{"id":99146,"date":"2021-05-27T06:59:08","date_gmt":"2021-05-27T06:59:08","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/05\/rien-nest-jamais-acquis\/"},"modified":"2023-10-18T17:26:38","modified_gmt":"2023-10-18T15:26:38","slug":"nichts-bleibt-wie-es-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/05\/nichts-bleibt-wie-es-ist\/","title":{"rendered":"\u00abNichts bleibt, wie es ist\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Herr J\u00e4ggi, was fasziniert Sie am Handel mit Rohstoffen?<\/strong><\/h3>\n<p>Wir liefern der Welt die Energie, die sie braucht. Das finde ich faszinierend. Zudem gef\u00e4llt mir die Dynamik: Die Rohstoffm\u00e4rkte \u00e4ndern sich st\u00e4ndig. Derzeit besch\u00e4ftigt uns beispielsweise der Klimawandel stark. Mercuria will sp\u00e4testens im Jahr 2050 klimaneutral sein. Noch vor zehn Jahren waren CO<sub>2<\/sub>-Einsparungen in der Branche nur ein Randthema.<\/p>\n<h3>Als Laie hat man nur eine vage Vorstellung von der Branche. Was ist Rohstoffhandel?<\/h3>\n<p>Wir bringen Angebot und Nachfrage zusammen. Unser Kerngesch\u00e4ft ist es, die Preisschwankungen auszugleichen. Im Idealfall kaufen wir zu einem tieferen Preis ein, als wir verkaufen. Wir machen den Markt effizienter und verdienen am Risiko, das wir bei der Preisarbitrage eingehen. Hier verf\u00fcgen wir \u00fcber ein spezialisiertes Know-how. Manchmal lagern wir zum Beispiel eine Ware so lange, bis die Preise wieder steigen.<\/p>\n<h3><strong>Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit von der eines B\u00f6rsenh\u00e4ndlers einer Bank oder einer Versicherung?<\/strong><\/h3>\n<p>Der gr\u00f6sste Unterschied ist: Wir handeln nicht mit Wertpapieren, sondern kaufen, transportieren und lagern reale Rohstoffe. Eine Bank gibt uns Kredite; die Rohstoffe selbst besitzt sie aber nicht \u2013 das m\u00f6chte sie auch gar nicht. Und die Versicherung springt ein, wenn unterwegs beim Transport oder bei der Lagerung etwas schiefl\u00e4uft.<\/p>\n<h3><strong>Wie erlebten Sie den Ausbruch der Corona-Krise vor einem Jahr?<\/strong><\/h3>\n<p>Die Preisvolatilit\u00e4t \u2013 ausgel\u00f6st durch Corona \u2013 war wie ein Erdbeben. Im M\u00e4rz 2020 brach die Nachfrage nach \u00d6l um ein Drittel ein, was eine Kettenreaktion ausl\u00f6ste. Vor\u00fcbergehend sank der \u00d6lpreis an den Terminb\u00f6rsen sogar unter null Dollar. Das waren Schreckensmomente. Im zweiten Halbjahr zog die Nachfrage dann gl\u00fccklicherweise wieder an. An den gehandelten Rohstoffmengen \u00e4nderte sich 2020 in Summe allerdings kaum etwas. Indem wir diese enormen Preisdifferenzen ausglichen, aber auch Rohstoffe lagerten, halfen wir mit, den Markt zu stabilisieren.<\/p>\n<h3><strong>F\u00fcr Mercuria resultierte 2020 ein satter Gewinn.<\/strong><\/h3>\n<p>Finanziell kamen wir gut durch die Krise. Trotzdem h\u00e4tte ich pers\u00f6nlich gerne auf das Katastrophenjahr verzichtet. Die Reisebeschr\u00e4nkungen trafen uns stark: Unsere 38 B\u00fcros sind \u00fcber die ganze Welt verteilt. Auf einen Schlag mussten die \u00e4lteren Mitarbeitenden neue Videotechnologien beherrschen, und f\u00fcr j\u00fcngere, die in kleinen Appartements wohnen, ist das Homeoffice belastend. Einige haben zudem ihre Angeh\u00f6rigen durch das Virus verloren.