{"id":130140,"date":"2021-05-20T16:02:25","date_gmt":"2021-05-20T14:02:25","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/05\/handelskrieg-gewinner-und-verlierer-in-den-usa\/"},"modified":"2023-08-23T23:53:14","modified_gmt":"2023-08-23T21:53:14","slug":"handelskrieg-gewinner-und-verlierer-in-den-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/fr\/2021\/05\/handelskrieg-gewinner-und-verlierer-in-den-usa\/","title":{"rendered":"Handelskrieg: Gewinner und Verlierer in den USA"},"content":{"rendered":"<p>Die meisten \u00d6konominnen und \u00d6konomen sind von den Vorteilen des Freihandels \u00fcberzeugt: Er steigert den Wohlstand.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Ein Abbau von Handelsschranken verschafft den Exportunternehmen neue Wachstumschancen durch leichteren Zugang zu gr\u00f6sseren M\u00e4rkten. Die Konsumenten profitieren von einer gr\u00f6sseren Vielfalt von G\u00fctern zu niedrigeren Preisen. Allerdings gibt es auch Verlierer des Freihandels, wie zum Beispiel Unternehmen und ihre Arbeitnehmenden in Branchen, die unter starker Importkonkurrenz leiden. W\u00e4hrend andere profitieren, m\u00fcssen sie Lohnr\u00fcckg\u00e4nge oder sogar Arbeitsplatzverluste hinnehmen. Oft sind die Handelsgewinne ungleich verteilt und die Verliererinnen und Verlierer werden nicht ausreichend entsch\u00e4digt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Kritik am Freihandel hat zugenommen. Auch Regierungen, welche den Freihandel bisher stets vorangetrieben hatten, greifen zu protektionistischen Massnahmen wie Einfuhrz\u00f6llen oder -quoten. Besonders problematisch ist es, wenn L\u00e4nder in einen Handelskrieg geraten. Beginnt ein Land, Beschr\u00e4nkungen f\u00fcr ausgew\u00e4hlte Importe zu verh\u00e4ngen, folgen in der Regel Vergeltungsreaktionen der betroffenen L\u00e4nder. Schaukeln sich protektionistische Massnahmen hoch und sind immer mehr Produkte von Z\u00f6llen und anderen Handelsbeschr\u00e4nkungen betroffen, kann der Handel drastisch einbrechen. Der Handelskrieg zwischen den USA und ihrem Handelspartner China in den letzten Jahren ist ein prominentes Beispiel daf\u00fcr.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie gross sind die Verluste verschiedener Handelskriege f\u00fcr die Gesamtwirtschaft der USA? Wer profitiert vom Protektionismus und wer verliert? Die \u00d6konomen Pablo Fajgelbaum, Pinelopi Goldberg, Patrick Kennedy und Amit Khandelwal geben Antworten<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>. Sie analysieren, wie die j\u00fcngsten Handelskriege der USA Preise und Handelsvolumen beeinflussten und wie sie sich auf die Gesamtwirtschaft auswirkten.&#13;<\/p>\n<h2>US-Importz\u00f6lle gr\u00f6sstenteils auf Konsumenten \u00fcberw\u00e4lzt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Februar 2018 f\u00fchrte die US-Regierung eine Reihe protektionistischer Massnahmen ein. Diese gelten f\u00fcr s\u00e4mtliche Handelspartner, treffen aber einige h\u00e4rter als andere. So erh\u00f6hte sie etwa die Z\u00f6lle auf den Import von Sonnenkollektoren und Waschmaschinen. Darauf folgten bald weitere Importz\u00f6lle auf Eisen-, Aluminium- und Stahlprodukte. Insgesamt erh\u00f6hten die USA ihre Z\u00f6lle auf \u00fcber 12\u2019000 Importg\u00fcter mit einem j\u00e4hrlichen Handelsvolumen von rund 300 Milliarden Dollar. Die Z\u00f6lle stiegen durchschnittlich von 2,6 auf 16,6 Prozent. Darauf reagierten wichtige Handelspartner (u.a. China und die EU) mit Vergeltungsmassnahmen. Sie erh\u00f6hten die Z\u00f6lle auf \u00fcber 8\u2019700 Exportg\u00fcter, welche 8,2 Prozent der US-Exporte ausmachen. Die Z\u00f6lle stiegen dabei von durchschnittlich 7,3 auf 20,4 Prozent.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDieser Handelskrieg verringerte den Warenhandel erheblich. Zwischen 2017 und 2019 ist der Gesamtwert der amerikanischen Importe, die durch h\u00f6here Z\u00f6lle verteuert wurden, durchschnittlich um 31,7 Prozent gesunken. Umgekehrt f\u00fchrten die Vergeltungsz\u00f6lle dazu, dass der Gesamtwert der betroffenen amerikanischen Exportprodukte um 9,9 Prozent zur\u00fcckging.