Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Förderung und Finanzierung von Start-ups in der Schweiz»

Risikokapitalgeber in der Schweiz zaghaft

Schweizer Anleger investieren zurückhaltend in Start-ups. Nebst Investoren braucht es für den Erfolg jedoch auch risikobereite Unternehmer und regionale Wirtschaftscluster.

Das Biotech-Unternehmen Actelion hat in den letzten 15 Jahren ein rasantes Wachstum hingelegt. Firmensitz in Allschwil. (Bild: Keystone)

Berlin verfügt über ein ausgeprägtes ICT-Cluster. Besucher des Festival Tech Open Air mit Stadtplan. (Bild: Keystone)

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In der Schweiz schöpfen Start-up-Gründer das Potenzial nicht aus. Insbesondere die fehlende Risikobereitschaft sowie bescheidene Wachstumspläne kommen den Gründern in die Quere. Eine weitere Schwachstelle ist die Kommerzialisierung: die Umsetzung einer Idee in ein Produkt. Technisch hingegen überzeugen die Schweizer Lösungen, die oftmals in Zusammenarbeit mit einer Hochschule entwickelt wurden. Gemäss dem Swiss Venture Capital Report wurden 2015 rund 670 Millionen Franken in Jungunternehmen investiert. Mit Abstand am meisten Geld ging an Biotech- und Medtechfirmen. An zweiter Stelle folgen ICT- und Fintech-Start-ups. Der Grossteil der Gelder verteilte sich auf wenige Unternehmen: 80 Prozent des Investitionsvolumens flossen 2015 in die 20 grössten Finanzierungsrunden. Insgesamt stammten nur 30 Prozent der Gelder aus dem Inland. Während am meisten Investitionen in der Frühphase einer Firmengründung getätigt wurden, zeigten sich die Investoren in den späteren Phasen zurückhaltender. Interessant scheint die Errichtung eines Dachfonds für institutionelle Gelder wie beispielsweise von Pensionskassen.

Bevor ein Unternehmer eine Idee gewinnbringend auf dem Markt lancieren kann, braucht er in den meisten Fällen Risikokapital: Sogenanntes Venture Capital ist in den letzten Jahrzehnten zu einer dominierenden Kraft bei der Finanzierung von innovativen amerikanischen Jungunternehmen herangewachsen. Technologiegiganten wie Amazon, Apple oder Google verdanken ihren Erfolg dem frühen Einstieg eines Risikokapitalgebers. Heute ist rund ein Fünftel aller börsengehandelten US-Firmen wagniskapitalfinanziert. Diese Firmen sind wiederum für rund 42 Prozent der gesamten Forschungs- und Entwicklungsausgaben des Publikumsmarktes verantwortlich.[1]

Der volkswirtschaftliche Effekt von Risikokapital in den USA ist beeindruckend: Während lediglich etwa 0,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) in Start-ups investiert werden, sind die von den Jungunternehmen erwirtschafteten Umsätze für rund 21 Prozent des BIP verantwortlich.[2] Zwischen 1977 und 2005 schufen Start-ups jährlich rund 3 Millionen Arbeitsplätze. Im gleichen Zeitraum strichen Firmen, die älter als fünf Jahre waren, durchschnittlich etwa eine Million Stellen.[3] Schätzungsweise waren US-Start-ups für rund ein Drittel der in der Vergangenheit geschaffenen Arbeitsplätze verantwortlich.[4]

Schweizer Start-ups als wichtige Arbeitgeber

Auch in der Schweiz ist der volkswirtschaftliche Effekt von Start-ups in den wachstumsstarken Branchen bedeutend. Die neu gegründeten Unternehmen schaffen in ihrem Gründungsjahr jährlich über 20’000 Arbeitsstellen. Schätzungen gehen davon aus, dass in den letzten Jahren mehr als 350’000 der heutigen Arbeitsplätze durch Jungunternehmen entstanden sind.[5] Dabei ist vor allem der Multiplikator-Effekt der überaus erfolgreichen Unternehmen zu erwähnen. Die Hälfte der Gründer hört zwar nach fünf Jahren wieder auf, doch durch das Wachstum der erfolgreichen wird diese «Mortalitätsquote» mehr als kompensiert.

