{"id":99510,"date":"2021-04-23T07:43:06","date_gmt":"2021-04-23T07:43:06","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/04\/les-entreprises-suisses-profitent-des-accords-de-libre-echange\/"},"modified":"2025-06-24T17:27:55","modified_gmt":"2025-06-24T15:27:55","slug":"legge-lukaszuck-hauck-glauser-05-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/04\/legge-lukaszuck-hauck-glauser-05-2021\/","title":{"rendered":"Schweizer Unternehmen nutzen Freihandelsabkommen"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr die kleine und offene Schweizer Volkswirtschaft ist der Zugang zu ausl\u00e4ndischen M\u00e4rkten zentral. \u00dcber 30 Freihandelsabkommen garantieren Schweizer Unternehmen den Zugang zu wichtigen M\u00e4rkten \u2013 unter anderem dank \u00abpr\u00e4ferenziellen\u00bb Z\u00f6llen. Diese Zolls\u00e4tze liegen unter den Meistbeg\u00fcnstigten- beziehungsweise Normallzollans\u00e4tzen, die im Rahmen der WTO-Vertr\u00e4ge gegen\u00fcber anderen L\u00e4ndern bestehen. Die pr\u00e4ferenziellen Z\u00f6lle kommen allerdings nicht automatisch zur Anwendung, sondern sind mit einem gewissen administrativen Aufwand verbunden: Unternehmen m\u00fcssen bei der Verzollung f\u00fcr jedes Produkt nachweisen, dass es die pr\u00e4ferenziellen Ursprungsregeln des entsprechenden Freihandelsabkommens erf\u00fcllt. Wie eine Untersuchung aus dem Jahr 2019 im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) gezeigt hat, nutzen die Unternehmen die Zollpr\u00e4ferenzen nur teilweise.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>\u00a0Warum ist das so?<\/p>\n<p>In vertieften Auswertungen sind Stefan Legge und Piotr Lukaszuk von der Universit\u00e4t St. Gallen dieser Frage nachgegangen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Anhand von detaillierten Importdaten der Eidgen\u00f6ssischen Zollverwaltung (EZV) untersuchten sie f\u00fcr den Zeitraum 2016 bis 2019, ob grosse Unternehmen die pr\u00e4ferenziellen Z\u00f6lle st\u00e4rker nutzen als kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Dabei verkn\u00fcpften sie die EZV-Daten mit Informationen aus dem Unternehmensregister des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS).<\/p>\n<p>Insgesamt werteten die Autoren \u00fcber 45 Millionen Meldungen von rund 180\u2019000 Importeuren aus. Exporte wurden nicht ber\u00fccksichtigt, da dazu detailliertere Daten von den Partnerl\u00e4ndern zur Verf\u00fcgung stehen m\u00fcssten.<\/p>\n<h2><strong>Viele KMU im Datensatz<\/strong><\/h2>\n<p>Der Datensatz umfasst alle Unternehmen, die zwischen den Jahren 2016 und 2019 Waren aus einem Freihandelspartnerland der Schweiz importiert haben. Mehrheitlich sind dies kleine und mittlere Unternehmen (KMU), wobei \u00fcber die H\u00e4lfte der insgesamt 180\u2019000 Unternehmen zu den Mikrounternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden z\u00e4hlt. Weiter finden sich im Datensatz 2600 Grossunternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden. Bei 50\u2019000 Unternehmen ist die Firmengr\u00f6sse unbekannt.<\/p>\n<p>Wie die Auswertungen zeigen, nutzt knapp die H\u00e4lfte der Firmen die Freihandelsabkommen zumindest teilweise, und rund ein Drittel der Firmen greift bei all ihren Importen darauf zur\u00fcck (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Demgegen\u00fcber verzichtet ein F\u00fcnftel der Firmen komplett auf pr\u00e4ferenzielle Z\u00f6lle \u2013 wobei diese Firmen lediglich f\u00fcr 1 Prozent des Transaktionsvolumens verantwortlich sind. Somit l\u00e4sst sich festhalten: Grunds\u00e4tzlich nutzen die meisten Unternehmen die Freihandelsabkommen.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Nutzung von Freihandelsabkommen durch Schweizer Importeure (2016 bis 2019)<\/strong><\/h3>\n<div class=\"legacy_chart_custom\"><div class='chart chart--normal' id='05-2021Legge_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#05-2021Legge_de').highcharts({ \n\n     chart: {\n        plotBackgroundColor: null,\n        plotBorderWidth: null,\n        plotShadow: false,\n        type: 'pie'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    tooltip: {\n        pointFormat: '<b>{point.percentage:.1f}%<\/b> <br>(Total: <b>{point.total})<\/b>'\n    },\n    accessibility: {\n        point: {\n            valueSuffix: '%'\n        }\n    },\n    plotOptions: {\n        pie: {\n        size: 250,\n            allowPointSelect: true,\n            cursor: 'pointer',\n            dataLabels: {\n                enabled: true,\n                format: '<b>{point.name}<\/b> <br>{point.y}',\n            }\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: '',\n        colorByPoint: true,\n        data: [{\n            name: 'Immer genutzt',\n            y: 54836,\ncolor: '#37a932',\n            sliced: false,\n            selected: false\n        }, {\n            name: 'Manchmal genutzt',\ncolor:  \t'#d2d803',\n            y: 88011\n        }, {\n            name: 'Nie genutzt',\ncolor:  \t'#ee7452',\n            y: 41222,\nsliced: true,\n            selected: false\n        }]\n    }]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n<\/div>\n<p><span class=\"text__quelle--ground text__legend\">Total = 184\u2019069 Importfirmen.<\/span><\/p>\n<p><span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Daten der EZV und des BFS, Legge und Lukaszuk (2021) \/ Die Volkswirtschaft<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Dank Freihandelsabkommen sparten Schweizer Unternehmen bei ihren Importen im Jahr 2019 \u00fcber 2 Milliarden Franken an Z\u00f6llen ein (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). Davon entfallen 1,13 Milliarden Franken auf KMU, 0,73 Milliarden Franken auf grosse Unternehmen sowie 0,22 Milliarden Franken auf Firmen mit unbekannter Gr\u00f6sse. Knapp 0,37 Milliarden Franken an m\u00f6glichen Zolleinsparungen wurden hingegen nicht realisiert, da anstelle der pr\u00e4ferenziellen Z\u00f6lle die regul\u00e4ren Z\u00f6lle bezahlt wurden.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Dank Freihandelsabkommen eingesparte Importz\u00f6lle nach Firmengr\u00f6sse (2019)<\/strong><\/h3>\n<div class=\"legacy_chart_custom\"><div class='chart chart--normal' id='05-2021Legge2_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#05-2021Legge2_de').highcharts({ \n\n     chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n        categories: ['Grossunternehmen', 'KMU','Unbekannt']\n    },\n    yAxis: {\n        min: 0,\n        title: {\n            text: 'Mio. 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Dabei lautete die Ausgangsfrage: Findet eine Nutzung der Freihandelsabkommen immer dann statt, wenn die Zolleinsparungen h\u00f6her sind als die damit verbundenen Kosten?<\/p>\n<p>Eine erste Antwort ergibt sich aus dem bedeutenden Einfluss des Einsparpotenzials auf die Nutzung von Freihandelsabkommen: Bei Warenimporten mit hohem Einsparpotenzial \u2013 entweder aufgrund eines hohen Warenwerts oder einer hohen \u00abPr\u00e4ferenzmarge\u00bb \u2013 f\u00e4llt die Nutzung von Freihandelsabkommen durchschnittlich h\u00f6her aus. Die Pr\u00e4ferenzmarge wird in Prozentpunkten ausgedr\u00fcckt und gibt die Differenz zwischen den regul\u00e4ren und den pr\u00e4ferenziellen Zolls\u00e4tzen wieder.