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Pers\u00f6nlich h\u00e4tte ich gerne auf das Katastrophenjahr verzichtet<\/span><\/p>\n<h3><strong>Andere Handelsfirmen kamen weniger gut durch die Krise. Was ist Ihr Erfolgsrezept?<\/strong><\/h3>\n<p>Es gibt keines. Schlicht und einfach arbeiten \u2013 Preisunterschiede \u00fcberbr\u00fccken, Risiken bewerten und auf unser grosses spezialisiertes Netzwerk vertrauen. Man darf nicht vergessen: Unsere Gewinnmarge betr\u00e4gt nur 0,5 Prozent des Umsatzes.<\/p>\n<h3><strong>Bei einem Umsatzvolumen von \u00fcber 100 Milliarden Dollar pro Jahr sind das dennoch enorme Betr\u00e4ge.<\/strong><\/h3>\n<p>Ja. Allerdings steigen mit der Volatilit\u00e4t auch die Risiken. Das ist ein Balanceakt. Es kann immer etwas schiefgehen \u2013 denken Sie etwa an die komplexe Logistikkette bei der Abwicklung eines Auftrags.<\/p>\n<h3><strong>Banken verbannen die Finanzierung von Kohle und Erd\u00f6l zusehends aus ihren Portfolios. Ist das ein Problem f\u00fcr Sie?<\/strong><\/h3>\n<p>Ja. Wir Rohstoffh\u00e4ndler sind auf Banken als Kreditgeber angewiesen. Vor allem f\u00fcr kleinere Unternehmen kann dies ein Problem werden: Mit der zunehmenden Regulierungsdichte konzentrieren sich Banken vermehrt auf gr\u00f6ssere Rohstoffh\u00e4ndler, weil diese ein geringeres Risiko f\u00fcr sie darstellen.<\/p>\n<h3><strong>Wie ver\u00e4ndert die Digitalisierung Ihr Gesch\u00e4ft?<\/strong><\/h3>\n<p>K\u00fcnstliche Intelligenz oder Blockchain machen den Markt effizienter. Wir investieren deshalb in diese Technologien, um vorne dabei zu sein. Denken Sie etwa an sogenannte Smart Meters: Damit l\u00e4sst sich der Elektrizit\u00e4tsverbrauch im Tagesverlauf besser steuern, was bei den erneuerbaren Energien entscheidend ist. Blockchain wiederum macht Transaktionen f\u00e4lschungssicherer und schneller. Fr\u00fcher hielt man die Transaktionen auf einem St\u00fcck Papier fest, das dann zum Teil Monate zwischen Verk\u00e4ufern, H\u00e4ndlern und K\u00e4ufern zirkulierte.<\/p>\n<h3><strong>Wie viel davon wird im Alltag bereits umgesetzt?<\/strong><\/h3>\n<p>Zusammen mit anderen Energiefirmen haben wir in die Blockchain-Firmen VAKT und Komgo investiert, welche die Technologie bereits im \u00d6lhandel anwenden.<\/p>\n<h3><strong>Sie investieren auch in gr\u00fcne Technologien. Warum?<\/strong><\/h3>\n<p>Wir wollen die Energiewende vorantreiben. Das ist unsere Mission. Da der Energieverbrauch der datengetriebenen Wirtschaft steigt, ist das f\u00fcr uns auch eine Gesch\u00e4ftschance. Die Welt muss dekarbonisiert werden \u2013 und das funktioniert am besten \u00fcber den Preis. Wir sind mittlerweile einer der gr\u00f6ssten Akteure im Emmisionshandel. Dar\u00fcber hinaus investieren wir gezielt in gr\u00fcne Firmen wie etwa das US-Unternehmen Beyond6, das auf erneuerbares Gas f\u00fcr Lastwagen spezialisiert ist. Auch dies ist ein gigantischer Wachstumsmarkt.<\/p>\n<h3><strong>Schaufeln Sie mit der Dekarbonisierung nicht Ihr eigenes Grab?<\/strong><\/h3>\n<p>Nichts bleibt, wie es ist. Und wir stellen uns der Entwicklung sicher nicht in den Weg. H\u00f6herer Effizienz und Transparenz geh\u00f6rt die Zukunft \u2013 alles andere w\u00fcrde langfristig auch keinen Sinn machen.<\/p>\n<h3><strong>Wird Mercuria im Jahr 2050 keine fossilen Energietr\u00e4ger mehr handeln?<\/strong><\/h3>\n<p>Ich bin nun 60 Jahre alt. Was dann sein wird, werde ich wohl nicht mehr erleben. Trotzdem glaube ich, dass der CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss in den n\u00e4chsten Jahren drastisch einbrechen wird. Ganz ohne fossile Energie geht es aber vermutlich nicht \u2013 eine wichtige Rolle werden daher auch CO<sub>2<\/sub>-Speicher spielen.<\/p>\n<h3><strong>Gab es ein Schl\u00fcsselerlebnis, das Sie dazu bewog, den CO<sub>2<\/sub>-Ausstieg voranzutreiben?<\/strong><\/h3>\n<p>Nein. Der Entschluss reifte im Verlauf der vergangenen zehn Jahre. Um den Klimawandel zu stoppen, m\u00fcssen wir in 30 Jahren klimaneutral sein. Das ist ein langer Prozess. Den Grundstein auf diesem Weg legten wir im Jahr 2008 mit einer Investition im brasilianischen S\u00e3o Paulo: In den dortigen M\u00fclldeponien bauten wir Methangasanlagen. So erhielt die Stadt CO<sub>2<\/sub>-Zertifikate, die sie verkaufen konnte.<\/p>\n<h3><strong>Im November 2020 ist die Konzernverantwortungsinitiative am St\u00e4ndemehr gescheitert. Sind Sie erleichtert?<\/strong><\/h3>\n<p>Wir haben von Anfang an den indirekten Gegenvorschlag unterst\u00fctzt, der nun zum Tragen kommt. Allerdings wird er unsere Arbeit nicht stark ver\u00e4ndern. Die Forderungen haben wir schon l\u00e4ngst implementiert.<\/p>\n<h3><strong>H\u00e4tte ein Ja zur Konzernverantwortungsinitiative etwas ge\u00e4ndert?<\/strong><\/h3>\n<p>Nein, zumindest nicht, was das Reporting und die Transparenz anbelangt. Wir h\u00e4tten auch mit der Konzernverantwortungsinitiative gut gelebt.<\/p>\n<h3><strong>Im Zusammenhang mit Rohstoffabbau wird oft von Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung gesprochen. Was sagen Sie zu diesen Vorw\u00fcrfen?<\/strong><\/h3>\n<p>Solche pauschalen Vorw\u00fcrfe sind nicht zielf\u00fchrend. Jede Firma muss f\u00fcr ihr Handeln einstehen. Wir haben diesbez\u00fcglich hohe Standards definiert \u2013 ein grosses Team sorgt f\u00fcr deren konzernweite Durchsetzung.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Pauschale Vorw\u00fcrfe sind nicht zielf\u00fchrend. Jede Firma muss f\u00fcr ihr Handeln einstehen<\/span><\/p>\n<h3><strong>Hilft mehr Transparenz der Branche, das schlechte Image abzulegen?<\/strong><\/h3>\n<p>Mehr Transparenz ist wichtig. Das entspricht einem Bed\u00fcrfnis der Zivilgesellschaft. So kann sie besser beurteilen, was wir tun. Ich finde das gut, und ich unterst\u00fctze Transparenz genauso, wie ich freien Wettbewerb mit gleich langen Spiessen unterst\u00fctze. In unserem j\u00e4hrlichen Bericht zur Unternehmensverantwortung zeigen wir detailliert auf, welche Fortschritte wir erzielt haben.<\/p>\n<h3><strong>Kennen Sie die Herkunft der Rohstoffe, die Sie handeln?<\/strong><\/h3>\n<p>Ja, von allen. Wenn wir den Ursprung eines Rohstoffs nicht kennen, kaufen wir ihn nicht. Nur so k\u00f6nnen wir sicherstellen, dass wir uns weltweit an die lokalen gesetzlichen Vorgaben halten. Aufgrund der verschiedenen nationalen Gesetzgebungen bedeutet dies einen erheblichen Aufwand f\u00fcr uns.<\/p>\n<h3><strong>Warum hat Mercuria ihren Hauptsitz in Genf?<\/strong><\/h3>\n<p>Ich und Co-Gr\u00fcnder Marco Dunand sind beide Schweizer. Wir sind stolz auf die Schweiz und leben gerne hier. Genf ist international gut erschlossen und ein Rohstoffhandelscluster \u2013 mit vielen Fachkr\u00e4ften.<\/p>\n<h3><strong>Wo rekrutieren Sie die Arbeitskr\u00e4fte?<\/strong><\/h3>\n<p>Viele stammen aus der Schweiz. Die Leute hier sind meist sehr gut ausgebildet \u2013 und zwar nicht nur auf dem universit\u00e4ren Level, sondern auch \u00fcber das duale Bildungssystem. Das ist ein Erfolgsmodell.<\/p>\n<h3><strong>Welche Rolle spielten die Regulierungen f\u00fcr die Standortwahl?<\/strong><\/h3>\n<p>F\u00fcr mich als Firmenbesitzer sind Vorhersehbarkeit und Transparenz der Regulierungen wichtig. Die Rahmenbedingungen sind in der Schweiz gut.<\/p>\n<h3><strong>Entwicklungsl\u00e4ndern gelingt es selten, ihren Reichtum an Rohstoffen f\u00fcr den wirtschaftlichen Aufschwung zu nutzen. Wo liegt das Problem?<\/strong><\/h3>\n<p>Eine der Herausforderungen sind vermutlich die Strukturen. Wichtig w\u00e4re mehr Transparenz in den Entwicklungsl\u00e4ndern selbst \u2013 denn sie schafft gleiche Bedingungen f\u00fcr alle Wettbewerbsteilnehmer. Damit w\u00e4re wohl schon viel erreicht.<\/p>\n<h3><strong>Die staatliche chinesische Unternehmensgruppe Chemchina h\u00e4lt eine Beteiligung an Mercuria. Prallen da nicht verschiedene Wertesysteme aufeinander, gerade auch in Bezug auf Transparenz?<\/strong><\/h3>\n<p>Chemchina h\u00e4lt einen 12-Prozent-Kapitalanteil. Damit beeinflusst sie die Unternehmensf\u00fchrung und unsere Transparenzbem\u00fchungen nicht \u2013 und das will sie auch gar nicht. Diese Beteiligung ist f\u00fcr beide Seiten gewinnbringend.<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Wir haben null Einfluss auf die Weltpolitik<\/span><\/p>\n<h3><strong>Ihr Jahresumsatz entspricht dem Bruttoinlandprodukt Marokkos. Sind Sie ein wichtiger Akteur auf der weltpolitischen B\u00fchne?<\/strong><\/h3>\n<p>Wir haben null Einfluss auf die Weltpolitik. Wir beobachten aber genau, was politisch geschieht, da dies die Preisentwicklung beeinflusst. So treibt zum Beispiel ein Embargo gegen ein rohstoffreiches Land die Preise in die H\u00f6he.<\/p>\n<h3><strong>Mercurius ist der Gott der H\u00e4ndler, aber auch der Diebe. Eine gewagte Namenswahl f\u00fcr ein Rohstoffunternehmen.<\/strong><\/h3>\n<p>Das nehme ich auf meine Kappe \u2013 der Namensvorschlag war meine Idee. Ich hatte reisende Kaufleute im Kopf, da dies f\u00fcr unsere Firma gut passt.<\/p>\n<h3><strong>Welche Tugenden muss man als Rohstoffh\u00e4ndler mitbringen?<\/strong><\/h3>\n<p>Man muss sich immer selbst hinterfragen und akzeptieren, dass man auch falschliegen kann. Gleichzeitig braucht es eine grosse Risiko- und Entscheidungsfreudigkeit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr J\u00e4ggi, was fasziniert Sie am Handel mit Rohstoffen? Wir liefern der Welt die Energie, die sie braucht. Das finde ich faszinierend. Zudem gef\u00e4llt mir die Dynamik: Die Rohstoffm\u00e4rkte \u00e4ndern sich st\u00e4ndig. Derzeit besch\u00e4ftigt uns beispielsweise der Klimawandel stark. Mercuria will sp\u00e4testens im Jahr 2050 klimaneutral sein. 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