{"id":131215,"date":"2020-11-26T12:16:47","date_gmt":"2020-11-26T11:16:47","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/11\/hohe-zahlungsmoral-belebt-die-wirtschaft\/"},"modified":"2023-08-23T23:55:56","modified_gmt":"2023-08-23T21:55:56","slug":"hohe-zahlungsmoral-belebt-die-wirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/fr\/2020\/11\/hohe-zahlungsmoral-belebt-die-wirtschaft\/","title":{"rendered":"Hohe Zahlungsmoral belebt die Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Kleinere und mittelgrosse Unternehmen haben oft Schwierigkeiten, Zugang zu Krediten zu finden und ihr Wachstum zu finanzieren.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Zum Beispiel verf\u00fcgen sie \u00fcber nur wenige Verm\u00f6genswerte, die sie als Sicherheiten hinterlegen k\u00f6nnen. F\u00fcr potenzielle kreditgebende Unternehmen wiederum besteht grosse Unsicherheit \u00fcber ihre Bonit\u00e4t. Solche Finanzierungsbeschr\u00e4nkungen behindern das Wachstum jener Unternehmen und blockieren die Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGerade in Krisen wie der Finanzkrise 2008 sind solche Unternehmen besonders stark vom R\u00fcckgang der Kreditvergabe betroffen. Wie kann der Staat kleinen und mittelgrossen Firmen den Zugang zu Finanzierung erleichtern und somit letztlich die Besch\u00e4ftigung steigern? Neben F\u00f6rderprogrammen, Garantien f\u00fcr Bankkredite oder Investitionsschutz gibt es eine weitere M\u00f6glichkeit, die meist ausser Acht gelassen wird: Der Staat ist oft ein wichtiger Kunde solcher Unternehmen und kann die Rechnungen schneller begleichen. Die \u00d6konomen Jean-No\u00ebl Barrot von der HEC Paris und Ramana Nanda von der Harvard Business School fragen sich, wie eine bessere staatliche Zahlungsmoral den Unternehmen helfen kann. Konkret untersuchen sie, wie der Staat die Neuanstellungen von Kleinunternehmen steigern kann, indem er ausstehende Rechnungen f\u00fcr G\u00fcter und Dienstleistungen rascher begleicht.&#13;<\/p>\n<h2>Reform verk\u00fcrzt Zahlungsfristen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Forscher betrachten dazu die Zahlungsreform \u00abQuickpay\u00bb in den USA im Jahr 2011. Sie beschleunigte das Zahlungsverhalten des Staates massgeblich, indem sie die Zahlungsfristen der Bundesbeh\u00f6rden dauerhaft von 30 auf 15 Tage nach Rechnungseingang verk\u00fcrzte. Nach der Einf\u00fchrung von Quickpay im April 2011 gingen etwa die tats\u00e4chlichen Zahlungsfristen des US-Verteidigungsministeriums deutlich zur\u00fcck (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Von dieser Reform profitieren vor allem kleinere und mittlere Unternehmen, von denen der Staat G\u00fcter und Dienstleistungen im Wert von rund 100 Milliarden Dollar bezog. Wenn ein so wichtiger Kunde rascher zahlt, m\u00fcssen die Unternehmen weniger liquide Reserven halten, um die Zeit zwischen den Lohnauszahlungen sowie der Begleichung anderer Kosten und dem Eingang von Zahlungen zu \u00fcberbr\u00fccken. Dadurch stehen ihnen letztlich mehr Mittel zur Verf\u00fcgung, um beispielsweise zu investieren oder neue Arbeitskr\u00e4fte einzustellen.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Durchschnittliche Zahlungsfristen des US-Verteidigungsministeriums an kleine und mittlere Lieferanten<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/11\/WEB-ONLY_D-CURRENTI-Next-GEneration-Abbildung.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-100297\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/11\/WEB-ONLY_D-CURRENTI-Next-GEneration-Abbildung.png\" alt=\"\" width=\"986\" height=\"706\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Barrot und Nanda (2020)<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Wissenschaftler nutzten eine ganze Palette von Datenquellen. Zuerst identifizierten sie anhand offizieller Statistiken \u00fcber das \u00f6ffentliche Beschaffungswesen jene Unternehmen, welche den Staat belieferten und deshalb direkt von Quickpay profitierten. Dadurch konnten sie zahlreiche Charakteristika der betroffenen Unternehmen identifizieren. Zusammen mit Daten zu Besch\u00e4ftigung, L\u00f6hnen und Bonit\u00e4t ermittelten die Forscher, wie sich die Reform auf die Besch\u00e4ftigung in den betroffenen Unternehmen auswirkte. Ihr Fokus lag dabei auf der Ver\u00e4nderung dieser Kenngr\u00f6ssen zwischen 2011 und 2015, den Jahren nach der Einf\u00fchrung von Quickpay.&#13;<\/p>\n<h2>St\u00e4rkerer Besch\u00e4ftigungszuwachs<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie empirischen Ergebnisse zeigen, wie sich die Zahlungsreform auf die Besch\u00e4ftigung auswirkte. Unternehmen, welche den Staat belieferten, stellten zus\u00e4tzliche Arbeitskr\u00e4fte ein: Ihr Personalstand stieg um 1,7 Prozentpunkte st\u00e4rker als bei anderen vergleichbaren Unternehmen, welche den Staat nicht belieferten und daher nicht von rascheren Zahlungen profitieren konnten. Dieser Unterschied ist verglichen mit dem durchschnittlichen Besch\u00e4ftigungswachstum im Zeitraum 2011-2015 von 0.4 Prozent \u00f6konomisch bedeutsam.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiese Ergebnisse machen deutlich, dass der erschwerte Zugang zu Finanzierung kleine und mittlere Unternehmen dabei hemmt, zu investieren und neue Arbeitskr\u00e4fte einzustellen. Bezahlt die Kundschaft ihre Rechnungen schneller, dann entspannt sich die Liquidit\u00e4tssituation und der Zugang zu Finanzierung wird einfacher. In Folge nimmt die Besch\u00e4ftigung in solchen Betrieben signifikant zu. Das typische Zulieferunternehmen erzielte rund 8,5 Prozent seines Umsatzes mit Verk\u00e4ufen an den Staat. Die Wissenschaftler berechneten anhand ihrer Sch\u00e4tzergebnisse folgendes Szenario: W\u00fcrden nicht nur die staatlichen Beh\u00f6rden, sondern die gesamte Kundschaft ihre Rechnungen 15 Tage fr\u00fcher bezahlen, k\u00f6nnte das betroffene Unternehmen durchschnittlich rund 20 Prozent mehr Arbeitskr\u00e4fte einstellen. Bei einer Firma mit 10 Angestellten beispielsweise w\u00e4ren dies zwei Personen mehr.&#13;<\/p>\n<h2>Bonit\u00e4t der Zulieferunternehmen erh\u00f6ht sich<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie k\u00fcrzeren Zahlungsfristen des Staates wirken sich zudem auf die Zahlungsmoral und Bonit\u00e4t der Zulieferunternehmen selbst aus. Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass Unternehmen ihr Kreditrating auf einer Skala von 1 bis 100 um einen Punkt verbessern konnten, wenn sie von Quickpay direkt betroffen waren. Sie gerieten bei ihren eigenen Zulieferfirmen oder Kreditunternehmen seltener in Verzug und bezahlten die Rechnungen schneller. Das Insolvenzrisiko ging zur\u00fcck. Dabei zeigte sich, dass sich das Rating bereits innerhalb der ersten sechs Monate nach der Reform verbesserte. Der Besch\u00e4ftigungseffekt trat zwischen sechs und achtzehn Monaten sp\u00e4ter ein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie wirkte sich Quickpay insgesamt auf den Arbeitsmarkt aus? Die Forscher sch\u00e4tzten schliesslich die Besch\u00e4ftigungseffekte auf regionalen Arbeitsm\u00e4rkten. In einem aus Unternehmenssicht entspannten Arbeitsmarkt mit wenigen offenen Stellen und vielen Arbeitslosen f\u00fchrte Quickpay zu einem Anstieg der gesamten Besch\u00e4ftigung. Kleinere und mittlere Unternehmen, die sich dank der Reform leichter finanzieren konnten, fanden leicht neues Personal. Hingegen zeigte sich auf angespannten Arbeitsm\u00e4rkten mit vielen offenen Stellen und wenigen Arbeitslosen insgesamt kein signifikanter Besch\u00e4ftigungszuwachs. Vielmehr fanden die Forscher Hinweise f\u00fcr Verdr\u00e4ngungseffekte: Das Wachstum der betroffenen Unternehmen ging auf Kosten jener Firmen, welche den Staat nicht belieferten und so nicht von Quickpay profitierten. Sie wiesen ein deutlich niedrigeres bzw. r\u00fcckl\u00e4ufiges Besch\u00e4ftigungswachstum auf und konnten manche Stellen nicht nachbesetzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine hohe Zahlungsmoral hilft der Wirtschaft. Zahlt der Staat seine offenen Rechnungen rascher, profitieren seine kleinen und mittelgrossen Zulieferunternehmen. Sie verf\u00fcgen \u00fcber mehr liquide Mittel und haben daher einfacheren Zugang zu Finanzierung. Sie k\u00f6nnen wachsen und zus\u00e4tzliche Arbeitskr\u00e4fte einstellen. Dabei h\u00e4ngt der Gesamteffekt von der Lage auf dem regionalen Arbeitsmarkt ab: Ist die Arbeitslosigkeit bereits tief und herrscht ein starker Wettbewerb unter Firmen um talentierte Arbeitskr\u00e4fte, dann ist aufgrund von Verdr\u00e4ngungseffekten die Wirkung auf die gesamte Besch\u00e4ftigung deutlich geringer. Daf\u00fcr ist die Wirkung bei hoher Arbeitslosigkeit umso gr\u00f6sser, wenn die Wirtschaft besonders dringlich Entlastung braucht.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Barrot und Nanda (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleinere und mittelgrosse Unternehmen haben oft Schwierigkeiten, Zugang zu Krediten zu finden und ihr Wachstum zu finanzieren. 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Die Unternehmen k\u00f6nnen ihre Investitionen leichter finanzieren und neue Besch\u00e4ftigte einstellen. Eine hohe Zahlungsmoral des Staates belebt daher die Wirtschaft. In konjunkturell schwierigen Zeiten ist eine hohe Zahlungsmoral besonders wirksam und kann die Erholung beschleunigen. Wie bedeutsam ist eine hohe staatliche Zahlungsmoral f\u00fcr die Entwicklung der Wirtschaft? 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