{"id":130965,"date":"2021-01-26T16:43:19","date_gmt":"2021-01-26T15:43:19","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/01\/bearth-web-only-03-2021\/"},"modified":"2023-08-23T23:55:52","modified_gmt":"2023-08-23T21:55:52","slug":"bearth-web-only-03-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/fr\/2021\/01\/bearth-web-only-03-2021\/","title":{"rendered":"Wie wirkt sich Bildung auf die Heiratswahrscheinlichkeit von Frauen aus?"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten 50 Jahren heirateten Frauen und M\u00e4nner in den Industriel\u00e4ndern deutlich weniger oft als in den Jahrzehnten zuvor.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Gleichzeitig erh\u00f6hte sich in den meisten L\u00e4ndern das Heiratsalter. Wie aber entwickelte sich die Heiratswahrscheinlichkeit hoch qualifizierter Frauen im Vergleich zu jenen mit niedrigen Qualifikationen? Welche Rolle spielen soziale Normen? Und: Wie wirken sich bessere Chancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und unterschiedliche Einstellungen gegen\u00fcber arbeitenden Frauen in der Gesellschaft auf die Heiratswahrscheinlichkeit aus?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiesen Fragen sind die \u00d6konominnen Marianne Bertrand, Patricia Cort\u00e9s, Claudia Olivetti und Jessica Pan nachgegangen. Sie haben die Entwicklungen in 23 Industriel\u00e4nder in den Jahren 1995, 2000, 2005 und 2010 und in den Bundesstaaten der USA von 1970 bis 2010 miteinander verglichen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn allen 23 L\u00e4ndern haben sich die Arbeitsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Frauen in den letzten Jahrzehnten verbessert, jedoch nicht unbedingt ihre Heiratswahrscheinlichkeit. Hoch qualifizierte Frauen haben n\u00e4mlich einen Heiratsnachteil<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>, wenn der Anteil der verheirateten Frauen in dieser Gruppe kleiner ist als bei den niedrig qualifizierten Frauen. Der geringere Anteil steht f\u00fcr die geringere Heiratswahrscheinlichkeit. In einigen L\u00e4ndern hat dieser Heiratsnachteil hoch qualifizierter Frauen abgenommen, in anderen ist er jedoch weiter gestiegen. Beispielsweise heiraten hoch qualifizierte Frauen in den USA im Gegensatz zu fr\u00fcher heutzutage gleich h\u00e4ufig, wenn nicht h\u00e4ufiger als niedrig qualifizierte. In Korea und in anderen asiatischen L\u00e4ndern hingegen heiraten hoch qualifizierte Frauen noch immer seltener. Gleichzeitig beobachtet man zunehmend bessere Chancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und einen R\u00fcckgang der Geburtenrate in Industriel\u00e4ndern. Die Heiratswahrscheinlichkeit hat auch Einfluss auf die Bildungsentscheidungen von Frauen. Wie h\u00e4ngen diese Entwicklungen zusammen?&#13;<\/p>\n<h2>Geringverdienerinnen ziehen sich eher in den Haushalt zur\u00fcck<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Forscherinnen entwerfen ein Modell und \u00fcberpr\u00fcfen ihre Hypothesen anhand empirischer Daten. Die Theorie beschreibt die Chancen auf den Arbeits- und Heiratsm\u00e4rkten, das Verhalten der Frauen und M\u00e4nner in den Familien, die Bildungsentscheidung der Frauen und den Einfluss sozialer Normen:&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWenn der Lohn der Arbeit ausser Haus tief ist, dann k\u00f6nnen die Frauen weniger zum Familieneinkommen beisteuern. In der Folge zieht es die Frau tendenziell vor, nicht arbeiten zu gehen. Die Familie verliert wenig an Einkommen, profitiert aber stark von der Arbeit der Frauen zuhause. Solche Frauen sind auf dem Heiratsmarkt f\u00fcr M\u00e4nner attraktiv, denn sie bieten ihnen gr\u00f6ssere Freir\u00e4ume<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>. Frauen mit mittlerer Qualifikation haben hingegen eine h\u00f6here Erwerbsbeteiligung, der Beitrag zum Familieneinkommen ist allerdings noch nicht ausreichend gross und die Zeit f\u00fcr Hausarbeit und Kinderbetreuung fehlt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird zum Problem. Die Mitarbeit der M\u00e4nner ist gefordert. Das ist f\u00fcr die M\u00e4nner gem\u00e4ss Modell der Studienautorinnen nicht attraktiv. Die Heiratswahrscheinlichkeit der Frauen sinkt. Solche Perspektiven entmutigen die Bildungsentscheidung gering qualifizierter Frauen. Hoch qualifizierte Frauen wiederum wollen arbeiten, verdienen viel und k\u00f6nnen das Familieneinkommen stark steigern. Die Familie kann es sich somit leisten, die Heimarbeit an Putzmann und Kinderfrau abzugeben. Das ist auch f\u00fcr die M\u00e4nner sehr attraktiv, womit die Heiratswahrscheinlichkeit hoch qualifizierter Frauen mit hohen L\u00f6hnen gem\u00e4ss Modell wieder steigt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDoch muss die Heiratswahrscheinlichkeit geringqualifizierter Frauen mit zunehmender Ausbildung und h\u00f6heren L\u00f6hnen sinken? Nicht unbedingt. Die Weiterentwicklung sozialer Normen f\u00fcr mehr Gleichberechtigung in der Familie und auf dem Arbeitsmarkt kann den Heiratsnachteil f\u00fcr Frauen mit mittlerer Ausbildung weitgehend beseitigen. Wenn die M\u00e4nner freiwillig zuhause anpacken und die Gesellschaft die Erwerbsbeteiligung der Frauen unterst\u00fctzt, sinkt ihr Heiratsnachteil (siehe <em>Abbildung<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Soziale Normen und Unterschiede in den Heiratsquoten von hoch und gering qualifizierten Frauen (2010)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/01\/WEB-ONLY_D-BEARTH-Next-Generation-3-2021-Abbildung.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-101251\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/01\/WEB-ONLY_D-BEARTH-Next-Generation-3-2021-Abbildung.png\" alt=\"\" width=\"594\" height=\"700\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: \u00a0Bertrand, Cort\u00e9s, Olivetti und Pan (2020)<\/span>&#13;<\/p>\n<h2>Gleichberechtigte L\u00e4nder: Kein Heiratsnachteil f\u00fcr hoch qualifizierte Frauen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Autorinnen haben anhand von Umfragedaten festgemacht, ob in einem Land die Einstellung gegen\u00fcber der Rolle der Frauen in der Familie und in der Arbeitswelt eher konservativ oder eher gleichberechtigt ist. Die Abbildung zeigt, dass in konservativen L\u00e4ndern wie Italien, Tschechien oder China der Unterschied der Heiratswahrscheinlichkeit zwischen hoch- und geringqualifizierten Frauen gr\u00f6sser ist als in L\u00e4ndern mit einer gleichberechtigten Einstellung gegen\u00fcber Frauen (z. B. Norwegen, Schweden, D\u00e4nemark). In diesen L\u00e4ndern hat sich der Trend sogar umgekehrt. Das bedeutet, dass Hoch qualifizierte eine bessere Heiratswahrscheinlichkeit haben. L\u00e4nder wie die Schweiz und Deutschland werden als mittelm\u00e4ssig eingestuft, was die Gleichberechtigung angeht. In der Abbildung ist zudem ersichtlich, dass hoch qualifizierte Frauen in der Schweiz eine geringere Heiratswahrscheinlichkeit haben als in Deutschland.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Abbildung zeigt, dass soziale Normen den Zusammenhang zwischen zunehmenden Qualifikationen mit steigenden L\u00f6hnen der Frauen und ihrem Heiratsnachteil ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Trotzdem finden die Forscherinnen, dass hoch qualifizierte Frauen insgesamt seltener heiraten als gering qualifizierte, obwohl hohe Qualifikation und hohe L\u00f6hne den Heiratsnachteil an sich reduzieren. Sie erkl\u00e4ren diese Beobachtung wie folgt: Erstens k\u00f6nnten M\u00e4nner ganz allgemein eine nicht-arbeitende Frau als Ehefrau bevorzugen. Zweitens sind hochqualifizierte Frauen w\u00e4hlerischer bei der Suche eines Ehemanns, da sie eher eine gut bezahlte Stelle finden k\u00f6nnen und deswegen nicht finanziell abh\u00e4ngig sind.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Jahr 2010 waren nur noch circa 80 Prozent der 35- bis 44-J\u00e4hrigen mindestens einmal verheiratet, wohingegen es 1970 noch \u00fcber 90 Prozent waren. Diese Entwicklung war sowohl in den USA, in Europa wie auch in Asien ersichtlich.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie erste Hypothese der Autorinnen ist, dass hoch qualifizierte Frauen seltener heiraten im Vergleich zu gering qualifizierten. Dieser Unterschied ist in konservativen L\u00e4ndern gr\u00f6sser als in L\u00e4ndern mit einer gleichberechtigten Einstellung gegen\u00fcber Frauen. Wie in der Abbildung ersichtlich ist, heiraten hoch und gering qualifizierte Frauen im Jahr 2010 in L\u00e4ndern mit einer hohen Gleichberechtigung im Durchschnitt in etwa gleich oft.&#13;<\/p>\n<h2>Einstellung zu Gleichberechtigung entscheidend<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine zentrale Hypothese ist, dass bei gegebenen sozialen Normen die Heiratswahrscheinlichkeit hoch qualifizierter Frauen mit zunehmenden L\u00f6hnen und Arbeitsmarktchancen h\u00f6her werden. Es macht jedoch einen wesentlichen Unterschied, ob in einem Land progressive oder konservative Einstellungen gegen\u00fcber der Rolle von Frauen in der Arbeitswelt vorherrschen. W\u00e4hrend in progressiven L\u00e4ndern der Heiratsnachteil hochqualifizierter Frauen mit zunehmenden L\u00f6hnen sinkt und ihre Heiratswahrscheinlichkeit entsprechend steigen, ist in konservativen L\u00e4ndern das Gegenteil der Fall. So k\u00f6nnen die Forscherinnen f\u00fcr progressive L\u00e4nder mit gleichberechtigter Einstellung statistisch etwa 40 bis 100 Prozent der Verminderung des Heiratsnachteils hoch qualifizierter Frauen mit Lohnzuw\u00e4chsen erkl\u00e4ren. Umgekehrt erkl\u00e4rt der Lohnzuwachs in konservativen L\u00e4ndern lediglich 15 bis 35 Prozent der Zunahme des Heiratsnachteils.