{"id":99781,"date":"2021-03-24T16:19:15","date_gmt":"2021-03-24T16:19:15","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/03\/dabord-invente-en-suisse-avant-detre-fabrique-en-suisse\/"},"modified":"2023-08-23T22:50:39","modified_gmt":"2023-08-23T20:50:39","slug":"hinter-jedem-swiss-made-steckt-eine-idee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/03\/hinter-jedem-swiss-made-steckt-eine-idee\/","title":{"rendered":"Hinter jedem \u00abSwiss made\u00bb steckt eine Idee"},"content":{"rendered":"<p>Seit vier Jahren regelt die Swissness-Gesetzgebung f\u00fcr Waren und Dienstleistungen die Verwendung von Herkunftsbezeichnungen wie Swiss made. Dieses Qualit\u00e4tslabel w\u00e4re allerdings ohne andere, relativ unbekannte Labels undenkbar: Invented in Switzerland oder Designed in Switzerland. Die Produktionskapazit\u00e4t der Schweiz h\u00e4ngt n\u00e4mlich untrennbar mit ihrer Innovationskraft zusammen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\n\u00d6konomisch lohnt es sich, in L\u00e4ndern mit hohem Einkommen wie der Schweiz wertsch\u00f6pfungsintensive Waren herzustellen. F\u00fcr die meist komplexen Produktionsprozesse braucht es allerdings qualifizierte \u2013 und somit teure \u2013 Arbeitskr\u00e4fte. Mit zunehmender Standardisierung sinken die Herstellungskosten \u2013 wobei das wiederum Konkurrenten auf den Plan ruft, was den Kostendruck erh\u00f6ht. Konsequenz: Die Produktion wird ins Ausland verlagert. \u00abDesigned by Apple in California. Assembled in China\u00bb steht beispielhaft f\u00fcr viele in Industriel\u00e4ndern entwickelte Technologieerzeugnisse.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie Unterscheidung zwischen \u00abInvented in\u00bb und \u00abMade in\u00bb gr\u00fcndet in der Abgrenzung von Erfindung und Innovation. Unter Erfindung versteht man eine patentierbare<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Idee. Demgegen\u00fcber ist die Innovation das Auf-den-Markt-Bringen einer Erfindung, das heisst das marktreife Endprodukt, das man als Konsumentin kauft. Laut der Swissness-Gesetzgebung m\u00fcssen mindestens 60\u00a0Prozent der Herstellungskosten \u2013 inklusive der Kosten f\u00fcr Forschung und Entwicklung \u2013 in der Schweiz anfallen. Dadurch stellt der Gesetzgeber sicher, dass in der Schweiz erfundene und produzierte G\u00fcter als solche erkannt werden. Dies schafft einen zus\u00e4tzlichen, marketingrelevanten Anreiz, lokal zu produzieren.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Gute Aussichten<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nDie Erfindung immer neuer Produkte ist eine wichtige Voraussetzung, um die verarbeitende Industrie und die dort Besch\u00e4ftigten in der Schweiz zu halten. Die Bedeutung eines leistungsstarken Innovationssystems zeigt sich aber nicht nur im Industriesektor, sondern auch im weitaus besch\u00e4ftigungsintensiveren Dienstleistungssektor. So produzieren Schweizer Dienstleistungsunternehmen immaterielle G\u00fcter wie Finanz- und Technologiedienstleistungen, die personalintensiv sind und nach Kreativit\u00e4t verlangen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nIn der innovationsstarken Schweiz sind die Zukunftsperspektiven f\u00fcr einheimische Produkte und Dienstleistungen grunds\u00e4tzlich gut. Eine Schl\u00fcsselrolle spielen dabei neue Technologien, die sich in Anlehnung an die Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in vier Teilbereiche unterteilen lassen: Es sind dies \u00abdigitale Technologien\u00bb wie beispielsweise k\u00fcnstliche Intelligenz oder Quantencomputer, \u00abLifesciences\u00bb wie synthetische Biologie oder Biosensoren, \u00abneue Materialien\u00bb wie Nanomaterialien oder additive Fertigung sowie \u00abTechnologien an der Schnittstelle zwischen Energie und Umwelt\u00bb wie autonome Fahrzeuge oder die Pr\u00e4zisionslandwirtschaft. F\u00fchrend ist die Schweiz insbesondere bei den Lifesciences und bei den digitalen Technologien: Hier gibt es im OECD-Vergleich pro Kopf \u00fcberdurchschnittlich viele Patentanmeldungen, wie ein Bericht im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) zeigt (siehe <em>Abbildung<\/em>).&#013;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Neue Technologien: Weltklassepatente pro Million Einwohner (2018)<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"Rassenfosse_2021-4_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n$(function () {\n    $('#Rassenfosse_2021-4_DE').highcharts({     \n\n chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    \n    xAxis: {\n        categories: [\n            'Neue Materialien',\n            'Digitale Technologien',\n            'Technologien an der Schnittstelle zwischen Energie und Umwelt',\n            'Lifesciences'\n        \n        ],\n        crosshair: true\n    },\n    yAxis: {\n    labels: {\n                format: '{value}'\n            },\n        min: 0,\n        title: {\n            text: ''\n        },\n         \n    },\n    \n    plotOptions: {\n        column: {\n            pointPadding: 0.2,\n            borderWidth: 0\n        }\n    },\n    tooltip: {\n     \n     valueSuffix: ''\n   \n   \n        },\n    series: [{\n        name: 'Schweiz',\n        color: '#ee7452',\n        data: [84\t,\n159\t,\n62\t,\n352\t\n],\n        \n\n    }, {\n        name: 'OECD-Durchschnitt',\n        data: [23\t,\n82\t,\n30\t,\n53\t\n]\n\n    }, ]\n});\n});\n\n<\/script>\n&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Als \u00abWeltklassepatente\u00bb werden Patente bezeichnet, die innerhalb einer Technologie zu den \u00abbesten\u00bb zehn Prozent z\u00e4hlen (\u00abCompetitive Impact\u00bb). Sie werden bei Patentanmeldungen besonders h\u00e4ufig zitiert und sind in vielen M\u00e4rkten g\u00fcltig.