«Strom war in der Schweiz schon immer CO2-arm»
Christian Schaffner an der ETH Zürich: «Der Energieverbrauch ist in der Schweiz in den letzten zehn Jahren zurückgegangen.» (Bild: Keystone / Michael Buholzer)
Der Energieverbrauch ist in der Schweiz in den letzten zehn Jahren zurückgegangen. Überraschend ist die Diskrepanz zur verbreiteten Vorstellung, wir würden immer mehr Energie brauchen.
Wir sind viel effizienter geworden. Ein Elektromobil ist effizienter als ein Verbrennungsmotor. Eine Wärmepumpe ist effizienter als eine Ölheizung.
Wir müssen unterscheiden: Im Verkehr, bei der Wärme und in der Industrie dominieren weiterhin fossile Energieträger. Dort besteht grosses Potenzial. Strom hingegen ist in der Schweiz seit je CO₂-arm, dank Wasser- und Kernkraft.
Dann brauchen wir einen Ersatz dafür. Theoretisch wäre es möglich, einen Grossteil durch Importe zu ersetzen, hier geht aber der politische Wunsch klar in Richtung mehr heimische Produktion. Die einzige Technologie, die in grösserem Umfang zugebaut wurde, ist die Photovoltaik. Bis 2024 geschah das fast exponentiell, 2025 stagnierte die Entwicklung. Heute deckt sie bereits über 10 Prozent der Stromversorgung. Windenergie wäre in der Schweiz ebenfalls sinnvoll, gerade im Winter. Aber sie stösst auf Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung.
Heute deckt die Photovoltaik bereits über 10 Prozent der Stromversorgung.
Wir werden es sehen. Grundsätzlich hat der Eigenmietwert über die steuerlichen Abzüge einen Anreiz für die energetische Sanierung von Gebäuden geschaffen, der funktioniert hat. Insgesamt lebt der Grossteil der Schweizer Bevölkerung aber zur Miete, daher benötigen wir insbesondere auch dort effiziente Anreize zur energetischen Sanierung, um die Gebäude fossilfrei zu machen.
Es geht darum, dass wir innerhalb der Schweizer Grenzen nicht mehr klimarelevante Emissionen generieren, als wir kompensieren. Wir können nicht alle Emissionen verhindern. Es bleiben zum Beispiel die Methanemissionen in der Landwirtschaft oder Prozesse in der Industrie, die nicht komplett CO2-emissionsfrei werden können. Diese Emissionen müssen an der Quelle abgeschieden und gespeichert werden – zum Beispiel bei Zementwerken – oder kompensiert werden, etwa im Ausland.
Wir können CO2 in der Luft einfangen und im Untergrund speichern. Das nennt man Direct Air Capture. Das ETH-Spin-off Climeworks entwickelt die Technologie dazu. Die Herausforderung dabei ist, dass die CO2-Konzentration der Luft gering ist. Das heisst, man braucht viel Energie, und das kostet. Eine andere Möglichkeit wäre, CO2 dort einzufangen, wo es hoch konzentriert ist, zum Beispiel bei Kehrrichtverbrennungsanlagen. Doch auch da muss CO2 irgendwo gespeichert werden. Derzeit werden die meisten kommerziellen geologischen CO2-Speicherstätten im Ausland entwickelt – zum Beispiel in der Nordsee. Das Potenzial für die geologische CO2-Speicherung in der Schweiz wird noch untersucht.
Ohne gesetzliche Grundlagen lassen sich solche kommerziellen Projekte kaum entwickeln. Es gab an der ETH das Forschungsprojekt «Demo Up Carma», da wurde CO2 aus der Schweiz bis nach Island transportiert. An der Grenze zu Island blieb der Container stecken, weil nicht klar war, ob das CO2 als Chemikalie oder als Abfall einzustufen ist. Je nachdem bestehen unterschiedliche internationale Abmachungen. Das ist ein Beispiel dafür, warum es klare gesetzliche Rahmenbedingungen braucht, sowohl national als auch international.
Photovoltaik produziert Strom, wenn die Sonne scheint. Wind produziert Strom, wenn er weht. Diese Schwankungen in der Produktion müssen im Netz ausgeglichen werden. Die Nachfrage nach Strom muss also zu jeder Zeit dem Angebot entsprechen. Dafür haben wir in der Schweiz insbesondere die Pumpspeicherkraftwerke und Speicherkraftwerke in den Alpen, die Strom durch Pumpen aufnehmen und beim Turbinieren dann später wieder abgeben können. Daneben erlaubt uns das Schweizer Übertragungsnetz einen umfangreichen Handel mit dem Ausland, welcher ebenfalls einen zeitlichen Ausgleich ermöglicht.

Heute kann ich meine Wärmepumpe einschalten oder mein Elektroauto laden, wann ich will. Dort besteht grosses Potenzial. Angesichts des Fahrverhaltens der Schweizerinnen und Schweizer reicht es beispielsweise, das Auto ein bis zwei Mal in der Woche zu laden. Das könnte man tun, wenn die Sonne scheint. Dafür fehlen derzeit die Anreize. Es bräuchte dynamische Tarife für die Netzkosten und dynamische Preise für den Strom, die sich an Angebot und Nachfrage orientieren. Das heisst, es muss Anreize geben, dann Strom zu beziehen, wenn das Angebot gross ist und die Netze nicht überlastet sind.
Jein. Seit diesem Jahr sind dynamische Tarife und Preise möglich. Einzelne Energieversorger testen dies bereits. Netzbetreiber sind aber nicht verpflichtet, sie anzubieten. In der EU sind dynamische Preise Pflicht. Norwegen zum Beispiel ist sehr weit. Ein grosser Teil der Haushalte, die ein Elektroauto besitzen, nutzt dynamische Tarife. Genau dort müssen wir hin.
Im Moment sind wir nicht wirklich auf Kurs. Europaweit sind wir eher zurückgefallen beim Anteil von Elektroautos bei den Neuwagen. Wir müssten hier schneller elektrifizieren, um die Ziele zu erreichen. Hingegen ist die Schweiz das Land mit den meisten Zulassungen von rein elektrischen LKWs.
Im Moment brauchen wir etwa 60 Terawattstunden pro Jahr. Je nach Szenario gehen wir davon aus, dass es bis 2050 zwischen 70 und 90 Terawattstunden sind. Das ist signifikant mehr, aber weniger als oft erwartet.
Es braucht oft lange, bis eine Technologie marktreif ist, aber wenn sie es ist, geht alles sehr schnell.
Das ist schwer abzuschätzen. Wir wissen weder, wie sich die KI entwickelt, noch, wie effizient die Rechenzentren werden. Zudem ist offen, ob diese Zentren überhaupt in der Schweiz stehen werden.
Der wichtigste Aspekt für eine stabile Stromversorgung ist der effiziente Austausch mit dem Ausland. Im letzten Winter fiel ein Kernkraftwerk in der Schweiz aus. Trotzdem gab es keinen Engpass, weil wir Strom importieren konnten. Gleichzeitig muss aber bei der Stromproduktion ausgebaut werden. Neben der Photovoltaik braucht es auch Wind.
Strompflichtlager wären wohl sinnvoll, falls es trotz allem mal knapp werden würde. Bei fossilen Treib- und Brennstoffen haben wir diese Pflichtlager schon. Die Menge an gelagertem Kerosin reicht für drei Monate, Heizöl für viereinhalb Monate. Wenn der Verbrauch dieser Treibstoffe zurückgeht, könnte man die Lager in derselben Grösse erhalten und im Notfall Treibstoffe mit einer Gasturbine verbrennen, um Strom zu produzieren.
Nein, als Ingenieur reizt es mich, denn manchmal kann es recht schnell gehen. Die Elektromobilität als Technologie gibt es schon sehr lange. Die ersten Autos waren elektrisch. Doch der Verbrennermotor war aus verschiedenen Gründen erfolgreicher. Dasselbe bei den LED. Die gab es schon lange, aber bis sie die Glühbirnen ersetzten, hat es Jahrzehnte gedauert. Auf der anderen Seite gibt es Innovationen, die sehr schnell vorangetrieben werden. Zum Beispiel Batteriespeicher. Es braucht oft lange, bis eine Technologie marktreif ist, aber wenn sie es ist, geht alles sehr schnell.
Wenn ich meinen CO2-Abdruck global vergleiche, sicher nicht, allein schon weil ich in der Schweiz lebe. Ich gebe aber mein Bestes. Da ich nah an der ETH wohne, gehe ich beispielsweise zu Fuss zur Arbeit. Bei der Nachhaltigkeit ist die einzelne Person zwar wichtig, aber entscheidend ist, dass die Gesellschaft die richtigen Weichen stellt.
Zitiervorschlag: Interview mit Christian Schaffner, ETH Zürich (2026). «Strom war in der Schweiz schon immer COsub>2/sub>-arm». Die Volkswirtschaft, 11. Mai.
Christian Schaffner leitet das Energy Science Center der ETH Zürich seit 2013. Die Plattform ermöglicht die interdisziplinäre Zusammenarbeit von mehr als fünfzig Professuren an neun Departementen der ETH Zürich. Zuvor war Christian Schaffner beim Bundesamt für Energie als Leiter der Abteilung Netze verantwortlich für die Entwicklung der Strategie Stromnetze und der Roadmap für Smart Grids. Er erwarb 1998 seinen Master of Science in Elektrotechnik und 2004 seinen Doktortitel in Elektrische Energiesysteme an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich.