{"id":99131,"date":"2021-05-28T07:51:49","date_gmt":"2021-05-28T07:51:49","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/05\/comment-les-pays-en-developpement-profitent-ils-des-matieres-premieres\/"},"modified":"2023-08-23T22:49:58","modified_gmt":"2023-08-23T20:49:58","slug":"wie-profitieren-entwicklungslaender-vom-rohstoffsegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/05\/wie-profitieren-entwicklungslaender-vom-rohstoffsegen\/","title":{"rendered":"Wie profitieren Entwicklungsl\u00e4nder vom Rohstoffsegen?"},"content":{"rendered":"<p>Die Wirtschaftsentwicklung in rohstoffreichen Entwicklungsl\u00e4ndern verl\u00e4uft oft schleppend. Dies mag auf den ersten Blick erstaunen, denn in Europa, insbesondere in Deutschland und in England, waren der Abbau und die Verarbeitung von Rohstoffen im 19. Jahrhundert ein Treiber der industriellen und damit auch der wirtschaftlichen Entwicklung: Kohle wurde beispielsweise f\u00fcr den Betrieb der Dampfmaschinen und f\u00fcr die Eisenverh\u00fcttung gebraucht. Entsprechend entwickelten sich die Industriestandorte im Umland der Lagerst\u00e4tten sowie entlang der Wasserwege und Schienenstrecken, auf denen der Rohstofftransport erfolgte. Die N\u00e4he zu den Lagerst\u00e4tten war ein Standortvorteil, da der Transport der Kohle und der unverarbeiteten Erze aufwendig war.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDeutschland, Grossbritannien und die USA, einst Pioniere der Industrialisierung, sind heute hoch diversifizierte Wirtschaften. In Deutschland ist der Bergbau ganz verschwunden, das Land importiert alle Prim\u00e4rmetalle und Steinkohle. Und auch wenn die USA heute noch zu den bedeutendsten Produzenten mineralischer Rohstoffe z\u00e4hlen, in ihrer Gesamtwirtschaft spielt der Sektor nur noch eine geringe Rolle, genauso wie in Grossbritannien.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDoch wieso bildet sich um die heutigen Abbaugebiete in Entwicklungsl\u00e4ndern keine Industrialisierung mehr?&#013;<\/p>\n<h2><strong>Marktn\u00e4he entscheidend<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nDie Antwort findet sich unter anderem in den Marktliberalisierungen und im weltumspannenden Transportwesen: Im Gegensatz zum Zeitalter der industriellen Revolution sind Transportkosten heute kein entscheidender Kostenfaktor mehr \u2013 entsprechend spielt die N\u00e4he zu den Abbaugebieten nur noch eine untergeordnete Rolle. Bauxit etwa, der Rohstoff f\u00fcr Aluminium, wird unter anderem in Australien abgebaut, als Aluminiumoxid nach Mo\u00e7ambique verschifft, dort verh\u00fcttet und als Aluminium in die Welt exportiert. Weil Transportkosten vernachl\u00e4ssigbar sind, verteilen sich die Rohstoffwertsch\u00f6pfungsketten inzwischen \u00fcber die ganze Welt.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nTechnologische Entwicklungen verlangen nach immer neuen technischen Eigenschaften der verarbeiteten Rohstoffe. Die N\u00e4he zum Markt, das heisst zu den weiterverarbeitenden Industrien, ist deshalb ein entscheidender Standortvorteil. Es erstaunt daher nicht, dass Metallraffinerien in ganz Europa zu finden sind, obwohl in Europa kein nennenswerter Abbau mehr stattfindet. Zudem ist auch der Bergbau selbst eine Hightech-Branche geworden. Oft fehlen in Entwicklungsl\u00e4ndern die technologischen Voraussetzungen, um die lokale Industrie einzubinden und eine Zulieferindustrie aufzubauen. Die Rohstoffe werden deshalb unverarbeitet exportiert.