{"id":99495,"date":"2021-04-23T16:51:20","date_gmt":"2021-04-23T16:51:20","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/04\/lenseignement-avait-un-peu-une-place-a-part\/"},"modified":"2023-08-23T22:50:10","modified_gmt":"2023-08-23T20:50:10","slug":"das-bildungswesen-hatte-eine-art-sonderstellung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/04\/das-bildungswesen-hatte-eine-art-sonderstellung\/","title":{"rendered":"\u00abDas Bildungswesen hatte eine Art Sonderstellung\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Frau Steiner, Sie wurden im Herbst als EDK-Pr\u00e4sidentin von den kantonalen Erziehungsdirektoren wiedergew\u00e4hlt. Hat Sie das vergangene Corona-Jahr nicht abgeschreckt?<\/h3>\n<p>Nein, im Gegenteil. Ich w\u00fcrde sogar sagen, dass es das spannendste Jahr in dieser Funktion war.<\/p>\n<h3>Sie waren letztes Jahr gleichzeitig EDK-Pr\u00e4sidentin, Z\u00fcrcher Bildungsdirektorin und Regierungspr\u00e4sidentin des Kantons Z\u00fcrich. Wie schafft man das?<\/h3>\n<p>Herausfordernd war, dass es ein Corona-Jahr war. Aber ich und meine Mitarbeitenden sind sehr gut strukturiert. Auch meine Erfahrungen aus den Offizierskursen, die ich in meiner Zeit bei der Kriminalpolizei geleitet habe, und aus anderen F\u00fchrungst\u00e4tigkeiten haben geholfen. Ich habe schon h\u00e4ufig durch Krisen gef\u00fchrt, aber so lange wie diese hat noch keine gedauert.<\/p>\n<h3>Da braucht man einen langen Atem.<\/h3>\n<p>Wichtig ist, dass man zwischendurch auch Distanz gewinnt, sich erholen kann und dass man am Abend halt mal keine Sendung \u00fcber Corona schaut.<\/p>\n<h3>Welche Schl\u00fcsse haben Sie aus dem vergangenen Jahr gezogen?<\/h3>\n<p>Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig die EDK und \u00fcberhaupt die f\u00f6deralen Strukturen sind, um gegen\u00fcber dem Bund mit einer starken Stimme aufzutreten. In einer Krise spielt das Netzwerk eine grosse Rolle. Hier profitieren wir von der ausgezeichneten Einbettung der EDK in der Politik- und Bildungslandschaft und von vielen eingespielten Abl\u00e4ufen und Strukturen.<\/p>\n<h3>Wie schwierig ist es, einheitliche Positionen innerhalb der Kantone zu finden?<\/h3>\n<p>Es gibt viele Grunds\u00e4tze, wo wir uns leicht finden, weil wir ja alle Bildungsprofis sind, die in dieselbe Richtung ziehen. Die Bundesverfassung verpflichtet die Kantone ja, zusammen mit dem Bund f\u00fcr eine hohe Qualit\u00e4t im Bildungswesen zu sorgen. Die EDK hat beispielsweise f\u00fcr die in der Verfassung vorgegebene Harmonisierung der Eckwerte gemeinsame L\u00f6sungen gefunden. Dazu geh\u00f6rt etwa die Dauer der Bildungsstufen, die jetzt schweizweit einheitlich ist.<\/p>\n<h3>Wie funktionierte die Entscheidfindung in der Corona-Krise?<\/h3>\n<p>Da war es etwas anspruchsvoller, weil die Kantone unterschiedlich stark betroffen waren und noch immer sind.<\/p>\n<h3>K\u00f6nnen Sie ein Beispiel nennen?<\/h3>\n<p>Ein Beispiel sind die Maturapr\u00fcfungen. Da standen wir im Fr\u00fchling letztes Jahr vor der Frage, ob man sie durchf\u00fchren soll oder nicht. V\u00f6llig klar war, dass das Tessin aufgrund der epidemiologischen Situation dazu nicht in der Lage war, andere Kantone hingegen schon. Da galt es einen Kompromiss zu finden. Der Bundesrat ist uns dann \u2013 selbst im Notrecht \u2013 entgegengekommen und hat erlaubt, dass die Kantone selber entscheiden k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote><p>Kantonale Unterschiede entsprechen unserem f\u00f6deralen System und erweisen sich auch in der Krise als hilfreich<\/p><\/blockquote>\n<h3>Auch vor Corona fand man in den Kantonen unterschiedliche Situationen vor. Warum dieses Korsett der einheitlichen Meinung?