Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Gesundheitswesen und Kosteneffizienz»

Beschäftigungsboom – Grund zur Freude?

Mehr als eine halbe Million Menschen arbeiten im schweizerischen Gesundheitswesen – Tendenz steigend. In dieser aus arbeitsmarktorientierter Perspektive erfreulichen Entwicklung spiegeln sich aber auch Schwächen des Gesundheitssystems.

Die demografische Alterung erhöht die Nachfrage nach Pflegefachkräften. Spitex im Emmental. (Bild: Keystone)

E-Health als Chance: Die Telemedizin hilft den Patienten, einzuschätzen, ob ein Arztbesuch nötig ist. (Bild: Keystone)

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Das Gesundheitswesen ist einer der wichtigsten Beschäftigungsmotoren in der Schweiz. Die Zahl der Stellen im Gesundheitswesen ist seit dem Jahr 2001 um beinahe die Hälfte gestiegen. Der Beschäftigungsboom reflektiert die steigende volkswirtschaftliche Bedeutung dieses Sektors – das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Angesichts der steigenden finanziellen Belastung der Haushaltsbudgets und der öffentlichen Hand wird künftig auch im Gesundheitswesen verstärkt die Suche nach Effizienzpotenzialen im Zentrum stehen müssen. Hierfür die richtigen Anreize zu setzen, ist eine gesundheitspolitische Herausforderung.

Wirtschaftliche Prosperität und Gesundheit stehen in einer wechselseitigen Beziehung: Einerseits ist die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft vom Gesundheitszustand der Bevölkerung abhängig. Anderseits steigen mit zunehmendem Wohlstand auch die Ansprüche der Bevölkerung gegenüber der Gesundheitsversorgung. Je grösser der Wohlstand ist, umso stärker orientieren sich viele Menschen an einem umfassenden Gesundheitsbegriff, unter dem weniger die blosse Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen als vielmehr ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens verstanden wird.[1]

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass sich die Schweiz eine im internationalen Vergleich hochwertige, aber auch kostenintensive Gesundheitsversorgung leistet. Die kaufkraftbereinigten Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheit sind innerhalb der OECD nur gerade in den USA und in Luxemburg höher als in der Schweiz.[2] Dies schlägt sich auch in den Beschäftigtenzahlen nieder. So arbeiten in der Schweiz über eine halbe Million Menschen im Gesundheitswesen (einschliesslich Heime), was knapp 12 Prozent aller Beschäftigten entspricht.[3] Zum Vergleich: Im Finanz- und Versicherungssektor oder im Gastgewerbe und in der Hotellerie beträgt der Beschäftigungsanteil lediglich je rund 5 Prozent.

Das Gesundheitswesen ist in den letzten 15 Jahren zu einem richtiggehenden Beschäftigungsmotor geworden; seit der Jahrtausendwende ist die Beschäftigung um rund die Hälfte angestiegen (siehe Abbildung 1). Vergleichbar hoch war der Beschäftigungsanstieg mit 38 Prozent zwischen 2001 und 2016 nur bei den «übrigen staatsnahen Dienstleistungen», das heisst in der Bildung, im Sozialwesen und in der öffentlichen Verwaltung. Demgegenüber wuchs beispielsweise der Industriesektor im selben Zeitraum lediglich um 4 Prozent.

Abb. 1: Beschäftigungsentwicklung in ausgewählten Branchen (2001–2016)

BFS, Besta / Die Volkswirtschaft

Die Kehrseite der Medaille

Aus einer arbeitsmarktorientierten Betrachtung lässt sich der Beschäftigungsdynamik im Gesundheitswesen Positives abgewinnen: Der Gesundheitssektor bietet einer grossen Zahl von Arbeitskräften mit ganz unterschiedlichen Qualifikationsniveaus intakte und stabile Beschäftigungsmöglichkeiten. Dabei gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe für das Wachstum. Die demografische Alterung etwa führt im Zusammenhang mit einer steigenden Zahl von chronischen Erkrankungen unweigerlich zu einem höheren Bedarf an Pflegefachkräften. Ausserdem umfasst das Gesundheitswesen viele personalintensive Leistungen, die sich – bisher – in der Regel eher schwer automatisieren liessen. Deshalb ist es für sich genommen nicht besorgniserregend, wenn die Beschäftigung im Gesundheitswesen stärker steigt als in anderen Sektoren.

Aufhorchen lässt allerdings, dass die Beschäftigungsdynamik des schweizerischen Gesundheitswesens jene von anderen Ländern mit einer vergleichbaren Ausgangslage deutlich übertrifft (siehe Abbildung 2). Zwar sehen sich auch die meisten westeuropäischen Staaten mit einem überdurchschnittlichen Beschäftigungswachstum im Gesundheitssektor konfrontiert. Allerdings fiel das Wachstum im EU-15-Durchschnitt seit 2009 um 8 Prozentpunkte tiefer aus als in der Schweiz. Aktuell ist der Anteil der im Gesundheitswesen Beschäftigten in der Schweiz um 2,2 Prozentpunkte höher als in diesen Vergleichsländern.

Abb. 2: Beschäftigungswachstum Gesundheitswesen und Total (EU-15 und Schweiz; 2009–2016, in % des BIP)

Anmerkung: 2. Quartal 2009 bis 2. Quartal 2016.

Eurostat / Die Volkswirtschaft

Diese Unterschiede führen zur Frage: Wie effizient ist unser Gesundheitswesen? Da der vielschichtige Output des Gesundheitssystems schwer zu messen ist, gibt es keine abschliessende Antwort. Orientiert man sich an einem klassischen Indikator wie der Lebenserwartung bei Geburt, steht dem hohen Ressourceneinsatz auch ein beachtlicher Output gegenüber. So beträgt die Lebenserwartung für ein Neugeborenes in der Schweiz 83 Jahre, was im internationalen Vergleich ein sehr hoher Wert ist.[4]

Auf der anderen Seite finden internationale Vergleichsstudien immer wieder Indizien dafür, dass das heutige Versorgungsniveau auch mit einem tieferen Ressourceneinsatz zu erreichen wäre.[5] Beispielsweise belegt die Schweiz im jüngsten «Healthcare Efficiency Index» von Bloomberg lediglich Rang 14, einen Rang hinter Griechenland und einen vor Frankreich. In den vergangenen Jahren hat die Schweiz einige Ränge verloren, was vor allem den überdurchschnittlichen Kostenanstieg reflektiert. Gleichzeitig ist die Lebenserwartung zum Beispiel in Italien und in Spanien etwa gleich hoch wie in der Schweiz, obwohl deren Gesundheitsausgaben relativ zum BIP mit je 9,1 Prozent deutlich geringer sind als jene der Schweiz (11,4%).[6]

Auf Expansion ausgerichtete Anreize

Die Steigerung der Effizienz steht direkt oder indirekt im Zentrum von mehreren Zielen und Massnahmen der Reformagenda des Bundes, «Gesundheit 2020». Zu denken ist dabei an die Qualitätsstrategie, die Reduktion von nicht wirksamen Leistungen, Verfahren und Medikamenten oder den Bereich der elektronischen Gesundheitsdienste (E-Health).

Eine zentrale und teilweise unterschätzte Rolle spielen die Anreize. Das Gesundheitswesen ist ein regulierter Markt, in dem sowohl Angebot als auch Nachfrage durch vielfältige staatliche Eingriffe beeinflusst werden. Allokative und produktive Effizienz des Gesundheitssystems hängen folglich in hohem Masse von den institutionellen Rahmenbedingungen ab. Das mittlerweile 20 Jahre alte Krankenversicherungsgesetz (KVG) garantiert zwar eine hohe Versorgungsqualität und den Zugang zu Gesundheitsleistungen für alle. Trotz anhaltender Bemühungen ist es bisher aber nicht gelungen, das Gesundheitswesen aus der Kostenspirale zu befreien.

So ist es aus der Sicht des Einzelnen angesichts der steigenden Krankenkassenprämien rational, die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen auszudehnen, um für die wachsenden Beiträge einen Gegenwert zu erhalten. Gleichzeitig sind die Vergütungssysteme mehrheitlich so ausgestaltet, dass die Leistungserbringer keine Anreize haben, die Nachfrageausweitung zu bremsen, sondern von dieser vielmehr finanziell profitieren. Der Effekt dieser institutionellen Anreizmechanismen auf die Expansion des Gesundheitswesens darf neben den oben erwähnten strukturellen Erklärungsfaktoren nicht unterschätzt werden.

Unerwünschte Nebenwirkungen vermeiden        

Aus volkswirtschaftlicher Perspektive ist die Entwicklung des Gesundheitssektors deshalb bei allen positiven Beschäftigungswirkungen auch mit einem kritischen Auge zu betrachten. Zweifelsohne stiftet das Gesundheitswesen einen hohen Nutzen. Gleichzeitig belasten die Expansion des Gesundheitssektors und insbesondere die nicht ausgeschöpften Effizienzpotenziale die Haushaltsbudgets und die öffentliche Hand zunehmend und teilweise ohne entsprechenden Gegenwert. Angesichts der im KVG verankerten Anreize zur Mengenausweitung ist die Gefahr, dass der volkswirtschaftliche Punkt des «optimalen Nutzens» überschritten wird, ernst zu nehmen.

Die gesundheitspolitische Herausforderung besteht folglich darin, die Rahmenbedingungen so anzupassen, dass die Akteure – sowohl Leistungserbringer als auch Patienten – der Kostenkontrolle mehr Beachtung schenken. Das «Rezept» hierfür umfasst auch politisch unpopuläre Massnahmen wie die Entschlackung des Grundleistungskatalogs, die Aufhebung des Kontrahierungszwangs zwischen Versicherern und Leistungserbringern und die weitere Förderung des Wettbewerbs im stationären Sektor.

  1. WHO (2014). []
  2. OECD (2016).  []
  3. BFS/BESTA. []
  4. OECD (2016).  []
  5. Für Überblick siehe Kirchgässner und Gerritzen (2011). []
  6. OECD (2016). []

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Literatur

  • OECD (2016). Health Statistics 2016, Oecd.org, Oktober 2016.
  • Gebhard Kirchgässner und Berit Gerritzen (2011). Leistungsfähigkeit und Effizienz von Gesundheitssystemen: Die Schweiz im internationalen Vergleich, Gutachten zuhanden des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco).
  • WHO (2014). Constitution of the World Health Organization, Genf.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern