{"id":99536,"date":"2021-04-09T08:48:26","date_gmt":"2021-04-09T08:48:26","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/04\/wie-erfolgreich-investiert-china-im-ausland\/"},"modified":"2023-08-23T22:50:16","modified_gmt":"2023-08-23T20:50:16","slug":"wie-erfolgreich-investiert-china-im-ausland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/04\/wie-erfolgreich-investiert-china-im-ausland\/","title":{"rendered":"Wie erfolgreich investiert China im Ausland?"},"content":{"rendered":"<p>Chinas wirtschaftlicher Aufstieg w\u00e4hrend der letzten Jahrzehnte ist enorm.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Inzwischen ist das Land die zweitgr\u00f6sste Volkswirtschaft der Welt. Sein Nettoauslandsverm\u00f6gen betrug im Jahr 2018 rund 2,1 Billionen Dollar. Damit liegt es nach Japan und Deutschland auf dem dritten Rang. Auch im internationalen Handel ist das Land ganz vorne mit dabei. China ist inzwischen der gr\u00f6sste Warenexporteur weltweit.<\/p>\n<p>Trotzdem blieb die Wirkung Chinas auf die globalen Finanzm\u00e4rkte bisher eher bescheiden. Verantwortlich daf\u00fcr ist neben anderen Gr\u00fcnden haupts\u00e4chlich eine strenge Regulierung. Denn erst seit dem Jahr 2006 ist es grossen institutionellen Investoren erlaubt, in ausl\u00e4ndische Finanzprodukte zu investieren \u2013 und auch das nur begrenzt: Einzelinvestoren k\u00f6nnen bis heute nicht in ausl\u00e4ndische Finanzprodukte investieren. Liberalisierungsmassnahmen werden behutsam und nur schrittweise eingef\u00fchrt, um abrupte Kapitalabfl\u00fcsse zu vermeiden. Im Februar 2019 lag der Wert der bewilligten Investitionen total bei rund 100 Milliarden Dollar.<\/p>\n<h2>Bescheidene Renditen im In- und Ausland<\/h2>\n<p>Zwei Gr\u00fcnde sprechen f\u00fcr eine weitergehende Liberalisierung der Kapitalfl\u00fcsse: Zum einen sind grosse Teile des Auslandsverm\u00f6gens in Staatsanleihen angelegt und erwirtschaften daher nur eine bescheidene Rendite. Diese ist sogar niedriger als die Zinsen auf chinesische Staatspapiere. Daher musste China seit 2009 Nettokapitalverluste verbuchen. Eine Liberalisierung k\u00f6nnte die Zusammensetzung des chinesischen Auslandsverm\u00f6gens \u00e4ndern \u2013\u00a0 hin zu etwas risikoreicheren Anlagen mit h\u00f6heren Renditen.<\/p>\n<p>Der zweite Grund, der f\u00fcr weitere Liberalisierungsschritte spricht, sind die grossen Anteile des Inlandsverm\u00f6gens, die auf Bankkonten liegen. Auch diese werfen nur eine bescheidene Rendite ab, weil es unter anderem auch an geeigneten inl\u00e4ndischen Finanzanlagen mangelt.<\/p>\n<p>Die grenz\u00fcberschreitenden Kapitalfl\u00fcsse Chinas fanden in der Forschung bisher nur wenig Beachtung. Die \u00d6konomen Isha Agarwal, Grace Weishi Gu und Eswar Prasad von den kanadischen und amerikanischen Universit\u00e4ten British Columbia, Santa Cruz und Cornell untersuchen, wie sich der Aufstieg Chinas auf die globalen Finanzm\u00e4rkte auswirkt. Ihr Fokus liegt dabei nicht auf den Investitionen der chinesischen Zentralbank oder der Regierung \u2013 wie zum Beispiel bei der Belt-and-Road-Initiative \u2013, sondern auf institutionellen Investoren, welche den Grossteil der Neuinvestitionen t\u00e4tigen. Insbesondere sind die Forscher daran interessiert, in welchen L\u00e4ndern und Sektoren China weltweit investiert.