Erfolgreiche Start-ups schaffen Stellen: Die Zahl der Vollzeitstellen der Jungunternehmen ist im fünften Jahr nach Gründung[6] knapp drei Mal so hoch wie der schweizerische Durchschnitt, der für alle Unternehmen 8,5 beträgt.[7] Allerdings zählt nur jedes zehnte Unternehmen in der Schweiz mehr als zehn Mitarbeiter.[8] Bei den wachstumsstarken Schweizer Start-ups aus der jüngeren Vergangenheit wie dem Pharmahersteller Actelion, dem IT-Unternehmen U-blox oder dem Online-Supermarkt LeShop.ch war jedoch sowohl der Beschäftigungseffekt als auch der Wertschöpfungsbeitrag um ein Vielfaches höher.

Wie in den USA spielten auch für diese Schweizer Unternehmen Risikokapitalgeber eine wichtige Rolle. Dabei gewährten ihnen die Kapitalgeber nicht nur Geld, sondern berieten und unterstützten sie («Smart Money»).

Dominanz der Lifesciences

Der Markt für die frühe Unternehmensfinanzierung hat sich letztes Jahr erholt. Gemäss dem Swiss Venture Capital Report wurden 2015 rund 670 Millionen Franken in Jungunternehmen investiert. Der Bericht wird jährlich vom Newsportal Startupticker.ch in Zusammenarbeit mit der Investorenvereinigung Swiss Private Equity & Corporate Finance Association (Seca) herausgegeben.[9] Über zwei Drittel des Kapitals flossen an Biotech- und Medtech-Start-ups aus der Lifesciences-Branche (siehe Abbildungen 1 und 2). Als zweite treibende Kraft – allerdings mit deutlichem Abstand – hat sich die ICT-Branche etabliert. Zählt man die Fintech-Start-ups dazu, erreichte dieser Sektor 2015 mit rund 129 Millionen Franken ein Fünftel des gesamtschweizerischen Volumens. Andere Branchen spielten eine vergleichsweise bescheidene Rolle.

Abb. 1: 2015 – investiertes Kapital nach Branche (in Mio. Fr.)

Total=676 Millionen Schweizer Franken

Swiss Venture Capital Report 2016 / Die Volkswirtschaft

Abb. 2: 2012 bis 2015 – investiertes Kapital nach Branche

Swiss Venture Capital Report 2016 / Die Volkswirtschaft

Biotech teurer als ICT

Wie in anderen europäischen Ländern konzentriert sich auch in der Schweiz das Risikokapital stark auf einzelne Unternehmen. Im letzten Jahr summierten sich die grössten 20 Wagniskapital-Finanzierungsrunden auf rund 560 Millionen Franken – was über 80 Prozent des gesamten Investitionsvolumens entspricht. Knapp die Hälfte des Finanzierungsvolumens entfiel dabei auf die grössten fünf Transaktionen. Pro Finanzierungsrunde wurden durchschnittlich rund 2,6 Millionen Franken aufgenommen. Dies ist im Vergleich zu den USA nur knapp die Hälfte, entspricht jedoch ungefähr dem gesamteuropäischen Durchschnitt.[10]

Die Grössenunterschiede der Finanzierungsrunden zwischen den einzelnen Branchen sind beträchtlich: Biotech-Unternehmen schafften es durchschnittlich auf vergleichsweise hohe 13,8 Millionen Franken, während ICT-Firmen lediglich 1,5 Millionen Franken erhielten. Für die Beobachtung, dass in der ICT-Branche viele kleine Finanzierungsrunden mit bis zu 2 Millionen Franken stattfanden, gibt es eine Erklärung: Im ICT-Umfeld sind weniger Finanzierungsrunden und geringere Finanzierungsvolumina erforderlich, da der Marktzugang und damit die ersten Umsätze typischerweise viel früher als im Biotech-Bereich stattfinden.

70 Prozent des Risikokapitals stammen aus dem Ausland

Innerhalb der Top-20-Investitionsrunden finden sich viele angesehene, weltweit tätige Kapitalgeber. Dies unterstreicht die Qualität der hiesigen Unternehmen und deren Innovationen – was grundsätzlich zu begrüssen ist. Gleichzeitig droht jedoch die Gefahr, dass die Innovationstätigkeit mit dem oftmals rasanten Ausbau bei Jungunternehmen insbesondere beschäftigungswirksam im Ausland erfolgt – typischerweise in Deutschland, Grossbritannien, Indien, Singapur oder in den USA. Da damit auch alle Vorleistungen verbunden sind, findet die Wertschöpfung verstärkt im Ausland statt.

Während letztes Jahr nur noch rund 30 Prozent des Risikokapitals aus der Schweiz stammten, waren es im Jahresdurchschnitt von 2007 bis 2015 immerhin noch über 40 Prozent gewesen (siehe Abbildung 3). Damit liegt die Schweiz klar unter dem europäischen Durchschnitt von 62 Prozent. Insbesondere britische, amerikanische, französische und holländische Investoren finden zunehmend Gefallen an hiesigen Start-ups.[11]

Abb. 3: Anteil an inländischem Kapital bei Start-ups in Prozent (Durchschnitt 2007 bis 2015)

Invest Europe (2016) / Die Volkswirtschaft

Institutionelle Anleger sind risikoscheu

Wie die jüngsten Auswertungen des Swiss Venture Capital Report zeigen, sind Frühphasenfinanzierungen mit bis zu 2 Millionen Franken dominierend. Danach – wenn es um die Finanzierung des Ausbaus der Produktions- und Vertriebskapazitäten sowie um die Produktentwicklung der nächsten Generation geht – versiegen die einheimischen Geldquellen.

Da es in der Schweiz an Fonds mit substanzieller Grösse mangelt, ist es gerade bei grösseren Finanzierungsrunden äusserst schwierig, inländisches Risikokapital zu erhalten. Das widerspiegelt die Risikoaversion der institutionellen Anleger. Das zugrunde liegende strukturelle Problem gilt im Übrigen für den europäischen Kontinent generell.[12]

Auch wenn sich in den letzten Jahren mit europäischen Ventures eine ansehnliche Rendite erzielen liess[13], sind die Investoren noch kaum von den Vorteilen von Investitionen überzeugt. Ein Grund dafür ist das Fehlen von überzeugenden Beispielen: Erfolgsgeschichten wie die von Google, Uber oder Booking.com werden kaum in der Schweiz geschrieben. In den Reports des World Economic Forums zu «High-Impact Entrepreneurs» oder «ICTs for Inclusive Growth» suchen wir vergebens nach hiesigen Unternehmen.[14] Gründe dafür sind beispielsweise die kaum ausgeprägte Risikokultur, die oftmals bescheidenen Wachstumspläne der Unternehmen sowie die mangelhafte Umsetzung von Ideen in vermarktbare Produkte. Zudem fehlt es in der ICT-Branche an einem Cluster, wie es sich beispielsweise im Silicon Valley, in London oder in Berlin findet.

Interessanter «Zukunftsfonds»

Die Schweiz als Hochpreisland kann im globalen Wettbewerb nur mit technologischen Innovationen Spitze sein. In dieser Hinsicht finden wir dank unseren ETH, Universitäten und vereinzelten Fachhochschulen sowie den verfügbaren Talenten beste Voraussetzungen vor. Bei der Kommerzialisierung muss sich die Schweizer Gründerszene jedoch deutlich verbessern: Es gilt, den kommerziellen Erfolg sowohl auf kontinentaler als auch auf globaler Ebene rascher und konsequenter anzupacken. Eine Ausnahme bilden dank zahlreichen Erfolgen sowie aufgrund eines gut funktionierenden Clusters rund um Big Pharma die Lifesciences. Aufholbedarf orten Experten insbesondere in der ICT-Branche (siehe Kasten).

Eine Antwort auf die mangelnde Risikobereitschaft auf der Investorenseite stellt möglicherweise die vom Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber eingebrachte Idee eines «Zukunftsfonds Schweiz» dar.[15] Pensionskassen und andere institutionelle Investoren könnten sich an diesem als Dachfonds ausgestalteten Investmentvehikel beteiligen, das von professionellen Managern verwaltet wird. Damit profitierten sie von einer hinreichend grossen Risikodiversifikation über mehrere Branchen und über verschiedene Entwicklungsphasen der Start-ups hinweg. Eine Untersuchung, welche auf Zahlen von etwa 300 europäischen Fonds und 50’000 simulierten europäischen Dachfonds basiert, kommt zum Schluss: Bei einem Dachfonds ist sogar die Wahrscheinlichkeit, einen Teil des investierten Kapitals zu verlieren, sehr gering.[16]

