{"id":99341,"date":"2021-04-30T08:27:07","date_gmt":"2021-04-30T08:27:07","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/04\/evaluer-les-objectifs-de-durabilite-dans-une-perspective-economique\/"},"modified":"2023-08-23T22:50:20","modified_gmt":"2023-08-23T20:50:20","slug":"nachhaltigkeitsziele-mit-einer-oekonomischen-brille-betrachtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/04\/nachhaltigkeitsziele-mit-einer-oekonomischen-brille-betrachtet\/","title":{"rendered":"Nachhaltigkeitsziele mit einer \u00f6konomischen Brille betrachtet"},"content":{"rendered":"<p>Reduktion des Pro-Kopf-Energieverbrauchs um 54 Prozent bis 2050, netto null Verbrauch von Boden ebenfalls bis 2050 und Halbierung der vermeidbaren Lebensmittelverschwendung bis 2030: Im Bereich Nachhaltigkeit setzt sich der Bund in Strategien und Aktionspl\u00e4nen immer h\u00e4ufiger quantitative Ziele. Wie sind diese aus volkswirtschaftlicher Sicht zu beurteilen?&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDiese Analyse ist eine besondere Herausforderung, denn beispielsweise ist aus heutiger Sicht oft schwierig absch\u00e4tzbar, wie die volkswirtschaftlichen Auswirkungen aussehen werden und ob ein heute gesetztes Ziel auch in 20 Jahren noch angemessen ist. Erschwerend kommt hinzu, dass bei vielen Zielvorgaben zum Zeitpunkt der ersten Beurteilung noch keine oder nur wenige konkrete Umsetzungsmassnahmen bekannt sind. Fragen zur Zweckm\u00e4ssigkeit und zur Realisierbarkeit eines Ziels m\u00fcssen daher oftmals rein anhand der Zielvorgabe und ohne genaue Informationen zu deren Umsetzung beurteilt werden.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nAuch inhaltlich stellen sich bei der Beurteilung von Nachhaltigkeitszielen verschiedene komplexe Fragen. Eine Zielvorgabe bewegt sich oftmals in einem Spannungsfeld der drei Nachhaltigkeitsdimensionen \u00d6kologie, Soziales und Wirtschaft. Aus \u00f6kologischer Sicht gibt es beispielsweise gute Gr\u00fcnde, den Bodenverbrauch, wie in der Bodenstrategie des Bundesrates vorgesehen, merklich zu senken. F\u00fcr eine ganzheitliche Beurteilung m\u00fcssen aber auch m\u00f6gliche wirtschaftliche und soziale Nebenwirkungen wie etwa h\u00f6here Preise f\u00fcr Wohnraum ber\u00fccksichtigt und gegeneinander abgewogen werden.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Beurteilungsraster hilft<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nAngesichts der zahlreichen Herausforderungen haben wir im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) ein Beurteilungsraster entwickelt, das eine umfassende Beurteilung quantitativer Nachhaltigkeitsziele erlaubt. Der Fokus liegt auf einer Analyse aus wirtschaftspolitischer Optik, ohne dabei wichtige \u00f6kologische und soziale Gesichtspunkte zu vernachl\u00e4ssigen. In Frageform aufgebaut, erlaubt das Raster eine Analyse quantitativer Ziele aus verschiedenen Blickwinkeln, von A wie Ambitionslevel \u00fcber M wie Monitoring bis Z wie Zielindikator (vgl. <em>Kasten<\/em>). Erg\u00e4nzend enth\u00e4lt es zahlreiche erl\u00e4uternde Hinweise \u2013 etwa was einen guten Zielindikator ausmacht und welche Elemente ein umfassendes Monitoring enthalten sollte.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nMit diesem Ansatz erg\u00e4nzt das Raster die bestehende Palette an Analyseinstrumenten des Bundes wie die Regulierungsfolgenabsch\u00e4tzung (RFA) und die volkswirtschaftliche Beurteilung von Umweltmassnahmen (Vobu) des Bundesamts f\u00fcr Umwelt (Bafu). Diese sind auf die Analyse konkreter Massnahmen ausgerichtet und eignen sich deshalb nur bedingt zur Beurteilung von Zielvorgaben. Dies gilt zum Teil auch f\u00fcr die Nachhaltigkeitsbeurteilung (NHB) des Bundesamts f\u00fcr Raumentwicklung (ARE).