<\/h3>\n<p>Von einem Korsett kann keine Rede sein. Kantonale Unterschiede entsprechen unserem f\u00f6deralen System und erweisen sich auch in der Krise als hilfreich. Die Kantone k\u00f6nnen den lokalen Situationen mit lokalen L\u00f6sungen begegnen. Kantonal unterschiedlichen L\u00f6sungen sind allerdings da Grenzen gesetzt, wo die Bundesverfassung harmonisierte Eckwerte verlangt und wo die EDK gemeinsame Grunds\u00e4tze und Massnahmen beschlossen hat, wie zum Beispiel beim Grundsatz, wonach das laufende Schuljahr trotz der Pandemie schweizweit als regul\u00e4res Schuljahr gilt.<\/p>\n<h3>Im Z\u00fcrcher Kantonsrat wurden Sie im letzten Mai daf\u00fcr kritisiert, dass die EDK nach dem Lockdown keine Eckwerte f\u00fcr den Pr\u00e4senzunterricht vereinbart hatte. Von einem Flickenteppich war die Rede.<\/h3>\n<p>Die Schulorganisation ist Sache der Kantone. Und so auch die Wieder\u00f6ffnung der Schulen. Der Kanton Z\u00fcrich hat mit den sogenannten Halbklassen einen Weg gesucht. Andere Kantone haben andere Wege gew\u00e4hlt. Alle Wege hatten aber dasselbe Ziel. N\u00e4mlich, dass die Kinder nach acht Wochen ohne Schule wieder m\u00f6glichst gut in den Schulbetrieb integriert werden konnten. Gerade weil wir in einem f\u00f6deralen System leben und unterschiedliche Wege w\u00e4hlen k\u00f6nnen, ist der Schritt zur\u00fcck in die neue Normalit\u00e4t im letzten Fr\u00fchling schweizweit sehr gut gelungen.<\/p>\n<h3>Wurde die Stimme der Kantone vom Bundesrat angeh\u00f6rt, und floss sie in die Massnahmen mit ein?<\/h3>\n<p>Das Bildungswesen hatte eine Art Sonderstellung. Ich habe unsere Anliegen einbringen k\u00f6nnen. Teilweise sind sie auch in den Verordnungen des Bundes ber\u00fccksichtigt worden.<\/p>\n<h3>Weshalb hat das Bildungswesen eine Sonderstellung?<\/h3>\n<p>Vielleicht auch, weil wir zeigen konnten, dass Schulschliessungen in einer Pandemie weitreichende Folgen auf verschiedenen Ebenen haben und sozial schw\u00e4chere Familien davon am h\u00e4rtesten getroffen werden. Oder positiv ausgedr\u00fcckt: weil man sehr rasch die gesellschaftliche Bedeutung unseres Bildungswesens erkannt hat.<\/p>\n<blockquote><p>In der Krise wurde der sehr gut etablierte Gesetzeserarbeitungsprozess \u00fcber den Haufen geworfen<\/p><\/blockquote>\n<h3>Also eine v\u00f6llig problemlose Zusammenarbeit mit dem Bund?<\/h3>\n<p>In einer Krise darf man das nicht erwarten. Schwierig ist etwa, dass das Bundesamt f\u00fcr Gesundheit \u2013 das BAG \u2013 Verordnungen zur Pandemie erl\u00e4sst, die das Bildungswesen und insbesondere die Schulorganisation betreffen. In Nicht-Corona-Zeiten haben wir klar strukturierte Abl\u00e4ufe f\u00fcr neue Gesetze, die von Tausenden Leuten gepr\u00fcft werden. Doch in der jetzigen Situation wurde dieser sehr gut etablierte und sorgf\u00e4ltige Gesetzeserarbeitungsprozess \u00fcber den Haufen geworfen.<\/p>\n<h3>Die Volksschule ist Sache der Kantone. Trotzdem ist mit Harmos 2007 eine Bewegung angestossen worden, die obligatorische Schule gesamtschweizerisch zu harmonisieren. Wieso sind die Kantone dazu bereit?<\/h3>\n<p>Das Harmos-Konkordat beinhaltet vor allem eine Lernzielharmonisierung, und diese haben wir mit dem Lehrplan 21 f\u00fcr die Deutschschweiz, mit dem Plan d\u2019\u00e9tudes romand f\u00fcr die Westschweiz und mit dem Piano di studio della scuola dell\u2019obbligo f\u00fcr das Tessin erreicht. Diesen sprachregionalen Lehrpl\u00e4nen haben inzwischen alle Kantone zugestimmt \u2013 auch diejenigen, welche dem Harmos-Konkordat nicht beigetreten sind. Die Harmonisierung soll der steigenden Mobilit\u00e4t Rechnung tragen, damit ein Sch\u00fcler, der von einem Kanton in den anderen zieht, m\u00f6glichst am gleichen Punkt weiterfahren kann. Weitere Harmonisierungsziele sind das Schuleintrittsalter, die Dauer der Schulstufen und deren \u00dcberg\u00e4nge sowie die Anerkennung der Abschl\u00fcsse.<\/p>\n<h3>Harmos betrifft nur die obligatorische Schulstufe. Momentan arbeitet die EDK an der Harmonisierung der gymnasialen Lehrpl\u00e4ne. Wozu?<\/h3>\n<p>Mit dem Projekt \u00abWeiterentwicklung der gymnasialen Maturit\u00e4t\u00bb wollen Bund und Kantone langfristig gew\u00e4hrleisten, dass unsere Maturandinnen und Maturanden studierf\u00e4hig sind. Deshalb m\u00fcssen wir mit dem Bund, der hier mitverantwortlich ist, diskutieren, was diese Studierf\u00e4higkeit beinhaltet. Es geht also auch um eine gewisse Lernzielharmonisierung, ein zentrales Element dabei ist der Rahmenlehrplan. Zudem wollen wir mit der Reform sicherstellen, dass die Matura auch weiterhin einen pr\u00fcfungsfreien Zugang zu den Hochschulen garantiert.<\/p>\n<h3>F\u00fcr die Berufsbildung sind in der Schweiz drei Verbundpartner zust\u00e4ndig: Bund, Kantone und Wirtschaft. Selbst die Beteiligten bezeichnen das System als wenig transparent. Braucht es eine grunds\u00e4tzliche Entflechtung der Aufgaben?<\/h3>\n<p>Meines Erachtens hat diese Wahrnehmung nichts mit den staatlichen Strukturen zu tun. Vielmehr h\u00e4ngt sie mit der Vielfalt und der Organisation der Berufsbereiche und der Organisationen der Arbeitswelt zusammen. In Z\u00fcrich haben wir etwa 200 Berufe und auch eine entsprechend grosse Anzahl Berufsverb\u00e4nde. Und diese unter einen Hut zu bringen, ist nat\u00fcrlich komplex. Aber ich glaube, es gelingt uns recht gut. Wichtig ist, dass die Informationen von der Basis der regionalen und kantonalen Branchenorganisationen in den Regelungsbereich auf nationaler Ebene einfliessen k\u00f6nnen. Dazu ist der konstante Austausch mit den Gewerbeverb\u00e4nden und Wirtschaftsverb\u00e4nden entscheidend \u2013 und der l\u00e4uft vor allem \u00fcber die Kantone.<\/p>\n<blockquote><p>Der Grundsatz \u2018Wer zahlt, befiehlt\u2019 ist in der Berufsbildung nicht gew\u00e4hrleistet<\/p><\/blockquote>\n<h3>Ein Grundsatz des F\u00f6deralismus lautet: Wer zahlt, befiehlt. Ist dieses Prinzip in der Berufsbildung gew\u00e4hrleistet?<\/h3>\n<p>Nein. Z\u00fcrich als grosser Kanton mit etwa einem Sechstel der schweizweiten Lehrstellen hat nat\u00fcrlich eine pointierte Haltung. Aber auch wenn ich mit meinen Kollegen in der EDK dar\u00fcber spreche, ist das tats\u00e4chlich eine grosse Schwierigkeit. Dass auch die Zulassung neuer Berufe und die Bed\u00fcrfnisse der Basis \u00fcber eine Bundesbeh\u00f6rde laufen, verlangsamt den Prozess. Wir versuchen nat\u00fcrlich, mit guter Kommunikation und Kooperation dem entgegenzuwirken. Aber die \u00c4quivalenz ist sicher nicht gegeben. So viel ist klar.<\/p>\n<h3>Die EDK fordert, dass der Bund mehr f\u00fcr die Berufsbildung bezahlen m\u00fcsse. Wieso?