{"id":99762,"date":"2021-03-25T07:16:28","date_gmt":"2021-03-25T07:16:28","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/03\/la-croix-suisse-est-trop-agressive-pour-nous\/"},"modified":"2023-08-23T22:50:58","modified_gmt":"2023-08-23T20:50:58","slug":"das-schweizer-kreuz-ist-uns-zu-aggressiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/03\/das-schweizer-kreuz-ist-uns-zu-aggressiv\/","title":{"rendered":"\u00abDas Schweizer Kreuz ist uns zu aggressiv\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Herr Hollenstein, wie ist Ihr KMU bisher durch die Corona-Krise gekommen? <\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nSehr gut \u2013 wir haben den Umsatz gesteigert und konnten eine zus\u00e4tzliche Person einstellen. Wir profitieren davon, dass lokale Produkte in der Krise beliebt sind und der Onlinehandel boomt. Allerdings ist die Herstellung der Produkte w\u00e4hrend der Corona-Krise schwieriger geworden.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Was war das Problem?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nUnsere Partner waren unter Druck, weil einige ihrer Kunden Auftr\u00e4ge stornierten und die Lieferketten unterbrochen waren. Wegen nicht gelieferter Reissverschl\u00fcsse aus Japan stand zum Beispiel vor\u00fcbergehend die Produktion eines Zulieferers still.&#013;<\/p>\n<h3><strong>W\u00e4hrend des ersten Lockdowns lancierte Rotauf eine Crowdfunding-Aktion, um der \u00abSchweizer Textilindustrie unter die Arme zu greifen\u00bb. Damit konnte man beispielsweise die Produktion von Rotauf-T-Shirts vorfinanzieren. Was war die Idee dahinter?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nManche unserer Zulieferer bef\u00fcrchteten, die Krise nicht zu \u00fcberleben. Mit dem Crowdfunding wollten wir Gegensteuer geben und m\u00f6glichst viele Auftr\u00e4ge hereinholen. Die Solidarit\u00e4tswelle hat uns dann aber schon \u00fcberrascht. Im Sommer nahmen wir mit dem Crowdfunding rund eine halbe Million Franken ein. So konnten wir auf Kurzarbeit verzichten \u2013 und waren so gut ausgelastet wie noch nie.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Was bedeutete das Crowdfunding f\u00fcr Ihre Zulieferer?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nEinzelne Kleinstbetriebe kommen dank unseren Auftr\u00e4gen gut \u00fcber die Runden und k\u00f6nnen ebenfalls auf Kurzarbeit verzichten. Beispielsweise arbeiten wir mit einer kleinen Trachtenn\u00e4herei zusammen: Statt Appenzeller Trachten zu schneidern, n\u00e4hen und verkleben sie nun Outdoorjacken f\u00fcr uns. Aber allgemein gilt: Die Krise ist noch nicht vorbei. Im Verlauf der Pandemie waren immer wieder ganze Belegschaften in Quarant\u00e4ne oder bezogen Kurzarbeit. Viele Schweizer Textilfirmen leiden weiterhin unter Umsatzeinbussen \u2013 und das in einer Industrie, die sich schon vor der Corona-Krise nur knapp \u00fcber Wasser halten konnte.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Die Schweiz ist als Produktionsstandort teuer. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nDamit wir gegen\u00fcber Mitbewerbern wie Mammut oder Arc\u2019teryx preislich mithalten k\u00f6nnen, verzichten wir komplett auf den Vertrieb \u00fcber Zwischenh\u00e4ndler. So sparen wir die Handelsmarge ein, welche im station\u00e4ren Handel bis zu 60 Prozent betragen kann. Unsere Kleider verkaufen wir ausschliesslich \u00fcber unseren Onlineshop. Auch unsere Budgets f\u00fcr Marketing und Administration halten wir auf dem absoluten Minimum. So k\u00f6nnen wir aus unserer Sicht trotz hoher Herstellungskosten faire Preise anbieten \u2013 aber g\u00fcnstig sind unsere Produkte nicht.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Welche Zukunft sehen Sie f\u00fcr die Schweizer Textilindustrie generell?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nDie Schweizer Textilindustrie hat eine Zukunft. Wer langfristig \u00fcberleben will, muss sich jedoch auf Nischen konzentrieren und innovativ bleiben. Wer dies tut, kann f\u00fcr Schweizer Qualit\u00e4t durchaus einen Aufpreis verlangen. Beispielsweise geniessen Schweizer Stoffhersteller im arabischen Raum ein hohes Ansehen, weshalb sie dort h\u00f6here Preise als die Konkurrenz verlangen k\u00f6nnen. Vielfach hapert es aber in der Kommunikation und der Vermarktung. Und in diese L\u00fccke stossen wir als Rotauf.&#013;<\/p>\n<blockquote><p>Wir erz\u00e4hlen die Geschichte der Herstellung<\/p><\/blockquote>\n<p>&#013;<\/p>\n<h3><strong>Wie machen Sie das?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nWir sind das kommunikative Bindeglied zwischen Konsumenten und Produzenten. Beispielsweise filmen wir die Hersteller und stellen die Videos auf unsere Website oder auf Instagram. Viele Produzenten kennen sich nicht mit den sozialen Medien aus.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Auf Instagram setzen Sie auf sch\u00f6ne Landschaftsbilder, auf denen man beispielsweise Eiskletterer in Rotauf-Kleidern sieht.<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nWir gehen beim Marketing zwei Wege: Einerseits pr\u00e4sentieren wir die Outdoorkleider in der Schweizer Bergwelt \u2013 das l\u00f6st Emotionen aus. Andererseits erz\u00e4hlen wir die Geschichte der Herstellung: Von welchen Schafen stammt die Merinowolle? Wer hat die Jacke hergestellt?&#013;<\/p>\n<h3><strong>Was ist Swissness f\u00fcr Sie?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nSwissness in der Textilbranche w\u00fcrde ich definieren als die lange Tradition und das Know-how. Viele unserer Partnerbetriebe sind \u00fcber 100-j\u00e4hrig. Zu Swissness z\u00e4hlt aber auch die Bergwelt.&#013;<\/p>\n<blockquote><p>Als Vision streben wir 100 Prozent Swissness an<\/p><\/blockquote>\n<p>&#013;<\/p>\n<h3><strong>Damit man ein Kleidungsst\u00fcck als \u00abSwiss made\u00bb bezeichnen kann, m\u00fcssen gem\u00e4ss der Swissness-Gesetzgebung mindestens 60 Prozent der Herstellungskosten im Inland anfallen. Wie hoch ist dieser Wert bei Rotauf?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nBei uns betr\u00e4gt der Swissness-Anteil durchschnittlich etwa 85 Prozent.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Streben Sie 100 Prozent an?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nAls Vision \u2013 praktisch ist das aber kaum m\u00f6glich. Es gibt in der Schweiz schlicht zu wenig Rohstoffe. Wir haben keine Baumwolle und keine synthetischen Fasern. Ein gewisses Potenzial besteht zwar bei der Merinowolle und beim Industriehanf. Bis daraus eine Industrie wird, ist es aber ein langer Weg \u2013 bei der Merinowolle haben wir letztes Jahr in einem Pilotprojekt gerade mal 50 Kilogramm von Schweizer Schafen bezogen, und auch der Anbau von Industriehanf steckt noch in den Anf\u00e4ngen.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Die Swissness-Gesetzgebung ist seit vier Jahren in Kraft. Kritiker bezeichnen die Vorgaben als b\u00fcrokratisch. Wie gross ist der Aufwand f\u00fcr Rotauf?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nDie Gesetzgebung beschert uns kaum Mehraufwand. Da Swissness zu unserem Kerngesch\u00e4ft geh\u00f6rt, erfassen wir standardm\u00e4ssig alle Komponenten in St\u00fccklisten und berechnen den Wert der einzelnen Vorprodukte. Ich kann mir aber vorstellen, dass das f\u00fcr manche Firmen ein b\u00fcrokratischer Aufwand ist.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Hat die Gesetzgebung den Gesch\u00e4ftsgang positiv beeinflusst?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nNein. Die Nachfrage hat meines Wissens nicht angezogen, ich war damals aber noch nicht bei Rotauf. Was wir jedoch bemerken, ist, dass viele Kunden wissen wollen, ob und wie wir mehr als 60 Prozent der Wertsch\u00f6pfung in der Schweiz erzielen. Diese Schwelle ist aus ihrer Sicht etwas tief angesetzt.&#013;<\/p>\n<blockquote><p>Auch in Vietnam und China gibt es Top-Firmen<\/p><\/blockquote>\n<p>&#013;<\/p>\n<h3><strong>Die Swissness-Gesetzgebung will den Missbrauch der Marke Schweiz verhindern. Was halten Sie davon?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nIch finde das gut. Es gibt aber nach wie vor eine gesetzliche Grauzone. Manche Unternehmen schreiben statt \u00abSwiss made\u00bb nun einfach \u00abSwiss engineered\u00bb oder \u00abdesigned in Switzerland\u00bb darauf. Dabei w\u00e4re es gar nicht so schwierig, die 60-Prozent-Schwelle zu erreichen \u2013 mit einem Verarbeitungsschritt in der Schweiz hat man diese oft schon \u00fcberwunden.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Ist die Qualit\u00e4t in der Schweiz grunds\u00e4tzlich besser als im Ausland?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nDas Qualit\u00e4tslevel ist insgesamt hoch. Aber auch in Vietnam und China gibt es Top-Firmen, die sich qualitativ nicht verstecken m\u00fcssen.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Warum setzen Sie nicht auf diese g\u00fcnstigeren Zulieferer?