Die Volkswirtschaft

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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts «Die Arbeitsproduktivität der Schweiz unter der Lupe»

Im Dienstleistungssektor gibt es ein Messproblem

Das schwache Produktivitätswachstum im Schweizer Dienstleistungssektor erstaunt. Womöglich verzerren die Messmethoden das Bild – insbesondere in der IT-Branche.

Laut den offiziellen Zahlen ist die Produktivität bei den IT-Dienstleistungen in den vergangenen Jahren gesunken. (Bild: Shutterstock)

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Gemäss offiziellen Statistiken ist die Arbeitsproduktivität in der Schweiz in den meisten wissensintensiven, marktorientierten Branchen des Dienstleistungssektors über längere Zeit deutlich gesunken. Diese Entwicklung steht im Kontrast zur deskriptiven Analyse verschiedener Indikatoren, welche nicht auf klare Schwächen der untersuchten Branchen hindeuten. Eine Studie des Basler Beratungsunternehmens B,S,S. und der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich untersucht, ob und inwieweit diese Entwicklungen auf Messprobleme zurückzuführen sind. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die problembehaftete Messung realer Grössen die Produktivitätsentwicklung in gewissen Branchen unterzeichnet. Da nur einzelne Branchen untersucht wurden, ist das Ausmass möglicher Messfehler auf Ebene der Gesamtwirtschaft jedoch schwer abzuschätzen, sodass weitere Forschung zu dieser Frage wünschenswert wäre. Gleichzeitig sollten auch andere mögliche Erklärungen für die schwache Entwicklung in gewissen Branchen analysiert werden.

Die Arbeitsproduktivität hat sich in den verschiedenen Bereichen der Schweizer Wirtschaft unterschiedlich entwickelt. Während die Produktivität im Zeitraum 1997 bis 2012 in der Industrie durchschnittlich rund 1,7 Prozent pro Jahr wuchs, stieg sie im Dienstleistungssektor nur um 0,8 Prozent (siehe Abbildung).

Erstaunlicherweise sind es vor allem die wissensintensiven, marktorientierten Branchen des Dienstleistungssektors – die sogenannten Kibs-Branchen[1] –, welche sich schwach und im Schnitt sogar negativ entwickelten: So sank die ausgewiesene Arbeitsproduktivität bei den IT-Dienstleistungen, in der Forschung und Entwicklung und im Immobilienwesen zwischen 1997 und 2012 substanziell – nämlich zwischen 30 und 40 Prozent.

Entwicklung der Arbeitsproduktivität nach Wirtschaftsbereichen

Anmerkung: Die Kibs-Branchen («knowledge-intensive business services») Forschung und Entwicklung, IT-Dienstleistungen und Immobilienwesen gehören zum Dienstleistungssektor.

Quelle: Produktivitätsstatistik (BFS) / Die Volkswirtschaft

Diese Zahlen überraschen aus mehreren Gründen: Erstens würde eine langfristig abnehmende Arbeitsproduktivität auf eine zunehmend ineffiziente Ressourcenallokation hindeuten. Zweitens waren in den betroffenen Branchen in den letzten 15 Jahren produktivitätsfördernde Innovationen zu verzeichnen – etwa durch bessere Informationstechnologie. Drittens sind Ausbildungsniveau und Löhne der Arbeitskräfte im Schnitt stärker gestiegen als in den übrigen Branchen.

Deshalb stellt sich die Frage: Wie ist die Entwicklung der Arbeitsproduktivität in den Kibs-Branchen zu erklären? Die im Folgenden besprochene Studie[2] des Basler Beratungsunternehmens B,S,S. und der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich hat untersucht, ob und inwieweit Messprobleme bei der Erklärung eine Rolle spielen.

Kein Defizit bei Humankapital, Löhnen und Gewinnmargen

Um die Arbeitsproduktivitätsstatistiken der Kibs-Branchen zu plausibilisieren, haben wir zuerst eine Reihe von Indikatoren betrachtet, welche mit der Produktivität in Zusammenhang stehen oder diese beeinflussen. Dabei zeigt sich: Alles in allem deuten die untersuchten Indikatoren nicht darauf hin, dass ein anhaltender Rückgang der Arbeitsproduktivität stattgefunden hat. So sind die Gewinnmargen eher gestiegen, und auch die Dynamik der Firmenneugründungen und der Anteil kleiner Firmen zeigen keine nennenswerten Veränderungen über die Zeit. Zudem sind sowohl der Ertragsanteil der Dienstleistungsexporte als auch der Anteil der exportierenden Firmen stabil geblieben. Auch die durchschnittliche Investitions- und Innovationstätigkeit ist ähnlich wie in anderen Ländern. Obwohl der Fachkräftemangel in der Schweiz häufiger als Hemmnis genannt wird als im Ausland, haben sich die Innovationshemmnisse insgesamt verkleinert. Einzig die Handelshemmnisse sind in der Schweiz im Dienstleistungssektor grösser als im Ausland.

Diese Ergebnisse werfen die Frage auf, ob allenfalls Messprobleme bei der Erklärung der Arbeitsproduktivitätsdaten eine Rolle spielen.

Preismessung als Fehlerquelle

Arbeitsproduktivität ist allgemein definiert als Wertschöpfung pro Arbeitseinheit. In der Praxis wird das Wachstum der Arbeitsproduktivität in einer Branche mit der Veränderung der realen Bruttowertschöpfung im Verhältnis zur Veränderung der vollzeitäquivalenten Beschäftigung gemessen.

Potenzielle Messprobleme ergeben sich vor allem bei der realen Bruttowertschöpfung: Während nominale Grössen (zu laufenden Preisen) der Wertschöpfungsstatistik entnommen werden können, ist die Berechnung realer Grössen (zu Preisen des Vorjahres) komplexer und auch problematischer. So berechnet man die reale Bruttowertschöpfung, indem man die nominale Veränderung um die Preisentwicklung bereinigt (Deflationierung mit einem geeigneten Preisindex[3]). Im Idealfall wird dazu ein Produzentenpreisindex (PPI) verwendet, der nur reine Preisbewegungen, nicht aber Qualitätsveränderungen erfasst.

Bei Dienstleistungen ist die Erfassung der reinen Preisentwicklung mittels PPI über die Zeit jedoch schwieriger als bei Gütern: Gewisse Dienstleistungen sind schwer erfassbar (z. B. Forschung). Oder sie sind oft kundenspezifisch und damit zeitlich nicht vergleichbar (z. B. Unternehmensberatung). Zudem sind die Qualitätsmerkmale zum Teil nicht beobachtbar (z. B. Fachkompetenz der Arbeitskräfte).[4]

Lohnindizes als Preisdeflatoren ungeeignet

Da in der Schweiz für viele Dienstleistungsbranchen (noch) keine PPI oder andere Preisindizes zur Verfügung stehen, wird für zahlreiche Kibs-Branchen der Schweizerische Lohnindex (SLI) als Deflator verwendet: Insgesamt werden 36 Prozent der Bruttowertschöpfung (12 der 20 Kibs-Branchen) mit der Lohnentwicklung deflationiert, was rund 11 Prozent des Business-Sektors (marktorientierte Volkswirtschaft) der Schweiz entspricht. Das Eurostat-Handbuch (2001) taxiert Lohnindizes jedoch als ungeeignete Methode für die Deflationierung.

Tatsächlich ist es so, dass die Verwendung von Lohndeflatoren in der Regel zu einer Unterzeichnung der Arbeitsproduktivität führt, weil angenommen wird, dass Löhne nur zusammen mit den Verkaufspreisen erhöht werden. Lohnwachstum entsteht aber auch dann, wenn Arbeitskräfte produktiver werden – etwa wenn die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde zunimmt. Dazu zwei Beispiele:

  • Der Anteil gut ausgebildeter Arbeitskräfte in einer Branche nimmt zu. Damit steigen erwartungsgemäss sowohl die durchschnittliche Arbeitsproduktivität als auch die Löhne.
  • Durch den Einsatz neuer Technologien (z. B. Software) verkürzt sich die benötigte Arbeitszeit für die Erbringung einer Dienstleistung. In einem wettbewerbsorientierten Markt steigen daraufhin die Löhne der Arbeitskräfte.

In beiden Fällen widerspiegelt das Lohnwachstum eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Durch die Anwendung von Lohndeflatoren werden Produktivitätssteigerungen zum Teil also ungewollt «wegdeflationiert», und das Wachstum der Arbeitsproduktivität wird unterzeichnet.

Simulationsrechnung veranschaulicht Problematik

Anhand einer einfachen Simulationsrechnung haben wir versucht, aufzuzeigen, wie stark die Arbeitsproduktivitätsdaten der Kibs-Branchen tatsächlich von Messproblemen beeinflusst werden. Dazu haben wir für Branchen, in denen Lohndeflatoren verwendet werden, die Arbeitsproduktivität mit alternativen Deflatoren neu berechnet und im Anschluss mit der Arbeitsproduktivität basierend auf den Lohndeflatoren verglichen (siehe Kasten).[5]

So wurden etwa die Auswirkungen der Deflatoren auf die Entwicklung in den Branchen der IT-Dienstleistungen und der sonstigen freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen untersucht.[6] Weiter sind die Auswirkungen auf die gesamten Kibs-Branchen und den Business-Sektor aufgeführt.

Es zeigt sich: Die Verwendung des Qualifikationsbereinigten Lohnindex führt im Zeitraum 1997 bis 2012 nur zu geringfügig höheren Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität als die Verwendung des SLI (siehe Tabelle). Wenn die branchenspezifische Preisentwicklung inflationsbereinigt aber jener in Deutschland entsprochen hätte, hätte die jährliche Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität bei den IT-Dienstleistungen 2,9 Prozent anstatt –0,7 Prozent betragen – ein Unterschied von 3,6 Prozentpunkten. Bei den sonstigen freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen ist der Unterschied geringer, u. a. weil nur ein Teil dieser Branche mit dem SLI deflationiert wird. Wenn alle verfügbaren deutschen PPI (6 Branchen) anstelle der SLI-Deflatoren verwendet werden, steigt das jährliche Arbeitsproduktivitätswachstum der Kibs-Branchen um 0,3 Prozentpunkte und jenes des gesamten Business-Sektors der Schweiz um 0,1 Prozentpunkte. Die Ergebnisse sind sehr ähnlich, wenn französische oder britische PPI verwendet werden.

Auswirkung alternativer Deflatoren auf das Wachstum der Arbeitsproduktivität

Durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität
Lohndeflator (SLI) Alternativer Deflator Differenz (in Prozentpunkten)
Qualifikationsbereinigter Lohnindex (1997–2012)
IT-Dienstleistungen –1,9% –1,6% 0,3
Sonstige freiberufliche, wissenschaftliche und technische Tätigkeiten –2,1% –2,0% 0,1
Total Kibs-Branchen –0,3% –0,2% 0,1
Total Business-Sektor 1,1% 1,1% 0,0
Deutscher Produzentenpreisindex (2005–2012)
IT-Dienstleistungen –0,7% 2,9% 3,6
Sonstige freiberufliche, wissenschaftliche und technische Tätigkeiten 0,0% 0,8% 0,8
Total Kibs-Branchen –0,6% –0,3% 0,3
Total Business-Sektor 0,7% 0,8% 0,1

Quelle: Produktivitätsstatistik (BFS), Lohnstrukturerhebung (BFS), Eurostat, eigene Berechnungen / Die Volkswirtschaft

Die Berechnungen stellen natürlich nur einen Versuch dar, potenzielle Messprobleme in bestimmten Branchen zu quantifizieren. Insgesamt deuten die Resultate aber darauf hin, dass die in der Schweiz angewandten Lohndeflatoren die Entwicklung der Arbeitsproduktivität in gewissen Branchen deutlich unterzeichnen dürften. Der Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung ist geringer, weil die betrachteten Branchen nur einen relativ kleinen Anteil der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung ausmachen. Dennoch legen die durchgeführten Schätzungen nahe, dass die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität, und damit auch das reale BIP-Wachstum der Schweiz, je nach Szenario um rund 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte pro Jahr unterschätzt wird, weil für Kibs-Branchen lohnbasierte Deflatoren angewendet werden.[7]

Nur die Spitze des Eisbergs?

Bei der Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bleibt offen, ob das wahre Ausmass der Messproblematik nicht noch grösser ist als hier dargestellt, weil wir nur einen Teil der Branchen in die Analyse mit einbezogen haben. Fragen der Messung sollten daher Gegenstand weiterer Forschung sein. Zudem sollte auch untersucht werden, welche weiteren möglichen Gründe für die schwache Entwicklung in den Kibs-Branchen verantwortlich sind (beispielsweise Kapitaleinsatz, Innovationstätigkeit oder Wettbewerbsintensität).

