{"id":128519,"date":"2022-02-01T15:49:18","date_gmt":"2022-02-01T14:49:18","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2022\/02\/kann-innovation-den-klimawandel-stoppen\/"},"modified":"2023-08-23T23:50:20","modified_gmt":"2023-08-23T21:50:20","slug":"kann-innovation-den-klimawandel-stoppen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/fr\/2022\/02\/kann-innovation-den-klimawandel-stoppen\/","title":{"rendered":"Kann Innovation den Klimawandel stoppen?"},"content":{"rendered":"<p>Treibhausgasemissionen, insbesondere CO<sub>2<\/sub>-Emissionen, sind f\u00fcr die globale Erw\u00e4rmung verantwortlich.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Wollen wir die Erderw\u00e4rmung reduzieren, m\u00fcssen wir unseren CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss stark beschr\u00e4nken. Wie soll das geschehen? F\u00fchrende \u00d6konomen argumentieren, dass die Politik hierbei eine tragende Rolle spielen kann. Doch welche wirtschaftspolitischen Massnahmen besonders effektiv sind, ist deutlich weniger trivial.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNach Ansicht f\u00fchrender \u00d6konomen sollte die Politik mehr auf Innovation setzen. Ihnen zufolge k\u00f6nnen neue Technologien die Emissionen stark reduzieren, ohne den Wohlstand zu sehr einzuschr\u00e4nken. Ein gutes Beispiel ist der Verkehrssektor. Zwar betr\u00e4gt sein Anteil an den globalen CO<sub>2<\/sub>-Emissionen heute rund 24 Prozent, doch durch Effizienzsteigerungen ist es gelungen, seine Emissionen zu bremsen: Stiegen die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen des Sektors seit 2000 j\u00e4hrlich um 1,9 Prozent, so betrug die Zunahme 2019 nur noch 0,5 Prozent.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2>Wann reduzieren Firmen schmutzige Innovationen?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nKann die Politik diese Entwicklung noch beschleunigen? Mit dieser Frage besch\u00e4ftigen sich die \u00d6konomen Philippe Aghion, David H\u00e9mous, Ralf Martin und John Van Reenen von der Harvard-Universit\u00e4t, der London School of Economics (LSE) und dem franz\u00f6sischen Institut Europ\u00e9en d\u2019Administration des Affaires (INSEAD). In ihrer Studie untersuchen sie, welche Faktoren ein Unternehmen dazu bringen, die Weiterentwicklung \u00abschmutziger\u00bb Technologien zu reduzieren und stattdessen in \u00abgr\u00fcne\u00bb Innovationen zu investieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHierzu nutzen die Forscher Patentdaten der Automobilindustrie und werten die hochwertigen \u00abtriadischen\u00bb<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Patente aus. Triadische Patente sind Schutztitel, die gleichzeitig bei den drei gr\u00f6ssten Patentbeh\u00f6rden angemeldet werden und in der EU, den USA und in Japan gesch\u00fctzt sind. Die Forscher k\u00f6nnen jedem Patent den Besitzer und die Region der Patententwicklung zuordnen. Zudem unterscheiden sie zwischen \u00abschmutzigen\u00bb und \u00abgr\u00fcnen\u00bb Innovationen. \u00abSchmutzige\u00bb Innovationen sind Patente f\u00fcr Verbrennungsmotoren. \u00abGr\u00fcne\u00bb Innovationen betreffen Elektro-, Hybrid- oder Wasserstoffmotoren. Insgesamt deckt der Datensatz 6419 gr\u00fcne Patente, 18\u2019652 schmutzige Patente und 3432 Patentbesitzer \u00fcber den Zeitraum von 1978 bis 2005 ab.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Anzahl der angemeldeten Patente steigt seit den Achtzigerjahren markant an (siehe <em>Abbildung<\/em>). Insbesondere der Anteil gr\u00fcner Patente nimmt \u00fcberdurchschnittlich stark zu. In den Achtzigerjahren entsprach der Anteil gr\u00fcner Patente, die j\u00e4hrlich eingereicht wurden, nur 10 Prozent der schmutzigen Patente. Im Jahr 2005 dagegen waren es schon 60 Prozent. Woran liegt das?&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Anzahl der weltweit j\u00e4hrlich angemeldeten Patente nach Art (1978\u20132005)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/01\/NG_D-STROMEYER-Abbildung.