \u00fcber die Schweiz flossen nur die Kapitalstr\u00f6me. Aus Sicht der Schweiz exportierten die Handelsfirmen eine Dienstleistung. Man nennt dieses Gesch\u00e4ft Transithandel.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Lange blieb den Beh\u00f6rden verborgen, dass die Ertr\u00e4ge aus dem Transithandel einen namhaften Teil an die Zahlungsbilanz der Schweiz lieferten und damit die notorisch negative Handelsbilanz ausglichen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Der Basler Wirtschaftshistoriker Fritz Mangold, der in den 1930er-Jahren erstmals Zahlen zum Transithandel erhob, hielt angesichts der Ums\u00e4tze der Branche fest: Sie \u00ab\u00fcberspringen alle Vorstellungen selbst der Eingeweihten.\u00bb<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a><\/p>\n<h2><strong>Befreiungsschlag in den F\u00fcnfzigern<\/strong><\/h2>\n<p>Die Schweizer Rohstoffh\u00e4ndler profitierten von der politischen Stabilit\u00e4t des Landes und konnten gleichzeitig die kolonialen Infrastrukturen der europ\u00e4ischen M\u00e4chte nutzen. Zugute kamen ihnen auch das Verschontwerden von zwei Weltkriegen, die Erfindung des gebundenen Zahlungsverkehrs mit devisenschwachen L\u00e4ndern im Zuge der Wirtschaftskrise der fr\u00fchen 1930er-Jahre sowie Steuerprivilegien f\u00fcr Holdings. Weil die Schweiz nach 1945 bei den internationalen Organisationen abseitsstand, musste sie sich zudem nicht an Embargos halten.<\/p>\n<p>Im Jahr 1950 setzten sich Schweizer Spitzenbeamte erfolgreich daf\u00fcr ein, dass bei der Liberalisierung des \u00abunsichtbaren Verkehrs\u00bb (Dienstleistungen) innerhalb der Europ\u00e4ischen Zahlungsunion auch Gewinne aus dem Transithandel ber\u00fccksichtigt wurden. Das war in Zeiten starker Kapitalverkehrskontrollen ein Befreiungsschlag: Kurz darauf wurden Transithandelsgewinne im Umfang von 28 Millionen Franken aus den Commonwealth-L\u00e4ndern in die Schweiz transferiert. Zur gleichen Zeit begann der Zustrom ausl\u00e4ndischer Rohstoffholdings, vor allem in die Genferseeregion.<\/p>\n<p>Lange Zeit hat man sich in der Geschichtsschreibung auf die physische Seite des Handels konzentriert: Man untersuchte die Wertsch\u00f6pfungsketten der Rohstoffe von der Peripherie bis in die hoch industrialisierten Zentren.<\/p>\n<p>Die Geldstr\u00f6me gerieten dabei aus dem Blickfeld. Auch wenn global t\u00e4tige Handelsunternehmen grunds\u00e4tzlich nicht ortsgebunden sind: Gerade f\u00fcr die Geldseite des Handels sind die Staaten, in denen sie ihren Sitz haben, relevant.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Das Privatrecht und transnationale Vertr\u00e4ge sorgen daf\u00fcr, dass Geld \u00fcber Grenzen transferiert und sicher angelegt werden kann, dass es in eine stabile W\u00e4hrung konvertierbar ist und dass weder Schulden noch Ertr\u00e4ge allzu hohe Kosten verursachen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Haller (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Der Transithandel fehlt selbst in Halbeisen et al. (2012).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Mangold (1935): 15.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Pistor (2021).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den fr\u00fchen 1970er-Jahren t\u00fcftelte der franz\u00f6sische Bankier Christian Weyer am Problem der Rohstofffinanzierung herum. Weyer leitete die Genfer Niederlassung der Handelsbank Paribas. Als ehemaliger Trader beim Rohstoffh\u00e4ndler Tradax wusste er, was auf dem Spiel stand: Ohne Bankkredite funktionierte der globale Handel nicht. 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Basel, Verband Schweizerischer Transithandelsfirmen.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>\r\n&nbsp;\r\n<ul>\r\n \t<li style=\"list-style-type: none;\">\r\n<ul>\r\n \t<li>Pistor, Katharina (2021). Der Code des Kapitals. Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>\r\n&nbsp;","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":99119,"main_focus":[155883,156722],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":99123,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"103262","post_abstract":"Baumwolle, Kaffee, Getreide, Eisenerze, Erd\u00f6l: Rohstoffe sind der Inbegriff einer globalisierten Wirtschaft. 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