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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Wie geht es der Mittelschicht?»

Mittelstand in den OECD-Ländern unter Druck

Viele Menschen in den OECD-Staaten schätzen ihre eigene Situation als pessimistisch ein. Insbesondere für junge Leute und Familien ist der Aufstieg in den Mittelstand erschwert.

In den USA fühlen sich immer weniger der Mittelschicht zugehörig. Pendler in New York. (Bild: iStock)

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Die meisten Menschen in den OECD-Ländern leben in Haushalten mit mittleren Einkommen und zählen sich selbst zum Mittelstand. Diese Mittelschicht beurteilt ihre wirtschaftliche Lage zunehmend als gefährdet. Es gibt Anzeichen dafür, dass die mittlere Einkommensgruppe während der letzten 30 Jahre in den meisten OECD-Ländern kleiner geworden ist und an wirtschaftlichem Einfluss eingebüsst hat. Für junge Leute und Familien mit Kindern ist es heute schwieriger, in den Mittelstand aufzusteigen. Die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt werden immer unsicherer, weil Stellen für mittelqualifizierte Arbeitskräfte und Standardjobs durch den technologischen Wandel und die Globalisierung verloren gehen. Der Mittelstand kommt durch höhere Lebenshaltungskosten und gestiegene eigene Ansprüche zunehmend unter Druck, was teilweise zu einer starken Verschuldung führt. Damit die Mittelschicht wieder Vertrauen fasst, sind wirksame politische Massnahmen erforderlich. Handlungsbedarf besteht namentlich in der Bildungs-, der Steuer- sowie der Wohnpolitik.

In vielen Industriestaaten sind in jüngster Zeit neue Formen von Nationalismus, Populismus und Protektionismus zu verzeichnen. Dies wird auch damit in Zusammenhang gebracht, dass der Lebensstandard des Mittelstands stagniert. Der globalen Integration und den öffentlichen Institutionen steht dieser daher teilweise ablehnend gegenüber, und die eigene wirtschaftliche Situation wird zunehmend als bedrohlich beurteilt. Es herrscht ein Gefühl von Ungewissheit und Angst.[1]

Seit 30 Jahren wachsen die mittleren Einkommen weniger stark als die höchsten Einkommen: Das reale Medianeinkommen – das heisst das Einkommen des Haushalts, der genau in der Mitte der Einkommensverteilung liegt – hat in allen OECD-Ländern unterdurchschnittlich zugenommen (siehe Abbildung 1). Besonders ausgeprägt war diese Entwicklung in den USA sowie in Neuseeland und Mexiko, wo der jährliche Zuwachs der mittleren Einkommen um mindestens 0,3 Prozentpunkte unter dem jeweiligen Durchschnitt lag.

Lediglich in vier Ländern stiegen die mittleren Einkommen schneller als der Durchschnitt, allerdings in sehr unterschiedlicher Weise. Während in den Niederlanden und insbesondere in Israel ein starkes Wachstum der realen Gesamteinkommen zu verzeichnen war, stagnierten diese in Japan und gingen in Griechenland als Folge der globalen Finanzkrise drastisch zurück (siehe Abbildung 2).

Abb. 1: Zuwachs des Realeinkommens nach Einkommenslage (OECD-Durchschnitt, 1985–2015)

Abb. 2: Zuwachs des Durchschnitts- und des Medianeinkommens in ausgewählten OECD-Staaten (1985–2015)

Anmerkung: Die Einkommensdaten beziehen sich auf die Gesamtbevölkerung und beruhen auf dem verfügbaren Einkommen, bereinigt nach Haushaltsgrösse. Im OECD-Durchschnitt sind 17 Länder berücksichtigt: Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Grossbritannien, Israel, Italien, Japan, Kanada, Luxemburg, Mexiko, Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Schweden und USA.

Quelle: OECD (OE.CD/IDD); Berechnungen Förster und Levy (2017) / Die Volkswirtschaft

In den OECD-Ländern leben im Durchschnitt sechs von zehn Personen in Haushalten mit mittleren Einkommen, das heisst, ihr Haushaltseinkommen liegt zwischen drei Vierteln und dem Doppelten des Medianeinkommens im jeweiligen Land. Der Anteil dieser Haushalte liegt zwischen 50 Prozent in den USA, in Israel und in Estland und knapp 75 Prozent in den nordischen und einigen kontinentaleuropäischen Ländern. In der Schweiz verfügen knapp zwei Drittel der Haushalte über ein mittleres Einkommen – ähnliche Werte sind in Deutschland, Frankreich und Österreich zu verzeichnen.

Zugehörigkeitsgefühl variiert

Durchschnittlich zählen sich in den OECD-Staaten beinahe sieben von zehn Personen zur Mittelschicht. Bei der Selbsteinschätzung gibt es jedoch grosse Unterschiede zwischen den Ländern.[2] So fühlen sich in Portugal und in Grossbritannien lediglich zwischen 30 und 40 Prozent der Bevölkerung zur Mittelschicht zugehörig. In Dänemark, Island und den Niederlanden liegt der Anteil hingegen bei fast 90 Prozent. Mit einem Anteil von 82 Prozent belegt die Schweiz in dieser Liste den vierten Rang.

Im Allgemeinen besteht ein Zusammenhang zwischen dem Anteil der Bevölkerung mit mittleren Einkommen und dem Anteil der Personen, die sich als Angehörige des Mittelstands betrachten. Allerdings fühlen sich in den meisten Ländern mehr Personen dem Mittelstand zugehörig, als es die Einkommensdaten vermuten lassen würden (siehe Abbildung 3). Studien zur subjektiven sozialen Klassenidentifikation bringen dies oft mit einem «Mittelstands-Bias» in Zusammenhang, wonach es eine Selbstidentifikation mit dem Mittelstand unabhängig von der finanziellen und wirtschaftlichen Lage gibt.[3]

Abb. 3: Mittlere Einkommen und subjektive Einschätzung nach Ländern (in %)

Anmerkung: Die mittlere Einkommensgruppe ist definiert als Anteil der Haushalte, die über ein Einkommen zwischen 75% und 200% des Medianeinkommens verfügen. Die Bevölkerungsgruppe, die sich nach subjektiver Einschätzung zum Mittelstand zählt, besteht aus den Personen, die sich selbst als Angehörige der Mittelschicht betrachten. Die Einkommensdaten beziehen sich auf das Jahr 2013, mit Ausnahme von Kanada (2010), Südkorea (2006), Deutschland (2014), Mexiko (2012) und der Schweiz (2012).

Subjektive Indikatoren zeigen, dass Mittelstandshaushalte ihre finanzielle Lage zunehmend pessimistisch einschätzen. In den USA und in Kanada ist der Anteil der Bevölkerung, der sich als Teil der Mittelschicht betrachtet, in den letzten Jahren stark gesunken. Im gleichen Umfang hat in diesen beiden Ländern der Anteil der Personen zugenommen, die nach ihrer Selbsteinschätzung einer tieferen sozialen Schicht angehören.[4]

Pessimismus herrscht auch mit Blick auf die Zukunft. In den meisten OECD-Ländern geht über die Hälfte der Bevölkerung davon aus, dass die heutigen Kinder im Erwachsenenalter in finanzieller Hinsicht schlechtergestellt sein werden als ihre Eltern.[5]

Rückgang in den Neunzigerjahren

Erkenntnisse aus Umfragen zum Haushaltseinkommen bestätigen, dass der Mittelstand besonders stark gegen Ende des 20. Jahrhunderts schrumpfte. Im Durchschnitt der OECD-Länder ist der Anteil der mittleren Einkommensgruppe an der Gesamtbevölkerung von 63 Prozent Mitte der Achtzigerjahre auf 61 Prozent Anfang der Nullerjahre gesunken. Seither ist er verhältnismässig stabil geblieben.

Deutlich reduziert hat sich der Anteil des Mittelstandes seit den Achtzigerjahren in Deutschland, in Finnland, in Polen, in der Slowakei und in Schweden. Wie in anderen osteuropäischen Ländern erfolgte dieser Rückgang in der Slowakei und in Polen während des wirtschaftlichen Übergangsprozesses in den Neunzigerjahren. In Schweden und Finnland war die stärkste Abnahme in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre zu verzeichnen, das heisst im Anschluss an die Rezession in den nordischen Ländern. Demgegenüber nimmt der Anteil in Deutschland ziemlich kontinuierlich ab. In der Schweiz schrumpfte die Mittelschicht nur leicht von 65,4 Prozent in den Achtzigerjahren auf 64,5 Prozent im Jahr 2013.

Die Abnahme der mittleren Einkommensgruppe ging, etwa im gleichen Ausmass, mit einer Zunahme der unteren und oberen Einkommensgruppen einher. Auch hier bestehen zwischen den einzelnen Ländern beträchtliche Unterschiede. So war in Deutschland die Abnahme der mittleren Einkommensgruppe mit einer Zunahme der unteren und oberen Einkommensgruppen im gleichen Umfang verbunden. In den Vereinigten Staaten hingegen nahmen die oberen Einkommensgruppen beinahe doppelt so stark zu wie die unteren Einkommensgruppen; in Frankreich fiel beinahe die gesamte (leichte) Zunahme der mittleren Einkommensgruppe mit einem entsprechenden Rückgang der unteren Einkommensgruppe zusammen. In der Schweiz ging der leichte Rückgang der mittleren Einkommensgruppe mit einer vergleichbaren Zunahme der unteren Einkommensgruppen einher, während der Anteil der oberen Einkommensgruppen trotz einiger Schwankungen in den letzten Jahren insgesamt stabil blieb.

Der wirtschaftliche Einfluss des Mittelstands nahm stärker ab als sein Anteil an der Gesamtbevölkerung. So nahm der Anteil der mittleren Einkommen am Gesamteinkommen um 3 Prozentpunkte ab, während der Bevölkerungsanteil der Personen mit mittleren Einkommen um 2 Prozentpunkte zurückging. Dies kam ausschliesslich den oberen Einkommen zugute. Seit der Jahrtausendwende hat sich der Einkommensanteil der mittleren Einkommensgruppe in Dänemark, Deutschland und den USA deutlich reduziert.

Seit 1985 ging der Anteil des Mittelstands am Gesamteinkommen in den USA sogar um beinahe 14 Prozentpunkte zurück. Im Gegensatz dazu hat sich der Einkommensanteil der mittleren Einkommen in Norwegen, Mexiko und Estland beträchtlich erhöht.

Der Mittelstand wird älter

Der Anteil von Rentnern am Mittelstand hat substanziell zugenommen, während die Anteile aller anderen Altersgruppen gesunken sind. Die zunehmende Zahl von älteren Menschen in der Mittelschicht ist zum einen Ausdruck der besseren Altersversorgung von Neurentnern. Zum anderen ist sie darauf zurückzuführen, dass immer mehr Personen über das Pensionsalter hinaus erwerbstätig sind.

Immer weniger Familien schaffen den Aufstieg in den Mittelstand. In den letzten Jahrzehnten hat der Prozentsatz von Familien mit Kindern in der mittleren Einkommensgruppe abgenommen, während er in den unteren Einkommensgruppen gestiegen ist. Beim Anteil an der Mittelschicht von alleinstehenden Erwachsenen und Paaren ohne Kinder verlief die Entwicklung umgekehrt.

Eine zunehmende Polarisierung des Arbeitsmarktes sowie neue Arbeitsformen erodieren den Mittelstand zusätzlich. Während der letzten Jahrzehnte wurden viele Arbeitsplätze von mittelqualifizierten Erwerbstätigen durch neue Technologien ersetzt. Gleichzeitig wurden durch die technische Entwicklung neue Stellen am oberen und unteren Ende der Qualifikations- und Lohnskala geschaffen. Dies erfolgte zulasten der Arbeitsplätze im mittleren Spektrum.[6]

Parallel zum Verlust von Arbeitsplätzen für mittelqualifizierte Erwerbstätige während der letzten 25 Jahre erfolgte eine Zunahme von atypischen Arbeitsplätzen – das sind beispielsweise Temporärstellen, Teilzeitarbeit und selbstständige Erwerbstätigkeit. Diese Entwicklung, welche ebenfalls zur Beschäftigungspolarisierung beitrug, hat sich nach der Wirtschaftskrise beschleunigt.[7]

Steigende Lebenshaltungskosten

Ebenfalls unter Druck kommt der Mittelstand durch höhere Lebenshaltungskosten. Immer mehr Menschen haben Schwierigkeiten, einen «für den Mittelstand typischen Lebensstil» aufrechtzuerhalten. Die Preise einiger traditioneller «Konsumgüter der Mittelschicht» haben sich viel rascher erhöht als die mittleren Einkommen oder die Gesamtinflation. Beispielsweise gilt Wohneigentum in vielen Ländern als typisches Mittelstandsmerkmal. Doch aufgrund des raschen Anstiegs der Immobilienpreise können sich dies immer weniger Menschen leisten – das gilt insbesondere für junge Leute.

Beim Konsum sind auch die eigenen Ansprüche der Mittelstandsfamilien gestiegen: Nach Erkenntnissen von Anthropologen, Soziologen und in jüngerer Zeit auch von Ökonomen werden diese teilweise auch davon beeinflusst, dass die Mittelschicht den Lebensstil der Oberschicht nachahmt. Demnach wollen Angehörige des Mittelstands mit ihren Handlungen ihre Chancen und jene ihrer Familienmitglieder aufrechterhalten.

Dieses Phänomen wird als «Ausgaben-Kaskade» oder als «Trickle-down-Konsum» bezeichnet.[8] So kommen etwa Mittelstandsfamilien in einem zunehmend wettbewerbsorientierten Arbeitsmarkt, der von den Arbeitskräften immer höhere Qualifikationen verlangt, zum Schluss, dass sie noch mehr in die Qualifikation und Bildung investieren müssen. Entsprechend setzen Mittelstandsfamilien in verschiedenen OECD-Ländern zunehmend auf eine kostenpflichtige Ausbildung in Privatschulen, an einer Universität oder in Form von ausserschulischen Aktivitäten, um ihren Kindern zusätzliche Chancen zu eröffnen. Steigende Bildungskosten belasten das Budget von Mittelstandsfamilien und führen in einigen Fällen zu einer untragbaren Schuldenlast.

Ausbildung, Beschäftigungs- und Fiskalpolitik

Grundsätzlich sind Bildungsausgaben sowohl in individueller als auch in gesellschaftlicher Hinsicht eine gute Investition. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, die Qualifikationen der Arbeitskräfte zu verbessern und auf den neuesten Stand zu bringen, um die Chancen des Mittelstands zu erhöhen. Dazu müssen die Strategien auf die Ressourcen und Bedürfnisse in der Praxis abgestimmt werden. Was die Schweiz betrifft, umfasst die Fachkräfteinitiative des Bundes verschiedene solcher Massnahmen, um die Qualifikationen zu steigern, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern und gute Bedingungen für die Erwerbstätigkeit von älteren Arbeitnehmenden zu schaffen.

Um zusätzliches integratives Wachstum zu fördern, spielt auch eine gut konzipierte und auf den Mittelstand ausgerichtete Fiskalpolitik eine wichtige Rolle. Mit Steuererleichterungen für Personen mit tiefem oder mittlerem Einkommen, Unterstützung der Kinderbetreuung und Elternurlaub für Erwerbstätige könnten das Realeinkommen und die Beschäftigungsmöglichkeiten der Mittelschicht gesteigert werden. Auf die Schweiz übertragen, heisst dies: Mit der Beseitigung von steuerlichen Verzerrungen und der Förderung des Kinderbetreuungsangebots könnten das Angebot an weiblichen Arbeitskräften und die Produktivität erhöht werden.[9]

Eine Stabilisierung der Wohnkosten würde den Lebensstandard des Mittelstands ebenfalls verbessern. In der Schweiz könnte beispielsweise die Verdichtung des Wohnraums mit einer Überprüfung der Raumplanungsvorschriften und besseren Informationen für Grundeigentümer erhöht werden.[10]

  1. OECD (2017). []
  2. Curtis (2016). []
  3. Evans and Kelley (2004). []
  4. OECD (2016). []
  5. Pew Research Center (2017). []
  6. Autor (2015). []
  7. OECD (2014) und OECD (2015a). []
  8. Frank, Levine und Dijk (2014); Bertrand und Morse (2016). []
  9. OECD (2015b). []
  10. OECD (2015b). []

PhD in Economics, leitender Ökonom, Abteilung Jobs and Income, OECD, Paris

PhD in Economics, Ökonom, Abteilung Jobs and Income, OECD, Paris

Hinweis der Autoren

Die in diesem Artikel vertretenen Auffassungen entsprechen nicht unbedingt dem Standpunkt der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) oder ihrer Mitgliedsstaaten.

Literatur

PhD in Economics, leitender Ökonom, Abteilung Jobs and Income, OECD, Paris

PhD in Economics, Ökonom, Abteilung Jobs and Income, OECD, Paris