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nJeder Zoll treibt einen Keil zwischen den Preis, welchen ein Importeur bezahlt, und jenen Preis, welchen die Exporteurin erh\u00e4lt. Ein Teil der Differenz geht an den Staat. Ein zweiter Teil geht aufgrund der Marktst\u00f6rung verloren und wird als Wohlfahrtsverlust (\u00abdeadweigh loss\u00bb) bezeichnet. In seiner Studie stellt das Forschungsteam fest, dass die ausl\u00e4ndischen Unternehmen nach der Zollerh\u00f6hung die Preise ihrer Exporte in die USA nicht senken konnten. Angesichts unver\u00e4nderter St\u00fcckkosten in ihren Heimatl\u00e4ndern mussten sie die Z\u00f6lle auf die amerikanischen Konsumenten \u00fcberw\u00e4lzen. Die Konsumierenden m\u00fcssen seither f\u00fcr die Importg\u00fcter h\u00f6here Preise bezahlen und sind somit am meisten von den negativen Folgen des Handelskrieges betroffen. Dadurch erlitten sie im Vergleich zu 2016 einen realen Einkommensverlust von circa 51 Milliarden Dollar oder 0,27 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDen Mehrkosten der Konsumierenden stehen allerdings die Gewinne der inl\u00e4ndischen Produktionsunternehmen, die von h\u00f6heren Preisen profitieren, sowie die h\u00f6heren Zolleinnahmen des Staates gegen\u00fcber. Netto verbleibt daher ein deutlich geringerer Nettoeinkommensverlust von insgesamt 7,2 Milliarden Dollar oder 0,04 Prozent des BIP.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrunds\u00e4tzlich beg\u00fcnstigt Freihandel die Arbeitnehmenden in den exportorientierten Sektoren und schadet jenen, die in den importkonkurrierenden Sektoren t\u00e4tig sind \u2013 auch wenn die Vorteile insgesamt \u00fcberwiegen. Umgekehrt f\u00fchrt ein Handelskrieg insgesamt zu Einkommensverlusten. Die Folgen unterscheiden sich jedoch erheblich je nach Branche und Region. Die Arbeitenden und Unternehmen in den importkonkurrierenden Branchen profitieren von Handelsbeschr\u00e4nkungen. Diese sch\u00fctzen die Firmen vor der Konkurrenz durch ausl\u00e4ndische Importe, was sich letztlich in h\u00f6heren Preisen und in der Folge in h\u00f6heren Nominal- und Reall\u00f6hnen der Arbeitnehmenden widerspiegelt. Gleichzeitig verteuern h\u00f6here Z\u00f6lle importierte Vorleistungen, welche in der Produktion eingesetzt werden, beispielsweise Stahl oder Aluminium im Automobilbau. In Branchen, die solche Vorleistungen intensiv nutzen, gehen Gewinne und Reall\u00f6hne meist zur\u00fcck.&#13;<\/p>\n<h2>Importz\u00f6lle sch\u00fctzen vornehmlich politisch umk\u00e4mpfte Wahlkreise<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZudem betonen die Forschenden, dass in einem Handelskrieg die Z\u00f6lle gezielt eingesetzt werden und sich daher der Anstieg der Z\u00f6lle je nach Produkten und Branchen stark unterscheidet. Tats\u00e4chlich sind einige Branchen durch hohe Einfuhrz\u00f6lle gesch\u00fctzt, w\u00e4hrend andere von bedeutenden ausl\u00e4ndischen Vergeltungsz\u00f6llen betroffen sind. Diese Unterschiede f\u00fchren dazu, dass einzelne Regionen (Wahlkreise) je nach Spezialisierung ihrer Wirtschaft unterschiedlich stark vom Handelskrieg betroffen sind.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas ist die politische Dimension des Handelskriegs. Tats\u00e4chlich konnte das Forschungsteam zeigen, dass die Importz\u00f6lle vor allem auf Produkte ausgerichtet waren, die in Wahlkreisen mit geringem republikanischem Wahlanteil oder mit knappen politischen Mehrheitsverh\u00e4ltnissen hergestellt werden (siehe\u00a0Abbildung). Vermutlich hoffte die republikanisch dominierte US-Regierung, mit Schutzz\u00f6llen zus\u00e4tzliche W\u00e4hler zu mobilisieren. Dagegen zielten ausl\u00e4ndische Vergeltungsz\u00f6lle haupts\u00e4chlich auf jene Branchen, die in republikanisch dominierten Gebieten konzentriert sind. Die Vermutung liegt nahe, dass China und andere gesch\u00e4digte Handelspartner mit gezielten Vergeltungsz\u00f6llen der republikanischen US-Regierung maximal schaden wollten.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Zoll\u00e4nderungen im Handelskrieg und Stimmenanteil der Republikaner<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/05\/WEB-ONLY_D-SARA-FONTANET-Next-Generation-Abbildung.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-104072\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/05\/WEB-ONLY_D-SARA-FONTANET-Next-Generation-Abbildung.png\" alt=\"\" width=\"741\" height=\"466\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Fajgelbaum et al. 2020, S.50<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Abbildung zeigt f\u00fcr jeden Wahlkreis die Ver\u00e4nderungen der amerikanischen Importz\u00f6lle (Schutzz\u00f6lle) sowie der ausl\u00e4ndischen Z\u00f6lle (Vergeltungsz\u00f6lle). Die Z\u00f6lle sind mit der Handelsstruktur des jeweiligen Bezirks gewichtet und entsprechen dem typischen Zoll, den die Konsumenten und Unternehmen dort bezahlen. Diesem wird der W\u00e4hleranteil des republikanischen Kandidaten bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl 2016 gegen\u00fcbergestellt. Bei den Importz\u00f6llen wird deutlich, dass Bezirke mit einem republikanischen Stimmenanteil von 40 bis 60 Prozent mehr Schutz erhielten. Diese Z\u00f6lle beg\u00fcnstigen Branchen, die haupts\u00e4chlich in politisch umk\u00e4mpften Bezirken angesiedelt sind. Im Gegensatz dazu f\u00fchrten die Handelspartner Vergeltungsz\u00f6lle so ein, dass sie Exporte in Sektoren belasten, die insbesondere in republikanischen Bezirken konzentriert sind.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Forscher argumentieren, dass dieses Ph\u00e4nomen der \u00abLogik der Mehrheit\u00bb folgt. Demzufolge neigen Politiker und Politikerinnen dazu, jene W\u00e4hlenden zu beg\u00fcnstigen, die sich bei Wahlen als entscheidend erweisen. Deshalb gestalten sie die Handelspolitik so, dass die W\u00e4hlenden in Wahlkreisen mit knappen politischen Mehrheitsverh\u00e4ltnissen davon profitieren. Die ausl\u00e4ndischen Vergeltungsz\u00f6lle hingegen betrafen \u00fcberproportional landwirtschaftlich gepr\u00e4gte Bezirke mit hohem republikanischen W\u00e4hleranteil. Arbeitnehmende in exportorientierten Branchen in solchen stark republikanisch gepr\u00e4gten Bezirken waren besonders negativ von den Vergeltungsmassnahmen betroffen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel basiert auf einer Studie von Pablo Fajgelbaum, Pinelopi Goldberg, Patrick Kennedy und Amit Khandelwal (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Fajgelbaum et al. (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten \u00d6konominnen und \u00d6konomen sind von den Vorteilen des Freihandels \u00fcberzeugt: Er steigert den Wohlstand. 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Exportintensive Unternehmen und ihre Arbeitnehmenden profitieren vom besseren Zugang zu Absatzm\u00e4rkten und somit von neuen Wachstumschancen. In den importkonkurrierenden Branchen dagegen f\u00fcrchten die Arbeitnehmenden um Jobs und ihr Lohnniveau. Die Nachteile des Freihandels f\u00fcr Einzelne gehen ans Portemonnaie und scheinen daher sichtbar und konkret, die Vorteile dagegen erscheinen eher weniger greifbar. Das pr\u00e4gt die Politik im Handelskrieg der USA mit anderen. Eine Studie der \u00d6konomen Pablo Fajgelbaum, Pinelopi Goldberg, Patrick Kennedy und Amit Khandelwal zeigt, dass die Regierung dort Schutzz\u00f6lle verh\u00e4ngt, wo sie bei den Benachteiligten am meisten Stimmen mobilisieren kann. Der gesch\u00e4digte Handelspartner antwortet mit Strafz\u00f6llen dort, wo er meint, der Regierung im anderen Land politisch maximal zu schaden. 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