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-109369\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2022\/01\/NG_D-STROMEYER-Abbildung.jpg\" alt=\"\" width=\"782\" height=\"560\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Aghion et al. (2016), Abb. 4<\/span>&#13;<\/p>\n<h2>Hohe Kraftstoffpreise leiten gr\u00fcnen Wandel ein<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin Grund f\u00fcr den steigenden Anteil gr\u00fcner Patente sind die Kraftstoffpreise, die seit den Neunzigerjahren stark gestiegen sind. Mit steigenden Preisen werden kraftstoffsparende und damit emissionsarme L\u00f6sungen immer dringlicher. Gr\u00fcne Innovationen werden profitabler. Die Autoren sch\u00e4tzen anhand ihrer Daten, dass 10 Prozent h\u00f6here Kraftstoffpreise zu 10 Prozent mehr gr\u00fcnen Patenten in der Automobilindustrie f\u00fchren. Gleichzeitig sinken die schmutzigen Patente um 6 Prozent. Eine Erh\u00f6hung der Kraftstoffpreise lenkt also den technologischen Wandel weg von schmutzigen und hin zu gr\u00fcnen Innovationen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDoch reichen h\u00f6here Kraftstoffpreise aus, um die Richtung des technologischen Wandels zu \u00e4ndern? Nicht wirklich. Denn die Unternehmen haben in der Vergangenheit viel spezifisches Know-how aufgebaut, das sie weiterverwerten wollen. Daher ist es schwierig, die Richtung der Innovation zu \u00e4ndern. Die Wissenschaftler zeigen: Unternehmen, die in der Vergangenheit haupts\u00e4chlich schmutzige Patente angemeldet haben, bringen mit einer viermal h\u00f6heren Wahrscheinlichkeit auch k\u00fcnftig schmutzige Patente auf den Markt, anstatt in gr\u00fcne L\u00f6sungen zu investieren. Das Gleiche gilt auch f\u00fcr gr\u00fcne Innovation. Hat ein Unternehmen in der Vergangenheit schon viele gr\u00fcne Patente entwickelt, dann wird es diesen Innovationspfad sehr wahrscheinlich auch in Zukunft fortsetzen.&#13;<\/p>\n<h2>Forschungsplatz beeinflusst Entscheidung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNicht nur die eigene Vergangenheit eines Unternehmens beeinflusst seine Innovationsentscheidungen. Die Autoren zeigen auch, dass es innerhalb einer Region zu Wissens\u00fcbertragungen zwischen Unternehmen kommt. Um solche Wissens\u00fcbertragungen nachzuweisen, bestimmen die Forscher f\u00fcr jedes Land, jedes Unternehmen und jedes Jahr ein gr\u00fcnes \u00abWissenskapital\u00bb als Mass f\u00fcr das angesammelte Know-how. Das gr\u00fcne Wissenskapital einer Firma setzt sich aus der Anzahl gr\u00fcner Patente zusammen, welche die Firma angemeldet hat.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00c4ltere Patente werden dabei weniger stark gewichtet als neue Patente. Das Wissenskapital jedes Unternehmens wird dann den L\u00e4ndern zugeordnet, in denen die Entwickler des Patents angestellt sind. Damit k\u00f6nnen die Autoren zeigen, wie die Erfinder von ihren Kollegen in der eigenen Region beeinflusst werden. Arbeitet ein Erfinder beispielsweise in einem Land, in dem viele gr\u00fcne Patente entwickelt wurden, wird dieser Erfinder ebenfalls eher an gr\u00fcnen Innovationen forschen. Oder konkret ausgedr\u00fcckt: Arbeitet ein Erfinder in einem Land mit einem 10 Prozent h\u00f6heren gr\u00fcnen Wissenskapital, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass seine Firma ein gr\u00fcnes Patent auf den Markt bringt, um 2,7 Prozent h\u00f6her.&#13;<\/p>\n<h2>Wann ist der Wendepunkt erreicht?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Volkswirtschaften weisen also eine gewisse \u00abPfadabh\u00e4ngigkeit\u00bb auf. Hat ein Land oder ein Unternehmen in der Vergangenheit viel schmutzige Innovation betrieben, ist es angesichts der gesammelten Erfahrungen wahrscheinlich, dass die Forschung auch k\u00fcnftig auf schmutzige Technologien setzt. Das macht es schwer, die technologische Entwicklung in eine gr\u00fcne Richtung zu steuern. Solange das schmutzige Wissenskapital gr\u00f6sser ist als das gr\u00fcne, fliessen wahrscheinlich auch in Zukunft mehr Ressourcen in die Entwicklung von schmutzigen Innovationen. \u00dcberholt aber in einem Land das gr\u00fcne Wissenskapital das