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nNebst der Qualit\u00e4t sind f\u00fcr uns faire Arbeitsbedingungen und Umweltvertr\u00e4glichkeit wichtig. Wir wollen sicherstellen, dass bei der Produktion keine giftigen Chemikalien eingesetzt werden und dass die N\u00e4herinnen einen anst\u00e4ndigen Lohn erhalten. Die externen Kosten der globalen Textilindustrie werden leider \u2013 statt auf die Konsumenten \u2013 meist auf die lokale Bev\u00f6lkerung und die Natur \u00fcberw\u00e4lzt. Das ist nicht nachhaltig. Wir wollen aufzeigen, dass es auch anders geht.&#013;<\/p>\n<h3><strong>In Ihrem fr\u00fcheren Job waren Sie Nachhaltigkeitsverantwortlicher bei Mammut \u2013 was waren dort Ihre Erfahrungen?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nEs gibt durchaus auch Erfolge bei der Nachhaltigkeit in globalen Lieferketten. Aber letztlich ist es ein Kampf gegen Windm\u00fchlen: Aus der Schweiz heraus die Produktion in Vietnam zu kontrollieren und die Produkte zur\u00fcckzuverfolgen, ist extrem schwierig. Zudem sind die Wege in der Schweiz viel k\u00fcrzer: In einer Stunde sind wir bei all unseren Zulieferern, die wir pers\u00f6nlich kennen und deren Sprache wir verstehen.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Outdoorkleider sind oft chemiehaltige Hightechprodukte, was eine potenzielle Gefahr f\u00fcr die Umwelt darstellt. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nDa besteht in der Tat ein Zielkonflikt. Es w\u00e4re einfacher, bei wasserabweisenden Jacken das sch\u00e4dliche PFC einzusetzen. Da wir aber darauf verzichten wollen, ist die Produktion anspruchsvoller: Farbe, Stoff und Ausr\u00fcstung m\u00fcssen besser aufeinander abgestimmt werden, und das Regenwasser perlt etwas weniger gut ab. Oder bei der Merinowolle plastifizieren wir die einzelnen Fasern nicht \u2013 was ein gefundenes Fressen f\u00fcr Motten im Kleidungsschrank ist und mehr Pflege bedarf. Daf\u00fcr kommen die antibakteriellen Eigenschaften der Wolle besser zur Geltung: Man riecht weniger nach Schweiss.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Eine M\u00fctze aus Schweizer Merinowolle kostet bei Ihnen 169 Franken. Sie ist damit fast doppelt so teuer wie eine Rotauf-M\u00fctze aus Bio-Merinowolle aus S\u00fcdamerika. Wer bezahlt diesen Aufpreis?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nDas sind Fans, denen die Geschichte der Schweizer Merinoschafe gef\u00e4llt und die grossen Wert auf lokale Produktion von Bekleidung legen. Es ist klar: Die breite Masse sprechen wir damit nicht an.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Wer ist denn der typische Rotauf-Kunde? <\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nDie Spannbreite ist gross. Unsere Kunden sind zwischen 25- und 80-j\u00e4hrig und kaufkr\u00e4ftig. Derzeit gibt es noch leicht mehr M\u00e4nner in der Kundschaft. Die Hauptgr\u00fcnde, warum jemand bei uns kauft, sind die lokale Produktion in der Schweiz und die Nachhaltigkeit.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Verkaufen Sie auch ins Ausland?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nPraktisch nicht. 95 Prozent unserer Kundschaft wohnen im Inland.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Planen Sie eine Expansion ins Ausland?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nWir sehen momentan im Inland noch gen\u00fcgend Potenzial. Eine Expansion ins Ausland ist momentan nicht geplant.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Es f\u00e4llt auf, dass bei Ihrer Marke das Schweizer Kreuz fehlt. Warum?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nWir verzichten bewusst darauf. Das Schweizer Kreuz ist uns zu aggressiv: Wir Schweizer sind zwar patriotisch, h\u00e4ngen das aber nicht gerne an die grosse Glocke. Ganz im Gegensatz zu skandinavischen L\u00e4ndern, wo oft eine kleine Landesflagge im Logo eingen\u00e4ht ist.&#013;<\/p>\n<h3><strong>Ihr Verzicht auf das Schweizer Kreuz ist also ein Understatement?<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\nJa. Alle Eingeweihten wissen, dass Rotauf aus der Schweiz stammt. Wir \u00fcberlegen uns derzeit aber, wie wir Swissness besser sichtbar machen k\u00f6nnten. Das Schweizer Kreuz kommt daf\u00fcr aber nicht infrage.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Hollenstein, wie ist Ihr KMU bisher durch die Corona-Krise gekommen? &#013; Sehr gut \u2013 wir haben den Umsatz gesteigert und konnten eine zus\u00e4tzliche Person einstellen. Wir profitieren davon, dass lokale Produkte in der Krise beliebt sind und der Onlinehandel boomt. 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