&#013;<\/p>\n<h2><strong>Der richtige Massstab<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nWie ist das Raster inhaltlich strukturiert? Zu Beginn der Analyse gilt es, sich Klarheit \u00fcber das tiefer liegende Problem zu verschaffen, welches eine Strategie oder ein Aktionsplan adressieren m\u00f6chte. Bei der erw\u00e4hnten Energiestrategie 2050 w\u00e4re dies nicht prim\u00e4r der zu hohe Endenergieverbrauch, sondern die Notwendigkeit, den CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss der Energieproduktion zu reduzieren und gleichzeitig die Versorgungssicherheit auch ohne Atomkraftwerke zu gew\u00e4hrleisten. In der Praxis kommt es immer wieder vor, dass die Analyse des Handlungsbedarfs zu stark auf Symptome des Problems fokussiert, statt das tiefer liegende Problem zielgerichtet anzugehen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nWichtig ist auch der Zielindikator \u2013 also die Messgr\u00f6sse, anhand derer das Ambitionslevel festgelegt und die Umsetzung verfolgt wird (zum Beispiel der Pro-Kopf-Energieverbrauch). Der Indikator sollte dabei \u2013 sofern m\u00f6glich \u2013 die Gr\u00f6sse des tiefer liegenden Problems widerspiegeln. Der Grund: Bei Zeithorizonten von 30 und mehr Jahren kann sich die Gr\u00f6sse dieses Problems durch exogene Einfl\u00fcsse wie technologische Neuerungen oder ver\u00e4nderte gesellschaftliche Pr\u00e4ferenzen stark ver\u00e4ndern. Man stelle sich ein Ziel zur Reduktion des Energieverbrauchs vor: Neue saubere Technologien oder erneuerbare Energiequellen k\u00f6nnten ein solches teilweise obsolet machen. Bildet der Zielindikator solche Ver\u00e4nderungen im Problemdruck nicht gen\u00fcgend ab, drohen teure Fehl- oder \u00dcberregulierungen.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Zu ehrgeizig?<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nWeiter bringt einen das Raster dazu, sich Gedanken \u00fcber folgende Fragestellung zu machen: Ist das Ziel zu ambitioniert, oder w\u00e4re es umgekehrt auch aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll, fr\u00fchzeitig ehrgeizige Ziele zu setzen, um notwendige Anpassungen rasch auszul\u00f6sen? Diese Fragen lassen sich zwar auch mit dem Beurteilungsraster oftmals nur grob und anhand von Szenarien beurteilen, insbesondere wenn die Massnahmen noch nicht konkretisiert und der Zeithorizont weit entfernt ist. Das Raster tr\u00e4gt aber dazu bei, die \u00f6konomisch wichtigen Fragen zu stellen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nWeiter gilt es zu ber\u00fccksichtigen, wie das Monitoring der Zielerreichung geplant ist und wer \u00fcber die Konsequenzen entscheidet, wenn das Ziel nicht erreicht wird. Auch zu diesen institutionellen Aspekten enth\u00e4lt das Raster verschiedene Fragen und Hinweise. Besonders wichtig ist dabei die tats\u00e4chliche Verbindlichkeit des Ziels: Handelt es sich nur um eine Vision oder um eine bindende Vorgabe? Je gr\u00f6sser die potenziellen negativen oder gar irreversiblen Sch\u00e4den sind \u2013 etwa beim Klimaschutz oder wenn Arten aussterben \u2013, desto sinnvoller erscheinen verbindliche Monitoring- und Korrekturmechanismen. Aus wirtschaftspolitischer Optik sollte aber ein Monitoring auch m\u00f6gliche negative Nebenwirkungen und Vollzugskosten erfassen. Nur so kann der Erfolg des Ziels fundiert eingesch\u00e4tzt und bei Bedarf der Massnahmenmix angepasst werden.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Trotz allem kein Allheilmittel<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nObwohl das Raster im Auftrag des Seco entwickelt wurde, steht es auch anderen Bundesstellen sowie Kantonen und Gemeinden zur Verf\u00fcgung. Beispielsweise kann das Raster eingesetzt werden, wenn im Rahmen einer Konsultation oder einer Vernehmlassung eine Stellungnahme zu einem neuen Ziel abgegeben werden soll. Ebenso interessant d\u00fcrfte der Einsatz des Rasters bei der Entwicklung neuer Ziele sein. Die enthaltenen Erl\u00e4uterungen k\u00f6nnen wertvolle Hinweise f\u00fcr konsistente und wirtschaftspolitisch vertr\u00e4gliche Zielvorgaben liefern. So lassen sich etwaige Schwachstellen in der Zielkonzeption fr\u00fchzeitig identifizieren und aufwendige nachtr\u00e4gliche Anpassungen vermeiden.