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nZahlreiche Entwicklungsl\u00e4nder haben bereits \u2013 erfolglos \u2013 versucht, die Industrialisierung per Einf\u00fchrung von Strafz\u00f6llen auf den Export unverarbeiteter Rohstoffe zu erzwingen. L\u00e4nder wie Indonesien, Tansania oder die Demokratische Republik Kongo mussten ihre Exportrestriktionen wieder zur\u00fcckziehen, da ihre Marktmacht schlicht zu gering war: Mineralische Rohstoffe sind global zwar nicht gleichm\u00e4ssig verteilt, aber ein Monopol auf einen Rohstoff gibt es nicht.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie Tendenz scheint somit klar: In Entwicklungsl\u00e4ndern l\u00f6st der Rohstoffabbau keine Industrialisierung mehr aus. Hinzu kommt, dass durch Digitalisierung und Automatisierung zahlreiche Arbeitspl\u00e4tze wegfallen. So sieht etwa die geplante Syama Mine in Mali einen vollst\u00e4ndig automatisierten Betrieb vor, ohne Arbeiter vor Ort.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Nachfrage steigt<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nKlar ist: Die Nachfrage nach Rohstoffen wird steigen, getrieben von einer globalen Verst\u00e4dterung, aber auch vom zunehmenden Bedarf an erneuerbaren Energien, die per Energieeinheit deutlich metallintensiver sind als eine auf fossilen Brennstoffen basierende Energieerzeugung. Wie k\u00f6nnen rohstoffreiche Entwicklungsl\u00e4nder von diesem steigenden Bedarf an Rohstoffen profitieren?&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nEntwicklungsl\u00e4nder sollten sich auf die Staatseinnahmen aus den Rohstoffexporten konzentrieren. Diese m\u00fcssen aber nachhaltig bewirtschaftet werden: Nur eine effiziente und effektive Verwendung dieser Einnahmen kann die wirtschaftliche und soziale Entwicklung beg\u00fcnstigen. Allerdings sind gerade in rohstoffreichen Entwicklungsl\u00e4ndern die Verwaltungen oft schwach und die Gesetzgebung l\u00fcckenhaft. Um dies zu \u00e4ndern, sollten die Regierungen und ihre Partner in der Entwicklungszusammenarbeit die Besteuerung verbessern.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie Besteuerung des Rohstoff- und des Nicht-Rohstoff-Sektors muss langfristig die Staatseink\u00fcnfte stabilisieren. Was auf den ersten Blick trivial klingt, erweist sich unter den Bedingungen des Rohstoffsektors als komplexe Aufgabe. Die Kombination von Steuern und Abgaben im Rohstoffsektor soll die Einnahmen der Regierung maximieren \u2013 gleichzeitig soll der Abbau f\u00fcr die Rohstoffunternehmen eine lohnenswerte Investition bleiben. Regierungen sind dabei gegen\u00fcber den Unternehmen strategisch im Nachteil, da Letztere meist \u00fcber bessere Daten bez\u00fcglich des Umfangs, der Abbaukosten und des Produktwerts der Rohstoffe verf\u00fcgen, etwa wenn das Produkt ein Konzentrat mit Nebenmetallen ist.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nKommt hinzu: Rohstoffpreise sind volatil. Da der Rohstoffsektor in vielen Entwicklungsl\u00e4ndern einen grossen Anteil am Bruttoinlandprodukt hat, schwanken auch die Staatseink\u00fcnfte entsprechend. N\u00f6tig w\u00e4ren also ein antizyklisches Handeln und eine hohe fiskalische Disziplin. Tats\u00e4chlich verhalten sich viele Regierungen in der Gestaltung ihrer Fiskalpolitik aber prozyklisch. Das heisst, wenn sie hohe Eink\u00fcnfte ausweisen, steigen proportional die Ausgaben, und umgekehrt sparen sie, wenn die Einnahmen sinken. Damit verst\u00e4rken sie konjunkturelle Schwankungen.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Langfristige Strategie<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nEink\u00fcnfte der Regierungen erfordern eine langfristige Strategie der makro\u00f6konomischen Stabilisierung \u2013 nicht zuletzt auch, weil sich Rohstoffvorkommen irgendwann ersch\u00f6pfen. Idealerweise bringen die Regierungen ihre Ausgaben und Investitionen in ein langfristiges Gleichgewicht, das Preisschwankungen des Marktes auffangen und nach der Ausbeutung der Rohstoffvorkommen weitergef\u00fchrt werden kann. Ein geeignetes Instrument sind staatliche Investitionsfonds, wie sie neben Norwegen auch Chile, Botswana, Mexiko oder die Vereinigten Arabischen Emirate unterhalten. Solche Fonds k\u00f6nnen Investitionen langfristig t\u00e4tigen \u2013 und gleichzeitig kurzfristig Preisschwankungen ausgleichen. Mexiko sichert Preisschwankungen zus\u00e4tzlich durch den Optionenmarkt ab.