{"id":99749,"date":"2021-03-25T22:05:27","date_gmt":"2021-03-25T22:05:27","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/03\/une-politique-monetaire-extraordinaire\/"},"modified":"2024-11-28T10:14:47","modified_gmt":"2024-11-28T09:14:47","slug":"ausserordentliche-geldpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/03\/ausserordentliche-geldpolitik\/","title":{"rendered":"Ausserordentliche Geldpolitik"},"content":{"rendered":"<p>Von der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung weitgehend unbemerkt hat die globale Geldpolitik seit der Finanzkrise im Jahr 2007 spektakul\u00e4re Ver\u00e4nderungen erlebt. Zun\u00e4chst mit konventionellen, dann aber vor allem mit unkonventionellen Instrumenten haben die Zentralbanken die Versorgung der M\u00e4rkte mit Geld massiv ausgedehnt. Es ist kaum \u00fcbertrieben, von einem Ozean an Liquidit\u00e4t zu sprechen, in dem die Weltwirtschaft zurzeit schwimmt. Was sind die Hintergr\u00fcnde, Mechanismen und Risiken dieser Entwicklung?<\/p>\n<h2>Grenzen konventioneller Geldpolitik<\/h2>\n<p>Die traditionelle Geldpolitik ist darauf ausgerichtet, die kurzfristigen Zinsen zu beeinflussen, um Preisstabilit\u00e4t zu garantieren. Das setzt die Zentralbank um, indem sie Wertpapiere mit kurzer Laufzeit kauft oder verkauft. Kauft sie einer Gesch\u00e4ftsbank ein Wertpapier ab, so bezahlt die Nationalbank das mit zus\u00e4tzlichem, von ihr geschaffenem Geld. Die Gesch\u00e4ftsbank kann dieses Geld anschliessend \u00fcber die Kreditvergabe in der Wirtschaft in Umlauf bringen. Weil nun mehr Geld vorhanden ist, sinkt der Preis f\u00fcr Geld, das heisst der kurzfristige Zinssatz. Der Verkauf eines Wertpapiers auf der anderen Seite erh\u00f6ht \u00fcber den gleichen Mechanismus den Zinssatz.<\/p>\n<p>Um die heutige Situation einordnen zu k\u00f6nnen, muss man verstehen, dass die Zentralbanken nach Ausbruch der Finanzkrise rasch an die Grenzen dieser konventionellen Geldpolitik kamen. Als im Verlauf des Jahres 2008 immer klarer wurde, dass die Finanzturbulenzen eine schwere Wirtschaftskrise im Ausmass der Grossen Depression der Dreissigerjahre ausl\u00f6sen k\u00f6nnten, reagierten die Zentralbanken umgehend.<\/p>\n<p>In mehreren, zum Teil koordinierten Schritten gestalteten sie die Geldpolitik massiv expansiver. Dabei wendeten die Zentralbanken die konventionelle Methode an: Sie senkten die kurzfristigen Zinsen bis auf 0 Prozent. Rasch wurde aber klar, dass das nicht ausreichte, um die Lage zu stabilisieren. Wesentlich unter 0 Prozent konnten sie diese Zinsen aber nicht senken, da sonst kaum mehr jemand Geld auf dem Bankkonto halten w\u00fcrde. Sie standen also vor einem Dilemma, und es stellte sich die Frage, wie man \u2013 angesichts der Depressionsgefahr \u2013 die Geldpolitik noch expansiver gestalten k\u00f6nnte. Eine L\u00f6sung fand man in der unkonventionellen Geldpolitik, die oft auch als \u00abquantitative Lockerung\u00bb bezeichnet wird.<\/p>\n<h2>Unkonventionelle Geldpolitik<\/h2>\n<p>Die \u00dcberlegung hinter der unkonventionellen Geldpolitik ist einfach. Wenn die kurzfristigen Zinsen an ihrer Untergrenze liegen, versucht man zus\u00e4tzlich, die langfristigen Zinsen direkt zu senken. Auch die konventionelle Geldpolitik zielt ja indirekt darauf, die l\u00e4ngerfristigen Zinsen zu beeinflussen, da diese fu\u0308r Investitionsentscheide und damit f\u00fcr realwirtschaftliche Entscheide relevant sind. Die Beeinflussung erfolgt bei der konventionellen Geldpolitik aber indirekt, indem eine Ver\u00e4nderung der kurzfristigen Zinsen die Knappheit von Geld und damit letztlich die Zinsen aller Laufzeiten beeinflusst.<\/p>\n<p>Direkt senken kann die Zentralbank die langfristigen Zinsen, indem sie l\u00e4ngerfristige Wertpapiere kauft, zum Beispiel zehnj\u00e4hrige Staatsanleihen. Das treibt deren Kurs in die H\u00f6he und damit die Zinsen nach unten. Wie funktioniert das? Erh\u00e4lt man zum Beispiel bei einer Staatsanleihe mit Ausgabepreis von 100 Franken eine j\u00e4hrliche Zinszahlung von 10 Franken, entspricht dies einem Zinssatz von 10\u00a0Prozent. Steigt nun der Marktpreis der Staatsanleihe auf 200 Franken an (weil die Zentralbank solche Anlagen kauft und sie damit knapper macht), so entsprechen die 10 Franken nur noch einem Zinssatz von 5\u00a0Prozent.