<\/h3>\n<p>Der Bund regelt alles ausser der Organisation und der Ausbildung der Lehrkr\u00e4fte, zahlt aber bisher nur 25 Prozent. Der Grundsatz \u00abWer zahlt, befiehlt\u00bb ist deshalb nicht gew\u00e4hrleistet. Die EDK fordert, dass der Bund 30 Prozent bezahlt. Ausserdem darf der Bund nicht immer das hohe Berufsbildungslied singen, aber die finanziellen Konsequenzen daraus vernachl\u00e4ssigen. Meiner Ansicht nach wird die Berufsbildung marginalisiert.<\/p>\n<h3>Was meinen Sie damit?<\/h3>\n<p>Es kann doch nicht sein, dass die BFI-Botschaft f\u00fcr die Jahre 2021 bis 2024 mit einem Kredit den wichtigen Bereich der Berufsbildung gleich mitabhandelt. Wir sprechen von einem Gesamtkredit von 28 Milliarden Franken, wovon nur gerade 4 Milliarden Franken f\u00fcr die Berufsbildung vorgesehen sind. Wir w\u00fcnschen uns mehr Geld, das den Bed\u00fcrfnissen angepasst ist. Denn wir werden grosse Herausforderungen haben im Berufsbildungsbereich, allein schon aus demografischen Gr\u00fcnden. Im Kanton Z\u00fcrich m\u00fcssen die Verbundpartner bis 2035 bis zu 10\u2019000 neue Lehrstellen schaffen.<\/p>\n<h3>Wird es wegen Corona einen Engpass bei den Lehrstellen geben?<\/h3>\n<p>Jetzt, Ende M\u00e4rz, sieht die Situation noch recht gut aus, die Lage wird sich im n\u00e4chsten halben Jahr noch herauskristallisieren. Wir haben viele Anstrengungen unternommen seit Beginn der Pandemie. Wir hatten zum Beispiel das grosse Problem, dass man keine Schnupperlehren machen konnte wegen der Corona-Massnahmen. Aus diesem Grund wurden digitale Ersatzformate lanciert. Gleichzeitig hat der Bund auf mein Ersuchen hin schon letztes Jahr eine Taskforce \u00abPerspektive Berufslehre\u00bb aktiviert. Da gibt es verschiedene Projekte, mit denen man die Lernenden unterst\u00fctzt. Zudem haben wir auch im Bereich Berufsberatung und Lehrstellenakquisition sehr viel investiert.<\/p>\n<h3>Wie ist die Situation bei den Schulabg\u00e4ngern?<\/h3>\n<p>Die Schulabg\u00e4ngerinnen und Schulabg\u00e4nger sind im Moment etwa gleich gut untergebracht wie letztes Jahr. Zum Gl\u00fcck. Wo wir mit Sorge hinschauen, ist bei den Berufseinsteigern. Dort k\u00f6nnte sich tats\u00e4chlich eine L\u00fccke ergeben, die dann zu Arbeitslosigkeit von jungen Berufsleuten f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<h3>Was unternimmt der Kanton Z\u00fcrich dagegen?<\/h3>\n<p>Mittels Laufbahnberatung versuchen wir hier L\u00f6sungen zu finden. Ich bin stolz auf unsere jungen Leute. Sie haben versucht, das Beste aus der Situation zu machen, indem sie sich nahtlos f\u00fcr ein Studium eingeschrieben haben, anstatt die geplante Auslandreise oder den Sprachaufenthalt anzutreten. Oder sie sind nach der Lehre direkt an die Berufsmaturit\u00e4tsschule oder an eine Fachhochschule gegangen. Wir verzeichneten letztes Jahr im Kanton Z\u00fcrich zum Beispiel deutlich mehr Studieneinsteiger an diesen weiterf\u00fchrenden Schulen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau Steiner, Sie wurden im Herbst als EDK-Pr\u00e4sidentin von den kantonalen Erziehungsdirektoren wiedergew\u00e4hlt. Hat Sie das vergangene Corona-Jahr nicht abgeschreckt? 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Sie ist seit 2015 in der Z\u00fcrcher Kantonsregierung. Zuvor war die studierte Juristin und promovierte Kriminologin Kantonsr\u00e4tin, federf\u00fchrende Staatsanw\u00e4ltin im Bereich Menschenhandel sowie Chefin der Stadtz\u00fcrcher sowie der Zuger Kriminalpolizei. 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