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nGeeignet sind auch Fiskalregeln: In Norwegen und Chile legen unabh\u00e4ngige Gremien beispielsweise fest, bis zu welcher H\u00f6he das Staatsdefizit noch nachhaltig ist, wobei sie auch die Rohstoffeinnahmen ber\u00fccksichtigen.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Gezielte Investitionen<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nZu einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum tragen weiter Investitionen des Staates in das Humankapital, die Gesundheitsversorgung und die sozialen Sicherungsnetze bei. Norwegen verwendet beispielsweise die Gewinne aus der Rohstofff\u00f6rderung, um die Altersvorsorge der Bev\u00f6lkerung zu sichern. Investitionen in Forschung und Entwicklung oder in bestimmte Branchen wiederum helfen, eine Volkswirtschaft zu diversifizieren. Dies mildert die Exponiertheit gegen\u00fcber den Rohstoffm\u00e4rkten und kann die Einkommensl\u00fccke schliessen, wenn die Rohstoffvorkommen aufgebraucht sind. Durch Diversifizierung ist es Malaysia zum Beispiel gelungen, qualitativ hochwertige und komplexe G\u00fcter f\u00fcr die Auto- und die elektronische Industrie herzustellen. So konnte das s\u00fcdostasiatische Land die Abh\u00e4ngigkeit vom Rohstoffsektor reduzieren.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie erw\u00e4hnten Instrumente sind allerdings nur erfolgversprechend, wenn sie in starke Institutionen eingebettet sind. Insbesondere die \u00f6ffentliche Finanzverwaltung muss \u00fcber die gesetzlichen Grundlagen und Kapazit\u00e4ten verf\u00fcgen, um die staatlichen Eink\u00fcnfte zu generieren, die Ausgaben zu planen und umzusetzen. Und die relevanten Ministerien aller Staatsebenen m\u00fcssen in der Lage sein, die Investitionen fair, effizient und effektiv einzusetzen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie Politik muss mit regulatorischen Rahmenbedingungen eine langfristige Perspektive im Umgang mit den Rohstoffeink\u00fcnften f\u00f6rdern. Eine starke, widerstandsf\u00e4hige Gouvernanzstruktur und eine Rechenschaftspflicht f\u00fcr die beteiligten Akteure sind daf\u00fcr unabdingbar. Die Rechenschaftspflicht l\u00e4sst sich beispielsweise durch Transparenz f\u00f6rdern: Wenn die H\u00f6he der Staatseink\u00fcnfte durch den Rohstoffsektor der Bev\u00f6lkerung bekannt ist, steht die Regierung unter Druck, diese Einnahmen zum Nutzen der Bev\u00f6lkerung zu verwenden. L\u00e4nder wie Australien, Kanada, Chile, Botswana oder der ostasiatische Inselstaat Timor Leste zeigen, dass dies zu positiven Resultaten f\u00fchrt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wirtschaftsentwicklung in rohstoffreichen Entwicklungsl\u00e4ndern verl\u00e4uft oft schleppend. Dies mag auf den ersten Blick erstaunen, denn in Europa, insbesondere in Deutschland und in England, waren der Abbau und die Verarbeitung von Rohstoffen im 19. 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Im Gegenteil, viele dieser L\u00e4nder weisen ein geringeres Wirtschaftswachstum auf als ihre rohstoff\u00e4rmeren Nachbarn. Ein Grund daf\u00fcr ist, dass der Rohstoffabbau heute nicht mehr zu einer Industrialisierung des Produktionslandes f\u00fchrt. Die abgebauten Rohstoffe werden in anderen L\u00e4ndern verarbeitet. 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