<\/p>\n<p>Da China keine Daten zu Direkt- und Kapitalinvestitionen an den Internationalen W\u00e4hrungsfonds liefert, sind die Autoren darauf angewiesen, sich die notwendigen Daten von den Empf\u00e4ngerl\u00e4ndern zu beschaffen. Ihr Datensatz umfasst Informationen zu den Auslandinvestitionen von 42 institutionellen Investoren aus China im Zeitraum von 2008 bis 2017.<\/p>\n<h2>\u00dcberinvestitionen in Hong Kong<\/h2>\n<p>In einem ersten Schritt untersuchen die Forscher, in welchen L\u00e4ndern die chinesischen Investoren \u00fcberproportional viel investieren. Dazu nutzen sie das Konzept der \u00dcberinvestition. Gem\u00e4ss diesem Konzept wird jedes Land anhand seines Anteils an der weltweiten Aktienmarktkapitalisierung gewichtet. F\u00e4llt sein Anteil am chinesischen Investitionsvolumen gr\u00f6sser aus als sein Gewicht auf den Aktienm\u00e4rkten, liegt eine \u00dcberinvestition vor (siehe <em>Abbildung<\/em>). Hong Kong beispielsweise erh\u00e4lt am meisten \u00dcberinvestitionen \u2013 etwa 23 Prozent mehr als die Sonderverwaltungszone aufgrund ihrer Marktgewichtung erhalten sollte. Auf der anderen Seite des Spektrums liegen die USA. Sie erhalten rund 21 Prozent weniger chinesische Investitionen als sie gem\u00e4ss der Aktienmarktkapitalisierung erhalten sollten und sind damit das Land mit der gr\u00f6ssten chinesischen Unterinvestition.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">\u00dcber- und Unterinvestitionen chinesischer Investoren im Ausland<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/03\/WEB-ONLY_D-HARTMANN-Abbildung.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-102935\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/03\/WEB-ONLY_D-HARTMANN-Abbildung.jpg\" alt=\"\" width=\"475\" height=\"306\" \/><\/a><\/p>\n<p><span class=\"text__legend\">Anmerkung: Die Abbildung zeigt die zehn am st\u00e4rksten \u00fcber- bzw. untergewichteten L\u00e4nder in den Portfolios chinesischer Investoren. Um die \u00dcber- und Unterinvestitionen zu berechnen, wird jedes Land anhand seines Anteils an der weltweiten Aktienmarktkapitalisierung gewichtet. F\u00e4llt sein Anteil am chinesischen Investitionsvolumen gr\u00f6sser aus als sein Gewicht auf den Aktienm\u00e4rkten, liegt eine \u00dcberinvestition vor; andernfalls eine Unterinvestition.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Agarwal et al. (2019), Abb. 8<\/span><\/p>\n<p>Aus der Analyse wird deutlich, dass chinesische Investoren besonders viel in Entwicklungs- und Nachbarl\u00e4nder investieren. Weniger investieren sie in Industriestaaten sowie entfernte L\u00e4nder. Die Wissenschaftler sch\u00e4tzen, dass eine gemeinsame Grenze die \u00dcberinvestitionen um rund 18 Prozentpunkte vergr\u00f6ssert, im Vergleich zu den L\u00e4ndern, die keine Grenze mit China teilen. Zudem zeigen sie, dass China besonders stark in L\u00e4ndern mit schwachen staatlichen Institutionen, wie Indien, Indonesien oder Thailand, investiert. Steigt zum Beispiel die Leistungsf\u00e4higkeit des \u00f6ffentlichen Sektors auf einer f\u00fcnfstufigen Skala um eine Stufe, so sinken die \u00dcberinvestitionen um 13 Prozentpunkte.<\/p>\n<p>Das bilaterale Handelsvolumen steigert die Investitionen ebenfalls: Nimmt der Handelsanteil am gesamten chinesischen Handelsvolumen um 1 Prozent zu, steigert dies die \u00dcberinvestitionen um 0,4 Prozent. Der Grund f\u00fcr diesen Effekt ist, dass zunehmender Handel auch das Wissen \u00fcber den Handelspartner verbessert: etwa \u00fcber die Sprache, die Br\u00e4uche oder die Regulierungen in einem Land. Dieses Wissen erleichtert weitere Finanzinvestitionen chinesischer Investoren in jenem Land.