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Wie der Strommarkt funktioniert

Ohne Strom steht die Volkswirtschaft still. Gleichzeitig lässt sich Strom nur begrenzt speichern. Das macht den Markt besonders.
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Strom lässt sich nur begrenzt durch andere Energieträger wie Gas ersetzen. Messstation für Erdgas in Pomy VD. (Bild: Keystone)

Strom ist ein zentraler Inputfaktor moderner Volkswirtschaften. Praktisch alle Wirtschaftsbereiche sind darauf angewiesen. Es gibt nur begrenzte Möglichkeiten, Strom durch andere Energieträger wie Gas zu ersetzen. Eine weitere Besonderheit des Stromsystems besteht darin, dass Angebot und Nachfrage jederzeit ausgeglichen sein müssen: Was produziert wird, muss entweder verbraucht oder gespeichert werden. Bereits kleine Abweichungen vom Gleichgewicht können zum Blackout führen. Deshalb sind Speichermöglichkeiten wichtig. Der maximale Energiegehalt der Speicherseen lag in den letzten zehn Jahren bei rund 7,5 Terawattstunden. Dies entspricht etwa dem schweizweiten Verbrauch von 48 Tagen.

Die technisch-physikalischen Eigenschaften des Stromsystems bergen erhebliche wirtschaftliche Risiken: Bei einem unerwarteten Stromausfall im schweizerischen Mittelland rechnet das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (Babs) mit einem wirtschaftlichen Schaden von rund 1,6 Milliarden Franken. Obwohl die Stromversorgung innerhalb von vier Tagen vollständig wiederhergestellt wäre, lassen sich die Produktionsausfälle nur teilweise nachholen.

Häufig bestimmen Gaskraftwerke den Preis

Die Besonderheiten von Strom prägen nicht nur die technische Organisation des Systems, sondern auch den Markt und die Regulierung. In Kontinentaleuropa gelten seit dem 20. Jahrhundert einheitliche Standards. Als Frequenz setzte sich beispielsweise 50 Hertz durch. Mit dieser Normierung wird Strom zu einem perfekt homogenen Gut: Für eine Kaffeemaschine spielt es keine Rolle, ob der Strom aus einem Wasserkraftwerk in der Schweiz oder aus einem Gaskraftwerk in Italien stammt. Entscheidend ist, ob der Anwender den Preis dafür bezahlen will.

Seit den frühen 2000er-Jahren hat die EU die Strommärkte schrittweise liberalisiert. Dadurch entstanden liquide Handelsplätze sowie standardisierte Prozesse für den grenzüberschreitenden Stromhandel. Der Preis wird nach dem Merit-Order-Prinzip gebildet: Günstige Stromerzeuger wie die erneuerbaren Energien liefern zuerst. Wenn der so produzierte Strom nicht ausreicht, um die Nachfrage zu decken, kommen teurere Kraftwerke wie Kohle und Gas zum Zug. Das teuerste benötigte Kraftwerk bestimmt den Preis für alle Produzenten. Empirische Analysen zeigen, dass in Europa zwischen 2015 und 2021 Gaskraftwerke bei 58 Prozent der Stunden den Marktpreis bestimmten. Der Strompreis hängt also stark vom Gaspreis ab.[1]

Regionale Preisunterschiede

Knappe Übertragungskapazitäten verhindern jedoch eine vollständige Preisangleichung. Strom kann nur in begrenzten Mengen über Leitungen transportiert werden. Wenn eine Verbindung ausgelastet ist, kann kein zusätzlicher Strom von Regionen mit niedrigen Preisen in Regionen mit höheren Preisen fliessen. Netzengpässe führen deshalb zu regionalen Preisunterschieden.

Netzengpässe können auch an den Schweizer Landesgrenzen auftreten. Die Gründe liegen im Ausgleich saisonaler Schwankungen in der Schweiz sowie in der Rolle der Schweiz als europäische Stromdrehscheibe. 2024 betrugen die Ausfuhren rund 70 Prozent und die Einfuhren rund 50 Prozent des Schweizer Stromendverbrauchs.[2]  Die Schweizer Strompreise können sich daher von jenen der Nachbarstaaten unterscheiden.

Netze als natürliche Monopole

Im Unterschied zum Wettbewerb zwischen den Stromproduzenten weisen Stromnetze die Eigenschaften eines natürlichen Monopols auf. Sämtliche Stromkunden – egal ob gross oder klein – sind an den jeweiligen lokalen Netzbetreiber gebunden, der von den Kantonen festgelegt wird. Es besteht daher kein Wettbewerb auf der letzten Meile. Um einen Missbrauch der Monopolstellung zu verhindern, gelten regulierte Netztarife sowie eine Aufsicht durch die Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom). Die Anzahl der Verteilnetzbetreiber ist wegen Zusammenschlüssen rückläufig und beträgt aktuell rund 600, mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen und Grössen.

