{"id":128793,"date":"2021-12-17T15:09:29","date_gmt":"2021-12-17T14:09:29","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/12\/ist-handel-ansteckend\/"},"modified":"2023-08-23T23:50:43","modified_gmt":"2023-08-23T21:50:43","slug":"ist-handel-ansteckend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/fr\/2021\/12\/ist-handel-ansteckend\/","title":{"rendered":"Ist Handel ansteckend?"},"content":{"rendered":"<p>Die Finanzkrise von 2007 bis 2009 begann mit der Krise am US-Immobilienmarkt und erfasste danach die gesamte Weltwirtschaft.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Nicht nur zwischen den Staaten, sondern auch innerhalb grosser L\u00e4nder gibt es erhebliche Unterschiede, wie rasch und wie stark sich eine Krise ausbreitet. So griff in der Finanzkrise die Arbeitslosigkeit in den USA schliesslich auf das ganze Land \u00fcber, nachdem zuerst nur vormalige Boom-Regionen abst\u00fcrzten, in denen Immobilienpreise und Konsum besonders stark gewachsen waren. Welche Mechanismen f\u00f6rdern die Ausbreitung solcher Schocks auf eine ganze Volkswirtschaft? Und welche Rolle spielt dabei der Handel?<\/p>\n<h2>Nach dem Aufschwung kam der Fall<\/h2>\n<p>Sebastian Stumpner, \u00d6konom bei der franz\u00f6sischen Zentralbank, untersuchte am Beispiel der Finanzkrise in den USA, wie die Handelsverflechtungen zwischen den einzelnen US-Bundesstaaten zur Ausbreitung der Krise beigetragen haben. Zu Beginn der Krise stieg die Arbeitslosigkeit vor allem dort, wo die Immobilienblase fr\u00fch platzte, die Haushalte hoch verschuldet waren und daher den Konsum besonders stark einschr\u00e4nken mussten. Danach nahm die Arbeitslosigkeit aber im ganzen Land zu.<\/p>\n<p>Um die Bedeutung des Handels f\u00fcr die Ausbreitung der Rezession nachzuweisen, nutzte der \u00d6konom Unterschiede in den Handelsverflechtungen. Manche Branchen in einem Bundesstaat exportierten stark in Regionen, die von der Immobilienkrise besonders heftig betroffen waren. Andere Branchen exportierten dagegen in weniger betroffene Absatzm\u00e4rkte mit noch guter Konjunktur.<\/p>\n<p>Der Vergleich dieser Branchen erlaubt es, die Rolle des Handels von Ausbreitungskan\u00e4len wie etwa einer Kreditklemme \u2013 das heisst einem R\u00fcckgang der Kreditvergabe \u2013 zu trennen. Der Forscher verwendet dazu Daten aus offiziellen Statistiken zu Handelsstr\u00f6men zwischen den US-Bundesstaaten. Diese umfassen den direkten Handel mit Endprodukten wie auch die Lieferungen von Zwischenprodukten.<\/p>\n<p>F\u00fcr jede Branche in jedem US-Bundesstaat berechnet Stumpner ein Mass f\u00fcr den Einbruch der Handelsnachfrage. Dieses Mass ergibt sich aus einem gewichteten Durchschnitt der privaten Haushaltsverschuldung innerhalb der US-Bundesstaaten vor der Krise. Denn in Regionen, wo die H\u00e4userpreise w\u00e4hrend der Immobilienblase stark anstiegen, konnten Hausbesitzer neue Schulden aufnehmen und damit ein besonders starkes Konsumwachstum finanzieren. Diese neuen Schulden waren mit dem h\u00f6heren Wert ihrer H\u00e4user besichert. Regionen, die vor der Krise 2007 von einem Nachfrageboom durch hochverschuldete Konsumenten profitierten, erlitten mit dem Absturz der Immobilienpreise einen besonders starken Nachfrageeinbruch. Branchen, die mit solchen Regionen umfangreichen Handel trieben, mussten daher einen wesentlich st\u00e4rkeren R\u00fcckgang ihrer Nachfrage hinnehmen.<\/p>\n<h2>Handel \u00fcbertr\u00e4gt Konjunkturschwankungen<\/h2>\n<p>Das Hauptergebnis der Studie ist, dass der Handel ein wichtiger Treiber der Ausbreitung ist. Exportiert eine Branche besonders stark in Bundesstaaten, deren Nachfrage aufgrund der Immobilienkrise einbricht, so nimmt das Besch\u00e4ftigungswachstum in dieser Branche signifikant st\u00e4rker ab als in Branchen, deren Handelspartner von der Krise weitgehend verschont blieben.<\/p>\n<p>Die empirischen Sch\u00e4tzungen zeigen: Das Besch\u00e4ftigungswachstum in einer Branche f\u00e4llt um durchschnittlich 2,9 Prozentpunkte, wenn diese von einem \u00fcberdurchschnittlich hohen R\u00fcckgang der Nachfrage nach Exportg\u00fctern (um eine Standardabweichung) betroffen ist. Da die Besch\u00e4ftigung von 2007 bis 2009 um durchschnittlich 8 Prozent sank, ist dieser R\u00fcckgang \u00f6konomisch bedeutsam. Insgesamt lassen sich rund 18 Prozent aller Unterschiede im Besch\u00e4ftigungswachstum der betrachteten Branchen und Bundesstaaten auf Unterschiede in den Handelsverflechtungen zur\u00fcckf\u00fchren.