<\/p>\n<p>Da die langfristigen Zinsen sehr vielen Einflussfaktoren ausgesetzt sind, l\u00e4sst sich diese unkonventionelle Geldpolitik nicht direkt an der Zinsentwicklung ablesen. Ersichtlich ist der Effekt dieser Politik aber in den Bilanzen der Zentralbanken, denn die gekauften Papiere finden sich in ihren Bu\u0308chern wieder: Die Bilanz wird l\u00e4nger (siehe <em>Abbildung<\/em>). In den Jahren vor der Finanzkrise schwankten die Zentralbankbilanzen in der Regel kaum, aber ab 2008 \u00e4nderte sich das fundamental.<\/p>\n<p>Die US-Zentralbank (Fed) war Vorreiterin. Sie verdoppelte ihre Bilanz 2008 in ku\u0308rzester Zeit, und Ende 2016 war sie etwa f\u00fcnfmal so gross wie zu Beginn der Krise. Die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) agierte zun\u00e4chst weniger stark. Seit 2015 verfolgt sie aber explizit eine unkonventionelle Geldpolitik mit dem Ziel, die Liquidit\u00e4t deutlich zu erh\u00f6hen. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat ihre Bilanz \u00e4hnlich stark ausgeweitet wie das Fed. Der Grund ist allerdings nicht, dass die SNB eine Politik der quantitativen Lockerung verfolgen wollte. Vielmehr verl\u00e4ngerte sich ihre Bilanz, weil sie mit dem Kauf von Devisen auf die Gefahr einer u\u0308berm\u00e4ssigen Aufwertung des Schweizer Frankens reagieren musste. Auch lange nachdem die Finanzkrise \u00fcberwunden war, blieben die Zentralbanken bei der sehr grossz\u00fcgigen Liquidit\u00e4tsversorgung. Mit der Bek\u00e4mpfung der Corona-Krise weiteten vor allem das Fed und die EZB ihre Bilanzen noch einmal sehr stark aus; die Bilanz des Fed ist heute rund zw\u00f6lfmal so lang wie im Jahr 2000!<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Aufgebl\u00e4hte Zentralbankbilanzen (Index, 2000 = 100)<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/02\/Bildschirmfoto-2021-03-02-um-10.57.58.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-102197\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/02\/Bildschirmfoto-2021-03-02-um-10.57.58.png\" alt=\"\" width=\"1972\" height=\"1200\" \/><\/a><\/p>\n<p><span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: SNB, EZB, Fed \/ Die Volkswirtschaft<\/span><\/p>\n<h2>Aufgestaute Inflationsgefahr?<\/h2>\n<p>Wegen dieser ausserordentlich expansiven Geldpolitik befinden sich die von den Zentralbanken geschaffenen Zahlungsmittel historisch gesehen auf einem stratosph\u00e4rischen Niveau. Angesichts dieses starken Wachstums der Geldmenge bei gleichzeitig kaum wachsender Menge an G\u00fctern stellt sich die Frage, warum die Inflation nach wie vor so gering ist.<\/p>\n<p>Der Grund ist, dass bisher ein guter Teil der durch die Zentralbanken geschaffenen Liquidit\u00e4t als sogenannte \u00dcberschussreserve auf den Konten der Gesch\u00e4ftsbanken bei der Zentralbank bleibt und damit gar nicht erst \u00fcber die Kreditvergabe in der Wirtschaft ankommt. Dies hat einerseits sicher damit zu tun, dass die Gesch\u00e4ftsbanken nach der Erfahrung mit der Liquidit\u00e4tsknappheit in der Finanzkrise hier vorsichtiger sind. Andererseits fliesst ein guter Teil der Liquidit\u00e4t auch anstatt in die Kreditvergabe in Wertanlagen wie Aktien, Immobilien oder Obligationen. Die aktuell sehr hohen Bewertungen auf diesen M\u00e4rkten haben sicher damit zu tun, dass die Geldschwemme zu deutlichen Preissteigerungen gef\u00fchrt hat. Zwar gibt es deshalb keine traditionelle Inflation der G\u00fcterpreise, wohl aber eine Inflation der Preise von Wertanlagen.<\/p>\n<p>Da sich die Geldpolitik an der Stabilit\u00e4t der G\u00fcterpreise ausrichtet, besteht im Moment \u2013 eng betrachtet \u2013 kein unmittelbarer Handlungsbedarf. Allerdings sind auch \u00fcberh\u00f6hte Preise von Wertanlagen nicht unproblematisch f\u00fcr die Finanzstabilit\u00e4t, falls sie n\u00e4mlich einmal rasch fallen sollten. Und vor allem w\u00fcrde bei einer R\u00fcckkehr zur historischen Normalit\u00e4t, also einer vermehrten Kreditvergabe der Banken angesichts der hohen Liquidit\u00e4t, sehr rasch Inflationsgefahr entstehen. Eine Normalisierung der ausserordentlichen Geldpolitik ohne gr\u00f6ssere Turbulenzen wird deshalb zu den gr\u00f6ssten makro\u00f6konomischen Herausforderungen der nahen Zukunft geh\u00f6ren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung weitgehend unbemerkt hat die globale Geldpolitik seit der Finanzkrise im Jahr 2007 spektakul\u00e4re Ver\u00e4nderungen erlebt. Zun\u00e4chst mit konventionellen, dann aber vor allem mit unkonventionellen Instrumenten haben die Zentralbanken die Versorgung der M\u00e4rkte mit Geld massiv ausgedehnt. 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