Gut 20 dieser Verteilnetzbetreiber verfolgen Geschäftsmodelle, die über den reinen Netzbetrieb hinausgehen. Beispielsweise betreiben sie auch eigene Kraftwerke und können damit am europäischen Grosshandelsmarkt teilnehmen. Insgesamt sind bei der Elcom über 100 Marktteilnehmer mit Sitz in der Schweiz gemeldet. Ein wesentlicher Teil der Stromproduktion konzentriert sich direkt oder indirekt auf wenige Unternehmen. Axpo, Alpiq und BKW gelten als systemkritisch. Rund 60 Prozent der installierten Gesamterzeugungskapazität entfallen auf 32 Kraftwerke mit einer Leistung von mehr als 100 Megawatt pro Kraftwerk.[3] Ein Kraftwerk dieser Grössenordnung kann eine kleine bis mittlere Stadt versorgen.

Zweigeteilter Endkundenmarkt

Im Gegensatz zur Angebotsseite ist die Nachfrageseite regulatorisch unterschiedlich ausgestaltet. Der Endkundenmarkt ist in der Schweiz zweigeteilt. Grössere Stromkunden haben freien Marktzugang und können ihren Stromlieferanten frei wählen, im Inland oder im Ausland. Gemäss jährlicher Umfrage der Elcom sind rund 38’000 Industriekunden oder 0,7 Prozent der Rechnungsempfänger marktzugangsberechtigt. [4] Sie machen die Hälfte des Stromverbrauchs in der Schweiz aus.

Kleine Stromkunden wie Haushalte sowie kleine Unternehmen befinden sich in der Grundversorgung. 99 Prozent der Stromkunden zählen zu dieser Gruppe. Die Tarife sind reguliert und basieren auf den Kosten ihrer Bezugsverträge oder der erweiterten Eigenproduktion.

Strompreise sind für Kleinbetriebe in den letzten Jahren gestiegen

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Quelle: BFE | Grafik: Die Volkswirtschaft

Steigende Nachfrage und Preise

Diese Struktur spiegelt sich auch in der Preisentwicklung wider. Für Haushaltskunden sind die Strompreise zwischen 2015 und 2025 um rund 43 Prozent gestiegen. Knapp zwei Drittel entfielen auf höhere Beschaffungskosten für Energie infolge der Energiekrise 2022. Auch für kleine Gewerbekunden sind die Strompreise in den letzten zehn Jahren um 36 Prozent gestiegen (siehe Abbildung).[5] 2023 lag die Schweiz bis zu einem Fünftel unter dem Preisniveau ihrer Nachbarländer, aber ein Viertel über demjenigen von Dänemark und 55 Prozent über dem von Norwegen. [6] Vergleiche dieser Art hängen jedoch stark davon ab, welche Produkte, Zeiträume und Kundengruppen herangezogen werden.

Gleichzeitig steigt die Stromnachfrage: im Jahr 2024 um 1,4 Prozent, 2025 voraussichtlich um weitere 1,1 Prozent. Treiber sind das Wirtschafts- und das Bevölkerungswachstum, aber auch die zunehmende Substitution fossiler Energie durch Strom – zum Beispiel bei Elektroautos und Wärmepumpen – sowie neue Anwendungen wie die KI.

Mit dem Ausbau der neuen erneuerbaren Energien wie Solar und Wind wird die Stromproduktion zunehmend wetterabhängig. In den späten 2030er-Jahren könnten die neuen erneuerbaren Energien die Wasserkraft als bislang grösste Energiequelle im Schweizer Stromsystem übertreffen. Das Bundesrecht sieht vor, dass 2050 mindestens 45’000 Gigawattstunden oder 53 Prozent der Stromproduktion aus diesen Energiequellen stammen sollen, darunter der Grossteil aus Photovoltaikanlagen.[7]

Mehr Winterstrom und Flexibilität

Mit zunehmenden wetterabhängigen Kraftwerkstechnologien im Stromsystem wird es schwieriger, Angebot und Nachfrage jederzeit im Gleichgewicht zu halten. Das zeigt beispielsweise der Stromversorgungs-Index Schweiz des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE). Analysen zur Versorgungssicherheit und die Energieperspektiven[8] des Bundes zeigen auf, wie eine sichere Stromversorgung unter diesen Vorzeichen sichergestellt werden kann.

Bis Ende 2027 soll ein Update der Energieperspektiven vorliegen. Dazu werden in Szenarien verschiedene Entwicklungen des Stromsystems und deren volkswirtschaftliche Auswirkungen untersucht. Damit die Versorgung stabil bleibt, braucht es mehr Winterstrom und Flexibilität. Dazu zählen Speicherlösungen wie Batterien oder Power-to-X-Anwendungen sowie eine flexiblere Nachfrage. Die Stromkunden sollen stärker auf Marktpreise reagieren können, beispielsweise durch eine intelligente Steuerung von Elektrogeräten. Offene Märkte und internationaler Stromhandel können dazu relevante Impulse setzen.

  1. Siehe Zakeri (2023). []
  2. Siehe Ecoplan (2025) und BFE (2025b). []
  3. Siehe Entso-E: Transparency Platform und Swiss Energy-Charts[]
  4. Siehe Elcom (2025). []
  5. Siehe BFE (2025a). []
  6. Siehe BFE (2024). []
  7. Siehe Energiegesetz (EnG) Art. 2 und Energieverordnung (EnV) Art. 1a. []
  8. Siehe Energieperspektiven 2050+[]

Literaturverzeichnis

Bibliographie

Zitiervorschlag: Spicher, Mathias (2026). Wie der Strommarkt funktioniert. Die Volkswirtschaft, 01. Mai.