<\/p>\n<h2>Hochtechnologie: Chinas Fokus in Industriel\u00e4nder<\/h2>\n<p>Agarwal und ihre Co-Autoren befassen sich auch damit, in welche Sektoren innerhalb eines Ziellandes investiert wird. Hierzu ben\u00fctzen sie erneut das Konzept der \u00dcberinvestition: Wenn der Investitionsanteil eines Sektors gr\u00f6sser ist als der Anteil an der nationalen Aktienmarktkapitalisierung, dann spricht man von einer \u00dcberinvestition in diesem Sektor. Die Analyse zeigt, dass chinesische Investoren \u00fcberm\u00e4ssig in den Bau- und den Kommunikationssektor investieren, sowie in Entwicklungsl\u00e4ndern auch in den Bergbau. Untergewichtet sind hingegen die Industrie und der Finanzsektor. Bei Investitionen in Industriestaaten ist der Hochtechnologiesektor deutlich \u00fcbergewichtet, obwohl \u00fcber alle L\u00e4nder hinweg die chinesischen Investitionen in den Hochtechnologiesektor um 10 Prozent untergewichtet sind.<\/p>\n<p>Wie kann man diese Beobachtungen erkl\u00e4ren? Eine Hypothese der Forscher ist, dass institutionelle Investoren aus China im Ausland vor allem in jene Sektoren investieren, in denen China selbst wenig produktiv ist und einen komparativen Nachteil hat. Solche Sektoren also in denen China \u00fcberproportional hohe Importe t\u00e4tigt. Beispiele sind der Bergbau, die Entwicklung von Computersoftware oder Kommunikationstechnologie. Tats\u00e4chlich zeigt eine Sch\u00e4tzung , dass die \u00dcberinvestitionen in einem Sektor um 4,5 Prozent steigen, wenn der komparative Nachteil um einen Indexpunkt steigt. Zudem zeigen die Autoren, dass die Investitionen \u00fcberproportional in jene L\u00e4nder fliessen, die in den betreffenden Sektoren \u00fcber einen komparativen Vorteil verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Diversifikation spielt eine wichtige Rolle. In China selber fliesst viel Kapital in Sektoren, in denen der Staat \u00fcber einen komparativen Vorteil verf\u00fcgt. Daher kann es sinnvoll sein, im Ausland in andere Sektoren zu investieren. Informationsvorteile sind eine weitere Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Anlageverhalten. Denn ein steigendes bilaterales Handelsvolumen zieht auch h\u00f6here Investitionen nach sich. Die Investoren nutzen dabei die Informationen, welche sie mittels der Importe \u00fcber diesen ausl\u00e4ndischen Sektor erhalten. Keine bedeutende Rolle spielen bei den Anlageentscheidungen hingegen Rendite\u00fcberlegungen oder Lerneffekte, so die Studienautoren. Lerneffekte w\u00fcrden bedeuten, dass die Investitionen haupts\u00e4chlich daf\u00fcr genutzt werden, um die einheimische Technologie zu verbessern.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Agarwal, Gu und Prasad (2019).\u00a0&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chinas wirtschaftlicher Aufstieg w\u00e4hrend der letzten Jahrzehnte ist enorm. Inzwischen ist das Land die zweitgr\u00f6sste Volkswirtschaft der Welt. Sein Nettoauslandsverm\u00f6gen betrug im Jahr 2018 rund 2,1 Billionen Dollar. Damit liegt es nach Japan und Deutschland auf dem dritten Rang. Auch im internationalen Handel ist das Land ganz vorne mit dabei. 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