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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Verantwortungsvolles Wirtschaften oder Imagepflege?»

Fairtrade & Co: Die Pionierphase ist vorbei

Private, freiwillige Nachhaltigkeitsstandards sind zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Nun sind Reformen und weitreichende Allianzen nötig.

Vom Gütesiegel UTZ zertifizierte Teeproduktion in Indien. (Bild: UTZ)

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Nachhaltigkeitsstandards wie Fairtrade oder MSC dienen den Konsument als Orientierungshilfe und helfen den Unternehmen, ihre Wertschöpfungsketten nachhaltiger zu gestalten. Die Dachorganisation International Social and Environmental Accreditation and Labelling Alliance (Iseal) mit Sitz in London vereint 23 Nachhaltigkeitsstandards. Sie setzt sich für die Glaubwürdigkeit und Harmonisierung innerhalb dieser privaten, freiwilligen Standardsysteme ein und fördert gezielt Innovationen in diesem rasant wachsenden Markt. Das Staatsekretariat für Wirtschaft (Seco) unterstützt die Allianz, welche Ende Juni in Zürich ihre Jahreskonferenz durchführt.

Ob Fairtrade-Rosen, UTZ-Schokolade, FSC-Holz oder MSC-Fisch: Nachhaltigkeitsstandards (siehe Kasten 1) sind heute aus dem internationalen Handel nicht mehr wegzudenken und sind zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden. Der Marktanteil von Produkten mit einer Nachhaltigkeitszertifizierung steigt rasant, wie eine vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) finanzierte Studie zeigt, welche 14 Standards in mehreren Rohstoffsektoren untersuchte.[1] So hat sich die vom Gütesiegel UTZ zertifizierte Anbaufläche für Kakao, Kaffee und Tee beispielsweise zwischen 2009 und 2015 verzehnfacht, und mittlerweile liegt der Marktanteil von UTZ-Kakao bei 15 Prozent des globalen Kakaomarkts. Ähnliche Wachstumsmuster zeigen die untersuchten Standards im Baumwollsektor oder bei der  Herstellung von Palmöl.

Standards und Labels dienen den Konsumenten als Orientierungshilfe. Für Unternehmen sind sie jedoch weit mehr als ein Kommunikations- und Marketinginstrument. Die Implementierung der Nachhaltigkeitsstandards hilft ihnen, Lieferketten und betriebliche Prozesse besser zu managen und Risiken wie Kinderarbeit, den unsachgemässen Einsatz chemischer Substanzen oder illegale Rodungen zu minimieren. Gemäss Umfragen setzen mehr als 70 Prozent der weltweit befragten Firmen auf Standards und geben an, dass sich diese auch wirtschaftlich positiv auswirken.[2]

Mit dem wachsenden Erfolg und der zunehmenden Bekanntheit verschiedener Standards mehren sich jedoch auch kritische Stimmen: Verdienen Fairtrade-Bauern wirklich genug? Sind die Kriterien eines Labels transparent und deren Überprüfung verlässlich und effizient? Sind die positiven Auswirkungen eines Standards auf Mensch und Umwelt tatsächlich messbar, oder sind sie nicht viel mehr als ein Wunschgedanke?

Angesichts solcher Kritik bietet die Dachorganisation International Social and Environmental Accreditation and Labelling Alliance (Iseal) mit Sitz in London  wertvolle Orientierungshilfe. Initiiert wurde der Zusammenschluss im Jahr 2002 durch die vier Zertifizierungsorganisationen Forest Stewardship Council (FSC), Marine Stewardship Council (MSC), International Federation of Organic Agriculture Movements (IFOAM) und Fairtrade. Mittlerweile vereinigt Iseal 23 Nachhaltigkeitsstandards. Auch das Seco unterstützt Iseal (siehe Kasten 2).

Iseal – ein wichtiger Player im Hintergrund

Der Grundgedanke von Iseal ist es, trotz unterschiedlicher Tätigkeitsfelder – Holz, Fischerei, biologische und faire Landwirtschaft etc. – enger zusammenzuarbeiten, voneinander zu lernen und letztlich: sich selbst besser zu kontrollieren und zu kontinuierlichen Verbesserungen anzuspornen. Heute gelten die Iseal-Leitlinien weltweit als Referenz für die Entwicklung und Anwendung glaubhafter Standards. Die Organisation setzt sich dabei für Kompatibilität zwischen den Standards und für eine Vereinheitlichung der Zertifizierungskriterien ein.

Die vielleicht grösste Errungenschaft von Iseal und ihren Mitgliedern ist das klare Bekenntnis zu einem Multi-Stakeholder-Ansatz. So werden die Regelwerke der einzelnen Standards durch Produzenten, Händler, Importeure, und NGOs gemeinsam entwickelt. Diese kooperativen Prozesse lassen tragfähige gemeinsame Lösungsansätze entstehen und stärken die Legitimität der Standards und das Vertrauen unter den verschiedenen Akteuren der Wertschöpfungskette.

Weitere Konsolidierung ist nötig

Viele Standards haben die Pionierphase mittlerweile hinter sich und sehen sich mit Herausforderungen wie der fortschreitenden Globalisierung, dem steigenden Ressourcenverbrauch und der Digitalisierung konfrontiert. Es stellt sich also die Frage: In welche Richtung sollen sich die Standards entwickeln? Antworten darauf sucht beispielsweise die Iseal-Jahreskonferenz zu Nachhaltigkeitsstandards, welche Ende Juni in Zürich unter dem Titel «Die Zukunft des Vertrauens» stattfindet.[3]

Teilweise ist wohl ein radikales Umdenken gefragt: Bisherige aufwendige, aber letztlich wenig zweckmässige Kontrollverfahren müssen überdacht und dem digitalen Zeitalter angepasst werden. Gerade die Digitalisierung eröffnet dabei auch Chancen – beispielsweise in Bezug auf die Rückverfolgbarkeit von Gütern bis hin zu einem direkten Kontakt zwischen Konsument und Produzent.

Die Zukunft liegt bei starken Allianzen. Insbesondere die Kompatibilität der einzelnen Standards ist nach wie vor ausbaufähig und auch Fusionen sollten kein Tabu darstellen. Zudem müssen die vom aktuellen System nicht erfassten Produzenten – etwa, weil sie zu arm oder schlecht organisiert sind – besser eingebunden werden, ohne dass die Standards dabei an Glaubwürdigkeit verlieren. Schliesslich sollen lokale Akteure – vor allem die Behörden – mehr angehört und in die Pflicht genommen werden. Politik und Wirtschaft sind also gleichermassen gefordert.

  1. Julia Lernoud et al. (2017). The State of Sustainable Markets – Statistics and Emerging Trends 2017, ITC, Genf. []
  2. ISEAL Findings of Survey of Corporate Sustainability Standards, GlobeScan Incorporated, Februar 2016, Webbeitrag auf Isealalliance.org []
  3. Mehr unter Isealalliance.org []

Dr. phil., stv. Ressortleiter Handelsförderung, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Programmdirektorin UTZ und Vorstandsvorsitzende Iseal, Amsterdam

Kasten 1: Was ist ein Nachhaltigkeitsstandard?

Ein Nachhaltigkeitsstandard definiert eine Reihe von Prinzipien und Kriterien in Bezug auf die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit – Umwelt, Soziales und Wirtschaft – innerhalb eines Sektors, eines Produkts oder einer Industrie. Im Unterschied zu rechtsverbindlichen staatlichen Regulierungen sind Nachhaltigkeitsstandards privat und durch den Markt organisiert, weshalb sie als freiwillig bezeichnet werden. Anhand eines (Zertifizierungs-)Programms prüft die jeweils zuständige Organisation, ob der Standard in der betroffenen Stufe der Wertschöpfungskette (Bauernhöfe, Waldkonzessionen, Fabriken etc.) eingehalten wird. Bei Standards, welche sich in erster Linie an die Konsumenten richten, spricht man normalerweise von Labels oder Gütesiegeln.

Kasten 2: Das Seco unterstützt Nachhaltigkeitsstandards

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) beziehungsweise das frühere Bundesamt für Wirtschaft (Bawi) engagiert sich seit Jahren für Nachhaltigkeitsstandards – so etwa 1992 mit der Anschubfinanzierung für die Gründung der Schweizer Max-Havelaar-Stiftung. Mit dem aktuellen Programm Transparency and Innovation of Sustainability Standards (TISS), will das Seco gezielt Transparenz und Innovation im Bereich Nachhaltigkeitsstandards fördern. Neben der International Social and Environmental Accreditation and Labelling Alliance (Iseal) unterstützt das Seco auch das Internationale Handelszentrum (ITC) in Genf, das unter anderem auf der Webseite Standardsmaps.org ausführliche Informationen über mehr als 210 Standards zugänglich macht.

Dr. phil., stv. Ressortleiter Handelsförderung, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Programmdirektorin UTZ und Vorstandsvorsitzende Iseal, Amsterdam