<\/p>\n<p>Obwohl dieser Zusammenhang vermutet wurde, zeigt sich, dass bereits bei relativ geringen Pr\u00e4ferenzmargen eine hohe Nutzung von Freihandelsabkommen stattfindet. Es zeigt sich, dass bereits bei einer vergleichsweise geringen Pr\u00e4ferenzmarge von 1,6 Prozentpunkten eine vergleichsweise hohe Nutzungsrate zu beobachten ist. Bei einer Pr\u00e4ferenzmarge von 2 Prozentpunkten liegt die Nutzungsrate bereits bei \u00fcber 71 Prozent. Diese Resultate sind insbesondere interessant, weil sie der weitl\u00e4ufigen Annahme widersprechen, wonach Unternehmen eine Nutzung von Freihandelsabkommen erst ab 2 bis 3 Prozentpunkten \u00fcberhaupt in Betracht ziehen.<\/p>\n<p>Firmen machen dabei von Freihandelsabkommen h\u00e4ufiger Gebrauch, wenn sie bereits in der Vergangenheit solche genutzt haben. Hat eine Firma ein spezifisches Freihandelsabkommen bereits einmal genutzt, wird sie dieses in Folgetransaktionen mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent erneut nutzen. Umso mehr gilt dies, wenn es sich um dasselbe Produkt und dasselbe Partnerland handelt. Dann steigt die Nutzungsrate auf 80 Prozent. Diese Zahlen lassen sich so interpretieren, dass die Nutzung der Freihandelsabkommen mit Fixkosten verbunden ist. Diese Fixkosten treten beispielsweise auf, wenn geeignete Zulieferer gefunden werden m\u00fcssen oder eine Firma sich mit den Formalit\u00e4ten eines Freihandelsabkommens vertraut machen muss. Sind diese einmal gezahlt, steigt die H\u00e4ufigkeit der Nutzung bei Folgetransaktionen.<\/p>\n<h2><strong>EU-Abkommen an der Spitze<\/strong><\/h2>\n<p>Einen guten \u00dcberblick \u00fcber die Freihandelsabkommen der Schweiz liefert der <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/dam\/seco\/de\/dokumente\/Aussenwirtschaft\/Wirtschaftsbeziehungen\/Warenverkehr\/nutzung_freihandelsabkommen\/fha_monitor_2019.pdf.download.pdf\/FHA%20Monitor%202019.pdf\">FHA-Monitor<\/a> des Seco. Diese j\u00e4hrliche Publikation liefert Kennzahlen und Grafiken zur Nutzung der Freihandelsabkommen, wobei sowohl Importe als auch Exporte ber\u00fccksichtigt sind. Die aktuellsten Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2019, der Bericht f\u00fcr 2020 erscheint voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2021.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die ben\u00f6tigten Daten importseitig von der Eidgen\u00f6ssischen Zollverwaltung (EZV) bereitgestellt werden, m\u00fcssen sie exportseitig jeweils mit den Partnerl\u00e4ndern der Schweiz ausgetauscht werden. Dazu arbeitet das Seco eng mit den Schweizer Botschaften vor Ort zusammen.<\/p>\n<p>Das mit Abstand relevanteste Freihandelsabkommen der Schweiz ist das Abkommen mit der Europ\u00e4ischen Union aus dem Jahr 1972. Im Jahr 2019 sparten Schweizer Exporteure damit Z\u00f6lle in H\u00f6he von 1,1 Milliarden Franken. Bei den Importen betragen die Einsparungen sogar 2,1 Milliarden Franken.<\/p>\n<p>Das neuste Freihandelsabkommen der Schweiz, welches der FHA-Monitor erfasst, ist jenes mit den Philippinen aus dem Jahr 2018: Importseitig wurden damit 2019 bereits 400\u2019000 Franken an Z\u00f6llen eingespart. Allerdings verzollten weiterhin viele Unternehmen \u2013 trotz pr\u00e4ferenzieller Z\u00f6lle \u2013 ihre Produkte regul\u00e4r. Dadurch entgingen ihnen Zolleinsparungen in der H\u00f6he von 1,2 Millionen Franken. Als Folge davon lag die Einsparquote 2019 f\u00fcr dieses Abkommen lediglich bei 24 Prozent. Im Vergleich zu anderen Freihandelsabkommen liegt diese Einsparquote eher am unteren Rande des Spektrums. Es wird deshalb interessant sein, zu sehen, wie sich die Nutzung des relativ jungen Abkommens mit den Philippinen \u00fcber die Zeit hinweg entwickeln wird.