Die Volkswirtschaft

Plattform für Wirtschaftspolitik

Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Verantwortungsvolles Wirtschaften oder Imagepflege?»

Eine Kommode aus Indien – was steckt dahinter?

Für die auf Nachhaltigkeit bedachten Migros-Einkäufer sind in Entwicklungs- und Schwellenländern viele Hürden zu überwinden. Anhand einer Kommode aus Indien wird aufgezeigt, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit es das Möbelstück bis in die Schweiz schafft.

Abstract lesen...

Die Migros will, dass die Konsumenten mit gutem Gewissen in ihren Filialen einkaufen können. Bei ihren Lieferanten evaluiert die Genossenschaft mögliche Risiken bei der Nachhaltigkeit. Im Fall einer Kommode aus Indien sind dies insbesondere die Arbeitsbedingungen und die eingesetzten Materialien, in Bezug auf Ressourcenschonung und Tierwohl. Seit über 20 Jahren setzt sich die Migros für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Lieferantenländern ein. Sie ist Gründungsmitglied der Business Social Compliance Initiative (BSC), zu der unterdessen über 1900 Unternehmen weltweit gehören.

Jede Schublade trägt eine andere Farbe, eine ist sogar mit Kuhfell überzogen: Die Kommode «Bethany» ist in den Filialen der Migros-Tochter Micasa nicht zu übersehen. Während die äussere Erscheinung jeder selber beurteilen kann, ist die «innere» Qualität für die Konsumenten nicht ersichtlich. Sie wissen nicht, ob die Arbeiter bei der Herstellung einen angemessenen Lohn erhalten haben oder ob das Holz aus einem schützenswerten Waldgebiet stammt. Als Migros-Kunden gehen sie aber davon aus, dass das Unternehmen verantwortungsvoll handelt. Denn dies hat sich die Genossenschaft auf die Fahne geschrieben, nicht zuletzt, weil der Genossenschaftsgründer Gottlieb Duttweiler folgenden Auftrag hinterlassen hat: «Wir müssen wachsender eigener materieller Macht stets noch grössere soziale und kulturelle Leistungen zur Seite stellen.» Für die Migros ist klar: Wir wollen nur Produkte im Sortiment haben, die sozial- und umweltverträglich sind.

Als die Migros-Einkäuferin Ingrid Angehrn die Kommode auf einer Messe in Indien zum ersten Mal sieht, ist sie überzeugt, dass der «Handmade»-Stil auf dem Schweizer Markt gut ankommen wird. Sie bestellt das Stück aber nicht gleich, sondern meldet dem Einkaufsbüro der Migros in Delhi, dass sie gerne eine Geschäftsbeziehung mit dem Lieferanten aus Jodhpur im nordindischen Rajasthan aufnehmen möchte. Daraufhin besucht ein Nachhaltigkeitsexperte der Migros die Fabrikationsstätte. Der Leiter des Bereichs Qualität und Nachhaltigkeit für die Migros-Einkaufsbüros in Indien und China, Adrian Bahnerth erklärt: «Weil in Indien die staatlichen Kontrollen nur bedingt greifen, ist eine Überprüfung durch Fachspezialisten notwendig.» Ausserdem seien die handwerklich orientierten Möbelhersteller oft weniger professionell aufgestellt als beispielsweise die grossen Textilbetriebe.

Ein erster Augenschein in Jodhpur zeigt, dass die Möbelfabrik bereits über bessere Voraussetzungen verfügt als andere Betriebe vor Ort. So sind beispielsweise genügend Notausgänge und Feuerlöscher sowie einfache Schutzvorrichtungen für die Arbeiter vorhanden. Es gibt auch keinerlei Hinweise auf Praktiken wie Kinder- oder Zwangsarbeit. Ausserdem zeigt sich der Manager motiviert, Verbesserungen in Angriff zu nehmen.

Die Migros beschliesst daher, den Auftrag zu platzieren – allerdings mit klaren Auflagen an die Fabrik. «Damit sich die Situation der Arbeiter verbessert, reicht es nicht, Mängel aufzuzeigen», sagt Bahnerth. «Viel wichtiger sind praktische Tipps und ein kontinuierliches Coaching.» Deshalb verpflichtet sich die Möbelfabrik, zumindest den lokalen Mindestlohn zu bezahlen und Überstunden korrekt zu vergüten – und diese Schritte auch zu dokumentieren.

Fabrik muss BSCI-Standard einhalten

Sämtliche Anforderungen sind im Verhaltenskodex der Business Social Compliance Initiative (BSCI) aufgeführt, einem internationalen Sozialstandard unter dem Dach der Foreign Trade Association (FTA) in Brüssel, den unterdessen fast 2000 Unternehmen weltweit vertreten. Vor der Aufnahme der Geschäftsbeziehung mit der Migros muss der Lieferant diesen Kodex unterschreiben. Die Umsetzung der BSCI-Vorgaben ist zwar aufwendig, sie kann dem Lieferanten aber auch einen Marktvorteil bringen. Denn die zahlreichen Mitgliederunternehmen von BSCI bestellen mit Vorliebe bei Lieferanten, die bereits Kenntnis des Systems haben. Die Migros gehörte 2003 zu den BSCI-Gründungsmitgliedern und engagiert sich stark bei der Weiterentwicklung.

Einige Monate nach dem ersten Besuch der Fabrik in Jodhpur organisiert die Migros eine Arbeiterschulung, für die sie auch die Kosten übernimmt. Thema sind die Sicherheitsmassnahmen, die im beruflichen Alltag leider oft vernachlässigt werden. Selbst wenn das Management genügend Masken, Handschuhe oder Stiefel zur Verfügung stellt, werden diese von den Arbeitern oft nicht konsequent getragen. Manche Hilfsmittel sind insbesondere bei grosser Hitze unbequem. Andere, wie beispielsweise Schutzhandschuhe zur Vermeidung von Schnittverletzungen, verlangsamen das handwerkliche Arbeiten. Die Schulung dient dazu, den Arbeitern bewusst zu machen, wie wichtig der Schutz ihrer Gesundheit ist.

Mangoholz braucht kein Zertifikat

Neben den Arbeitsbedingungen überprüft die Einkäuferin Ingrid Angehrn auch, ob die in der Kommode eingesetzten Rohstoffe sich als problematisch erweisen. Dabei zeigt sich: Das Mangoholz ist nicht kritisch, denn die Mangobäume dienen in erster Linie der Landwirtschaft. Ab einem Alter von etwa 15 Jahren tragen die Bäume nicht mehr genug Früchte und werden darum gefällt. Das Holz, das wegen seines warmen Brauntons ansprechend aussieht, eignet sich gut für den Möbelbau.

Ab und zu erhält Ingrid Angehrn Fragen von Konsumenten, die verunsichert sind, weil Mangoholz nicht zertifiziert ist. «Ich freue mich über diese Rückmeldungen. Sie zeigen, dass der Nachhaltigkeitsgedanke bei der Bevölkerung angekommen ist», erklärt sie. Die Einkäuferin teilt ihnen jeweils mit, dass man Mangoholz auch ohne Zertifizierung mit gutem Gewissen kaufen könne, weil die Herkunft bekannt sei. Problematischere Holzarten wie Buche oder Eiche verkauft die Migros mit dem Label des Forest Stewardship Council (FSC), welches für eine lückenlose Rückverfolgbarkeit sorgt und eine nachhaltige Waldwirtschaft garantiert.

Wegen der inakzeptablen Haltungsbedingungen von Tieren in vielen Zuchtfarmen verzichtet die Migros auf den Einsatz von echtem Pelz in ihren Produkten. Das in der Kommode verarbeitete Kuhfell ist aber genauso wie Leder für Migros-Lieferanten erlaubt.

«Die Migros stellt so viele Anforderungen, dass nur langfristige Lieferantenbeziehungen Sinn machen», erklärt Angehrn. Dies ist auch ein wichtiger Faktor für die Nachhaltigkeit: Denn nur wenn sich die Migros als verlässliche Partnerin erweist, sind die Lieferanten bereit, besondere Anstrengungen zu leisten.[1]

  1. Mehr zum Nachhaltigkeitsprinzip der Migros findet sich im Geschäftsbericht 2016. []

Mediensprecherin, Migros-Genossenschaftsbund, Zürich

Leiter Bereich Sozialstandards, Migros-Genossenschafts-Bund, Zürich

Mediensprecherin, Migros-Genossenschaftsbund, Zürich

Leiter Bereich Sozialstandards, Migros-Genossenschafts-Bund, Zürich