schmutzige, wendet sich das Blatt. Dann bekommt die Pfadabh\u00e4ngigkeit pl\u00f6tzlich eine positiv verst\u00e4rkende, klimasch\u00fctzende Wirkung. Dann fliessen in Zukunft immer mehr Ressourcen in gr\u00fcne Innovationen, was die Entwicklung von umweltfreundlichen Technologien beschleunigt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiese Erkenntnis wirft f\u00fcr das Forscherteam um Aghion die Frage auf: Wie kann die Politik bewirken, dass der Bestand an gr\u00fcnem Know-how das schmutzige Wissenskapital \u00fcberholt? Die Forscher haben bereits gezeigt, dass h\u00f6here Kraftstoffpreise mehr gr\u00fcne Innovationen in der Automobilbranche hervorrufen. Wie sehr m\u00fcsste man also die Kraftstoffpreise erh\u00f6hen, damit das gr\u00fcne Wissenskapital das schmutzige einholt?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAnhand einer Simulation zeigen die Forscher: Bel\u00e4sst man die Kraftstoffpreise konstant auf dem Niveau von 2005, dann werden gr\u00fcne Innovationen mehrere Jahrzehnte brauchen, um das Niveau der schmutzigen Innovationen zu erreichen. Um die Entwicklung gr\u00fcner Technologien stark zu beschleunigen und den Bestand an schmutzigem Know-how schon im Jahr 2020 zu \u00fcberholen, h\u00e4tten die Kraftstoffpreise 2005 um 40 Prozent h\u00f6her liegen m\u00fcssen. H\u00e4tte die Politik die Preise 2005 um 20 Prozent verteuert, w\u00fcrde das gr\u00fcne Wissenskapital das schmutzige im Jahr 2028 \u00fcberholen.&#13;<\/p>\n<h2>Baldige Anschubhilfe empfohlen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAm Beispiel der Automobilindustrie konnten die Forscher zeigen, dass die technologische Entwicklung eine hohe Pfadabh\u00e4ngigkeit aufweist. Derzeit \u00fcberwiegen noch der Bestand des Wissens und die Innovation in schmutzige Technologien. Dadurch besteht die Gefahr, dass sich die technologische Entwicklung wegen ihrer Pfadabh\u00e4ngigkeit festf\u00e4hrt. Will heissen: Die Innovation fokussiert weiterhin auf schmutzige Technologien, da es dort viel spezifisches Know-how gibt, statt in gr\u00fcne Innovation zu investieren. Folglich wird das gr\u00fcne Know-how beschr\u00e4nkt bleiben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss bleibt indessen hoch. Auch mit niedrigen CO<sub>2<\/sub>-Steuern wird das noch lange so bleiben. Um die Pfadabh\u00e4ngigkeit zu \u00fcberwinden und die Richtung der Innovation zu \u00e4ndern, brauchte es effektive und drastische Massnahmen, wie etwa starke Subventionen f\u00fcr die Forschung und Entwicklung gr\u00fcner Technologien und hohe CO<sub>2<\/sub>-Steuern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nErst wenn es gelingt, die Bildung von gr\u00fcnem Know-how zu beschleunigen und das schmutzige Wissenskapital zu \u00fcberholen, wird die Erforschung und Entwicklung gr\u00fcner Technologien zu einem sich selbst verst\u00e4rkenden Prozess. Dann k\u00f6nnen auch die politischen Massnahmen wieder reduziert werden. Die Forscher argumentieren, dass die Politik m\u00f6glichst bald zu einschneidenden Massnahmen greifen sollte, um die Entwicklung gr\u00fcner Technologien zu beschleunigen und die Innovation in eine neue, umweltschonendere Richtung zu lenken.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Aghion et al. (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe IEA (2021). <a href=\"https:\/\/www.iea.org\/topics\/transport\">Transport. Improving the Sustainability of Passenger and Freight Transport<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Zu den triadischen Patentenfamilien z\u00e4hlen Patente, die beim Europ\u00e4ischen Patentamt (EPA) und beim japanischen Patentamt (JPO) angemeldet sowie vom US Patent & Trademark Office (USPTO) angemeldet oder erteilt worden sind.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Treibhausgasemissionen, insbesondere CO2-Emissionen, sind f\u00fcr die globale Erw\u00e4rmung verantwortlich. Wollen wir die Erderw\u00e4rmung reduzieren, m\u00fcssen wir unseren CO2-Ausstoss stark beschr\u00e4nken. Wie soll das geschehen? 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