<\/p>\n<h2><strong>Pharma und Uhren<\/strong><\/h2>\n<p>Im FHA-Monitor werden f\u00fcr jedes Land die zehn Produktkategorien mit dem gr\u00f6ssten Handelsvolumen aufgezeigt. Exportseitig dominieren Pharmaprodukte, Bijouterie, Uhren, Pr\u00e4zisionsinstrumente und Maschinen. Hier verf\u00fcgt die Schweiz \u00fcber international renommiertes Know-how und steht f\u00fcr Qualit\u00e4t und Zuverl\u00e4ssigkeit. Importseitig zeichnet der FHA-Monitor ein deutlich differenzierteres Bild \u00fcber die Partnerl\u00e4nder hinweg. Aus Albanien werden beispielsweise haupts\u00e4chlich Schuhe und Bekleidung importiert, w\u00e4hrend aus Chile prim\u00e4r Fr\u00fcchte oder aus Litauen M\u00f6bel und Holz in die Schweiz geliefert werden.<\/p>\n<p>Der FHA-Monitor hilft, l\u00e4nderspezifisches Verbesserungspotenzial im Rahmen der Freihandelsabkommen zu identifizieren. Beispielsweise indem er aufzeigt, bei welchen Produkten noch erhebliches, bisher nicht ausgesch\u00f6pftes Potenzial f\u00fcr weitere Zolleinsparungen aufgrund der Freihandelsabkommen liegt. In den FHA-Monitor 2019 wurde erstmals die Verteilung der Zollersparnisse nach Firmengr\u00f6sse aufgenommen. Sobald der FHA-Monitor f\u00fcr das Jahr 2020 vorliegt, wird es zudem interessant sein, zu sehen, wie sich die anhaltende Corona-Krise auf die Handelsstr\u00f6me der Schweiz auswirkt.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Stefan Legge und Piotr Lukaszuk (2O19). <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/dam\/seco\/en\/dokumente\/Publikationen_Dienstleistungen\/Publikationen_Formulare\/Aussenwirtschaft\/Berichte_Studien\/studie_analyse_zur_nutzung_von_fha.pdf.download.pdf\/Studie_Analyse_zur_Nutzung_von_FHA.pdf\">Analyse zur Nutzung von Freihandelsabkommen im Auftrag des Seco<\/a>, 13. Dezember. Vgl. auch Beitrag <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch22\/2\/freihandelsabkommen-nutzen-firmen-die-vorteile\/\">Freihandelsabkommen: Nutzen Firmen die Vorteile?<\/a>, Die Volkswirtschaft 3\/22.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Mehr Informationen unter <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/seco\/de\/home\/Aussenwirtschaftspolitik_Wirtschaftliche_Zusammenarbeit\/Wirtschaftsbeziehungen\/Freihandelsabkommen\/nutzung_freihandelsabkommen.html\">\u00abNutzung von Freihandelsabkommen\u00bb<\/a> auf der Website des Seco.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die kleine und offene Schweizer Volkswirtschaft ist der Zugang zu ausl\u00e4ndischen M\u00e4rkten zentral. \u00dcber 30 Freihandelsabkommen garantieren Schweizer Unternehmen den Zugang zu wichtigen M\u00e4rkten \u2013 unter anderem dank \u00abpr\u00e4ferenziellen\u00bb Z\u00f6llen. 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Gem\u00e4ss einer Auswertung im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) handelt es sich bei der \u00fcberwiegenden Mehrheit der Schweizer Importunternehmen, die ein Freihandelsabkommen nutzen, um KMU. Insgesamt sparten Schweizer Importeure im Jahr 2019 dank Freihandelsabkommen \u00fcber 2 Milliarden Franken an Z\u00f6llen ein. Bereits bei kleinen Differenzen zwischen den regul\u00e4ren und den pr\u00e4ferenziellen Zolls\u00e4tzen werden Freihandelsabkommen rege genutzt. 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