Suche

Abo

Fehlt der Landwirtschaft bald das Wasser zum Bewässern?

Der Klimawandel betrifft auch die Landwirtschaft: weniger Regen im Sommer und steigender Wasserbedarf bei den Kulturpflanzen. Woher soll das Wasser für die landwirtschaftliche Bewässerung in Zukunft kommen?
Schriftgrösse
100%

Ein trockenes Feld wird bewässert, nachdem es im April 2020 in der Schweiz seit Wochen nicht mehr geregnet hat. (Bild: Keystone)

Die Schweiz wird kaum mit Wasserknappheit in Verbindung gebracht. Doch niedrige Wasserstände in kleinen und mittleren Flüssen und Seen haben sich in den letzten Jahren gehäuft. Nach dem legendären Extremsommer 2003 waren auch die Jahre 2011, 2015, 2018, 2022 und 2023 durch Hitze und Trockenheit geprägt. Besonders das Jahr 2022 ist sicher vielen noch in Erinnerung. Damals gab es bereits im Juni eine ungewöhnlich früh einsetzende Hitzeperiode, gefolgt von zwei weiteren Trockenperioden im Juli und im August. Als Folge mussten viele Kantone wie Freiburg, Jura, Thurgau und Aargau ein teilweises Entnahmeverbot für die Landwirte verhängen, die ihre Felder mit Wasser aus Bächen und Flüssen bewässern.

Der Grund, weshalb Landwirte mit diesem Problem immer häufiger konfrontiert sind, ist der Klimawandel – und zwar aus zwei Gründen: Einerseits nehmen nämlich die Niederschlagsmengen im Sommer und somit auch die Abflussmengen in den Fliessgewässern ab. Andererseits nimmt dieser Wasserbedarf mit dem Klimawandel noch zu, weil höhere Temperaturen die Atmosphäre «durstiger» machen und bewirken, dass Pflanzen mehr Wasser brauchen – eben genau zu der Zeit, wenn Bodentrockenheit und Niedrigwasser besonders häufig sind.

Um die Flora und Fauna in den bereits trockenen Bach- und Flussläufen vor den Folgen von extremem Niedrigwasser zu schützen, haben sich in den vergangenen Jahren auch die Verbote für die Landwirtschaft, Wasser zu entnehmen, gehäuft.

Landwirte suchen sichere Quellen

In der Schweiz entnehmen viele Landwirte das Wasser zur Bewässerung ihrer Kulturen aus Bächen, Flüssen, Seen oder aus dem Grundwasser. Um dieses Wasser nutzen zu können, beantragen Landwirte Konzessionen bei den zuständigen kantonalen Ämtern. Solche Konzessionen werden in der Regel über jährliche Pauschalen abgegolten, die sich an den Pumpleistungen orientieren. Diese sind deutlich günstiger als Wasser aus dem Versorgungsnetz. Bei Wasserknappheit können die kantonalen Ämter aber Einschränkungen oder Verbote für Wasserentnahmen erheben. In aller Regel sind kleine und mittlere Fliessgewässer davon betroffen, in Einzelfällen aber auch Grundwasserentnahmen.

Für Landwirte, die von einem solchen Verbot betroffen sind, sind die Folgen einschneidend. Sie müssen Ertragsverluste in Kauf nehmen, sofern sie nicht auf alternative Wasserquellen wie grössere Flüsse, Seen, Grundwasser oder Wasser aus dem Versorgungsnetz ausweichen können. Folglich investieren viele Bauern in die Erschliessung «sicherer» Wasserressourcen.

Eine Möglichkeit dazu ist, sich mit anderen Landwirten in Bewässerungsgenossenschaften zu organisieren, um auch grössere Infrastrukturprojekte stemmen zu können und beispielsweise Wasser aus grossen Seen oder Flüssen zu nutzen, die kaum von Verboten betroffen sind. Dafür braucht es meist Leitungen und starke Pumpen, die das Wasser über weite Strecken transportieren können. Auch die Wasserentnahme aus grösseren Grundwasservorkommen ist zuverlässiger nutzbar. Wo weder grössere Gewässer noch mächtige Grundwasservorkommen nutzbar sind, kann das Anlegen von Wasserspeichern helfen, bei Wassermangellagen Ertragsverluste abzufedern. Um die Speicher zu füllen, kann zum Beispiel Regenwasser gesammelt oder Wasser aus Flüssen gepumpt werden, während die Pegelstände hoch sind.

Kommt es künftig zu Konflikten?

Die Landwirte begegnen dem wachsenden Problem der Wasserknappheit meist proaktiv und pragmatisch. Für die Ämter, die mit dem übergeordneten Management der Wasserressourcen betraut sind, stellen sich durch die zunehmenden Knappheiten verschiedene neue Fragen: Muss die landwirtschaftliche Wassernutzung neu koordiniert werden? Und könnte die sich ändernde Wassernutzung in der Landwirtschaft zu Konflikten mit anderen Wassernutzern führen?

Bislang war das selten ein Problem. In Zukunft könnte es aber eines werden. Deshalb ist es wichtig, den Wasserverbrauch für landwirtschaftliche Bewässerung in der Schweiz genauer zu beziffern, als das bislang möglich ist. Das würde es erlauben, im Vorfeld abzuschätzen, wann und wo in Zukunft Wassernutzungskonflikte auftreten können.

Aktuell werden die Wasserverbrauchsmengen für die landwirtschaftliche Bewässerung aber nur in wenigen Kantonen erhoben. Die Konzessionen für Wasserentnahmen definieren meist nur eine Maximalmenge, sodass der tatsächliche Wasserverbrauch für die landwirtschaftliche Bewässerung in der Schweiz weitgehend unbekannt ist.

Wasserverbrauch schätzen – aber wie?

Weil genauere Erhebungen zum Wasserverbrauch für die landwirtschaftliche Bewässerung aufwendig, kostspielig und vor allem nicht von heute auf morgen machbar sind, hat das Bundesamt für Umwelt (Bafu) Agroscope, das Forschungsinstitut des Bundes für die Land- und Ernährungswirtschaft, beauftragt, den Wasserverbrauch auf Basis national verfügbarer Geodaten zu schätzen.[1] Kern der Methode ist ein biophysikalisches Modell, das den Bewässerungsbedarf unterschiedlicher Kulturpflanzen in Abhängigkeit von Klima und Boden prognostiziert. Um aus dem Bewässerungsbedarf den Verbrauch abzuleiten, werden im Algorithmus Regeln implementiert, die die gängige Bewässerungspraxis repräsentieren.

Obwohl das tatsächliche Bewässerungsverhalten der Landwirte sehr variabel ist und von den festgelegten Regeln im Algorithmus häufig abweicht, konnte mit der Agroscope-Methode in den Trockenjahren 2022 und 2023 eine gute Schätzgenauigkeit erreicht werden – zumindest dort, wo regionsspezifische Informationen zu bewässerten Kulturflächen vorhanden waren. Dies zeigt der Vergleich mit den tatsächlichen Bewässerungsmengen in diesen Regionen. Anders für das feuchte Jahr 2021. Hier wurden die Wasserverbrauchsmengen wesentlich unterschätzt.

Industrie und Gewerbe verbrauchen mehr Wasser

Wie genau die Schätzungen für die gesamte Schweiz sind, lässt sich aufgrund bislang mangelnder Daten kaum sagen. Aufgrund des regionalen Vergleichs gehen wir auch bei der gesamtschweizerischen Schätzung davon aus, dass die geschätzten 9,5 Millionen Kubikmeter für das feuchte Jahr 2021 weit unter dem tatsächlichen Wasserverbrauch in diesem Jahr liegen. Die gesamtschweizerischen Schätzungen für die warm-trockenen Jahre 2022 und 2023 von 41 bzw. 31 Millionen Kubikmetern sind dagegen deutlich realistischer. Das deshalb, weil sich die Ergebnisse grösstenteils decken mit den Schätzungen[2] des Bundesamts für Statistik für das Jahr 2023.

Diese Menge entspricht etwa der Hälfte der Wasserabgaben aus dem öffentlichen Netz an Industrie und Gewerbe. Die Kulturen mit dem grössten Wasserverbrauch gemäss unseren Schätzungen sind Gemüse, Obst und Grünland, wobei die Grünlandbewässerung vor allem im Wallis eine grosse Rolle spielt.

Unsicherheiten sind noch sehr gross

Obwohl unsere Schätzwerte teilweise schon ganz gut mit den erhobenen Daten übereinstimmen, sind die Modellschätzungen insgesamt noch zu ungenau für ein zukunftsfähiges Wasserressourcenmanagement. Um die Schätzgenauigkeit zu verbessern, braucht es genauere Informationen darüber, welche Flächen mit einer Kultur bepflanzt und bewässert werden, sowie zusätzliche Informationen zu Bewässerungs- und Entnahmemengen.

Aktuell erhebt das Bafu zusammen mit Kollegen der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften solche Informationen in ausgewählten Teilregionen der Schweiz. Dabei wird erfasst, welche Kulturen auf welchen Parzellen wann bewässert werden. Gleichzeitig werden auch die Wasserverbrauchsmengen mittels Wasserzähler erfasst.

Diese Informationen werden helfen, unsere Modellschätzungen zu verbessern. Darüber hinaus soll festgestellt werden, welche Datenerhebungen in Kombination mit der Schätzmethode in Zukunft am besten Aufschluss über den tatsächlichen landwirtschaftlichen Wasserverbrauch geben können.

Lässt sich der landwirtschaftliche Wasserbedarf und -verbrauch auf regionaler Ebene hinreichend genau schätzen und antizipieren, kann er zusammen mit den Bedarfsansprüchen aus anderen Sektoren der Ressourcenverfügbarkeit gegenübergestellt werden. Damit soll der landwirtschaftliche Nutzungsanspruch im Rahmen einer integralen Wassermanagementstrategie Berücksichtigung finden. Wassernutzungskonflikte frühzeitig zu erkennen, hilft, rechtzeitig Massnahmen zu finden, welche die Ansprüche aller Interessengruppen berücksichtigen.

  1. Siehe Baumgartner et al. (2025). []
  2. Siehe Bundesamt für Statistik (2024). []

Literaturverzeichnis

Bibliographie

Zitiervorschlag: Holzkämper, Annelie (2025). Fehlt der Landwirtschaft bald das Wasser zum Bewässern? Die Volkswirtschaft, 11. Dezember.