{"id":131981,"date":"2020-09-04T12:21:49","date_gmt":"2020-09-04T10:21:49","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/09\/mehr-sicherheit-mit-zentraler-bankenaufsicht\/"},"modified":"2023-08-23T23:57:35","modified_gmt":"2023-08-23T21:57:35","slug":"mehr-sicherheit-mit-zentraler-bankenaufsicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/fr\/2020\/09\/mehr-sicherheit-mit-zentraler-bankenaufsicht\/","title":{"rendered":"Mehr Sicherheit mit zentraler Bankenaufsicht"},"content":{"rendered":"<p>Im November 2014 trat in der Eurozone der einheitliche Bankenaufsichtsmechanismus in Kraft, der ein wesentlicher Pfeiler der Europ\u00e4ischen Bankenunion ist.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Seither unterstehen grosse Banken in der Eurozone einer einheitlichen \u00fcberstaatlichen Regulierung und Aufsicht durch die Europ\u00e4ische Zentralbank. Die Regulierung von Banken ist eine komplexe Aufgabe. Wie die Finanzkrise 2008\/09 zeigte, konnte die Regulierung nicht verhindern, dass Banken \u00fcberm\u00e4ssige Risiken eingingen. Welche organisatorischen und institutionellen Reformen k\u00f6nnen dazu beitragen, die Stabilit\u00e4t des Finanzsystems zu erh\u00f6hen?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin wesentlicher Punkt ist, ob die Banken durch nationale oder \u00fcberstaatliche Aufsichtsbeh\u00f6rden \u00fcberwacht werden. W\u00e4hrend nationale Aufsichtsbeh\u00f6rden besseren Zugang zu Informationen \u00fcber den lokalen Bankensektor haben, verf\u00fcgt eine \u00fcberstaatliche Beh\u00f6rde \u00fcber mehr Ressourcen wie etwa qualifizierte Mitarbeitende. Auch die Anreize k\u00f6nnen sich je nach Regulierungsebene unterscheiden: Angesichts des h\u00e4ufigen Personalwechsels zwischen lokalen Beh\u00f6rden und Banken sowie starkem Lobbying sind nationale Beh\u00f6rden anf\u00e4lliger f\u00fcr Interessenkonflikte und tendenziell nachsichtiger in der Aufsicht. Dagegen kann eine \u00fcberstaatliche Beh\u00f6rde unabh\u00e4ngiger agieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nStimmt das? Welche konkreten Auswirkungen hatte der Systemwechsel von einer nationalen zu einer supranationalen Bankenaufsicht in der Eurozone auf die Kreditvergabe der Banken und die Stabilit\u00e4t des Finanzsystems? Carlo Altavilla, Miguel Boucinha, Jos\u00e9-Luis Peydr\u00f3 und Frank Smets von der Europ\u00e4ischen Zentralbank sowie der Universit\u00e4t Pompeu Fabra in Barcelona gehen dieser Frage nach. Dazu untersuchen sie Daten aus 15 europ\u00e4ischen Kreditregistern mit rund 280 Millionen Beobachtungen im Zeitraum von Juni 2012 bis Dezember 2017. In ihrer Analyse nutzen sie die Tatsache, dass nicht alle, sondern nur die bedeutenden Banken unter die neue supranationale Aufsicht fallen. Zum Vergleich ber\u00fccksichtigen sie auch das Verhalten von Banken ausserhalb der Eurozone, welche nicht von der Umstellung betroffen waren. Dadurch k\u00f6nnen sie die gesch\u00e4tzten Effekte tats\u00e4chlich dem Systemwechsel zuordnen.&#13;<\/p>\n<h2>Weniger riskante Kreditvergabe<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Sch\u00e4tzungen der Forscher zeigen, dass die Banken bei \u00fcberstaatlicher Aufsicht ihre Kreditvergabe an Firmen mit hohem Kreditrisiko einschr\u00e4nken und stattdessen die Kredite an weniger riskante Firmen ausweiten. Firmen gelten als riskant, wenn sie mit einem grossen Teil ihrer Kredite in Verzug sind. Die \u00fcberstaatliche, zentralisierte Aufsicht senkt demnach das Risiko im Kreditgesch\u00e4ft der Banken. Die Banken schichten von riskanteren zu weniger riskanten Firmen um, ohne dass das gesamte Kreditvolumen leidet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn ihrer Analyse unterscheiden die Forscher zwischen Banken in finanziell stabilen und instabilen Mitgliedsstaaten der Eurozone. Italien, Portugal und Spanien gelten als finanziell instabil. \u00d6sterreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Litauen und die Slowakei z\u00e4hlen als stabile L\u00e4nder. Der Effekt des Systemwechsels ist f\u00fcr finanziell instabile L\u00e4nder ausgepr\u00e4gter als f\u00fcr stabile: In den instabilen L\u00e4ndern reduziert die zentrale Bankenaufsicht die Kreditvergabe von Banken an Firmen mit dem h\u00f6chsten Kreditrisiko um 43 Prozent. In stabilen L\u00e4ndern betr\u00e4gt dieser R\u00fcckgang zwar weniger, aber immerhin noch 36 Prozent. Steigt das Kreditrisiko (um eine Standardabweichung) an, so geht die Kreditvergabe an diese Firmen bei zentraler Aufsicht in den instabilen L\u00e4ndern um rund acht Prozent und in den stabilen Staaten um f\u00fcnf Prozent zur\u00fcck.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie ist dieser Effekt zu bewerten? Problematisch w\u00e4re es, wenn die riskanteren Firmen gleichzeitig in besonders produktiven Sektoren t\u00e4tig w\u00e4ren und nun weniger Kredite erhielten. Die Forscher stellen jedoch fest, dass dies nicht der Fall ist. Dies gilt unabh\u00e4ngig davon, ob die Banken in finanziell stabilen oder instabilen L\u00e4ndern t\u00e4tig sind. Die supranationale Bankenaufsicht scheint die Kreditvergabe an produktivere Firmen sogar tendenziell zu erh\u00f6hen, allerdings ist dieser Effekt nicht statistisch signifikant. Betrachtet man hingegen nur Kredite mit gleichem Ausfallrisiko, dann vergeben die Banken, die einer \u00fcberstaatlichen Bankenaufsicht unterstehen, mehr Kredite an produktivere Firmen. So erhalten etwa Firmen in einem Sektor, dessen Arbeitsproduktivit\u00e4t um eine Standardabweichung \u00fcber dem Mittelwert liegt, bei gegebenem Risiko um f\u00fcnf Prozent mehr Kredite.&#13;<\/p>\n<h2>Banken \u00e4ndern ihr Verhalten fr\u00fchzeitig<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie einheitliche Bankenaufsicht in der Eurozone trat im November 2014 in Kraft. Dies war jedoch schon seit Oktober 2013 bekannt. Wann genau traten die \u00c4nderungen im Risikoverhalten der Banken ein? Die Abbildung zeigt, wie die supranationale Aufsicht die Kreditvergabe an Firmen mit dem h\u00f6chsten Kreditrisiko in finanziell instabilen Mitgliedsstaaten beeinflusste. Es zeigt sich, dass die Banken teilweise schon vorab ihr Verhalten \u00e4nderten, d. h. der effektive Systemwechsel k\u00f6nnte schon fr\u00fcher stattgefunden haben. Der Effekt ist jedoch erst in der zweiten Jahresh\u00e4lfte 2014 signifikant. Banken scheinen daher ihr Risikoverhalten tats\u00e4chlich erst dann angepasst zu haben, als die neue Aufsicht im November 2014 ihren Betrieb aufnahm.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Forscher gingen noch einen Schritt weiter und analysierten das Zusammenspiel des regulatorischen Systemwechsels mit der expansiven Geldpolitik der Europ\u00e4ischen Zentralbank. Ihre Sch\u00e4tzungen zeigen, dass eine Lockerung der Geldpolitik dazu beitr\u00e4gt, dass Banken mehr Risiken eingehen und zus\u00e4tzliche Kredite an Firmen mit hohem Kreditrisiko vergeben. Der Wechsel zur \u00fcberstaatlichen Bankenaufsicht hebt diesen Effekt jedoch auf. Die Kreditvergabe an weniger riskante Firmen wird dabei nicht beeintr\u00e4chtigt.&#13;<\/p>\n<h2>Mehr Mittel und Personal entscheidend<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWeshalb ist die Aufsicht durch eine \u00fcberstaatliche Beh\u00f6rde offenbar effektiver? Das Forscherteam stellt daf\u00fcr zwei Hypothesen auf. Die <em>Anreizhypothese<\/em> stellt auf die m\u00f6glicherweise ver\u00e4nderte Anreize der Aufsichtsbeh\u00f6rden ab, die bei zentraler Aufsicht unabh\u00e4ngiger agieren k\u00f6nnen. Die <em>Kapazit\u00e4tshypothese<\/em> betont die Bedeutung einer qualitativ und quantitativ besseren Ressourcenausstattung der \u00fcberstaatlichen Beh\u00f6rde.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Effekt der einheitlichen Bankenaufsicht auf die Kreditvergabe an Firmen mit dem h\u00f6chsten Kreditrisiko in instabilen L\u00e4ndern (2013\u20132015)<em>&#13;<br \/>\n<\/em><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/08\/Web_only-GM\u00dcR-Next-Generation-Abbildung.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-97710\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/08\/Web_only-GM\u00dcR-Next-Generation-Abbildung.png\" alt=\"\" width=\"793\" height=\"504\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Altavilla et al. (2020)<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Studienautoren stellen fest, dass die zentralisierte Aufsicht vor allem das Risikoverhalten von sehr grossen Banken mit einer Bilanzsumme von mehr als 500 Milliarden Euro stark beeinflusst. Da die Komplexit\u00e4t der Regulierung f\u00fcr jene Banken \u00fcberproportional zunimmt, ist dies ein Indiz f\u00fcr die Kapazit\u00e4tshypothese. F\u00fcr die Anreizhypothese finden die Forscher hingegen kaum Hinweise. So ist beispielsweise bei sehr schwachen Banken, welche von einer lokalen Beh\u00f6rde st\u00e4rker gesch\u00fctzt werden k\u00f6nnten, keine Ver\u00e4nderung des Risikoverhaltens festzustellen. Die Autoren kommen daher zum Schluss, dass die effektivere Regulierung in erster Linie darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, dass die supranationale Beh\u00f6rde \u00fcber mehr Mittel und Personal verf\u00fcgt, um eine effiziente Kontrolle auch in sehr komplexen F\u00e4llen zu gew\u00e4hrleisten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Studie des Forscherteams um Jos\u00e9-Luis Peydr\u00f3 zeigt, dass die Wahl der Aufsichtsebene einen wesentlichen Einfluss auf das Risikoverhalten der Banken und somit auf die Stabilit\u00e4t des Finanzsystems haben kann. Im Fall der Eurozone hat der Wechsel von nationaler zu supranationaler Regulierung dazu gef\u00fchrt, dass die Banken ihre Risiken im Kreditgesch\u00e4ft trotz der lockeren Geldpolitik verringert haben.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Altavilla, Boucinha, Peydr\u00f3 und Smets (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im November 2014 trat in der Eurozone der einheitliche Bankenaufsichtsmechanismus in Kraft, der ein wesentlicher Pfeiler der Europ\u00e4ischen Bankenunion ist. Seither unterstehen grosse Banken in der Eurozone einer einheitlichen \u00fcberstaatlichen Regulierung und Aufsicht durch die Europ\u00e4ische Zentralbank. Die Regulierung von Banken ist eine komplexe Aufgabe. 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