<\/p>\n<p>Gilt dieser Zusammenhang nur in Krisen oder \u00fcber den gesamten Konjunkturzyklus? Von 2004 bis Ende 2007 profitierten die Branchen, die \u00fcberdurchschnittlich stark in Bundesstaaten lieferten, deren Nachfrage wegen des Immobilienbooms wuchs. Diese Branchen konnten dank des positiven Handelsschocks ihr Exporte besonders stark steigern und daher ein hohes Besch\u00e4ftigungswachstum erzielen.<\/p>\n<p>Nach dem Platzen der Immobilienblase kehrte sich dieser Effekt um und wandelte sich in einen negativen Handelsschock (siehe <em>Abbildung<\/em>). Die hochverschuldeten Bundesstaaten schlitterten in eine Rezession und erlitten einen starken Nachfrageeinbruch. Dies wurde dann besonders jenen Bundesstaaten zum Verh\u00e4ngnis, deren exportorientierte Branchen besonders starke Handelsverflechtung mit den schw\u00e4chelnden Regionen pflegten: Die abnehmenden Exporte f\u00fchrten dort zu Besch\u00e4ftigungsverlusten und trugen so zum Anstieg der Arbeitslosigkeit bei. Mit dem Abflauen der Immobilienkrise und der allm\u00e4hlichen Erholung im Jahr 2009 schw\u00e4chte sich der negative Handelsschock wieder ab und verschwand schliesslich ganz. Mit der anziehenden Nachfrage konnte sich auch das Besch\u00e4ftigungswachstum wieder erholen.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse zeigen, dass die Handelsverflechtungen zwischen den Bundesstaaten f\u00fcr die \u00dcbertragung von Konjunkturschwankungen eine bedeutende Rolle spielen. Sie trugen wesentlich zur Ausbreitung der Rezession w\u00e4hrend der Finanzkrise bei. So f\u00fchrte die Finanzkrise in Bundesstaaten, die intensive Handelsbeziehungen zu den schw\u00e4chelnden Regionen aufwiesen, zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit. Umgekehrt konnten sie im vorausgehenden Boom \u00fcberdurchschnittlich stark profitieren.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Boom und Rezession beeinflussen durch den Handel die Besch\u00e4ftigungsentwicklung in anderen Bundesstaaten<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/12\/NEXT-GENERATION-Tabea-Mu\u0308ndlein-Abbildung.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-108896\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/12\/NEXT-GENERATION-Tabea-Mu\u0308ndlein-Abbildung.jpg\" alt=\"\" width=\"770\" height=\"561\" \/><\/a><\/p>\n<p><span class=\"text__legend\">Anmerkung: Die dunkelblauen Punkte zeigen, wie sich ein \u00fcberdurchschnittlich hoher Handelsnachfrageschock \u00fcber einen Zeitraum von zehn Jahren auf das Besch\u00e4ftigungswachstum auswirkt. Die vertikalen Linien stellen wichtige Ereignisse vor und w\u00e4hrend der Finanzkrise dar: (i) H\u00f6hepunkt der Immobilienblase; (ii) Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008; und (iii) H\u00f6hepunkt der Arbeitslosigkeit in den USA mit 10 Prozent. Die grauen Linien veranschaulichen das 95-Prozent-Konfidenzintervall.<\/span><\/p>\n<p><span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Stumpner (2019).<\/span><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Stumpner (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Finanzkrise von 2007 bis 2009 begann mit der Krise am US-Immobilienmarkt und erfasste danach die gesamte Weltwirtschaft. 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Betreut und herausgegeben wird die Reihe von Christian Keuschnigg, Professor f\u00fcr National\u00f6konomie und \u00f6ffentliche Finanzen, und Michael Kogler, Lehrbeauftragter f\u00fcr Volkswirtschaftslehre. Weitere Artikel der Reihe finden Sie <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.chthema\/serien\/next-generation\/\">hier<\/a> und auf der <a href=\"https:\/\/www.unisg.ch\/de\/studium\/master\/volkswirtschaftslehre\/curriculum\/ehsgnextgeneration\">Website<\/a> der Universit\u00e4t St. Gallen."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":"","serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"108892","post_abstract":"Handel ist ansteckend. Ist eine Region im Aufschwung, dann profitieren die Exporteure und Zulieferer in anderen Regionen. Dank intensiver Handelsbeziehungen k\u00f6nnen auch sie am Boom teilhaben und Besch\u00e4ftigung und Wachstum steigern. In der Krise passiert das Gegenteil: Starke Handelsverflechtungen f\u00fchren zu einer Ausbreitung der Rezession. Am Ende sitzen alle in einem Boot. 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