Abschliessend ist zu erwähnen, dass das BFS in den letzten Jahren mehrere neue PPI für Dienstleistungen eingeführt hat oder deren Einführung plant. Es ist daher davon auszugehen, dass sich die Datenqualität im Dienstleistungssektor zunehmend verbessern wird.

  1. Kibs steht für knowledge-intensive business services und bezieht sich auf die Noga-Abteilungen 58 bis 82. []
  2. Auftraggeber der Studie ist das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). []
  3. Seit 2014 werden die Daten (rückwirkend ab 2008) doppelt deflationiert. Das bedeutet, der Bruttoproduktionswert und die Vorleistungen werden mit separaten Preisindizes deflationiert. Die tiefe Produktivitätsentwicklung in den Kibs-Branchen ist allerdings nicht dieser Umstellung geschuldet. []
  4. Das kürzlich erschienene Handbuch OECD-Eurostat (2014) liefert jedoch eine umfassende Beschreibung von Methoden, die sich zur Erstellung von PPI im Dienstleistungssektor in anderen Ländern bewährt haben. []
  5. Es muss einschränkend festgehalten werden, dass wir die offiziellen Statistiken nicht eins zu eins replizieren können, weil uns nicht alle notwendigen Daten vorliegen. Aus diesem Grund mussten die Berechnungsschritte mit einem einfacheren Verfahren (einfache Deflationierung) durchgeführt werden. []
  6. Letztere beinhalten die Werbung und Marktforschung, Ateliers für Textil-, Schmuck-, Grafikdesign, Fotografie und Fotolabors, Übersetzen und Dolmetschen, Veterinärwesen, Maklergeschäfte, diverse Beratungstätigkeiten und Vermittlungsagenturen. []
  7. Neben der Berechnung der Wertschöpfung mithilfe alternativer Deflatoren führen wir eine sogenannte Corrado-Slifman-Korrektur durch (siehe Kaiser und Siegenthaler, 2015). Diese beruht auf der Annahme, dass ein langfristig negatives Produktivitätswachstum in einer marktorientierten Branche unwahrscheinlich und Ausdruck eines Messproblems ist. Korrigiert wird dies, indem man annimmt, dass das Produktivitätswachstum in den betroffenen Branchen null war. Bei Anwendung dieser Korrektur auf die Kibs-Branchen nimmt das gesamtwirtschaftliche Wachstum der Schweiz um 0,2 Prozentpunkte zu. []

Dr. rer. oec., Ökonometriker, B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung, Basel

Dr. rer. oec., Arbeitsmarktökonom, KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich

Alternative Lohndeflatoren

Als alternative Deflatoren haben wir den Qualifikationsbereinigten Lohnindex (QBLI) eingesetzt: Mithilfe der Lohnstrukturerhebung (LSE) wurde mit einem ökonometrischen Verfahren für jede Branche ein Lohnindex berechnet, der das durchschnittliche Lohnwachstum bei konstanter Qualifikationsstruktur der Beschäftigten beschreibt. Dabei wurden die Merkmale Ausbildung, Anforderungsniveau, Alter, Geschlecht, Teilzeit, berufliche Stellung (Kaderstufe) und Firmengrösse berücksichtigt. Es sei angemerkt, dass der QBLI nur die Verzerrung durch die Höherqualifizierung der Beschäftigten berücksichtigt, womit er nur einen Teil des möglichen Messfehlers eliminiert.

Ausländische Preisindizes: Wir verwendeten PPI-basierte Deflatoren aus Frankreich, Deutschland und Grossbritannien, wobei Unterschiede im allgemeinen Preiswachstum (Inflation) bereinigt werden.

Literatur

  • Eurostat (2001). Handbook on Price and Volume Measures in National Accounts. Luxembourg: Office for Official Publications of the European Communities.
  • Kaiser, Boris and Michael Siegenthaler (2015). Productivity Growth in the Swiss Service Sector – An Analysis of the Knowledge-Intensive Business Service Industries. Studie im Rahmen der Strukturberichterstattung zum Wachstum der Schweizer Volkswirtschaft, im Auftrag des Seco.
  • OECD-Eurostat (2014). Methodological Guide for Developing Producer Price Indices for Services. Second Edition.

Dr. rer. oec., Ökonometriker, B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung, Basel

Dr. rer. oec., Arbeitsmarktökonom, KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich