Agenda 2030: Eine gemischte Bilanz
Podium zur Agenda 2030 im UN-Hauptquartier in New York: Gemäss UNO-Bericht werden bis 2030 voraussichtlich nur 15 Prozent der Ziele erreicht. (Bild: EPA/UN PHOTO/LOEY FELIPE)
Elf Jahre sind vergangen, seit die Staatengemeinschaft die Agenda 2030 mit ihren 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung beschlossen hat. Diese hat weltweit zu einem gemeinsamen Verständnis und einer gemeinsamen Sprache zur nachhaltigen Entwicklung beigetragen. Bis 2030 bleiben noch vier Jahre. Wo steht die Schweiz bei der Umsetzung?
Im Juli 2026 hat die Schweiz ihren vierten Länderbericht zur Umsetzung der Agenda 2030 vorgestellt. Er zeigt Fortschritte, aber auch deutliche Lücken: In Bereichen wie erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft und Gleichstellung ist die Schweiz vorangekommen. Bei nachhaltigem Konsum, Klimaschutz, Biodiversität, Armutsbekämpfung und Zugang zu bezahlbarem Wohnraum besteht hingegen weiterhin erheblicher Handlungsbedarf.
Selbstkritisch muss sich die Schweiz eingestehen: Das Umsetzungstempo reicht nicht aus, um alle Ziele bis 2030 vollständig zu erreichen. Die Schweiz ist damit nicht allein. Gemäss dem neuesten UNO-Bericht ist die Staatengemeinschaft bei 36 Prozent der messbaren Unterziele auf Kurs oder verzeichnet moderate Fortschritte. Tatsächlich erreicht werden bis 2030 voraussichtlich nur 15 Prozent der Ziele.
Agenda 2030: Nicht überall ist die Schweiz auf Kurs
| Bereich | Kennzahl | Entwicklung | Einordnung |
| Ressourcenverbrauch | Material-Fussabdruck pro Person: 15 Tonnen im Jahr 2023 | –26,1% seit 2000 | Positive Entwicklung. Der Materialverbrauch der Schweiz bleibt jedoch im internationalen Vergleich hoch |
| Finanzielle Anreize betreffend fossile Energien | 3,9% der Nettoerträge aus der Mineralölsteuer wurden 2024 an Unternehmen zurückerstattet | +52,7% seit 2002 | Entwicklung entgegen dem Ziel |
| Klimaschutz | Treibhausgasemissionen 2024: 41,3 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente | 61,8% des nötigen Zielpfads erreicht | Die Emissionen sinken zu langsam. Der anvisierte Rückgang der Emissionen auf 50% des Ausstosses von 1990 bis 2030 ist nicht realistisch |
| Erneuerbare Energien | 29,9% des Energieverbrauchs stammten 2024 aus erneuerbaren Quellen | +61,1% seit 2000 | Der Zielanteil am Strommix wird noch nicht erreicht |
| Biodiversität | 174 invasive gebietsfremde Arten im Jahr 2020 | +33,4% seit 2000 | Entwicklung entgegen dem Ziel |
| Armut | Die Armutsquote in der Schweiz im Jahr 2024: 8,4% | keine statistisch signifikante Veränderung seit 2014 | Das Ziel der Armutsreduktion wird nicht erreicht |
| Gleichstellung | Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern im Privatsektor 2024: 11,1% | –48,3% seit 2000 | Positive Entwicklung. Der unerklärte Anteil im Lohnunterschied ist jedoch nicht gesunken |
Ein wichtiger Referenzrahmen
Die Agenda 2030 ist zu einem wichtigen internationalen Referenzrahmen für nachhaltige Entwicklung geworden. Mit Ausnahme der USA stellt kein anderes Land sie grundsätzlich infrage. Ihre Umsetzung ist allerdings international und auch in der Schweiz schwieriger geworden. International ist die Welt von geopolitischen, sozialen und ökologischen Krisen gezeichnet, und in der Schweiz erschweren nicht gelöste Zielkonflikte und knappere finanzielle Ressourcen die Umsetzung. In den kommenden Jahren wird es deshalb umso wichtiger sein, die bestehenden Instrumente noch besser zu nutzen, die richtigen Prioritäten zu setzen und dabei möglichst viel Wirkung zu erzielen.
Die UNO-Nachhaltigkeitsziele definieren lediglich die übergeordneten Ziele. 2021 verabschiedete der Bundesrat die Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030 (SNE 2030), die der Umsetzung der Agenda 2030 in der Schweiz die Richtung vorgibt. Er legt dabei drei Schwerpunktthemen fest: Konsum und Produktion; Klima, Energie und Biodiversität sowie Chancengleichheit und sozialer Zusammenhalt. Nachhaltige Entwicklung ist heute in vielen Politikbereichen gut verankert. Zahlreiche Bundesstellen haben die Ziele und Stossrichtungen der SNE 2030 in ihre Strategien, Aktionspläne und Finanzierungsbotschaften aufgenommen, so etwa bei der Strategie Baukultur und der Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung, in der Botschaft für Bildung, Forschung und Innovation, bei der Neuen Regionalpolitik oder beim Nachhaltigkeitsleitbild der Armee. Die Abstimmung zwischen den Politikbereichen bleibt jedoch anspruchsvoll – etwa zwischen dem Ausbau von erneuerbaren Energien und dem Schutz von Biodiversität. Generell braucht es zwischen den verschiedenen Bundessubventionen noch mehr Kohärenz in Bezug auf nachhaltige Entwicklung.
Auch die Bundesverwaltung nimmt ihre Vorbildfunktion stärker wahr, wie der Nachhaltigkeitsbericht der Bundesverwaltung zeigt. Fortschritte sind beispielsweise beim Klimaschutz und beim Energieverbrauch, im öffentlichen Beschaffungswesen oder beim Immobilienmanagement zu verzeichnen. So orientiert sich die Bundesverwaltung beim Bau und Betrieb von Gebäuden systematisch an Nachhaltigkeitsstandards.
International bildet die Agenda 2030 den Rahmen für die internationale Entwicklungszusammenarbeit. Sie hilft Geber- und Empfängerländern, ihre Prioritäten besser aufeinander abzustimmen. Der Compromiso de Sevilla hilft, Investitionen für nachhaltige Entwicklung zu mobilisieren, die Schulden- und Entwicklungskrise zu bewältigen und die internationale Finanzarchitektur zu reformieren.
Umsetzung auf allen Staatsebenen
Für die Umsetzung der Agenda 2030 sind neben dem Bund auch die Kantone und Gemeinden verantwortlich. Die meisten Kantone haben Nachhaltigkeitsfachstellen geschaffen sowie entsprechende Strategien und Aktionspläne verabschiedet. Die Kantone Aargau und Basel-Stadt sowie die Städte Genf und Bern haben sogenannte Voluntary Local Reviews zur Agenda 2030 publiziert, in denen sie den Stand der Umsetzung und die verbleibenden Herausforderungen aufzeigen und konkret darlegen, wie sie diese politisch angehen wollen. Zudem tauschen sich die Städte seit 2025 jährlich an einem Städtesymposium aus und besprechen gute Beispiele einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Und schliesslich hat die Tripartite Konferenz, welche die Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden stärkt, die Agenda 2030 in ihr Arbeitsprogramm aufgenommen. Ihr Ziel ist es, die Zusammenarbeit zwischen den Staatsebenen zu verstärken und besser abzustimmen.
Die Wirtschaft hat einen grossen Hebel
Wirtschaft und Finanzsektor können die nachhaltige Entwicklung besonders stark beeinflussen. Nachhaltige Lieferketten, Kreislaufwirtschaft, klimaneutrale Produktion und Themen wie Menschenrechte oder Kinderarbeit werden vor allem bei grösseren, international tätigen Unternehmen zunehmend strategisch angegangen. Dies wirkt sich insbesondere positiv auf das Risikomanagement und die Resilienz gegenüber Schocks aus, da ökologische, soziale und regulatorische Risiken frühzeitig erkannt, bewertet und gesteuert werden können.
KMU können durch nachhaltigeres Wirtschaften ihre Innovationskraft und Resilienz stärken, etwa wenn sie frühzeitig in ressourceneffiziente Produktionsprozesse investieren, ihre Lieferketten auf Umwelt- und Sozialstandards hin überprüfen und dadurch neue Marktchancen erschliessen.
Um KMU bei der Umsetzung von Regulierungen zu entlasten, hat der Bundesrat in seinem Bericht zur Unterstützung von Schweizer KMU bei der Anwendung von ESG-Richtlinien verschiedene Unterstützungsangebote in Aussicht gestellt. So will er beispielsweise das CSR-Bundesportal optimieren und bei der Identifikation von Nachhaltigkeitsrisiken stärker unterstützen. Konkrete Massnahmen und praktische Umsetzungsbeispiele, wie Unternehmen nachhaltiger werden können, bietet zudem die Toolbox Agenda 2030 für Unternehmen.
Damit Schweizer Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben, prüft der Bundesrat als indirekten Gegenvorschlag zur zweiten Konzernverantwortungsinitiative ein neues Bundesgesetz über die nachhaltige Unternehmensführung (NUFG). Dieses soll sich an den relevanten internationalen Standards orientieren und im Hinblick auf die Einhaltung der nachhaltigen Unternehmensführung mehr Schutz und Rechtssicherheit bieten.
Damit Unternehmen und Finanzinstitutionen nachhaltig investieren können, braucht es seitens des Staates eine langfristig ausgerichtete Politik, die verlässliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit schafft und Innovation fördert.
Noch vier Jahre: Und was dann?
Die Agenda 2030 ist heute in Politik, Wirtschaft und Verwaltung deutlich stärker verankert als noch vor zehn Jahren. Die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung ist breit akzeptiert. Auch die notwendigen Strukturen und Strategien sind inzwischen weitgehend vorhanden. In den kommenden Jahren sollte deshalb der Fokus darauf liegen, diese Instrumente konsequent anzuwenden. Dies kann zum Erfolg führen, wenn die verschiedenen staatlichen Ebenen mit Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft noch stärker zusammenarbeiten und unnötige Bürokratie vermieden und wo immer möglich abgebaut wird.
Es bleiben noch vier Jahre. Mit dem SDG-Summit der UNO im Herbst 2027 richtet sich der Blick immer stärker auch auf die Zeit nach 2030. Es ist weitgehend unbestritten, dass der nachhaltigen Entwicklung weiterhin eine wichtige Bedeutung zukommen soll. Allerdings ist diesbezüglich schwierig vorauszusehen, auf welchen Referenzrahmen sich die Staatengemeinschaft einigen wird. Einige Akteure sprechen sich dafür aus, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Andere fordern beispielsweise stärker fokussierte und wirksamere Ziele. Wieder andere setzen sich dafür ein, weitere Themen wie beispielsweise die digitale Transformation, künstliche Intelligenz und andere Zukunftstechnologien stärker aufzunehmen.
Der Erfolg der Agenda 2030 wird jedoch nicht daran gemessen, ob jedes einzelne Ziel und Unterziel vollständig erreicht wird. Entscheidend ist, ob nachhaltige Entwicklung dauerhaft zum Leitprinzip politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entscheidungen wird. Damit ermöglicht es die Agenda 2030 als Referenzrahmen, das Staatsziel einer nachhaltigen Entwicklung gemäss Artikel 2 der Bundesverfassung zu konkretisieren.
Zitiervorschlag: Dubas, Daniel; Reubi, Markus (2026). Agenda 2030: Eine gemischte Bilanz. Die Volkswirtschaft, 31. August.