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWenn mit zunehmenden L\u00f6hnen ein Heiratsnachteil droht, sinkt der Anreiz, in eine hoch qualifizierte Ausbildung zu investieren. Tats\u00e4chlich konnten die \u00d6konominnen best\u00e4tigen, dass in konservativen L\u00e4ndern der Anteil an hochqualifizierten Frauen niedriger ist als in L\u00e4ndern mit Gleichberechtigung. Ein m\u00f6glicher Grund d\u00fcrfte sein, dass h\u00f6here Bildung ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt mindert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWeitgehend \u00e4hnliche Ergebnisse finden die Forscherinnen bez\u00fcglich der Heiratswahrscheinlichkeit hochqualifizierter Frauen in den USA \u2013 mit grossen Unterschieden zwischen den Bundesstaaten. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Chancen hoch qualifizierter Frauen in der Arbeitswelt und auf dem Heiratsmarkt eng miteinander verbunden sind. Sie h\u00e4ngen nicht nur, aber doch ganz erheblich, von \u00f6konomischen \u00dcberlegungen und sozialen Normen ab. Der Heiratsnachteil hoch qualifizierter Frauen verschwindet weitgehend oder kehrt sich in einen Vorteil um, wenn in einem Land die gleichberechtigte Stellung der Frau sowohl in Gesellschaft und Arbeitswelt als auch in der Familie eine weithin akzeptierte Norm ist.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Bertrand, Cort\u00e9s, Olivetti und Pan (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Dieser Begriff mag ein wenig irref\u00fchrend sein. Im Modell zeigen die Autorinnen, dass die Frauen w\u00e4hlerischer werden, wenn ihr Lohn steigt. Das heisst, dass sie mit zunehmendem Lohn auch weniger h\u00e4ufig heiraten m\u00f6chten.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Die Autorinnen gehen davon aus, dass M\u00e4nner und Frauen beide gleich von Kindern und Arbeit profitieren, aber die \u00abSpillovers\u00bb vom privaten Konsum des Partners anders diskontiert werden. Die M\u00e4nner diskontieren mehr, vor allem in konservativen L\u00e4ndern. Dies f\u00fchrt dann dazu, dass die M\u00e4nner eher arbeiten und die Frauen eher zu Hause bleiben. Zus\u00e4tzlich nehmen Sie im Modell an, dass die Frauen einen komparativen Vorteil im Haushalt haben und dass der Mann per se Vollzeit arbeitet.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten 50 Jahren heirateten Frauen und M\u00e4nner in den Industriel\u00e4ndern deutlich weniger oft als in den Jahrzehnten zuvor. Gleichzeitig erh\u00f6hte sich in den meisten L\u00e4ndern das Heiratsalter. Wie aber entwickelte sich die Heiratswahrscheinlichkeit hoch qualifizierter Frauen im Vergleich zu jenen mit niedrigen Qualifikationen? Welche Rolle spielen soziale Normen? 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Weitere Artikel der Reihe finden Sie <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.chthema\/serien\/next-generation\/\">hier<\/a> oder auf der <a href=\"https:\/\/www.unisg.ch\/de\/studium\/master\/volkswirtschaftslehre\/curriculum\/ehsgnextgeneration\">Website<\/a> der Universit\u00e4t St. Gallen."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":"","main_focus":"","serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"101179","post_abstract":"Partnerschaft und Familie haben f\u00fcr die meisten Frauen und M\u00e4nner einen hohen Wert \u2013 ebenso berufliche Erf\u00fcllung und Karriere. Diese Bed\u00fcrfnisse bestimmen schon auf dem Heiratsmarkt die Erwartungen an die Partner und ihre Attraktivit\u00e4t. Denn in der Ehe m\u00fcssen sie sich \u00fcber die Aufteilung der Heimarbeit und der beruflichen Priorit\u00e4ten einigen. Hoch qualifizierte Frauen wollen arbeiten und k\u00f6nnen viel zum Familieneinkommen beisteuern, aber die Zeit zuhause fehlt. Da sind die M\u00e4nner gefordert, in Kinderbetreuung und Heimarbeit anzupacken, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Ihre Freir\u00e4ume nehmen ab, und sie m\u00fcssen Kompromisse eingehen. Nehmen deshalb auch die Heiratschancen hoch qualifizierter Frauen ab? Nicht unbedingt, wie eine Studie der \u00d6konominnen Marianne Bertrand, Patricia Cort\u00e9s, Claudia Olivetti und Jessica Pan zeigt. 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