An dieser Stelle sei daran erinnert: Die Existenz des Silicon Valley mit dem überragenden Einfluss auf die amerikanische Volkswirtschaft wäre ohne die hohe und kontinuierliche Kapitalallokation aus amerikanischen Pensionskassen – seit rund 50 Jahren – nicht vorstellbar. Kapital alleine ist zwar nicht ausreichend, aber im Zusammenspiel mit Innovation, Unternehmertum und Risikobereitschaft könnte es ein innovatives Ökosystem in der Schweiz befeuern.

  1. Stanford Business online (2015). []
  2. National Venture Capital Association (2011). []
  3. Kauffman Foundation (2010). []
  4. ACG Warburg Chapter (2013). []
  5. Bundesrat (2013). []
  6. Berg (2015). []
  7. BFS (2016). []
  8. WBF (2013). []
  9. Startupticker.ch (2016) und Seca (2016). []
  10. WilmerHale (2016). []
  11. Invest Europe (2016). []
  12. Invest Europe (2014). []
  13. Preqin (2014). []
  14. Vgl. WEF (2014); WEF (2015). []
  15. Motion 13.4184: Langfristanlagen von Pensionskassen in zukunftsträchtige Technologien und Schaffung eines Zukunftsfonds Schweiz. []
  16. Weidig und Mathonet (2004). []

Dozent für Wirtschaft, Hochschule Luzern; Co-Autor Swiss Venture Capital Report; Analyst beim Life Sciences Investor HBM Partners, Zug

Professor für Wirtschaft, Hochschule Luzern; Generalsekretär Swiss Private Equity & Corporate Finance Association (Seca); Geschäftsführender Partner Zugerberg Finanz, Zug

Schweiz technologisch top, Kommerzialisierung verbesserungswürdig

Harald Nieder, Partner beim Zürcher Risikokapitalgeber Redalpine Venture, beurteilt das technische Fundament der hiesigen Start-ups gegenüber den Autoren als sehr gut. Gleichzeitig gibt er zu bedenken, dass die Technologie oft auf Kosten der kommerziellen Aspekte überhandnimmt. Bei den Gründerteams finde sich vielfach ausschliesslich technische Expertise. In der Pflicht sieht Nieder aber auch die Investoren: «Die Risikobereitschaft, die auf Unternehmerseite verlangt wird, ist, auf der Investorenseite insgesamt noch nicht ausreichend vorhanden.»

Alex Stöckl, Investment-Manager bei Creathor Venture, vergleicht die Schweiz mit dem Start-up-Hub Berlin. Einen Unterschied ortet er jedoch bei der Gründungsinitiative: «Bei uns entstehen die Start-ups oft aus einer technologischen Innovation heraus, während in Berlin der betriebswirtschaftliche Kontext dominiert.» Dadurch entstünden in Berlin zwar oft schneller wachsende und einfacher skalierbare Geschäftsmodelle, welche dafür in den meisten Fällen nicht die technische Substanz der Schweizer Start-ups hätten. Stöckl sieht den Umstand als Chance und als Herausforderung zugleich: Die Komplexität der Innovation benötige grundsätzlich mehr Zeit und Ressourcen zur Produktentwicklung; diese Geduld brächten Risikokapitalinvestoren jedoch oft nicht mit. «Sie wollen relativ rasch relevante Umsätze und einen Beweis der Skalierbarkeit sehen.»

Als weiteres Hindernis sieht Stöckl die bescheidene Grösse der Schweizer Fonds, zumal auch ausländische Investoren nicht in der Breite vorhanden sind. Schliesslich fehle es im ICT-Umfeld nach wie vor an Exits mit ausreichender Strahlkraft, welche das lokale Ökosystem stärken und die internationale Investorengemeinde anziehen würden.

Literatur

Dozent für Wirtschaft, Hochschule Luzern; Co-Autor Swiss Venture Capital Report; Analyst beim Life Sciences Investor HBM Partners, Zug

Professor für Wirtschaft, Hochschule Luzern; Generalsekretär Swiss Private Equity & Corporate Finance Association (Seca); Geschäftsführender Partner Zugerberg Finanz, Zug