<\/span>&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: IGE; Patent Sight; Bechtold und de Rassenfosse (2019) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#013;<\/p>\n<h2><strong>In Innovation investieren<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nHeute Technologien oder Anwendungen zu bestimmen, die das internationale Ansehen der Schweiz auch k\u00fcnftig weiter st\u00e4rken, ist schwierig. Zum einen sind sie viel zu zahlreich f\u00fcr eine abschliessende Auflistung, zum anderen ist ein technologischer Durchbruch noch kein Erfolgsgarant. Denn daneben entscheiden auch die Reichweite auf dem Markt, die F\u00e4higkeit, Kapital anzuziehen, und qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte \u00fcber den Durchbruch auf dem Markt. Um einen Eindruck von der erfinderischen Vielfalt des Landes zu vermitteln, werden im Folgenden subjektiv ausgew\u00e4hlte Beispiele besonders zukunftstr\u00e4chtiger Innovationen vorgestellt.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nIn Anspielung auf das kalifornische Silicon Valley in der Computertechnologie spricht man bei den Lifesciences oft vom Westschweizer \u00abHealth Valley\u00bb. Dieses reicht vom Genfer Biotech-Campus bis nach Bern und umfasst knapp 1000 Unternehmen, die unter anderem in der Medizinaltechnik \u2013 inklusive robotergest\u00fctzter Gehhilfen \u2013 und der Biotechnologie t\u00e4tig sind. Mit dem Start-up Mindmaze hat das \u00abHealth Valley\u00bb das erste Schweizer \u00abEinhorn\u00bb \u2013 mit einer B\u00f6rsenkapitalisierung von \u00fcber einer Milliarde Franken \u2013 hervorgebracht. Das 2012 gegr\u00fcndete Spin-off der ETH Lausanne hat die neurologische Rehabilitation mit dem Einsatz von virtueller Realit\u00e4t revolutioniert.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nBei den Technologien, die sich an der Schnittstelle zwischen Energie und Umwelt befinden, sind die Projekte Swissloop und EPFLoop vielversprechend. Sie sorgten unter anderem am sogenannten Hyperloop-Wettbewerb f\u00fcr Aufsehen, mit welchem der US-Milliard\u00e4r Elon Musk die Fertigung eines Schnellzugs in einer Vakuumr\u00f6hre vorantreiben will. Auch im Bereich der Mobilit\u00e4t kann die Schweiz Erfolge verbuchen, zum Beispiel bei autonomen Fahrzeugen wie den in Sitten getesteten Smart-Shuttles (mit Beteiligung des Energypolis-Campus) sowie in der Luftfahrt bei der Herstellung von Drohnen und beim Solarflugzeug Solar Impulse.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nIn der digitalen Wirtschaft steht das Forschungszentrum von Google in Z\u00fcrich exemplarisch f\u00fcr die Verf\u00fcgbarkeit von hoch qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften in der Limmatstadt. Ebenfalls eine grosse Dynamik herrscht im Zuger \u00abCrypto Valley\u00bb, wo Informatikerinnen und Informatiker Technologien wie Blockchain entwicklen. So ist es kein Zufall, dass Firmen wie Facebook bei ihren virtuellen W\u00e4hrungen auf den Standort Schweiz setzen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nNicht vergessen darf man aber auch traditionell innovationsstarke Wirtschaftszweige wie die Uhrenbranche. Sie sind und bleiben das Aush\u00e4ngeschild der Schweiz. Wie stark der Konkurrenzdruck in der Uhrenbranche ist, zeigt sich etwa bei den Smart Watches im Tiefpreissegment. Eine etablierte Position ist somit rasch bedroht. Allgemein gilt: Damit die Produktion in der Schweiz bleibt, ist hiesige Innovation unabdingbar.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Vgl. <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.chschwerpunkte\/patente-monopole-auf-zeit\/\">Patente: Monopole auf Zeit<\/a>, Die Volkswirtschaft, 12\/22.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit vier Jahren regelt die Swissness-Gesetzgebung f\u00fcr Waren und Dienstleistungen die Verwendung von Herkunftsbezeichnungen wie Swiss made. Dieses Qualit\u00e4tslabel w\u00e4re allerdings ohne andere, relativ unbekannte Labels undenkbar: Invented in Switzerland oder Designed in Switzerland. 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Seinen Erfolg verdankt das Qualit\u00e4tssiegel gr\u00f6sstenteils dem deutlich weniger bekannten Label Invented in Switzerland, denn Innovationsverm\u00f6gen und Produktionskapazit\u00e4t sind in der Schweiz untrennbar miteinander verbunden. In einem Land, in dem aufgrund der hohen Arbeitskosten nur Waren mit grosser Wertsch\u00f6pfung produziert werden k\u00f6nnen, braucht es Erfindungen, um das verarbeitende Gewerbe und die damit verbundenen Stellen zu erhalten. Auch f\u00fcr den personalintensiven Dienstleistungssektor ist die Innovationsst\u00e4rke zentral. Vielversprechend sind insbesondere die Bereiche digitale Technologien, Lifesciences, neue Materialien sowie Technologien an der Schnittstelle zwischen Energie und Umwelt. Technologien zu definieren, die weltweit zu Aush\u00e4ngeschildern f\u00fcr Schweizer Fachwissen werden k\u00f6nnten, ist jedoch schwierig. 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