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nTrotz aller Vorteile ist das Raster kein Allheilmittel. Die Beurteilung von langfristigen Zielsetzungen bleibt komplex, ist stark vom Kontext und den verf\u00fcgbaren Informationen abh\u00e4ngig und wird immer mit grossen Unsicherheiten zu k\u00e4mpfen haben. Ob eine Zielsetzung beziehungsweise die hierf\u00fcr n\u00f6tigen Massnahmen angemessen und die Auswirkungen auf andere Nachhaltigkeitsdimensionen gerechtfertigt sind, ist selbst bei einer guten Datenlage meist auch eine Frage der Einsch\u00e4tzung und der politischen Gewichtung verschiedener \u00f6ffentlicher Interessen. Diese themen\u00fcbergreifende Einsch\u00e4tzung nimmt einem das Raster nicht ab, es erlaubt aber eine \u00f6konomisch strukturierte Herangehensweise.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reduktion des Pro-Kopf-Energieverbrauchs um 54 Prozent bis 2050, netto null Verbrauch von Boden ebenfalls bis 2050 und Halbierung der vermeidbaren Lebensmittelverschwendung bis 2030: Im Bereich Nachhaltigkeit setzt sich der Bund in Strategien und Aktionspl\u00e4nen immer h\u00e4ufiger quantitative Ziele. 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Studie im Auftrag des Seco.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Die elf Schl\u00fcsselfragen des Beurteilungsrasters","kasten_box":"<ol>&#13;\n \t<li>Adressiert das Ziel das eigentliche, tiefer liegende Problem?<\/li>&#13;\n \t<li>Liegt ein Markt- oder ein Staatsversagen vor (zum Beispiel Externalit\u00e4t)?<\/li>&#13;\n \t<li>Ist staatliches Handeln auf Bundesebene gerechtfertigt und zweckm\u00e4ssig?<\/li>&#13;\n \t<li>Misst der Zielindikator das Richtige, um die Gr\u00f6sse des eigentlichen Problems und den Effekt von Massnahmen darzustellen?<\/li>&#13;\n \t<li>Kann das Ziel voraussichtlich mit geringen unerw\u00fcnschten Nebenwirkungen (zum Beispiel Kosten f\u00fcr Wirtschaft oder Staat) erreicht werden?<\/li>&#13;\n \t<li>Sind das Ambitionslevel und der daf\u00fcr vorgesehene Zeithorizont angesichts der Problemlage und der absch\u00e4tzbaren negativen Nebenwirkungen angemessen?<\/li>&#13;\n \t<li>Falls das Ziel differenziert ist (beispielsweise nach Sektoren, Branchen, Regionen): Ist diese Differenzierung sinnvoll, und sind die Teilziele angemessen?<\/li>&#13;\n \t<li>Umfasst das Monitoring auch Nebenwirkungen und Vollzugskosten, insbesondere diejenigen f\u00fcr die Wirtschaft (direkt\/indirekt, kurz- und langfristig)?<\/li>&#13;\n \t<li>Ist die politische und rechtliche Verbindlichkeit des Ziels angesichts der Problemlage gerechtfertigt?<\/li>&#13;\n \t<li>Wirken die Massnahmen, soweit bekannt oder absch\u00e4tzbar, effizient und zielgerichtet auf das eigentliche Problem? G\u00e4be es effizientere Alternativen?<\/li>&#13;\n \t<li>Sind die bekannten bzw. absch\u00e4tzbaren Kosten der Massnahmen f\u00fcr den Staat (Bund, Kantone, Gemeinden) sowie weitere betroffene Akteure (Haushalte, Unternehmen etc.) gerechtfertigt und tragbar?<\/li>&#13;\n<\/ol>"}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":99344,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":99348,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"102588","post_abstract":"Immer h\u00e4ufiger enthalten Strategien oder Aktionspl\u00e4ne des Bundes im Bereich Nachhaltigkeit quantitative Zielsetzungen. Die volkswirtschaftliche Beurteilung solcher Ziele ist eine Herausforderung, insbesondere da aufgrund der langen Zeithorizonte viele Unsicherheiten bestehen. 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